Landesporträt

Schleswig-Holstein: Lesen macht stark

Projekte und Initiativen in Schleswig-Holstein




© Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein
© Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein
In Schleswig-Holstein bekommen leseschwache Kinder und Jugendliche vielversprechende Unterstützung. Mit Hilfe solcher Projekte wie „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“ und „FörMig – Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ wird die Leseförderung intensiviert, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Chancen zu eröffnen, die Anforderungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt zu erfüllen.

„Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“
Im Schuljahr 2006/07 startete das Projekt „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“ an 50 Schulen. Seit dem Schuljahr 2009/2010 wurde allen weiterführenden Schulen (außer Gymnasien) in Schleswig-Holstein eine Teilnahme mit ihren fünften bis zehnten Klassen ermöglicht. Um das Projektziel, eine deutliche Reduzierung der sogenannten Risikogruppe der leseschwachen Schülerinnen und Schüler durch verstärkte Unterstützung, zu erreichen, wurde ein Konzept mit mehreren Bausteinen entwickelt. Schülerinnen und Schüler erhalten Lesemappen, die eine individualisierte und differenzierte Entwicklung ihrer Lesekompetenz ermöglichen. Lehrerinnen und Lehrern stehen ein Materialordner mit themenorientierten Lesetexten und Anregungen zur Förderung der Lesekompetenz sowie aktuelle und schülergemäß aufbereitete Texte zur Verfügung. Außerdem werden Fortbildungsveranstaltungen und Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte angeboten. Schulleiterinnen, Schulleitern und schulinternen Projektmanagern bietet ein Projektmanagementordner Impulse. Lernstandserhebungen, die Rückschlüsse auf die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler zulassen, werden in den Klassenstufen 5 bis 8 durchgeführt. Die standardisierten Tests sind Teil des dreiteiligen Diagnostikfahrplans. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Ergebnisse belegen u.a. eine hohe Akzeptanz des NZL-Projektes und eine deutliche Verbesserung des Stellenwertes der Leseförderung an den Schulen.

„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS)
Schleswig-Holstein beteiligt sich mit drei Verbünden an dem bundesweiten Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS). Alle drei Verbünde sind Teil des landesweiten Projekts „Lesen macht stark“. Ausgewählte Verbundkitas und Projektschulen bearbeiten unter Leitung des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein und in Kooperation mit weiteren Partnern die BiSS-Module „Intensive Förderung der phonologischen Bewusstheit“ und „Übergang vom Elementarbereich zum Primarbereich“ im Elementarbereich, „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit und ihrer Voraussetzungen“ in der Primarstufe und „Sprachliche Bildung in fachlichen Kontexten“ in der Sekundarstufe. Ziel des BiSS-Programms ist es, herauszufinden, welche Methoden und Instrumente der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung unter welchen Bedingungen funktionieren, und wie sie optimal für eine durchgängige wirksame Sprach- und Leseförderung vom Beginn institutioneller Betreuung bis zum Ende der Sekundarstufe I eingesetzt werden können.

Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Für die Förderung von Benachteiligten macht sich auch das Programm FörMig stark. Am 1. April 2005 startete in Schleswig-Holstein das fünfjährige bundesweite Modellprogramm „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – FörMig“ der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK). Es bietet Kindern und Jugendlichen aus zugewanderten Familien eine intensive sprachliche Förderung, um ihre Erfolgschancen an deutschen Schulen und im Beruf zu erhöhen. Im Zentrum des Modellprogramms steht die sprachliche Förderung an Schnittstellen des Bildungssystems: bei den Übergängen vom Kindergarten in die Schule, in weiterführende Schulen und von der Schule in den Beruf. Ein wichtiger Aspekt des Programms ist, dass es alle an der sprachlichen Bildung und Erziehung Beteiligten – die Familie, die Schule, Kindertageseinrichtungen, Bibliotheken und Vereine – in die Entwicklung von Förderkonzepten einbezieht.

Fortbildung der Lehrkräfte
Einmal im Jahr findet der bundesweit größte Landesfachtag Deutsch des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein in Kiel statt – Lesen ist hier immer ein Thema. Über 1200 Lehrkräfte nutzen die Chance, sich in zahlreichen Vorträgen und Workshops auf den aktuellen Stand der Fachdidaktik zu bringen. Alle namhaften Verlage stellen Fachbücher, Unterrichtsmaterialien und Schulbücher aus. Das Programm beinhaltet Lesungen mit namhaften Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren sowie literarischem Nachwuchs.

Kooperationen zwischen Bibliotheken und Schulen
Große Unterstützung erfährt die Leseförderung an Schulen von den öffentlichen Bibliotheken. Das Bildungsministerium und der Büchereiverein Schleswig-Holstein (BVSH) haben eine Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit von öffentlichen Schulen und öffentlichen Bibliotheken abgeschlossen, damit beide Institutionen bei der Vermittlung von Lese-, Informations- und Medienkompetenz partnerschaftlich Hand in Hand gehen. Im Vertrag wird beispielsweise empfohlen, den Besuch von Bibliotheken in den Unterricht zu integrieren. Die als Reaktion auf diese Vereinbarung im Jahr 2005 gegründete Arbeitsstelle Bibliothek und Schule des Büchereivereins Schleswig-Holstein e.V. bietet Beratung und Fortbildungen und stellt Informationsmaterialien, Arbeitshilfen und Publikationen zur Verfügung. Als Informations- und Kontaktstelle erleichtert sie damit den Bibliotheken vor Ort die Kooperation mit den Schulen und Lehrkräften.

Sogenannte „Wissensboxen“ versorgen die Lehrkräfte mit thematischen Medien für den Unterricht. Zu ca. 80 Themen können von den Schulen über ihre Bücherei lehrplanorientierte und altersgerechte Medienboxen für vier Wochen bestellt werden. Diese können unterrichtsbegleitend, fächerübergreifend und zur Leseförderung eingesetzt werden. Sie enthalten erzählende Literatur und Sachlektüre sowie AV-Medien, sollen Wissen vermitteln und Spaß machen.

Starke Rolle der öffentlichen Büchereien
Auch im außerschulischen Bereich sind die öffentlichen Bibliotheken in Sachen Leseförderung sehr aktiv. Die 148 Stadt- oder Gemeindebüchereien (davon 53 ehren- und nebenamtlich geleitete Büchereien) und die 14 Fahrbüchereien in den Kreisen bilden zusammen mit der Büchereizentrale ein landesweites Büchereisystem. Mit Aktionen wie Vorlesestunden, Bilderbuchkino und Lesungen fördern sie kreativ die Lesemotivation junger Menschen. Der Arbeitskreis „Mädchen und Jungen im Kinderbuch“ betreut die Brunsbütteler Kinderbuchkartei, in der problemorientierte Kinderliteratur für drei bis 12-Jährige zusammengestellt ist. Erstmals wurden im Dezember 2006 an 50 Grundschulen erfolgreich die Dezembergeschichten, ein Adventskalender zum Zuhören und Mitmachen, durchgeführt. An jedem Schultag im Dezember wurden den 2. Klassen ein Auszug aus einem weihnachtlichen Kinderbuch vorgelesen. Anschließend mussten die Schülerinnen und Schüler eine Aufgabe dazu lösen.

Großer Beliebtheit erfreuen sich die seit über 20 Jahren in Schleswig-Holstein im November stattfindenden Kinder- und Jugendbuchwochen. Sie stehen jedes Jahr unter einem zentralen Thema, mit dem sich die Kinder und Jugendlichen in vielfältigen Aktionen auseinandersetzen können. Die öffentlichen Bibliotheken veranstalten in dieser Zeit zahlreiche Autorenlesungen, bei denen die jungen Leserinnen und Leser mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommen können.

Als einziger Jugendliteraturpreis in Schleswig-Holstein wird jährlich die Segeberger Feder verliehen. Aus einer von der Stadtbücherei Bad Segeberg erstellten Auswahlliste von 12 Büchern deutschsprachiger Autoren für zehn bis 13-Jährige, wählen Kinder und Jugendliche der Stadt Bad Segeberg ihr „Buch des Jahres“.

Aktionen an Schulen und Kindergärten
Immer begehrter sind auch die Autorenbegegnungen an Kindergärten und Schulen. Ausgerichtet werden sie vom Friedrich-Bödecker-Kreis in Schleswig-Holstein e.V. Er organisiert seit 23 Jahren ehrenamtlich und landesweit Autorenbegegnungen und Schreibwerkstätten. Nach seiner Erfahrung fördert die persönliche Begegnung mit den Autoren das Interesse der Kinder und Jugendlichen an Literatur. Das Erleben einer Lesung motiviert, selbst wieder mehr zu lesen. An einigen Schulen schreiben Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren eigene Geschichten oder Bücher. Für Lehrerinnen und Lehrer werden Autorenbegegnungen auch als Fortbildung organisiert. Im Rahmen des „Deutsch-Finnischen Literaturaustausches 2007“ reisen im Herbst 2007 vier schleswig-holsteinische Autorinnen und Autoren nach Finnland und vier finnische kommen nach Schleswig-Holstein.

Tagebücher der besonderen Art haben viele Schülerinnen und Schüler der zweiten bis sechsten Klassen im Jahr 2006 beschäftigt. Im Rahmen der Aktion „Lesezeit“ hatte das Bildungsministerium zu einem Wettbewerb um die schönsten Lesetagebücher aufgerufen. Das Tagebuch enthielt 29 Aufgaben, mit deren Hilfe die Schüler einen Text ihrer Wahl bearbeiteten und in dem sie die Bilder, Gedanken, Fragen und Ideen, die sie während des Lesens hatten, phantasievoll festgehalten haben.

Engagierte Akteure der Leseförderung
Zu einem Beratungs- und Vermittlungszentrum im Bereich Leseförderung ist das Literaturhaus Schleswig-Holstein geworden. Seine Geschäftsstelle in Kiel arbeitet landesweit im Sinne eines Literaturbüros und ist gleichzeitig ein Literaturhaus mit eigenem literarischem Programm. Es bietet eine eigene Vorlesereihe und Seminare für Vorlesepaten an und beteiligt sich an einem Modellprojekt für Kindergärten mit hohem Migrantenanteil. In Schreibwerkstätten können sich Jugendliche unter professioneller Anleitung mit verschiedenen Aspekten des kreativen Schreibens befassen. Im Projekt „Fahnenlesen“ rezensieren Schulklassen der Jahrgangsstufen neun und zehn die Druckfahne eines noch nicht veröffentlichten Jugendbuches. Exemplarisch für die Arbeit zur landesweiten Literaturvermittlung ist der „Literatursommer“, der jährlich parallel zum Schleswig-Holstein Musik Festival die Literatur eines Gastlandes präsentiert.

Der Verein Lübecker Bücherpiraten e.V. veranstaltet regelmäßig Lesungen von Kinder- und Jugendliteratur und jährlich das Lübecker Kinder- und Jugendliteraturfestival. Daneben werden Mal- und Schreibwerkstätten für Kinder sowie Ausstellungen von Kinder- und Jugendbuchillustratoren organisiert sowie Seminare und Elternabende zum Thema Leseförderung angeboten. Dazu gehören die Schulung und Betreuung von Vorlese-Paten, Book Buddies, jugendlichen Nachwuchsautoren und die Durchführung eines Seminars für Kindertageseinrichtungen zum Thema Lesen und Buch.

Das Kieler Kulturamt gibt einmal jährlich in Zusammenarbeit mit dem Kieler Kinder- und Jugendbuchkreis eine themenbezogene Empfehlungsliste für Kinder- und Jugendbücher heraus und fördert seit 25 Jahren das Literaturtelefon (0431 / 901 1156). Während der Sommerferien organisiert es kostenlose Lesungen für Kinder und Jugendliche auf einem ausgedienten Boot am Falckensteiner Strand an der Kieler Förde. Ein großer Spaß ist die so genannte „Spiellinie“, die das Kulturamt während der „Kieler Woche“ im Juni veranstaltet. Der Kinder- und Jugendbuchkreis präsentiert in einem Lesezelt eine Bücherausstellung samt Empfehlungslisten und bietet Beratung. Außerdem finden verschiedene Workshops zum Thema Buch und Lesen statt, wie Papier schöpfen, Geschichten erfinden und daraus ein eigenes Buch gestalten.

Lesemuseen verführen zum Lesen
Wer weitere Anregungen für die Leseförderung zuhause, in der Schule oder im Kindergarten sucht, wird in den zahlreichen Lesemuseen Schleswig-Holsteins fündig. Je nach Geschmack und Anliegen verführt der Besuch des Buddenbroock- und des Günther-Grass-Hauses in Lübeck und des Theodor-Storm-Museums in Husum zum Lesen. Spannend für jung und alt ist auch das Hebbel-Museum in Wesselburen. Hier werden die Lebensgeschichten und bedeutende Werke der Schriftsteller wieder lebendig.

Autorin: Petra Schraml

Das Landesporträt wurde im Mai 2007 in enger Zusammenarbeit mit Leseförderern aus Schleswig-Holstein erstellt. Sobald neue Informationen vorliegen, werden die entsprechenden Abschnitte im Text bzw. die Verweise im Text und in der rechten Spalte ergänzt und aktualisiert.


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de


Landesporträt erstellt am: 03.05.2007

Zuletzt aktualisiert am: 25.03.2015