Bericht

Noch nie so viele Bücher gelesen!

18.08.2009

Lesejournale fördern die Eigenständigkeit im Umgang mit Texten





Lesestunde im Freien
Lesestunde im Freien
© Manfred Pöller
Seit vielen Jahren besteht zwischen der Stadtbücherei Rüsselsheim und zahlreichen Schulen der Region eine aktive Bildungspartnerschaft. In einer Broschüre haben die Partner in der Praxis erprobte Projekte als Anregungen für eine erfolgreiche Leseförderung dokumentiert, um Lehrerinnen und Lehrer sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu ermuntern, miteinander zu kooperieren und voneinander zu lernen.
Ob Autorenlesung, Gedichteprojekt, Bücher-Jahrmarkt, Lesekiste, Lesepaten oder Schreibwerkstatt - alle Projekte fördern die Eigenständigkeit der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Texten, verbessern die Lesekultur unter Schülern und stärken das Selbstbewusstsein der Schüler in Sachen Lesen. Die dokumentierten Beispiele wurden in der Praxis erprobt und werden zur Nachahmung empfohlen. Wir veröffentlichen nachfolgend den Erfahrungsbericht von Manfred Pöller über den erfolgreichen Einsatz von Lesejournalen in zwei Deutschkursen der integrierten Gesamtschule Alexander-von-Humboldt in Rüsselsheim.

Lesetagebücher und Lesejournale
In den Lesetagebüchern bearbeiten Schüler Arbeitsaufträge und Kreativaufgaben und schreiben ihre Meinung zu einem bestimmten Buch ( klassische Lektüre oder Jugendroman) auf, das sie gerade als Klassenlektüre gemeinsam lesen, aber sie gestalten ihr individuelles Lesetagebuch zusätzlich noch mit Zeichnungen, Collagen und Fotos. Die so entstandenen Schülerarbeiten haben in sich einen besonderen Wert, zunächst einmal für die jungen Schreiber, aber sie können (und sollten) auch bewertet werden und in die Notengebung mit eingehen.
Lesetagebücher können auch in Schulbibliotheken veröffentlicht werden. In den Schulbibliotheken des Landes Südtirol sind eigens dafür Schaukästen reserviert, um diese Arbeiten schulintern auszustellen und damit Anregungen zu geben, was alles in diesem Bereich entstehen kann.
Diese Veröffentlichungen spielen in dem Konzept des Lese- und Schreibprozesses und der Selbstfindung von Jugendlichen eine besondere Rolle.
Bei den Lesejournalen steht die individuelle Lese- und Schreibarbeit im Vordergrund. Hier geht es um persönliche und vielleicht auch sensible Bereiche der eigenen Lesefindung und Leseerfahrung, die nur begrenzt oder auch gar nicht öffentlich gemacht werden sollten.

Persönlichen Leseprozess bewusst machen
In der jüngsten Leseforschung sind Lesebiographien und eigene Leseerfahrungen von Schülerinnen und Schülern immer mehr in den Focus gerückt. Nicht zuletzt durch die positiven und ermutigenden Ergebnisse in den USA (1) kann man davon sprechen, dass die Relevanz der Meinungen und deren Veröffentlichung in Lesejournalen den eigenen Leseprozess bewusst macht und das Selbstwertgefühl des lesenden Individuums steigert.

Voraussetzungen für die nun folgende Verlaufsbeschreibung sind: Die Klasse oder der Deutschkurs sollte nicht gerade neu zusammengestellt worden sein, denn die Schüler sollten sich schon eine Zeitlang kennen. Die Schüler sollten geübt sein im Anfertigen von Lesetagebüchern oder Themenheften mit Titelblatt, Inhaltsverzeichnisse und Quellenangaben anfertigen können und Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung beherrschen. Außerdem sollten sie die Grundregeln von Inhaltsangaben, kurzen Charakteristika und Stellungnahmen kennen und in der Lage sein, kurze Buchpräsentationen vorzubereiten und durchzuführen.

Eine 10-Seiten-Chance für jedes Buch
Die Schüler werden aufgefordert, sich interessante Bücher aus der Bibliothek zu holen oder ihre aktuellen Lieblingsbücher mitzubringen. Bei der Auswahl der Bücher greift der Lehrer nur ein, wenn ein Titel entweder nicht der Jahrgangsstufe entspricht oder zu gewalttätig erscheint.

In einer freien Lesestunde im Rahmen des Unterrichts dürfen die Schüler ihre Bücher lesen und sie sollen jedem Buch eine 10-Seiten-Chance geben, d.h. die Schüler müssen die ersten 10 Seiten lesen, bevor sie ggf. entscheiden, dass das ausgewählte Buch doch nichts für sie ist. Dazu müssen sie eine Kurznotiz zur Kontrolle für den Lehrer anfertigen.

Diese Lesestunde kann natürlich bei schönem Wetter auch im Freien stattfinden, im Grünen, in einer gemütlichen Ecke des Schulgeländes. Den Schülern wird vermittelt, dass Lesen nicht nur zum Zwecke des Unterrichts erfolgen kann, sondern auch zum Vergnügen; zur Stärkung der Lesemotivation! Der Lehrer liest natürlich mit! (Vorbildfunktion)

Dazu erhalten die Schüler ein Formblatt (2) zur Verarbeitung der gelesenen Texte, das aber hauptsächlich zu Hause ausgefüllt wird. Die freie Lesestunde findet möglichst ein – bis zweimal in sechs Wochen statt; die Bearbeitung eines (Pflicht-) Buches erfolgt also im Vierteljahresrhythmus. Die Lesejournale werden dem Lehrer zu einem bestimmten Zeitpunkt vorgelegt. Der Lehrer begutachtet die Ergebnisse und beurteilt nach Ordentlichkeit und Glaubwürdigkeit. Die Bereiche Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Inhaltsangabe, Brief an den Lehrer, Kommentare, Zitate sollten schon vorhanden sein. Außerdem können Informationen über den Autor, Verfilmungen und eigene Geschichten, Gedichte oder Notizen eingefügt werden. Es erfolgt aber keine inhaltliche Bewertung, wohl aber hinsichtlich der Gestaltung und des Fleißes.

Der Lehrer hat nun die Aufgabe, auf die Briefe der Schüler schriftlich zu antworten. Das ist möglich in einem Formblatt, mit einem Kurzkommentar oder in einem schön gestalteten Antwortbrief. Aus persönlicher Sicht der Lehrers ist hierzu zu sagen: "Das, was die Schüler mir geschrieben haben, war für mich so spannend, dass ich das immer sofort und mit viel Freude gelesen habe!"

Außerdem erhalten die Schüler die Gelegenheit, ein Buch ihrer Wahl im Unterricht den anderen Schülern vorzustellen und zu präsentieren (ca. 10 Min.). Dazu gehört dann auch, dass eine spannende oder für die Schüler bedeutsame Seite vorgelesen wurden muss. Diese öffentliche Präsentation wird inhaltlich bewertet und ist somit auch die Kontrolle, ob das Buch auch gelesen und verstanden wurde.

Ergebnis: Mehr Bücher wurden gelesen
Die Lesejournale wurden ein Jahr lang in einem B-Kurs 9 und einem E-Kurs 10 in Deutsch der integrierten Gesamtschule erprobt und eingesetzt. Beide Kurse wurden vom Deutschlehrer mehr als zwei Jahre unterrichtet, wobei der Kern der Schülergruppe zusammengeblieben war und nur durch Auf- und Abstufungen ergänzt wurde.
Die Anzahl der wirklich gelesenen Bücher hat sich stark erhöht. Einige Schüler schrieben in ihrem Journal, dass sie noch nie so viele Bücher gelesen hätten und dass sie es sehr interessant fanden, sich die Bücher selber auszusuchen. Dazu muss man anmerken, dass der Deutschlehrer als Leiter der Schulbibliothek auch Anregungen und Empfehlungen geben konnte, dass aber die Schüler zunehmend selbständiger in ihrer Auswahl wurden.
Die Gruppe der „etwas lesefernen Jungen“ wurde etwas intensiver beraten, sie suchten vor allem Action-Bücher, die sie aus der vom Deutschlehrer erstellten Buchempfehlungsliste für Jungen (3) auswählen konnten.
Die Schüler durften auch dokumentieren, dass ihnen ein Buch nicht gefallen hat, mussten dies jedoch begründen. Hier gab es einige, die sich zwar zuerst ein scheinbar „leichtes Buch“ ausgesucht hatten, dann aber in der Besprechung anmerkten, dass ihnen das Buch gar nicht mehr gefallen habe, „weil es für jüngere Leser gewesen sei“ und dass sie sich jetzt etwas anderes aussuchen wollten.

Nachhaltige Verbesserung der Lesekompetenz
Die Arbeit mit den Lesejournalen fördert nachhaltig die Verbesserung der Lesekompetenz und des Textverständnisses, was sich auch in anderen Bereichen des Unterrichts widerspiegelt (z.B. bei erfolgreichen Prüfungsarbeiten). Außerdem wird bei konsequenter Anwendung die Rechtschreibsicherheit erhöht, dadurch werden die Schreibleistungen nicht nur besser, sondern auch stilistisch ausgefeilter. Das alles führt zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls.
Die Arbeit mit den Lesejournalen hat Schülern wie Lehrern viel Spaß gemacht. Sie haben Einblicke in eine Lesekultur erhalten, die sie hoffentlich in ihrem weiteren schulischen Werdegang anwenden und in ihrem Freizeitverhalten nicht vergessen werden.

Besonders beeindruckend waren drei Lesejournale aus dem Deutschkurs 9. Die Schüler, die dort unterrichtet wurden, strebten entweder den Hauptschul- oder den Realschul-Abschluss an. Die folgenden Beispiele wurden von den Schülern zur Verfügung gestellt und in Absprache mit ihnen veröffentlicht.

Stärken geweckt und gefördert
Eine Schülerin (Mathula, indischer Migrationshintergrund) hatte große Probleme mit der Rechtschreibung und Grammatik, aber sie las gerne. Durch das Angebot des Lesejournals wurden ihre Stärken geweckt und gefördert, so dass sie sich in einem Jahr von einer schriftlichen Deutschnote 5 auf eine 3 verbessern konnte. Sie hat sich stark für Texte von Drogenabhängigen interessiert (4). Sie schrieb daraufhin mehrere Geschichten über soziale Probleme, von denen ein Teil auf persönlichen Erfahrungen beruhten: „Ich habe herausgefunden, dass Lesen Spaß macht und grad für mich gut ist, meine Deutschkenntnisse zu verbessern. Und Geschichten schreiben tue ich auch gerne, aber nur eins versteh’ ich nicht: Warum finden andere Leute das Lesen langweilig?“

Leseziele erweitert
Ein Junge (Fabio, italienischer Migrationshintergrund) mit ebenfalls schwachen Deutschleistungen, hat sich in sein Lesejournal so vertieft, dass auch hier das laute Lesen, die Lesekompetenz und das Textverständnis erheblich verbessert wurden. Er schrieb über seine Leseerfahrungen, dass „das viele Lesen nicht nur Spaß gemacht habe – sondern seine Leseziele hätten sich so erweitert, dass er auch andere Texte mit viel mehr Freude und besserem Textverständnis lesen könne“!

Neue Leseziele gesetzt
Ein drittes Beispiel beleuchtet einen Jungen (Cedric), der ein guter Schüler ist. Er las zunächst ein Buch von Isabel Allende (5). Darauf war seine Erkenntnis, er habe sich keine neuen Leseziele gesetzt! Daraufhin las er einen dokumentarischen Roman (6), in dem der tragische Unfalltod eines Jugendlichen in Form von Tagebuchaufzeichnungen geschildert wird. Das hat ihn sehr beeindruckt und er wollte unbedingt „noch mehr solche Bücher“ lesen, er habe gar nicht gewusst, wie ihn solche spannenden und einfühlsamen Geschichten berühren.

Vier Bücher bis zum Jahresende
Ein Junge (Pascal) ist durch das Lesen so aufgeblüht, dass er bei den Lesescouts der Schule und im Büchereidienst mitgemacht hat, sodass seine Mutter „ihn nicht mehr wiedererkannt habe“ (7). Auch andere Jungen haben ihre Lesekompetenz erweitert und mancher, der zu Beginn nicht unbedingt mitmachen wollte, hat am Jahresende doch seine vier Bücher gelesen.


Arbeitshinweise zum Führen eines Lese-Journals

Lege einen Schnellhefter an! Verfasse ein Titelblatt und arbeite mit Inhaltsverzeichnis

1. Suche dir ein Buch aus! Gib jedem Buch eine 10-Seiten Chance!
a. Gefällt dir das Buch nicht. Höre auf zu lesen! Notiere die Gründe, warum dir das Buch nicht gefallen hat.

2. Lies dein Buch weiter und notiere alles, was dir auffällt, in einer Tabelle:

Lesedatum Seitenzahl o. Kapitel Notizen zum Leseverhalten

Mögliche Eintragungen:
„Ich kam durcheinander, als..“
„Ich wurde abgelenkt durch…
„Ich fing an darüber nachzudenken…“
„Ich kam nicht mehr weiter, als…!
„Die Zeit verging so schnell, weil…“
„Ich habe aufgehört, als…“
„Ich habe herausgefunden, dass…“
„ Ich habe einige Begriffe nicht verstanden. Die musste ich nachschlagen“
„Mir hat gefallen, dass…“
Vielleicht fallen dir noch andere Satzanfänge ein!

3. Schreibe einen Brief an deinen Lehrer!
  • Beschreibe kurz den Inhalt des Buches!
  • Schreibe deine Gedanken oder Fragen auf! Notiere Fragen, die dich bewegen!
  • Setzte dir Leseziele (auch Sachbücher, Zeitungen, etc..)
  • Formuliere z.B. Ich will im nächsten Halbjahr …. Bücher lesen und mein Textverständnis verbessern!



4. Du kannst ein Buchposter erstellen und dein Buch im Unterricht vorstellen! Foldende Angaben können auf dem Buchposter verwendet werden:
  • Titel und Überschrift des gelesenen Buches!
  • Autorin, Bild
  • Zitate aus dem Buch auswählen und aufschreiben
  • Collagen, Zeichnungen, Computergraphiken

Autor: Manfred Pöller

Literatur:
  1. Lesen macht schlau – Neue Lesepraxis für weiterführende Schulen. Von Christine Cziko, Cynthia Greenleaf, Lori Hurzwitz, Ruth Schoenbach. Hrsg. v. Dorothee Gaile. Berlin: Scriptor 2006; 1. Aufl. (Nec 1/Lese)
  2. Formblatt Anlage / Vorlage aus: Lesen macht schlau – Neue Lesepraxis für weiterführende Schulen. Von Christine Cziko, Cynthia Greenleaf, Lori Hurzwitz, Ruth Schoenbach. Hrsg. v. Dorothee Gaile. Berlin: Scriptor 2006; 1. Aufl. (Nec 1/Lese) hier S. 83-90
  3. Buchempfehlungsliste für Jungen zwischen 10 bis 17 (Stand zurzeit Juli 2008)
  4. Feid, Anatol u. Natascha Wegner: Trotzdem hab ich meine Träume. Die Geschichte von einer, die leben will. 17. Aufl. Reinbek: Rowohlt, 2005 (rororo-rotfuchs 20552)
  5. Allende, Isabel: Die Stadt der wilden Götter. München: dtv, 2005 (Reihe Hanser)
  6. Draper, Sharon M.: Die Nacht des Tigers. Ravensburg: Ravensburger, 1999.
  7. Horowitz, Anthony: Stormbreaker. 7. Aufl. Ravensburg: Ravensburger, 2007 (RTBAlex Rider 1)

Publikation:
Unsere Schüler lesen - zündende Ideen der Leseförderung an Schulen und Bibliotheken Konzepte und Projekte aus Rüsselsheim und der Region
Hrsg.: Stadtbücherei Rüsselsheim in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis "Schule und Bibliothek"
Redaktion: Angelika Lange-Etzel (Stadtbücherei Rüsselsheim), Manfred Pöller (Leiter des Arbeitskreises "Schule und Bibliothek")
Die Broschüre steht als Pdf-Datei auf der Internetseite der Stadtbücherei Rüsselsheim zur Verfügung.

Kontakt:
Stadtbücherei Rüsselsheim
Am Treff 5
65428 Rüsselsheim
Tel.: (0 61 42) 83 27 60
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