interview

„Vielfältige Bilderbuchangebote sind wichtig“

14.02.2007

TEIL I: Prof. Jens Thiele bemängelt übertriebene Schonhaltung bezüglich Auswahl und Inhalten vieler Bilderbücher




Prof. Dr. Jens Thiele
Prof. Dr. Jens Thiele
Lesen in Deutschland: Herr Thiele, Sie sind Professor für Visuelle Medien an der Universität Oldenburg und Jurymitglied für verschiedene Kinder- und Jugendbuchpreise. Zudem sind Sie auch Illustrator und Autor von Bilderbüchern. Sind Ihre eigenen Bilderbücher zugleich Ihre Lieblingsbilderbücher?

Jens Thiele: (lacht) Nein, meine Favoriten sind natürlich nicht meine eigenen Bilderbücher. Ich schätze die Bilderbücher von Wolf Erlbruch sehr, weil er diese Verbindung aus Einfachheit und Komplexität herstellt. Er, wie auch einige andere Bilderbuchautoren, entwirft Bilderbücher, die mehrere Lesarten zulassen. Da kann ich als Erwachsener auf meine Kosten kommen, aber es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Kind auf seine eigene Weise Zugänge zu einem Buch findet. Das sind überhaupt die besten Bücher, die auf verschiedenen Ebenen erzählen und an denen sich unterschiedliche Alters- und Sozialgruppen bedienen können. Maurice Sendak, der Autor von „Wo die wilden Kerle wohnen“, wäre für mich ein weiteres Beispiel. Auch er ist Illustrator und Bilderbucherzähler, der verschiedene Leseebenen und Zugangsebenen ermöglicht.

Lesen in Deutschland: Bilderbücher sind ein Medium des Miteinanders und dienen als Gesprächsanlass. Doch nur in jedem vierten Haushalt nehmen sich die Familien Zeit für solche Rituale. Stattdessen hat die Verwendung von Sprache oft einen rein funktionalen Aspekt. Müssen vor allem wir Erwachsenen wieder lernen, solche Rituale und einen emphatischeren Dialog, über das Alltagsgeschehen hinaus, mit Kindern zu pflegen?   

Jens Thiele: Beim gemeinsamen Bilderbuch anschauen und vorlesen sollte viel Empathie im Sinne gegenseitiger Zuwendung im Spiel sein. Über die Bilder und die Geschichten und die Verbindungen zum eigenen Leben muss gesprochen werden. Diese Situation „Kind und Erwachsener lesen ein Bilderbuch“ ist eine Ursituation, eine zentrale Situation, um Kinder an Literatur und auch an Bilder heranzuführen. Insofern ist die Bilderbuchbetrachtung nur dann erfolgreich und für die weitere Entwicklung des Kindes bedeutsam, wenn das Kind das Gefühl des Aufgehobenseins hat und eine Atmosphäre herrscht, in der es Fragen stellen und Gemeinsamkeit leben kann. Lernen an Texten und Bildern erfolgt im Bilderbuchalter überwiegend emotional und lustbetont. Daher kommt dem ‚Dialog’ zwischen Kind, Bilderbuch und Erwachsenem eine so große Bedeutung zu. Das Kind kann sich aus einer Atmosphäre der Vertrautheit heraus auf andere, fremde Geschichten, aber auch auf ‚fremde’ Bilder, einlassen und so vielfältige Erfahrungen sammeln.

Lesen in Deutschland: Durch die Kontextwirkung von Bild und Text erleichtern Bilderbücher besonders sprachlich schwachen Schülern das Lesenlernen. Im Zuge der Bildungsreform nach den PISA-Studien tut sich einiges in der Lehrerausbildung. Zum Beispiel etabliert der Begriff der „literarischen Lesekompetenz“ in den Bildungsstandards des Faches Deutsch. Ist es sinnvoll, solche Prozesse in der Schule zu funktionalisieren oder wie kann ein Unterricht mit Bilderbüchern in Grundschulen einfach besser gelingen?            

Jens Thiele: In Lernzusammenhängen, also auch in schulischen Zusammenhängen, müsste die sinnliche und lustbetonte Dimension des Lesens eine größere Rolle spielen. Das Funktionalisieren des Lesens, das mit dem Begriff der Lesekompetenz einhergeht, ist natürlich notwendig, weil man den Kindern bestimmte Strategien und Techniken an die Hand geben muss. Sie müssen ja auch „lesen können“ im Sinne einer Kulturtechnik. Aber eigentlich ist das Lesen immer auch ein Eintauchen in Geschichten. Kinder müssen sich in einer Geschichte wieder finden. Über das reine Üben hinaus sollten Inhalt und Sprache eine stärkere Rolle spielen. Das Lesenlernen in der Schule müsste stärker literarisches Lernen bedeuten. Das heißt, es muss auch dem Kind vermittelt werden, was das Lesen von Geschichten über das rein technische Lesenlernen sein kann: nämlich Sinnlichkeit, Einblick in fremde Welten, Hilfestellung, aber auch positive Gefühle, Fragen, Neugier - all das gehört ja dazu. Der Unterricht müsste ganzheitlicher gestaltet werden.

Lesen in Deutschland: Werden Kinder, die mit Bilderbüchern früh einen Zugang in  literarische Welten erhalten, auch später eher Leserinnen und Leser belletristischer Literatur?    

Jens Thiele: Es spielen viele Faktoren im Leben eines Kindes eine Rolle. Es gibt ja auch Vielleser, die in ihrer Biographie viel gelesen haben und später kein Buch mehr anfassen. Es gibt aber auch Kinder, die keine Bücher hatten und dann zu Leseratten werden. Da kommen so viele Einflüsse und Faktoren zusammen, die das Lesen fördern oder verhindern - sei es die Peer-Group oder negative Erfahrungen mit einem Buch. Grundsätzlich würde ich sagen, dass Kinder, die eine frühe literarische Bildung erfahren haben, und dazu gehören auch Bilderbücher, später sicher diejenigen sind, die mehr Interesse für Literatur entwickeln.

Lesen in Deutschland: In einem Aufsatz sagen Sie, das Bilderbuch stecke in einer Krise, „die Schere zwischen Lebenswirklichkeit und Bilderbuchwirklichkeit klafft immer weiter auseinander“. Was das Inhaltliche betrifft, bemängeln Sie vor allem, man traue den Kindern zu wenig zu. Sollten vermehrt Themen wie Scheidung der Eltern, Gewalt in der Schule oder der Tod in den Bilderbüchern Einzug halten?      

Jens Thiele: Diese Themen gibt es zwar in Bilderbüchern, dennoch ist mein Eindruck der, dass wir Erwachsenen immer noch zu sehr glauben, man müsse Kinder vor diesen Dingen schützen, obwohl Kinder im Alltag tagtäglich viele Konflikte und die Konfrontation miterleben. Im Bilderbuch wird immer noch versucht, künstliche Welten zu favorisieren, die mit dem Alltag der Kinder nicht viel zu tun haben. Bilderbuchgeschichten sollten durchaus stärker auf das eingehen, was Kinder beschäftigt und was Kinder erleben. Das heißt natürlich nicht in realistischer Weise, sondern auf symbolische Weise, auf bildnerisch oder erzählerisch vereinfachte Art oder in Metaphern. Kinder suchen ja im Bilderbuch nicht das Abbild ihrer Realität. Vielmehr ist es die Stärke des Bilderbuchs, das Bilder und Texte die Dinge auf eine symbolische Weise ansprechen, ohne dass das Kind sofort mit der Nase darauf gestoßen wird.

Lesen in Deutschland: Und es sollte auch Lösungen für das eigene Kinderleben anbieten …

Jens Thiele: Ja, das halte ich für wichtig. Das machen ja die anderen Kindermedien nicht so explizit, wenn Probleme angesprochen werden. Den Kindern müssen ja auch Wege der Bearbeitung und Bewältigung aufgezeigt werden. Das ist ganz entscheidend, dass ein Bilderbuch nicht in der Hoffnungslosigkeit endet.

Lesen in Deutschland: Kürzlich sind zwei Bilderbücher über den Zweiten Weltkrieg auf dem Markt erschienen. Ist dieses Thema sowohl für Kinder aus dem Elementar- als auch aus dem Primarbereich nicht eine zu harte Konfrontation mit Grausamkeit?

Jens Thiele: Es kommt darauf an, wie man es vermittelt und wie man es erzählt. Ich bin der Meinung, dass man im Bilderbuch jedes Thema ansprechen kann, entscheidend ist die Art und Weise. Es gibt ein Buch, das ich sehr schätze „Floris und Maja“, das ist ein Bilderbuch von zwei kleinen Hasenkindern in Zeiten des Krieges. Hier würde ein Kind nicht sagen, „aha, das ist ja ein Buch über den Krieg“, sondern es erfährt, dass zwei Kinder vorübergehend getrennt sind und ihr Vater verletzt zurückkommt. Also Situationen, die das Kind unmittelbar verstehen kann, weil sie eben auf bestimmte Gefühle angelegt sind und nicht auf ein Ereignis wie Krieg. Das hielte ich bei einem Bilderbuch für ziemlich ungeeignet. Findet ein Bilderbuch den richtigen Ton und erzählt so, dass die kindliche Psyche berührt wird, kann man auch über den Zweiten Weltkrieg und sogar über den Holocaust erzählen. Es sollte nur nicht mit realistischem Anspruch dargestellt werden. 

Lesen in Deutschland:  Kinder haben aber auch wie wir Erwachsenen ein Recht auf ein breites Angebot an Themen. Dazu gehören auch Bilderbücher, die pure Lebensfreude und Witziges vermitteln oder einfach nur auf unterhaltsame Weise Zerstreuung bieten…

Jens Thiele: Eine Vielfalt an Bilderbuch-Angeboten ist wichtig, es muss alles da sein! Es geht nicht darum, mehr konfliktreiche Bilderbücher zu fordern, sondern man muss diese Frage aus der kindlichen Sicht beantworten und genau hinschauen, wie Kinder ihr Leben leben und was in ihrem Leben alles passiert. Dann versteht man, dass Vielfalt notwendig ist.

Lesen in Deutschland: Es sind besonders die Kinder mit Migrationshintergrund, die sprachliche Schwierigkeiten haben. Weshalb gibt es nicht schon längst ein breiteres Angebot an mehrsprachigen Bilderbüchern auf dem Markt?

Jens Thiele: Vermutlich ist es ein ökonomisches Problem. Ich bin im Beirat des Hamburger Projektes „Buchstart“, bei dem  Eltern mit kleinen Kindern oder Familien, in denen gerade Kinder geboren werden, zweisprachige Bilderbücher an die Hand gegeben werden und wo man genau das, was Sie ansprechen, als Problem erkannt hat. Das liegt aber daran, dass Hamburg eine Stadt mit einem hohen Ausländeranteil ist. Hier versucht die Kulturbehörde über dieses Projekt frühzeitig ein Stück literarische Bildung in Gang zu setzen. Die Familien erhalten zweisprachige Bücher in „Deutsch“ und „Türkisch“.   

Lesen in Deutschland: Wie gelingt ein frühzeitiges sprachliches, literarisches und ästhetisches Heranführen von Kindern aus so genannten "bildungsfernen" Familien mit Bilderbüchern?  

Jens Thiele: Das ist natürlich ein Problem. Es gibt den Kreislauf, dass ästhetisch und thematisch gelungene Bilderbücher vornehmlich von jenen Eltern gekauft werden, die schon nach ambitionierten Büchern Ausschau halten, und dass Kinder aus bildungsfernen Milieus in der Regel keine großen Chancen haben. Das ist eine Schwierigkeit, die man nur sehr schwer durchbrechen kann; auch staatliche Förderung findet hier ihre Grenzen. Ich würde darauf vertrauen, dass Einrichtungen wie Kindergarten, Kindertagesstätten und Schulen am ehesten in ihrer Alltagspraxis einen integrativen Anspruch erheben können. Es ist wichtig, dass die Erzieherinnen selber sensibilisiert sind und als erwachsene Vermittler gezielt diese Kinder fördern.

Lesen in Deutschland: Was müssten Erzieherinnen denn in der Ausbildung bezüglich Bilderbüchern lernen?     

Jens Thiele: Erzieherinnen müssten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es eine bildnerische und die ästhetische Sozialisation gibt, die in unterschiedlichen sozialen Milieus auch unterschiedlich verläuft. Kinder kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in den Kindergarten. Wenn man das weiß, wird man ihnen die Möglichkeit bieten, sich über Bilder und Texte auf ihre jeweilige Weise austauschen. So können Annäherungen und Verständnis geübt werden.

 

 

Jens Thiele, geboren 1944 in Potsdam, studierte Freie Graphik und Kunstpädagogik an der Kunstakademie Braunschweig und Kunstwissenschaft in Göttingen, wo er über "Das Kunstwerk im Film" promovierte. Er arbeitete als Kunsterzieher in Göttingen und als wissenschaftlicher Assistent an der Bergischen Universität in Wuppertal, bevor er Professor für Visuelle Medien an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg wurde.

Hier ist er Direktor der Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Geschichte, Theorie und Ästhetik visueller Medien, insbesondere des Bilderbuchs und des Spielfilms. Bisher sind zwei Bilderbücher von ihm im Peter Hammer Verlag erschienen: „Jo im roten Kleid“ und „Der Junge, der die Zeit anhielt“.

Das Interview führte Katja Haug


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