Bericht

Eine Dezembergeschichte geht von Haus zu Haus

14.12.2009

Adventsaktion der Gemeindebücherei Westoverledingen


Postwichtel und Bilderbuchklassiker
Postwichtel und Bilderbuchklassiker
© Susanne Brandt
Im Herbst 2008 wurde in der Gemeindebücherei Westoverledingen in Ostfriesland die Idee geboren, in den Adventswochen mit einem „Dezemberbuch“ möglichst viele Einrichtungen und Altersgruppen in allen Ortsteilen zu erreichen, um so eine Geschichte wie einen verbindenden roten Faden durch die weit verzweigte Landgemeinde zwischen Papenburg und Leer ziehen zu lassen und im vorweihnachtlichen Trubel eine besondere „Zeit zum Zuhören“ zu verschenken. Nach den positiven Resonanzen des Vorjahres, damals mit Texten aus dem Buch „Weihnachten im Leuchtturm auf den Hummerklippen“ von James Krüss, ist die Gemeindebücherei in diesem Jahr erneut durch eine vierwöchige „Erzählreise“ in nahezu allen Ortsbüchereien, Kindergärten und Schulen des Ortes präsent. Dabei hat sich im Vergleich zu 2008 die Zahl der vorab angemeldeten Teilnehmenden mit jetzt fast 800 Kindern, verteilt auf 40 Erzähl-Veranstaltungen an verschiedenen Stationen, schon fast verdoppelt.

Ein Märchen über die geheimnisvolle Welt eines alten Postamtes
Wiederentdeckt wurde für die Aktion „Dezembergeschichte 2009“ ein alter, nahezu vergessener und längst vergriffener Klassiker des tschechischen Autors Karel Čapek (1890-1938). Das „Märchen vom Briefträger“ entführt jüngere wie ältere Zuhörende in die geheimnisvolle Welt eines alten Postamtes, wo nachts seltsame Wichtel ihre Spielchen treiben. Bald erweisen sich die kleinen Gesellen als freundliche Helfer und tragen am Ende dazu bei, dass der Postbote Herr Kolbaba mit einem rätselhaften Brief zwei Menschen glücklich machen kann.
Während das Kunstmärchen im Original an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist, wurde das Geschehen für die freie Erzählfassung im Rahmen der Dezembergeschichten-Aktion in die Adventsszeit verlegt. Die Handlung lässt sich mühelos verknüpfen mit dem regen vorweihnachtlichen Postbetrieb und den vielen Grüßen und Päckchen, die dieser Tage die Taschen der Briefträger füllen. Auch die hilfreichen Wichtel, die sich nachts im Postamt nützlich machen, erinnern an ein weit verbreitetes Märchenmotiv in der vorweihnachtlichen Geschichtenwelt.

Durch Alltagsbezüge werden Kinder zum Miterzählen angeregt
Bei der freien Bearbeitung des Originals als lebendigen Erzählstoff für Kinder zwischen 4 und 12 Jahren wurde darauf geachtet, die Grundstimmung und Atmosphäre, den Humor und Ideenreichtum der Geschichte im Sinne des Autors zu wahren, der es in besonderer Weise verstand, Alltags- und Fantasiewelten kunstvoll und spannend miteinander zu verweben. Denn darin liegt die besondere Chance wie auch der besondere Charme der Geschichte: Durch die Alltagsbezüge werden die Kinder zum Miterzählen angeregt, erkennen eigene ganz reale Lebenserfahrungen und werden im nächsten Moment durch märchenhafte Wendungen geradezu „verzaubert“ – und das geschieht bei den Jüngsten im Kindergarten wiederum ganz anders als bei den Älteren. Die Form des freien Erzählens erlaubt es, die Akzente der Geschichte in jeder Gruppe immer wieder anders zu setzen und von den Kindern im Dialog mitbestimmen zu lassen: Da gilt die Aufmerksamkeit der Kleinen vor allem der Wichtelwelt, während sich die Größeren für die realen wie auch fantastischen Vorgänge auf dem Postamt interessieren oder für die in die Handlung eingebundene Liebesgeschichte besonders empfänglich sind. Ebenso wird Kindern ab Klasse 3 zur Einstimmung etwas über den Autor und über die Form des Kunstmärchens erzählt, während im Kindergarten spielerische Mitmach-Elemente, Bewegungsverse und Lieder im Mittelpunkt stehen, die passend für die Geschichte geschrieben und dann in diese eingebaut wurden.
Im Anschluss an das Erzählen wird überall wiederum altersgerecht dazu eingeladen, beim Basteln von Postwichteln aus Papier oder bei der Gestaltung von individuellen Briefkarten für die eigene Weihnachtspost an zentrale Motive der Geschichte konkret anzuknüpfen und so etwas davon mit in den eigenen Alltag zu nehmen.

Generationenverbindende Erzählsituationen
Warum, so könnte man fragen, wird in der Konzeption und Ausarbeitung der Dezembergeschichten-Aktion so viel Mühe darauf verwandt, eine Geschichte für alle gemeinsam zu finden und für das freie und kommunikative Erzählen zu bearbeiten, die sich in einer derart breiten Altersspanne als tragfähig erweist und gleichzeitig bei den Kleinen wie den Großen viele Möglichkeiten für das aktive Miterzählen und kreative Gestalten öffnet? Es gibt doch – gerade in Bibliotheken – eine derart große Fülle an weihnachtlichen Vorlesegeschichten für die unterschiedlichen Altersgruppen, dass es vermutlich einfacher wäre, für jeden Termin eine andere Geschichte auszusuchen, die genau für das jeweilige Alter ausgewiesen ist.
Eine Antwort geben Karel Čapek und viele andere Autorinnen und Autoren durch ihre eigene Biografie: Sie schildern in ihren Lebenserinnerungen als prägende Erfahrung für ihr Schriftstellerdasein vor allem die generationenverbindenden Erzählsituationen im Alltag, die gemeinsamen Stunden mit Geschwistern, Eltern und Großeltern, in denen sich das Erzählen von Märchen und Geschichten mit Gesprächen über reale Erlebnisse ganz natürlich verband und alle teilhaben ließ an den Rätseln des erzählten Lebens.
Die Aktion „Dezembergeschichte“ kann und will solche prägenden Erzählgemeinschaften, die heute weitgehend aus dem Familienalltag verschwunden sind, nicht ersetzen oder wiederbeleben – wohl aber bewusst an altersübergreifende Erzähltraditionen anknüpfen und gemeinsame Erzählanlässe in den Familien wie im öffentlichen Leben, in Kindergärten, Schulen und Bibliotheken anregen. Denn diese entstehen tatsächlich, wenn 800 Kinder zu Hause von eben der einen „Dezembergeschichte“ erzählen, die gebastelten Wichtel oder Briefkarten mitbringen und sich mit älteren oder jüngeren Geschwistern über die an unterschiedlichen Orten gehörte Geschichte austauschen können.
Dass frei erzählte Geschichten mit solchen Gesprächs- und Mitmachmöglichkeiten durchaus über den Tag hinaus in den Köpfen lebendig bleiben, wird nicht zuletzt daran erkennbar, wie viele Kinder sich noch heute sehr genau daran erinnern, welche Geschichte vor einem Jahr als „Dezembergeschichte 2008“ erzählt worden ist – und bis heute davon erzählen!

Autorin:
Susanne Brandt
Gemeindebücherei Westoverledingen
Bahnhofstr. 18
26810 Westoverledingen
Tel.: (04955) 933-259
E-Mail: susanne.brandt@ewetel.net


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