Bericht

Die Sprache der Klänge

03.01.2007

Eine Klanggeschichte für Kindergarten und Grundschule


Cover des Buches
Cover des Buches "Als das Quagong vom Himmel fiel"
Kinder, die mit einer Hörschädigung geboren werden, müssen das, was uns selbstverständlich erscheint, nämlich das Hören-Können, mühsam erlernen. Wie das geht? Nun, es ist ein fortdauernder Prozess, der für viele Kinder mit der Anpassung der Hörhilfe beginnt und sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Wie dieser Prozess unterstützt werden kann, schildern die Hörpädagoginnen Sandra Werner-Kreßmann, Ulrike Hildenbrand und Nadine Michling im folgenden Beitrag.

Die Idee der Klanggeschichte
Warum ist uns die Idee der Klanggeschichte so wichtig? Bild- und Tonträger haben in der heutigen Zeit einen wesentlichen Platz in der kindlichen Welt eingenommen, bei behinderten Kindern ebenso wie bei nicht behinderten. Das Vorlesen und Betrachten von Büchern, das gemeinsame Singen und Musizieren drohen dabei ein wenig in den Hintergrund zu geraten. Dabei ist es für die kindliche Entwicklung von großer Bedeutung, durch aktives Miteinander unterschiedlichste Sinneswahrnehmungen zu erfahren und in Einklang zu bringen. Gerade die Verbindung von Hör- und Körpererfahrung ermöglicht beispielsweise einem hörgeschädigten Kind in besonderem Maße die Einordnung und Speicherung von akustischen Eindrücken. Und für ein sehbehindertes Kind wird die Verknüpfung von Körper- und Hörerfahrung mit ausgeprägter sprachlicher Beschreibung dauerhaft ein stärkeres inneres Bild entstehen lassen.

„Hören lernen soll Spaß machen“
 Jeder Höreindruck muss wahr- und aufgenommen, eingeordnet, weiterverarbeitet und abgespeichert werden. Das hört sich nach harter Arbeit an – und das ist es für die Betroffenen oft auch. Aber nur, wer eine positive Grundeinstellung zum Hören hat, kann es auch mit Freude erlernen. Hier sind Hörgeschädigtenpädagogen gefragt: „Hören lernen“ soll Spaß machen, damit hörgeschädigte Kinder motiviert sind, diese Fähigkeit zu erlernen.
Wenn man die kindliche Entwicklung im Vor- und frühen Grundschulalter betrachtet, stellt man fest, dass in diesen Jahren Geschichten, Musik, Bewegung, Verkleidung und Spiel für die meisten Kinder interessant sind.

Wir haben in Anlehnung an die Bedeutsamkeit dieser Komponenten eine Klanggeschichte entwickelt, die hörbehinderten und normal hörenden Kindern eine Möglichkeit geben soll, sich aktiv mit dem Thema Hören zu befassen. Für uns ist dabei wichtig, diese Sinneswahrnehmung ganzheitlich einzubinden. Welche Wahrnehmungen erfahren Kinder, wenn sie ein Instrument leise oder laut, langsam oder schnell anklingen lassen? Und wie nehmen sie dieses Instrument als passiver Zuhörer wahr? Können sie Stimmungen in instrumentale Töne verwandeln? Verleiten sie diese Klänge dazu, sich im Raum zu bewegen? Können sie über und mit Instrumenten miteinander kommunizieren?

Die Sprache von Musik, Spiel und Bewegung
Musik, Spiel und Bewegung bauen Interaktion auf, wo Sprache vielleicht noch nicht ausreichend vorhanden ist. Die Behinderung tritt dabei in den Hintergrund.
„Als das Quagong vom Himmel fiel“ heißt unsere Klanggeschichte, die wir in über dreißig Einrichtungen mit unerwartet großem Erfolg umsetzen. Der Inhalt dieser Geschichte ist schnell erzählt: Im Zoo von Barumba herrscht große Aufregung. Mitten in der Nacht ist hier ein Paket mit einem Fallschirm gelandet. Die Tiere sind verwirrt. Es kracht und rauscht und klopft in dem Paket. Ein Quagong soll darin stecken? Ja, aber was ist das nur? Etwas zum Fressen? Ein fremdes Tier oder gar ein Ungeheuer? So etwas hat man hier im Zoo ja noch nie gesehen! Auf seiner Wanderung von Gehege zu Gehege muss das Paket allerhand aushalten, denn jedes Tier geht auf seine eigene Weise damit um und will es vor allem wieder loswerden. Welches Kind hat Lust, das Paket auf seiner Reise durch den Zoo zu begleiten und das Rätsel gemeinsam mit den Tieren zu lösen?

Der Handlungsstrang ist bewusst einfach gehalten, mit immer wiederkehrenden Elementen, um ein Verstehen auch für spracharme Kinder zu ermöglichen. Unser Augenmerk liegt darauf, dass sich alle Kinder – behindert und nicht behindert – aktiv an der Umsetzung beteiligen können. Im pädagogischen Konzept finden sich neben einem theoretischen Hintergrund auch zahlreiche Hinweise und Tipps für die konkrete Umsetzung der Klanggeschichte mit vorhandenen oder selbst gestalteten Instrumenten. In unserem Fall konnten wir die Instrumente der „Klang-Räume-Ausstellung“ (www.klang-raeume.de) nutzen. Durch die einzelnen Bausteine „Bilder – Text – Lied – Instrumente“ kann die Geschichte in ihrer Komplexität ohne weiteres an die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe angepasst werden.

Mit fliegenden Zauberkissen in den Zoo schweben
Wie kann man sich die Umsetzung der Klangeschichte nun in der Praxis vorstellen? Wir haben für den Einstieg einen Sitzkreis mit Kissen gewählt. Natürlich keine gewöhnlichen Kissen, sondern Zauberkissen, die fliegen können. Die Kissen von uns Erwachsenen fingen plötzlich zu wackeln an und tatsächlich, jedes Kind konnte das Rütteln und Ruckeln des eigenen Kissens unter dem Po spüren, als wir langsam vom Boden abhoben und einem unbekannten fernen Ziel zusteuerten. „Achtung! Eine Wolke, duckt euch!“ „Festhalten, der Wind pfeift uns um die Ohren!“ „Schschscht! Schschscht!“ Die Kinder stimmten mit ein in das Spiel, und aufgeregte Gesichter blickten uns erwartungsvoll an, als die Kissen ruckartig zur Landung ansetzten.

Ja, aber wo waren wir nur? Schön warm war es an unserem Ziel und überall standen Palmen und andere fremde Bäume. Vermutungen wurden geäußert und wieder verworfen, bis sich herausstellte, dass wir in einem Zoo gelandet waren. Welche Tiere da wohl auf uns warteten? Ein Rätsel mit typischen Merkmalen dieses ersten Tieres lockte die Kinder auf eine Fährte. Hatten uns die Zauberkissen doch direkt ins Gehege der Elefanten gebracht. Gemeinsam betrachteten wir die Elefantenbilder der Klanggeschichte und überlegten, wie ein Elefant sich wohl bewegte: Trampelnd? Tippelnd? Laut? Leise? Schnell? Langsam?

Für jedes Tier ein Instrument
Wer wollte, durfte in Spezialschuhe mit Metallplatten an den Sohlen schlüpfen und auf einer Bodenplatte mit unterschiedlichen Belägen nach Elefantenart trampeln und das Paket mit dem kleinen Fallschirm schütteln. Das lag nämlich auch auf der Bodenplatte. Nur hineinschauen durfte man nicht. Sehr lebendig, mit Bildern, Geräuschen und viel Gestik und Mimik beschrieben wir, wie das Paket von den Elefanten zum nächsten Tier, der Giraffe, weitergegeben wurde. Hier verkörperte eine Klangwippe den Giraffenhals, an dem das Paket schließlich ins nächste Gehege hinunterglitt. So bildeten auch hier Klang und Bewegung eine Einheit, als die Kinder Paket sein und auf der Wippe rutschen durften.

Jedem Tier im Zoo war ein eigenes Instrument zugeordnet und die Kinder konnten an den einzelnen Stationen aktiv erfahren, wie sich die Stimmung der Tiere von Neugier über Erstaunen bis hin zum Erschrecken mit unterschiedlichem Anklingen der Instrumente darstellen ließ. Am Ende, als das Rätsel um das geräuschvolle Paket gelüftet und das Radiogerät herausgeholt war, durften alle Instrumente gleichzeitig gespielt werden. Für uns war es interessant zu beobachten, wie die Kinder meist zuerst sehr handfest an die Instrumente herangingen und mit der Zeit von selbst leise Töne anschlugen. Vereinzelt entstanden sogar kleine Dialoge zwischen den Instrumenten, die Kinder stimmten sich aufeinander ein.

Selbst bei den schwer mehrfach behinderten Kindern konnten wir erkennen, dass sie sich auf die – stark reduzierte – Geschichte einließen. Entspannte Körperhaltungen, spontanes Lächeln oder auch stilles Verharren zeigten uns, wie positiv sie auf das Anklingen und die Vibrationen der einzelnen Instrumente reagiert haben. Auch für uns Erwachsene war diese Klanggeschichte ein bereicherndes Erlebnis, das wir nicht missen und gerne wiederholen möchten.

Zum Buch:
Titel: Als das Quangong vom Himmel fiel
Verlag: Sobella Verlag
Preis: 15,- EUR + Versand (2,20 EUR)
Zu bestellen unter www.sobella.de

Autorinnen: Sandra Werner-Kreßmann, Ulrike Hildenbrand, Nadine Michling 


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