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Nahrung fürs Hirn: Lesekompetenz ist kein Luxus

25.03.2008

Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2008 wurde auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt





Kinder- und Jugendbücher liegen im Trend
Kinder- und Jugendbücher liegen im Trend

„Kinder aus weniger gebildeten und finanziell benachteiligten Familien brauchen eine stärkere Leseförderung für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft“ – so lautet der zentrale Appell des Trendberichts Kinder- und Jugendbuch 2008. Gefordert seien dabei vor allem die Vertreter von Politik und Wirtschaft. Vorgestellt wurde der Trendbericht am 14. März 2008 von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj), dem Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ), der Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels bei einer Pressekonferenz auf der Leipziger Buchmesse.

Umsatzsteigerung um rund 24 Prozent
„Zwar bewegt sich der Markt für Kinder- und Jugendbücher in den letzten Jahren auf sehr hohem Niveau, es reicht aber nicht, dass vor allem Eltern der Mittelschicht ihren Kindern verstärkt Bücher kaufen und vorlesen“, sagte Claudia Paul, Sprecherin des Börsenvereins. Leseförderung müsse breiter angelegt sein. Geprägt wurden die Marktzahlen bei Kinder- und Jugendbüchern im vergangenen Jahr vor allem durch die Bestseller „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ und „Tintentod“. Der Umsatz mit Kinder- und Jugendbüchern stieg deshalb im Vergleich zum Vorjahr um rund 24 Prozent, auch der Anteil der Warengruppe am Gesamtumsatz der Buchbranche verzeichnete ein Plus. Betrug er 2006 noch 13 Prozent, wurden 2007 insgesamt 14,9 Prozent des Umsatzes mit Kinder- und Jugendbüchern gemacht. Die Zahlen hat media control GfK International im Auftrag des Börsenvereins ermittelt.

Soziale Herkunft bestimmt Lesekompetenz
In der zweiten Auflage der IGLU-Studie, die Ende 2007 präsentiert wurde, hat sich gezeigt, dass sich die Lesekompetenz der Kinder insgesamt verbessert hat. „Allerdings ist die Kluft entsprechend der sozialen Herkunft immer noch viel zu groß“, sagte Regina Pantos, Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. „Wenn 14 Prozent aller Kinder in Deutschland nach dem Armutsbericht als arm gelten müssen, so bleiben für diese Gruppe Bücher unerreichbar. 12,77 Euro müssen in ihren Familien im Monat für Bücher, Schreibwaren, Software, Ausleihgebühren, Schulmaterialien und Schulausflüge ausreichen“, kritisierte Pantos. Das sei nicht tragbar. Auch die neuesten PISA-Ergebnisse müssten weiterhin nachdenklich stimmen. „Die Lesekompetenz der 15-Jährigen stagniert seit dem Jahr 2000. Leseschwache Schüler werden als ‚Bildungsverlierer’ in bestimmten Schulen konzentriert, erhalten dadurch jedoch keine Lesemotivation. Gerade für diese Jugendlichen brauchen wir Kinder- und Jugendliteratur, die Jungen und Mädchen gleichermaßen einen offenen Blick in die Welt erlaubt und diesen nicht durch soziale und geschlechtsspezifische Klischees verstellt“, forderte Pantos.

Infrastruktur für Leseförderung
Dass Eltern der Mittelschicht wieder mehr Kinder- und Jugendbücher kaufen, führt Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen, vor allem auf die schlechten Testergebnisse der ersten IGLU- und PISA-Studien zurück. „Diese Väter und Mütter empfinden Kinderbücher verstärkt als etwas, das der Zukunft ihrer Kinder zugute kommt. Allerdings reicht diese Bildungsmotivation als Eintrittskarte in den Buchmarkt nicht aus“, kritisierte er. Junge Familien aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund blieben außen vor. Für sie sei „Bildung“ kein Verkaufsargument, sondern eine Hürde. „In Kindergärten, Schulen und Bibliotheken müssen wir deshalb investieren, die ‚Leseförderungsinfrastruktur’ mit Sprach- und Leseerziehungsprojekten konsequent ausbauen“, wünscht sich Aufenanger. Außerdem sei es unerlässlich, auch Grundschulkindern weiterhin vorzulesen. Nur so könne erfolgreiche Leseerziehung aussehen.

Sachbücher für mehr Bildung
„Die drei wichtigsten Auswahlkriterien für Eltern beim Kauf eines Buches sind das Thema, die Sprache und die Wissensvermittlung, das hat die Kinder- und Jugendbuch-Studie gezeigt, die der Börsenverein und die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen im November vergangenen Jahres vorgestellt haben“, sagte Klaus Willberg, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen. „Fast alle namhaften Kinder- und Jugendbuchverlage haben in der letzten Zeit darauf reagiert und verstärkt Sachbuchprogramme auf- und ausgebaut“, so Willberg. Allerdings sei es nach wie vor eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen, gerade weniger gebildeten und damit finanziell benachteiligten Familien den Zugang zu Kinder- und Jugendbüchern zu ermöglichen. „Das kann nicht die Aufgabe der Kinder- und Jugendbuchverlage sein“, sagte Willberg.

Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) wurde 1950 mit dem Ziel gegründet, die Zusammenarbeit von Jugendbuchverlagen zur gemeinsamen Förderung der Kinder- und Jugendliteratur zu organisieren und die Interessen ihrer Mitglieder in der Öffentlichkeit und gegenüber Behörden, Institutionen und Verbänden zu vertreten. Derzeit gehören der avj rund 70 Mitgliedsverlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an.

Der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (AKJ) ist der 1955 gegründete Dachverband der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Ihm gehören rund 40 Mitgliedsverbände und über 200 Einzelpersonen an; der AKJ wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in dessen Auftrag er jährlich den Deutschen Jugendliteraturpreis verleiht. Seit 2003 entscheidet neben Kritikern eine unabhängige bundesweite Jury aus Jugendlichen über einen eigenen Preis in der Sparte Jugendbuch. Zu den zentralen Aufgaben des AKJ zählen die Förderung der Lesekultur in der Kinder- und Jugendbildung sowie Ausbau und Pflege internationaler Kontakte.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels engagiert sich für das Kulturgut Buch und das Lesen, für die Meinungsfreiheit und die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft. Er wurde 1825 gegründet und vertritt die Interessen von rund 6300 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Zwischenbuchhändlern und Verlagsvertretern. Der Börsenverein veranstaltet die Frankfurter Buchmesse und verleiht jährlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie den Deutschen Buchpreis. Er organisiert Leseförderungswettbewerbe und engagiert sich für den UNESCO-Welttag des Buches.

Die Stiftung Lesen entwickelt seit 1988 zahlreiche Projekte, um das Lesen in der Medienkultur zu stärken. Traditionell steht die gemeinnützige Organisation unter der Schirmherrschaft der Bundespräsidenten. Zweck der Stiftung Lesen ist die Förderung von Buch, Zeitschrift und Zeitung in allen Bevölkerungskreisen sowie die Pflege und der Erhalt einer zeitgemäßen Lese- und Sprachkultur, nicht zuletzt in den neuen Medien. Dabei ist sie Plattform für die Verbindung von Wirtschaftsunternehmen mit modernen Formen der Leseförderung.

Autorin:
Kristiane Schengbier
Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

Redaktionskontakt: schuster@dipf.de