Bericht

Poesie lebt auf Poetry Slams

19.09.2008

Spannende Dichterwettkämpfe begeistern für moderne Lyrik


Slammerin Kora Klein
Slammerin Kora Klein
Abend für Abend fragen die Moderatoren der über 100 regelmäßigen Poetry Slams in Deutschland das Publikum, wer denn noch nie auf einem Poetry Slam war oder wer die Regeln immer noch nicht verstanden hat. Schüchtern heben drei oder vier Besucher die Hand, als ob sie zugeben müssten, die Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Den Uninformierten erklärt man es bis heute so:
Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettkampf, bei dem Poeten aus dem Publikum mit ihren selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Es gilt eine Zeitbegrenzung, je nach Slam zwischen 3 und 10 Minuten. Requisiten, Verkleidungen und Musik sind nicht erlaubt. Einschränkungen für Form und Inhalt des Textes oder für das Alter des Dichters gibt es nicht. Das Publikum hat die Möglichkeit, den Poeten zu bewerten. Der Sieger freut sich und alle freuen sich mit ihm, denn verbissenes Konkurrenzdenken sucht man beim Slam vergebens. Die Zuhörer gehen gut unterhalten nach Hause oder bleiben um zu tanzen und haben mal wieder einen schönen Abend mit Gedichten verbracht.

Alle hören einem zu
Die Entwicklung des Poetry Slams ist seit seiner Geburt in Chicago im Jahr 1984 und seiner Ankunft in Deutschland im Jahr 1994 bis heute erfolgreich, aber ohne großes Aufsehen in den Medien oder in der Literaturwissenschaft verlaufen. Dabei ist Poetry Slam eine Besonderheit in der modernen Kulturlandschaft: Im Publikum sitzen bis zu 2000 Personen aus allen Altersklassen und Gesellschaftsschichten und schauen gespannt zur Bühne, auf der zwei Stunden lang Gedichte vorgelesen werden. Kein Star hat sich angekündigt. Niemand weiß, wer auftreten wird, denn teilnehmen kann jeder. Es findet auch keine Vorauswahl der Texte statt. Was all die Menschen vor und auf der Bühne bei Poetry Slams zwischen Bern und Flensburg gemeinsam neu entdecken und praktizieren ist das gesprochene Wort. Diese einzige Gemeinsamkeit ist auch gleichzeitig die größte Unbekannte. Denn so viele Wörter es gibt, so viele Möglichkeiten und Gründe gibt es auch, sie aneinander zu reihen. Was dabei herauskommt nennt man dann Lyrik, Prosa, Rap oder Einkaufszettel.

Austausch von Emotionen
Was beim Zuhörer ankommt ist mehr als das. Es ist ein Einblick in die individuelle Gefühlswelt des Menschen, der auf der Bühne steht - live und direkt. Der bekannte Berliner Slammer Gauner sagte einmal in einer Anmoderation: "Poetry Slam gibt dem Gedicht die Energie zurück, die es beim Schreiben verloren hat." Die Performance, also der ausgewogene Einsatz von Stimme, Mimik und Gestik macht das Gedicht lebendig. Das Mikrofon transportiert das Gefühl des Dichters, seine Ideen, seine Sicht der Dinge, seine Fragen und Lösungen. Ob man das nun als Berührung, Entertainment oder Fremdscham erlebt ist ganz und gar abhängig von der persönlichen Befindlichkeit. Die Zuhörer werden gebeten, ihre Einschätzung entweder lautstark kundzutun oder durch eine Bewertung zählbar zu machen. Diese Teilnahme am Geschehen geht weit über Telefonabstimmungen hinaus. Der Wettbewerbscharakter ist vielmehr ein Angebot und eine Aufforderung an Dichter und Publikum, miteinander zu kommunizieren. Wörter sind Schall, die Bewertung ist Rauch.

Poetry Slam an Schulen
Hat der Slammer seinen Auftritt hinter sich, bleibt ein gutes Gefühl zurück. Er hat die eigene Angst besiegt und viele unbekannte Menschen haben ihm dabei zugesehen. Das eigene Selbstbewusstsein wurde gestärkt und er hat selbst gemerkt, an welchen Stellen der Vortrag oder der Text verbessert werden könnte. Um Jugendlichen dieses Erlebnis zu ermöglichen, haben sich seit einigen Jahren erfahrene Slammer der Jugendarbeit verschrieben. Sie kümmern sich in Poetry Slam Workshops an Schulen aller Schulformen um den Nachwuchs im Alter von 6 bis 20 Jahren.

Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird dabei einerseits kreatives Schreiben und andererseits selbstsicheres Vortragen der geschrieben Texte vermittelt. Auf diese Weise wird die Sprachkompetenz spielerisch gefördert – und nicht selten passiert es, dass bei Poetry Slam Workshops die Liebe zur Literatur geweckt wird, auch bei Teilnehmern, die Bücher und Gedichte vorher vielleicht für langweilig hielten. Häufig treten Workshopteilnehmer später selbst bei Poetry Slams auf.

Autor:
Lars Ruppel
Sprechzimmer e.V.
E-Mail: slamarburg@gmx.de

Über den Autor
Lars Ruppel tritt seit seinem 16. Lebensjahr auf Poetry Slams auf. Im Jahr 2006 gewann er den Poetry Slam zur Leipziger Buchmesse. Mit seinen Kollegen von Sprechzimmer e.V. organisiert und leitet er Workshops und Poetry Slams aller Art in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Sprechzimmer e.V.
Der eingetragene gemeinnützige Verein setzt sich für die Förderung junger Literatur durch Poetry Slam ein. Er veranstaltet Workshops, Lehrerfortbildungen und Literaturveranstaltungen aller Art. Zum Team gehören erfahrene Workshopleiter und Slam Poeten aus ganz Deutschland. Aktuelle Projekte von Sprechzimmer e.V. sind das Jugend Poetry Slam Festival "Dicht.It" in Berlin, die Workshopreihen "Sag An" in Eschwege und "Wortsalat" in Wetzlar sowie die hessische Meisterschaft im Poetry Slam "Hessenslam 2009".


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de