Bericht

Hauptschüler lesen vor, Grundschüler hören zu

07.12.2006

Vorlesen als Brückenschlag zwischen den verschiedenen Schulformen


In die Lektüre versunkener Junge
In die Lektüre versunkener Junge
Die Idee zu „Hauptschüler lesen vor“ kam Helga Wolff vor zwei Jahren beim Besuch eines Vorlesewettbewerbes für Hauptschüler. Mit dem Projekt möchte die erste Vorsitzende der Lesewelt München Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund erreichen.  Es zielt auf die langfristige Einrichtung einer wöchentlichen Vorlese-AG ab, für die vor allem die wenig lesefreudigen Jungen als freiwillige Vorleser gewonnen werden sollen. Das Projekt verbindet nicht nur die Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte, sondern auch die beiden Schularten.

Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, lebendig und engagiert an Grundschulen, in Kindergärten oder in Horten den „Kleinen“ vorzulesen und die eigene Begeisterung im Rahmen von Vorlese-AGs an sie weiterzugeben. Pädagogische Unterstützung erhält die Lesewelt München dabei von Kultur & Spielraum e.V. Im ersten Jahr wurde das Projekt von der Aktion Mensch und der Stadtsparkasse München finanziert, im zweiten Jahr vom Fonds Soziokultur.

Vorbereitung von Bücherauswahl bis Sprachschulung
Im zweiten Jahr von „Hauptschüler lesen vor“ beteiligen sich zwei Hauptschulen aus München an dem Projekt um das freiwillige Vorlesen: die Hauptschule an der Bernaystraße in Harthof und die Hauptschule an der Zielstattstraße in Obersendling-Fortenried. An beiden Schulen zeigten sich Kollegium und Schulleitung von der Idee begeistert und halfen engagiert bei deren Verwirklichung mit. Doch bevor die ehrenamtlichen Vorleser loslegen konnten, wurden sie eine Woche lang intensiv auf ihren Einsatz vorbereitet. In Gruppen zwischen 12 und 15 Teilnehmern wurden die Schülerinnen und Schüler von einer Theater- und einer Sozialpädagogin drei Stunden pro Vormittag in der Kunst der richtigen Buchauswahl und Textbearbeitung unterwiesen. Auch Stimm- und Sprachschulungen sowie die Körpersprache standen auf dem Programm. Ganz nebenbei verbesserten die Hauptschüler auch noch ihr Team- und Kommunikationsverhalten.

Mit der Lese-Rallye zu mehr Selbstvertrauen
Nach dem Ende der Schulungswoche absolvierten die Vorleserinnen und Vorleser ihre Feuertaufe im Rahmen einer Lese-Rallye, bei der die bearbeiteten Bücher vor den versammelten Grundschülern vorgestellt wurden. Das Lampenfieber war schnell verflogen, denn für den ersten Auftritt der Vorleser gab es von allen Seiten viel Lob und Anerkennung sowie ein Zertifikat von Kultur & Spielraum. Gestärkt in ihrem Selbstvertrauen, fanden sich die Hauptschülerinnen und -schüler schnell in Gruppen zu zweit zusammen und begannen mit den Vorlese-AGs, in denen sie in ihrer Freizeit zwischen fünf und acht Grundschülerinnen und -schüler mit auf eine Phantasiereise in die Welt der Literatur nehmen.

Trotz anfänglichem Lampenfieber waren am Ende alle Vorleser in ihrem Selbstvertrauen gestärkt, begeistert und sie wollten das Projekt fortführen. Mittlerweile gibt es in beiden Hauptschulen eigene Vorlesezimmer und Schulbibliotheken. Begleitet werden die AGs von ehrenamtlichen Vorlesern der Lesewelt München und einer Lehrkraft, dem „Vorleser“ der jeweiligen Hauptschule.

Vorleseteams im außerschulischen Einsatz
Eine Stunde vor Beginn der wöchentlichen AG an der Zielstattstraße trafen sich die Hauptschüler mit ihren Betreuern und bereiteten die eigentliche Lesung vor, bevor sie ihre Gruppe in den Vorleseräumen der Schule empfingen, in die auch Kinder aus dem benachbarten Hort kamen. Vorgelesen wurden nicht nur Geschichten, sondern auch Gedichte und Reime. Unter Anleitung der Hauptschüler gestalteten die Grundschüler ihr eigenes Lesebuch, in das sie Bilder zu den Geschichten malten oder besonders schwierige Wörter und ihre Bedeutung vermerken konnten.

Auch außerhalb der Schule waren die „mobilen Vorleseteams“ im Einsatz und zeigten ihr Können, beispielsweise beim Besuch in der Stadtbibliothek, bei den Erzähltagen in der Jugendkulturwerkstatt Seidlvilla oder den Büchervorstellungen in der nahegelegenen Hortgruppe. Ein gemeinsamer Besuch der Münchner Bücherschau im Dezember diente dem Erfahrungsaustausch von Schülern und Lehrern der beiden Schulen. Für die zweite Hälfte des Schuljahres 2006/2007 werden derzeit noch Finanzierungsmöglichkeiten sowie eine zusätzliche Grund- und Hauptschule, die sich am Projekt beteiligen wil, gesucht.

Autor: Matthias Denke


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