Bericht

Praxiskonzepte zu preisverdächtigen Büchern

25.09.2009

An die Bücher, fertig – los!




Plakat zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2009
Plakat zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2009
In der Seminarreihe „Preisverdächtig!“, veranstaltet vom Arbeitskreis für Jugendliteratur im Juni 2009 in Hamburg, Bad Honnef und Stuttgart, wurden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 vorgestellt und erprobt. Bibliothekare, Buchhändler und Pädagogen gingen mit erfahrenen Workshopleiterinnen in Geschichten verstrickt auf Bildersuche und erlebten Bücher in Aktion.
Auf der Internetseite des Arbeitskreises für Jugendliteratur stehen alle Konzepte zum Download zur Verfügung. Wir stellen nachfolgend je ein Praxiskonzept zu den Nominierungen in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch und Jugendbuch vor.

Praxiskonzept zum Sachbuch „Was ist da passiert?“
Katja Eder leitete den Workshop „In Geschichten verstrickt – auf Bildersuche …“ zu den nominierten Bilderbüchern. Das folgende Praxiskonzept für Kinder ab 6 Jahren bezieht sich auf das Sachbuch „Was ist da passiert?“ von Béatrice Vincent (Text) und Bruno Heitz (Illustration), aus dem Französischen übersetzt von Edmund Jacoby, erschienen im Gerstenberg Verlag.



Was ist da passiert? (Titelseite)
Was ist da passiert? (Titelseite)
Jurybegründung:
Ein Knall draußen auf der Straße; sechs Tiere, die beim Kartenspielen im Garten erschrecken. Was hat den Knall verursacht? Fünf Tiere schauen mutig über den Gartenzaun. Aber die Katze sieht etwas anderes als das Pferd, das Pferd etwas anderes als der Maulwurf, der Maulwurf etwas anderes als das Chamäleon. Dieses Buch eröffnet eine Perspektive auf verschiedene Sichtweisen und präsentiert die Welt vor dem Gartenzaun in den Farben und Bildausschnitten, wie das jeweilige Tier sie sieht: unterschiedlich viele Farben, unterschiedlich scharf und mit unterschiedlichen Blickfeldern. Erst nach und nach setzt sich aus ihren Wahrnehmungen und Interpretationen ein vollständiges Bild zusammen. So wird ein Empfinden dafür geschaffen, dass Tiere ganz anders sehen als wir Menschen und daher auch uns ganz anders wahrnehmen. Und dafür, dass jeder dasselbe Ereignis ein bisschen anders sieht.

Praxiskonzept (ab 6):
Material: Farbkopien der verschiedenen Sichtweisen der Tiere: Katze, Pferd, Bulle, Maulwurf, Chamäleon (DIN-A-3, ohne Text) Die Anzahl der Kopien richtet sich nach der Teilnehmerzahl, Wiederholungen sind erwünscht.
Jeder erhält eine Kopie von der Sicht eines Tieres (ohne Text, gerollt). Jede Tier-Perspektive wird mehrfach verteilt. Die Kinder sollen die erhaltene Kopie keinem anderen zeigen! Zunächst heißt es genau betrachten, dann erzählt reihum jedes Kind, was es gesehen hat.
Aufgaben: 1. Wer hat genau das Gleiche gesehen? Die Kinder werden aufgefordert, sich in entsprechenden Gruppen zusammen zu finden.
2. Jeder hatte andere Möglichkeiten zu sehen, doch jeder hat auf das gleiche Geschehen, dieselbe kurze Geschichte geblickt. Was mag passiert sein? Gemeinsam wird ein Geschehen konstruiert.
Tipp: Zuerst sollen diejenigen ihre Perspektive beschreiben, bei denen am wenigsten Farben zu erkennen sind. So lässt sich das Geschehen ganz allmählich entwickeln.
Abschließend wird das Buch vorgestellt und die rätselhafte Handlung aufgelöst. Der Titel kann auf der sachlichen Ebene diskutiert werden, eignet sich aber auch für ein Gespräch über die eigene menschliche Sichtweise, die trotz ähnlichen Sehvermögens ganz unterschiedlich sein kann. Wie ist es bei den Menschen? Haben manchmal alle das gleiche Sehvermögen und sehen dennoch jeder etwas anderes?

Auf der Internetseite des Arbeitskreises für Jugendliteratur stehen alle Praxiskonzepte zu den nominierten Bilderbüchern zum Download zur Verfügung.

Praxiskonzept zum Sachbuch „Der Traum vom Fliegen“
Bettina Huhn leitete den Workshop „An die Bücher, fertig – los!“ zu den nominierten Kinderbüchern. Das folgende Praxiskonzept für Kinder ab 8 Jahren bezieht sich auf das Sachbuch „Der Traum vom Fliegen - Wie Leonardo & Co. sich und anderen Flugapparate bauten“ von Susanna Partsch & Rosemarie Zacher, erschienen im Verlag Bloomsbury.



Der Traum vom Fliegen
(Titelseite)
Der Traum vom Fliegen (Titelseite)
Jurybegründung:
Menschen können rennen, klettern, schwimmen, tauchen. Aber aus eigener Kraft fliegen, das können sie nicht. Besonders Leonardo da Vinci dachte darüber nach, ob es mit Hilfe von Flugapparaten möglich sei, es den Vögeln gleichzutun und sich in die Lüfte zu erheben. Von ihm, aber auch von anderen, modernen Flugmaschinen-Träumern erzählen Susanna Partsch und Rosemarie Zacher. In ihren konzentrierten und genauen Texten verknüpfen sie ausführlich Leonardos Biografie mit seinen wegweisenden Konstruktionen und regen zum Nachmachen an. Immer wieder unterbrechen die Autorinnen ihren Erzähltext und fügen Anweisungen für den Bau und das Ausprobieren eigener kleiner Flugobjekte ein, wie Fallschirme oder „Klorollenflieger“. Der alten Sehnsucht nach dem Fliegen begegnen die Autorinnen so auf der einen Seite seriös, auf der anderen Seite verspielt.

Praxiskonzept (ab 8):
Einstieg: Für eine Staffel werden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen bilden zwei Reihen und stellen sich hintereinander an einer vorher markierten Startlinie auf. Sie laufen auf Kommando zu einem Tisch, auf dem Stift und Notizzettel ausliegen. Sie sollen notieren, was ihnen zum Thema: „Was kann alles fliegen?“ einfällt. Jeder Teilnehmer darf einen Begriff notieren, läuft dann zu seiner Gruppe zurück, klatscht den nächsten ab, der läuft los etc. Der Wettkampf dauert 3 Minuten und wird im Anschluss ausgewertet. Die Karteikarten werden so aufgehängt, dass sie symbolische Flügel bilden.
Lesen: Seite 5 bis 6 „…im Traum.“
Flugobjekte bauen: Die Teilnehmer sollen sich in Kleingruppen zusammen finden. Jede Gruppe erhält unterschiedliche Materialien (Tonpapier, Transparentpapier, Schere, Kleber, Federn, Stifte, Korken, Faden) und soll daraus etwas bauen, das Fliegen kann oder alternativ einen Flugapparat zeichnen.
Im Anschluss werden die Flugapparate vorgeführt, aufgehängt, in einer Ausstellung betrachtet.
Ausklang: Lesen Seite 37 bis 38 „Der Vögel Flug“ bis „…gegeben hat.“ und Seite 41 bis 43 „Doch was war…“ bis „…unmöglich war?“

Auf der Internetseite des Arbeitskreises für Jugendliteratur stehen alle Praxiskonzepte zu den nominierten Kinderbüchern und die dazu gehörenden Vorlagen zum Download zur Verfügung.

Praxiskonzept zum Jugendroman „Die Nackten“
Den Workshop „Bücher in Aktion“ zu den nominierten Jugendbüchern leitete Renate Passmann-Lange. Das folgende Praxiskonzept für Jugendliche ab 14 Jahren bezieht sich auf den Roman „Die Nackten“ von Iva Procházková, erschienen im Sauerländer Verlag. Das Buch wurde sowohl von der Kritikerjury als auch von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 nominiert.



Die Nackten (Titelseite)
Die Nackten (Titelseite)
Begründung der Kritikerjury:
„In der Pubertät ist der Mensch nackt, also berührt ihn alles direkt.“ So erklärt der Vater der hochbegabten und eigenwilligen Sylva diese schwierige Lebensphase. Damit ist der Leser zugleich in die zentrale Metapher des Romans eingeführt. Sylva und vier weiteren Jugendlichen folgt der Leser mehrere Sommerwochen auf ihrer Suche nach Wegen ins Erwachsenleben. „Die Nackten“ ist ein episodenhaft angelegter, psychologisch tiefer Roman. Iva Procházková fängt das für die Pubertät so typische Erleben und Denken authentisch ein und berührt durch die Anlage der unterschiedlichen Charaktere zentrale Fragen Jugendlicher, ohne sie abschließend zu beantworten. Der Roman der tschechischen Autorin, die auf Deutsch schreibt, hat Ecken und Kanten und fordert den Leser heraus. Doch genau deswegen wird er jugendliche Leser dazu bewegen, an den Figuren des Romans zu wachsen.

Begründung der Jugendjury:
„Die Pubertät ist ein eigenartiger Zustand. Nicht wiederholbar. In der Pubertät ist der Mensch nackt, also berührt ihn alles direkt. Die Berührung ist erregend und schmerzhaft zugleich. (....) Erst wenn du älter wirst, beginnst du dich anzuziehen.“ Hier geht es um fünf Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die hochbegabte Sylva, die sich der Gesellschaft entzieht, Niklas und Evita, die sich in Drogen verlieren, Robin, der mit seiner Vergangenheit kämpft, und Filip, der sich mit seiner Intelligenz selbst im Weg steht. Doch eines haben alle Jugendlichen gemeinsam: Sie sind die Nackten. Mit ihrem Buch trifft Iva Procházková den Kern des Erwachsenwerdens. Realistisch und ohne nervende Klischees führt sie ihre Protagonisten durch den Verlauf der Handlung. Mit literarischem Feingefühl erzeugt sie vielschichtige Bilder in den Köpfen und Herzen der jugendlichen Leser. Das Buch versucht nicht ein Patentrezept zu sein, jedoch findet jeder Spuren seines eigenen Lebens darin wieder und so wird der Roman zu einem aus vielen Mosaiksteinen zusammengesetzten Spiegelbild für alle.

Praxiskonzept (ab 14):
Allgemeiner Einstieg zum Thema Schicksal: Alle Teilnehmer würfeln mit einem großen Würfel, auf dem Begriffe wie „Verlust“, „Liebe“, „Herkunft“, „Umwelt“, „Besitz“, „Politik“ zu finden sind. Diejenigen Teilnehmer, die den gleichen Begriff erwürfelt haben, finden sich in einer Kleingruppe zusammen. Kurze Diskussion zum Thema Schicksal.
Einstieg: Spiel, eventuell Staffellauf für das Sammeln von Assoziationen zum Thema „nackt“ oder „die Nackten“.
Lesen: Anfang Seite 5 (Schulgespräch zwischen Sylvias Vater und dem Schulleiter der Schule, die Tochter ist nackt gesehen worden und schwänzt die Schule). Diskussion: Wie schwer ist es seine Eigenart auszuleben?
Thema Pubertät und Freiheit: Bilder finden zum Thema Pubertät: z.B. Die Kunst einen Kaktus zu umarmen etc.; ca. fünf Dialogstellen aus dem Buch kopieren, in denen die unterschiedlichen Protagonisten vorgestellt werden. (Dialoge leiten jedes Kapitel ein). Die einzelnen Gruppen bekommen den Auftrag, ihre Dialogstelle methodisch bzw. szenisch umzusetzen, oder szenisch mit verteilten Rollen zu lesen. Gegenseitige Präsentation.

Auf der Internetseite des Arbeitskreises für Jugendliteratur stehen alle Praxiskonzepte zu den nominierten Jugendbüchern zum Download zur Verfügung.

Kontakt:
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