Bericht

Kinder werden „WortStark“

04.02.2010

Innovative Sprach- und Leseförderung in Berlin


Kita-Kinder in der Bibliothek
Kita-Kinder in der Bibliothek
© Else-Ury-Familienbibliothek
Die Stadtbibliotheken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte in Berlin haben ein innovatives Programm zur Sprach- und Leseförderung entwickelt. Acht Veranstaltungsreihen helfen Kindern bis zwölf Jahren, „WortStark“ zu werden.

Projekte zur Leseförderung haben in der Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg eine lange Tradition. Schon seit den Siebzigerjahren arbeitet die Berliner Bibliothek mit Kindertagesstätten (Kitas) und Schulen zusammen. Doch Ende der Neunzigerjahre zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die althergebrachten Formen der Leseförderung wie Bilderbuchkino und Vorlesestunden allein nicht mehr greifen. In einem Stadtbezirk mit einem sehr hohen Anteil an Migrantenfamilien gingen diese Angebote an den Bedürfnissen vieler Kinder vorbei.

„Wir haben damals gemerkt, dass es den Kindern, die zu uns kamen, ausgesprochen schwer gefallen ist, der vorgelesenen Geschichte zu folgen“, erzählt Katrin Seewald, Leiterin der Else-Ury-Familienbibliothek im Ortsteil Kreuzberg. „Es haben ihnen oft einfach zu viele Wörter gefehlt, um die Geschichten zu verstehen. Da haben wir uns gesagt: Wir müssen etwas völlig Neues machen.“

Für nachhaltige Sprach- und Leseförderung
Und das ist gelungen – vor allem auch dank externen Wissens. „Als Bibliothekarinnen haben wir ja keine pädagogische Ausbildung, darum haben wir uns kompetente Hilfe für Sprachförderung geholt“, sagt Seewald, die das Projekt 2002 zusammen mit dem Team der Kinderbibliothekarinnen ins Leben gerufen hat.
„Wir haben uns mit den Kolleginnen der heutigen Koordinationsstelle für frühe Bildung und Erziehung zusammengesetzt“, betont Seewald. Das ist ein Fachgremium, das Erzieher berät. „Gemeinsam haben wir ein Programm für eine nachhaltige Sprach- und Leseförderung erarbeitet. Unser Ziel: Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund und bildungsbenachteiligten Elternhäusern den Zugang zu Sprache und Literatur zu ermöglichen.“

Stadtbibliothek als Lernort
Entstanden ist ein Programm für Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren. Es hat mittlerweile acht Bausteine. Jeder Baustein besteht aus aufeinander folgenden Veranstaltungen, die regelmäßig besucht werden, meistens ein komplettes Schuljahr lang. Das fördert die Nachhaltigkeit. Allen Treffen gemein ist ein ritualisierter Ablauf. Und: Immer steht das Buch im Mittelpunkt. „Alle Aktionen“, sagt Seewald, „laufen auf das Bilderbuch des Tages heraus, das an zentraler Stelle im Programm vorgelesen wird“.

„WortStark“ ebnet den Kindern den Weg zum Buch auf sehr inspirierende Weise. Sie werden inhaltlich auf die Themen und Inhalte des Bilderbuchs vorbereitet. Dabei verfolgen die Bibliothekarinnen einen ganzheitlichen Ansatz: Durch Spiel, Musik, Kunst und Bewegung werden Sprache und Literatur zum Erlebnis. Im Projekt „LeseZeit“ etwa bearbeiten Kinder aller Grundschulklassen ein Schuljahr lang ein Thema – etwa das ABC, Berlin oder Tiere und Pflanzen. Die Bibliothek sorgt mit unterschiedlichen Lernmethoden für abwechslungsreiche Zugänge und gibt den Anstoß, das Thema in der Schule weiter zu vertiefen.

Nachahmer auch im Ausland
„WortStark“ ist überaus erfolgreich und wurde auch schon ausgezeichnet. So wurde das Projekt Preisträger im bundesweiten Wettbewerb „Alle Talente fördern“ der Initiative „McKinsey bildet“ aus dem Jahr 2005. Als „Best-practice“-Beispiel hat es mittlerweile im In- und Ausland viele Nachahmer gefunden.

Das Erfolgsrezept? „Wir haben gute Qualitätsstandards erarbeitet und wir achten streng darauf, dass sie eingehalten werden“, erklärt Katrin Seewald. „Wir arbeiten immer nur mit kleinen Gruppen – mit maximal zehn Kita-Kindern bzw. 15 Schulkindern.“ Wichtig ist dem Bibliotheksteam die enge Zusammenarbeit mit Erziehern, Lehrern und Eltern. Die Erzieher und Lehrer haben die Aufgabe, die Veranstaltungen zu dokumentieren und im Vorfeld die Eltern über das Programm zu informieren.

Die Veranstaltungen finden zwar in der Stadtbibliothek statt, aber die Bibliothekarinnen besuchen die Kinder zuvor immer einmal in ihrer Kita oder Schule. Zudem gibt es auch ein Treffen mit den Eltern in der Bibliothek. „Wir haben sehr schnell festgestellt, dass ohne die Eltern überhaupt nichts läuft“ betont Seewald. „Aber: Wenn die Kita oder die Schule, das Elternhaus und die Bibliothek zusammenspielen, entsteht ein wunderbarer Dreiklang. Dann kann man wirklich etwas erreichen.“

Die Nachfrage ist riesig
Jährlich nehmen etwa 90.000 Kinder an den sich ständig erweiternden Programmen zur Sprach- und Leseförderung der Berliner Bibliotheken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte teil. Aber wunschlos glücklich ist Katrin Seewald noch nicht: „Wir haben so viele Nachfragen aus Kitas und Schulen, dass wir zwei- oder sogar dreimal so viele Kinder erreichen könnten. Uns fehlen dazu aber einfach die personalen und räumlichen Kapazitäten. Ich wünschte mir, dass wir alle Gruppen, die sich bei uns melden, auch bedienen könnten. Dann könnten wir noch mehr Kindern dabei helfen, wortstark zu werden.“

Autorin:
Dagmar Giersberg

Zuerst erschienen bei www.goethe.de, Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts.


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