Bericht

Herausforderung Mehrsprachigkeit

28.06.2007

Kinder brauchen mehrsprachige Bücher




Regina Pantos, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V.
Regina Pantos, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V.
Das Symposium des Arbeitskreises für Jugendliteratur auf der Leipziger Buchmesse trug in diesem Jahr den Titel: „Kinder brauchen mehrsprachige Bücher. Mehrsprachigkeit als Chance im Zeitalter der Globalisierung.“ Nach einem einleitenden Vortrag von Prof. Dr. Henning Wode aus Kiel, der am Beispiel der Claus-Rixen-Schule in Altenholz bei Kiel den Zuhörern deutlich machte, wie effektiv das Erlernen einer zweiten Sprache mit der Immersionsmethode sein kann, traf sich auf dem Podium eine Expertenrunde aus Verlag, Buchhandel, Bibliothek und Pädagogik, um miteinander und mit dem Publikum das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Beiträge der Mitwirkenden sind in der Fachzeitschrift JULIT nachzulesen.

Kinder brauchen mehrsprachige Bücher. Mehrsprachigkeit als Chance im Zeitalter der Globalisierung
Warum haben wir dieses Thema ausgewählt und was erscheint uns daran wichtig? – Weltweit wachsen weniger als ein Drittel der Menschen einsprachig auf, d.h. dass das, was für die Mehrheit unserer Kinder die Regel ist, sich global betrachtet als Ausnahme darstellt. Dennoch wurde es bis in die 70er Jahre hinein in Deutschland als geistige Überforderung betrachtet, wenn Kinder zweisprachig aufwachsen sollten. Den Eltern wurde davon abgeraten und den Kindern wurde im Kindergarten deutlich gemacht, dass alles, was nicht deutsch klang, keine ordentliche Sprache war. Leider kommt das auch heute, 40 Jahre später, immer noch oder wieder vor.
Das Argument der Überforderung ist durch die Forschung inzwischen eindeutig widerlegt: Weder leiden zwei Drittel der Menschheit unter Entwicklungsstörungen wegen ihrer Mehrsprachigkeit noch schneiden Schüler aus Ländern, in denen Mehrsprachigkeit Normalität ist, in Schulleistungstests schlechter ab. Das Gegenteil ist der Fall. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, sind geistig flexibler und leistungsfähiger in ihrer Wahrnehmung. Das Gehirn hat Platz für viele Sprachen. Entscheidend sind der soziale Kontext und die Methodik, mit der die Sprachen gelernt werden.

Wie reagieren Gesellschaft und Politik auf diese Tatsache?
Die Europäische Union (EU) erklärte das Jahr 2001 zum „Europäischen Jahr der Sprachen“, das unter dem Motto stand „Sprachen öffnen Türen“. Die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, nannte in ihrer Presseerklärung für die Zukunft das Ziel, „dass junge Menschen überall in Europa neben ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen sprechen können“. Sie forderte, bereits in der Grundschule oder sogar im Kindergarten mit dem Sprachenlernen anzufangen. Denn, so bemerkte sie weiter „gerade kleine Kinder sind für Sprachen besonders aufnahmefähig“. Heute, sechs Jahre später, sind weniger als 1% der Kindergärten bilingual. Prof. Dr. Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator und derzeit Vorsitzender der Kultusministerkonferenz, schreibt in einer Presseerklärung der KMK vom 19. Januar 2007:

Bildung ist der Schlüssel für unsere wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. (...) Wir müssen Migration als Chance begreifen, statt ständig über die Probleme zu klagen. (...) Wir müssen auch dahin kommen, zum Beispiel vietnamesische oder türkische Jugendliche mit ihrem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund anzunehmen und diese kulturelle Vielfalt für die Gesellschaft in Deutschland zu erhalten.

Die Frage ist, welcher Stellenwert wird z.B. der vietnamesischen oder türkischen Sprache, die ja ein wesentlicher Teil und wichtiger Transporteur der Kultur ist, in diesem Konzept kultureller Vielfalt beigemessen? Und das heißt, nicht nur der gesprochenen, sondern auch der geschriebenen Sprache. Denn, findet der Übergang zur Schriftkultur nicht statt, so wird die Sprache verkümmern und längerfristig verschwinden und damit ein wesentlicher Aspekt des Kulturtransfers.
Wir müssen die Mehrsprachigkeit in Deutschland aus zwei Perspektiven betrachten. – Für die muttersprachlich deutschen Kinder soll die frühe Mehrsprachigkeit die Tür nach Europa und in die Welt öffnen, und für die Kinder, deren Eltern aus der Welt nach Deutschland gekommen sind, und deren Familiensprache nicht Deutsch ist, ist die Mehrsprachigkeit die Eintrittskarte in die deutsche Gesellschaft. Beide brauchen einen Platz in unserer Gesellschaft, der ihnen Zukunftsperspektiven eröffnet. Es wird sich dabei auch nicht mehr lange um ein Mehr- oder Minderheitenproblem handeln. Bereits im Jahr 2010 wird jeder dritte Schüler einen Migrationshintergrund haben, in den Stadtstaaten sogar jeder zweite, so Jürgen Zöllner. Annette Schavan, unsere gegenwärtige Bundesbildungsministerin, erklärte im letzten Jahr auf einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der PISA-Spezialstudie zum Zusammenhang von Schulleistung und Migration, bei der Deutschland die Rote Laterne erhielt, die Lösung der Bildungsfrage zur „Schicksalsfrage der Nation“.

Was passiert in der Praxis oder was wäre wünschenswert?
Die Einsicht bei den Politikern ist da und der Anspruch ist hoch. Aber was passiert in der Praxis oder was wäre wünschenswert? – Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen fordert den Ausbau der Krippenplätze in Deutschland von 230.000 auf 750.000 im Jahr 2013. Eine Forderung, die mir aus vielen Gründen sinnvoll erscheint. Allerdings geht es dabei nicht nur um ein quantitatives Problem, d.h. wie viel Prozent der Kinder bekommen ein Betreuungsangebot, sondern auch um ein qualitatives, um die Frage, wie soll die Kleinkindpädagogik aussehen und wie und von wem soll sie in der Praxis umgesetzt werden. In der Krippe befinden sich die Kinder in der sensibelsten Phase ihrer Sprachentwicklung. Genetisch sind sie vorbereitet auf alle Sprachen dieser Welt. Welche sich dann ab dem neunten Monat als Sprache des Kindes herausbildet, das hängt von seiner Umgebung ab. Ob Mehrsprachigkeit dann wirklich zur Chance wird, wird davon abhängen, welchen Stellenwert Muttersprache und Umgebungssprache Deutsch im pädagogischen Konzept und Handeln der Eltern und Erzieher bekommen. Dieses Problem wurde bisher in der öffentlichen Diskussion ausgespart. Im Hinblick auf den Kindergarten und die Schule lassen sich in Presseerklärungen und Newslettern des Ministeriums aber eher Tendenzen erkennen, die darauf hindeuten, dass man immer noch daran glaubt, die Muttersprachen der Kinder ignorieren zu können und die Kinder mit Crashkursen in Deutsch hinreichend auf die Anforderungen der Schule vorbereiten zu können. Dass das nicht funktioniert, zeigt die Praxis, und warum es nicht funktioniert, haben Experten wie z.B. Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis und andere in ihren Veröffentlichungen und bei politischen Anhörungen dargestellt. Wenn also die Bildungsfrage die „Schicksalsfrage der Nation ist“, liegt der Schlüssel für sie in der Krippe, denn dort fällt die Entscheidung über die sprachliche Entwicklung der Kinder und dort beginnt die Bildung.

Bildung und Bücher von Anfang an
Das Schlagwort „Bildung von Anfang an“ heißt auch, Bücher von Anfang an. – Warum? Weil z.B. Bilderbücher bilden. Ein realer dreidimensionaler Apfel, den das Kind anfassen kann und in den es hineinbeißen kann, wird als zweidimensionales Bild im Buch erkannt, der Laut wird mit dem Gegenstand assoziiert. Dieser erste Schritt zur Abstraktion, der mit Hilfe des Bilderbuches vollzogen wird, eine besondere und entscheidende Fähigkeit des Menschen, die ihn vom Tier unterscheidet, ermöglicht es dem Kind, sich mit Hilfe von Bildern und Sprache Weltwissen anzueignen. Der Symbolgehalt von Bild und Laut und damit von Sprache wird erfasst. Kleine Szenen im Bilderbuch, die in Beziehung zur Erfahrungswelt des Kindes stehen, werden erkannt und damit erste Transferleistungen erbracht. Geschichten in Bilderbüchern, die nicht ganz der Erfahrungswelt der Kinder entsprechen, werden ebenfalls gedeutet. Leerstellen werden durch Analogien gefüllt. Neben diesen kognitiven Aspekten gibt es auch wichtige soziale und emotionale Aspekte, die die Beschäftigung mit Bilderbüchern unentbehrlich machen. Bilderbücher werden mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen angeschaut. Dies ist eine Schlüsselsituation, in der Kommunikation über ein Drittes, das Buch, vermittelt wird. Das Hineinversetzen in Figuren der Geschichte erlaubt, emotional Anteil zu nehmen und ihr Handeln in Beziehung zu eigenen Erfahrungen und Werten zu setzen.
So können wichtige Kompetenzen erworben werden, die sehr hilfreich sind, wenn man in der Schule und im Leben erfolgreich sein will. Abstraktionsvermögen hilft, Fragestellungen der Lehrer zu verstehen und Aufgaben zu lösen; Empathie ist nötig, um in Konfliktsituationen angemessen handeln zu können. Bilderbücher lehren Bilder zu lesen, machen bekannt mit Farben und Formen, verschaffen Eintritt in die Welt der bildenden Kunst.
Da Sprache bei kleinen Kindern sehr emotional gebunden ist, braucht dieser erste Schritt zur Literacy-Erziehung die Muttersprache und damit auch Bücher in den Herkunftssprachen der Kinder. Sie verhindern nicht das Interesse an der deutschen Sprache, im Gegenteil, sie machen neugierig auch auf deutschsprachige Bücher, die die Kinder in der Krippe vorfinden. Und sie können deutschsprachige Kinder neugierig machen auf andere Sprachen, sie früh motivieren, sich ihnen zuzuwenden. Den Prozess des mehrsprachigen Aufwachsens auch weiterhin durch zweisprachige oder fremdsprachige Kinder- und Jugendliteratur zu begleiten, sollte ebenso unser Anliegen sein. Denn ob ich mir eine Sprache wirklich angeeignet habe, erfahre ich nicht aus der Note in der Schule, sondern dann, wenn ich mir in ihr lustvoll und freiwillig eine Geschichte erschließe.
Hierbei kann die Kinderliteratur eine wichtige Rolle spielen. Sie ist sicher nur ein kleiner Mosaikstein im Bildungswesen. Aber ich bin der Meinung, dass sich in ihr ein Potenzial verbirgt, das bis jetzt nicht hinreichend wahrgenommen und ausgeschöpft wird.
Natürlich konnten wir nicht umfassend auf dieses komplexe Thema beim Symposium eingehen. Die Beiträge im Heft 2/07 der Fachzeitschrift JULIT zeigen aber aus unterschiedlicher Perspektive eine Menge Probleme, die mit dem Thema verbunden sind, auf, stellen Fragen und versuchen Antworten oder Anregungen zu geben. Wir stehen damit erst am Anfang eines Diskurses, den wir fortsetzen wollen. Gern auch mit Hilfe unserer Leser.

Autorin: Regina Pantos

Regina Pantos war Studiendirektorin an der Ersten Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Berlin und ist Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur und Bundesvorsitzende der AG Jugendliteratur und Medien der GEW.


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de