Bericht

Online-Journal lesepunkte: Geschichte kann Spaß machen

12.04.2007

Schule und Universität kooperieren


Junge Kritiker bei der Arbeit
Junge Kritiker bei der Arbeit
Foto: Daniel Coenen


„Lauter Verrisse“ hat der gefürchtete Reich-Ranicki eines seiner Bücher genannt. Aber auch Urteile von Teenagern können gnadenlos und vernichtend sein: „Was ich von diesem Buch halte, verdeutlicht am besten die Tatsache, dass ich etliche Male darüber eingeschlafen bin und mich außerdem nicht dazu durchringen konnte, es zu Ende zu lesen.“ Laura ist Oberstufenschülerin des Gymnasiums Grafing und ihre Besprechung über die Reisereportage eines Journalisten findet sich im Online-Journal lesepunkte. Alle zwei Monate erscheinen die lesepunkte mit neuen Rezensionen von Schülerinnen und Schülern, die hauptsächlich Jugendromane und Jugendsachbücher mit historischem und kunsthistorischem Hintergrund besprechen. Aber auch mit Hörbüchern und Kunstausstellungen setzen sich die jungen Kritikerinnen und Kritiker auseinander. Redaktionelle Angebote des Journals, wie etwa Interviews mit Autoren und Hör- und Leseproben aktueller Titel, sollen zusätzlich Lust aufs Lesen machen – herauskommen darf dann eben auch mal ein Verriss.
 
Schule und Universität arbeiten zusammen
Fast 40 Schulen in Nordrhein-Westfalen und Bayern sind momentan an dem Projekt beteiligt, das seit Oktober 2006 online ist. Die Lehrer vor Ort sind die Ansprechpartner für die Kölner Redaktion, die die Kontakte zu den Verlagen pflegt. Sie eruieren Bücherwünsche und verteilen die Bücher dann an die Rezensenten, die zwischen 10 und 18 Jahre alt sind. In die Texte selbst sollen die Lehrer jedoch so wenig wie möglich eingreifen, Erwachsene sollen die Jugendlichen nicht zensieren. Gegengelesen werden müssen die Texte vor allem, um orthographische Fehler auszubügeln. Manchen Texten merkt man an, dass sich die Autoren scheuen, "ich" zu sagen und dass sie das rettende Ufer abgesicherter Informationen suchen. Eine nachvollziehbare Kritik zu schreiben und Kriterien für Positives wie Negatives zu entwickeln, gelingt aber allen, auch den jüngsten Schreibern.

Wer gut liest hat bereits sein halbes Bildungsleben abgesichert
Entwickelt haben das Magazin die Kölner Historikerin Professor Gudrun Gersmann zusammen mit ihrem Mitarbeiter Dr. Michael Kaiser (Universität zu Köln) und dem Münchener Uni-Kollegen und Kunsthistoriker Professor Hubertus Kohle (Ludwig-Maximilians-Universität). In den Einführungsveranstaltungen für Studierende hat sich längst ein Wandel der Schreib- und Lesekultur bemerkbar gemacht. Es wird weniger linear gelesen, eher häppchenweise – und die Ausdauer, die beim Lesen fehlt, macht sich auch in der Textproduktion bemerkbar: Den Anfängern an den Unis fällt es zunehmend schwerer, konsistente und flüssig lesbare Seminararbeiten zu verfassen. Ausgangspunkt für die lesepunkte war die Überzeugung der Universitätsdozenten, dass das Leitmedium bei Jugendlichen nicht mehr das Buch, sondern das Internet sei. Und dass genau dort auch wieder Anreize geschaffen werden müssten, sich mit den althergebrachten Kulturtechniken Lesen und Schreiben vertraut zu machen. Denn als Credo steht für alle drei Dozenten fest: Wer gut liest hat bereits sein halbes Bildungsleben abgesichert. Mit gemeinsamen Internetprojekten haben beide Lehrstühle bereits langjährige Erfahrungen. Die Journale sehepunkte, zeitenblicke und das Portal historicum.net wenden sich aber eher an ein erwachsenes Fachpublikum.

Geschichtsstudenten als lesepunkte-Tutoren
Gudrun Gersmann sieht durch die lesepunkte auch neue Ansätze für eine engere Verbindung zwischen Schulen und Universität. Diese ist schon allein deshalb wünschenswert, weil die Kölner Uni eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für künftige Lehrer ist. Zwar sind bereits Praxisanteile im Studium vorgesehen, aber mit dem Projekt lesepunkte können Schule und Universität noch zielgerichteter kooperieren. So werden im kommenden Wintersemester Kölner Geschichtsstudenten ihren Didaktik-Schein als lesepunkte-Tutoren erwerben können. Sie werden in ihrem Schulpraktikum Schreibprojekte betreuen, deren Ergebnisse dann im Online-Journal veröffentlicht werden.

Schreiben im Internet
Die konkrete Lese- und Schreibförderung durch die lesepunkte ist aber nur eine Seite des Projekts. Damit das Journal auch tatsächlich gelesen wird, sollen zusätzliche interaktive Elemente für Attraktivität bei einem jungen Zielpublikum sorgen. Ein Forum fordert bereits jetzt zum freien Austausch auf. Genutzt wird dieses Forum vor allem nach Lesungen, die das Online-Magazin organisiert, um nicht nur in der virtuellen Öffentlichkeit präsent zu sein. Der Zuspruch ist erfreulich und schafft die erwünschte „User-Bindung“. So ist seit einer Lesung mit Harald Parigger in der Münchener Staatsbibliothek auch die Literatur-AG einer Münchener Realschule Partner der lesepunkte. Und die jüngste Lesung der Autorin Kathrin Lange im Rahmen der lit.COLOGNE wurde öffentlichkeitswirksam von dem prominenten Fernsehmoderator Frank Plasberg präsentiert. Geplant ist außerdem ein Schreib-Wiki, das kollaboratives Schreiben im Internet ermöglicht und einfach zu bedienen sein wird.

Nach einem halben Jahr Online-Präsenz haben die lesepunkte nun durchschnittlich 8000 Seitenzugriffe pro Monat. Bereits jetzt zeigt sich in den Buchbesprechungen, dass die Freude am Fach Geschichte besonders gut durch spannende Geschichten geweckt werden kann. Schüler sollen so erkennen, dass Geschichte einfach auch – um es ganz schlicht zu formulieren – Spaß machen kann. Und die Macher der lesepunkte freuen sich, wenn auf diese Art und Weise Jugendliche vielleicht auch einem Jugendbuchautor beibringen können, dass er etwas anders schreiben sollte.

Autor:
Jochen Pahl
Universität zu Köln
Historisches Seminar - Geschichte der Frühen Neuzeit
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
E-Mail: redaktion@lesepunkte.de


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