interview

Die Scham war zu groß

08.11.2006

Das Versteckspiel einer Analphabetin




Nicht jeder kann lesen und schreiben!
Nicht jeder kann lesen und schreiben!
QUELLE: Photocase
Lesen in Deutschland: Wie kam es dazu, dass Sie nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben?

Neumann: Ich komme aus einem nicht intakten Elternhaus und war dadurch oft krank. Ich fehlte regelmäßig in der Schule und konnte mich auch nicht richtig konzentrieren. So entstanden schnell große Lücken und weder meine Eltern noch die Lehrer haben sich Mühe gegeben, diese zu schließen. Und so habe ich mich schließlich durch die Schule gemogelt. Alle wussten, dass ich nicht so gut lesen und schreiben konnte, ich habe vor allem Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung, aber irgendwie habe ich nach einer Klassenwiederholung sogar den Schulabschluss geschafft.

Lesen in Deutschland: Sie sind jetzt Ende Fünfzig. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Lese- und Schreibschwäche so lange geheim zu halten?

Neumann: Ich habe das wunderbar hingekriegt. Nach der Schule habe ich keine Lehre gemacht, sondern in einer Fabrik gearbeitet. Dort musste ich nicht schreiben. Doch das reichte mir nicht, ich wollte mich beruflich verändern und habe mich bei einer Versicherung beworben. Damals war es noch einfach, eine Stelle zu bekommen, auch wenn man keine Ausbildung hatte. Bei der Bewerbung hatte ich Hilfe und ich besorgte mir Unterlagen, anhand derer ich die Bewerbung ausfüllte. Man lernt geschickt, die Schreibhürden zu umgehen. Und so wurde ich angenommen.

In der Versicherung musste ich Daten nach Vorlagen eingeben, die ich abschreiben konnte, das war auch nicht so problematisch. Erst als mein Sohn in die Schule kam, wurde es schwieriger. Wenn er mich gefragt hat, habe ich ihm so gut ich es konnte geholfen. Meist hat dies aber mein Mann übernommen. Er hat schnell gemerkt, dass ich nicht richtig schreiben konnte, auch wenn ich zunächst versucht habe mich herauszureden, dass er die schönere Schrift habe. Aber dann haben wir offen über meine Schreibschwäche gesprochen und anschließend hat er das Schreiben in der Familie übernommen. Je mehr er es gemacht hatte, desto schlimmer wurde es aber bei mir. Ich zog mich immer mehr zurück und wurde dadurch immer unsicherer.

Hartmann: Das ist genau der Punkt. Wir vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) nennen Menschen, die nur unzulänglich lesen und schreiben gelernt haben, funktionale Analphabeten. Sie wollen zwar schreiben, vermeiden es aber, weil sie so viele Fehler machen und sich nicht blamieren wollen. Das Problem ist nur, dass man Lesen und Schreiben, anders als Radfahren und Schwimmen, verlernt, wenn man es nicht anwendet. Und so können sie es schließlich gar nicht mehr.

Lesen in Deutschland: Haben Sie Ihrem Sohn gesagt, dass Sie nicht so gut schreiben können?

Neumann: Ja, aber erst vor zwei Jahren. Er ist jetzt dreißig. Ich habe mich zu sehr geschämt. Aus diesem Grund möchte ich auch meinen Namen nicht nennen. In meinem Bekanntenkreis weiß es keiner. Es würde auch niemand vermuten. Man vermeidet darüber zu sprechen. Mein Sohn hat auch nie gefragt, es war selbstverständlich, dass Papa geschrieben hat und dass Papa die Hausaufgaben kontrolliert und mit ihm geübt hat. Und weil er ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater hat, ist es ihm auch nie merkwürdig vorgekommen.

Im Beruf hatte ich lange Zeit Glück. Als mein Sohn zehn Jahre war, fing ich wieder an zu arbeiten und bekam in der Firma, in der auch mein Mann arbeitete, eine Stelle. Ich saß in der Zentrale. Wenn ich unsicher war, wie ein Wort geschrieben wurde, habe ich einfach meinen Mann angerufen und ihn gefragt. Außerdem habe ich am Computer viel mit der Korrekturtaste gearbeitet. Man lernt sich zu helfen. Erst als ich meine Arbeit verlor, wurde es schwierig. Ich war ein Jahr arbeitslos und bin in ein tiefes Loch gefallen und habe gedacht, jetzt hast du die Gelegenheit, jetzt hast du Zeit und kannst anfangen, lesen und schreiben zu lernen. Und dann habe ich beschlossen, einen Kurs an der Volkshochschule (VHS) zu besuchen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits 56 Jahre alt.

Lesen in Deutschland: Wie sind Sie darauf gekommen, einen Volkshochschulkurs zu besuchen?

Neumann: Ich sah die Werbe-Spots für diese Kurse im Fernsehen. Schon vor Jahren habe ich gedacht, dass ich unbedingt solch einen Kurs besuchen müsste. Aber dann traute ich mich nicht und fand tausend Ausreden. Und ich hatte ja auch wirklich wenig Zeit, ich war voll berufstätig. Aber dann hatte ich schließlich keine Ausreden mehr und dachte, so jetzt gehst du hin.

Hartmann: Die Kampagne läuft seit 1998 im TV. Viele Analphabeten werden dadurch auf uns aufmerksam und rufen uns anschließend an. Wir sind als Bundesverband außerordentlich stolz, dass die Kampagne gegen Analphabetismus in der Öffentlichkeit so greift. Wir haben die Kampagne hier in Düsseldorf kreiert. Die Agentur Grey hat in unserem Haus mit Dozenten und Kursteilnehmern gesprochen, bevor diese Spots entstanden sind, und das macht sie so authentisch. Jeder der diese Spots sieht, sagt, ja, genauso ist es bei mir. Die Werbeleute haben ein ungeheures Gespür gehabt, wie man das, was die Betroffenen geschildert haben, in 30 Sekunden überträgt. Das ist sehr wirkungsvoll und darum werden diese Spots bis heute ausgestrahlt.

Früher war es allerdings so, dass eher ältere Menschen zu uns kamen, die erst ein Krisenerlebnis, wie den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Trennung des Partners verkraften mussten, bevor sie sich zu einem Kurs anmeldeten. Heute besuchen unsere Kurse auch sehr viele junge Leute, die oft gerade erst die Schule verlassen haben und die ohne Lese- und Schreibkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelt werden können. Ihr Berater aus der Arbeitsverwaltung schickt sie zu uns, was verständlich, aber oft nicht sehr hilfreich ist. Ihnen fehlt nämlich die Motivation, lesen und schreiben zu lernen und darum ist die Fluktuation bei den jungen Leuten in unseren Kursen relativ hoch. Um diese jungen Menschen zu erreichen, haben wir jetzt einen Musikspot mit einer jungen Sängerin, Anna Yina aus Hamburg, gedreht, der in Musiksendern wie MTV oder VIVA ausgestrahlt wird. Wir versuchen durch viel Öffentlichkeitsarbeit die Tabuschwelle, die in unserer Gesellschaft existiert, weiter zu senken und den Zugang zu den Kursen für die Betroffenen damit zu erleichtern.

Lesen in Deutschland: Sind die politischen Bemühungen, etwas gegen den funktionalen Analphabetismus in Deutschland zu unternehmen, in den letzten 25 Jahren stärker geworden?

Hartmann: Als wir vor 25 Jahren mit dem Alphabetisierungsprogramm an der VHS in Düsseldorf anfingen, wurde nur der Kopf geschüttelt. Man glaubte nicht wirklich daran, dass es bei uns so viele Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche gibt. Erst durch den großen Zulauf der Teilnehmer wurde klar, dass dieses Problem existiert.
Heute unterstützt das Bundesbildungsministerium Projekte wie das so genannte Alpha-Mobil oder das FAN-Projekt. Die könnte der BVAG sonst nicht machen. Das Alpha-Mobil ist ein Auto, das mit Informationsmaterial ausgestattet ist, und mit dem wir durch die Lande zu bestimmten Aktionen reisen. Im Rahmen des FAN-Projektes verteilen wir das Faltblatt Schreib-doch-mal mit allgemeinen Informationen und Ansprechpartnern der VHS an die Fußballspielbesucher. Man findet dort einen großen Querschnitt durch die Gesellschaft. Die Vereine unterstützen uns dabei.

Lesen in Deutschland: Was ist es für ein Gefühl, durch die Welt zu gehen und nicht richtig lesen und schreiben zu können? Fühlt man sich ausgegrenzt?

Neumann: Im Allgemeinen geht es, denn ich kann ja auch etwas schreiben, es ist nicht so, dass ich vor einem Schild stehe und es nicht entziffern kann. Ich lese auch Bücher. Es ist mehr die Rechtschreibung, die mir große Probleme macht. Aber wenn ich in Situationen komme, in denen ich gefordert werde, wie zum Beispiel in der Bank, dann gerate ich in Panik. Dann weiß ich nicht, wie ich es schaffen soll und habe Angst, Fehler zu machen.

Lesen in Deutschland: Wann haben Sie den Kurs begonnen?

Neumann: Vor eineinhalb Jahren. Seitdem ist es auch viel besser geworden. Ich bin wieder selbstbewusster, ich schreibe jetzt bewusst auch wieder. Ich lasse es nicht mehr meinen Mann erledigen. Ich mache es selber und frage ihn dann, ob es richtig ist. Ich schreibe jetzt sogar wieder Briefe.

Lesen in Deutschland: Wie lange sollte man einen Kurs an der VHS besuchen, bis man lesen und schreiben kann?

Hartmann: Ich habe erst gestern mit einer Dozentin darüber gesprochen, wie unterschiedlich das ist. Das hängt von den Lernmöglichkeiten und Voraussetzungen ab, die die Teilnehmer mitbringen, wenn sie hierher kommen. Um die Grundlagen des Lesens und Schreiben zu erlernen, braucht man als Kind in der Grundschule zwei Jahre. Das geht bei einem Erwachsenen auch nicht schneller. Nur wird in der Grundschule an fünf Tagen in der Woche gelernt, auch in den anderen Fächern als dem Lernbereich Sprache. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen zweimal in der Woche für eineinhalb Stunden. Wir haben in Düsseldorf in diesem Semester circa 90 Teilnehmer, die sich auf acht Kurse verteilen. In den meisten Kursen gibt es eine Doppeldozentur, so dass man die Gruppen noch einmal unterteilen kann. Beide Dozenten sind in einem Kursraum tätig und arbeiten mit wechselnden Gruppen, so können sie auf den Einzelnen besser eingehen. Wir machen insofern das, was wir von der Schule fordern: individuelle Förderung.

Lesen in Deutschland: Ist es nicht angenehm, Menschen zu treffen, die in einer ähnlichen Lage sind?

Neumann: Ja, auf jeden Fall. Man merkt, dass man nicht allein ist. Oft denkt man, man ist die Einzige, die nicht lesen und schreiben kann, andere können das alles, nur du nicht. Und wenn man dann die Kurse besucht und sieht, dass andere vielleicht sogar noch ein bisschen schlechter sind als man selbst, dann spürt man, dass man nicht allein mit dem Problem ist und es auch schaffen kann. Ich habe es schon sehr bereut, nicht früher einen Kurs besucht zu haben, aber die Scham war zu groß.


Rainer Hartmann (58 J.) ist Diplom-Pädagoge. Er war unter anderem 14 Jahre in der Lehrerfortbildung tätig und leitet seit 12 Jahren den Fachbereich Alphabetisierung und Grundbildung in der VHS Düsseldorf. Er ist seit 1996 Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und hat sich dort insbesondere für die bundesweite Kampagne ‘Schreib dich nicht ab, lern lesen und schreiben!’ engagiert. Derzeit läuft hierzu in den Filmkunstkinos vieler Städten ein Dokumentarfilm ‘Das G muss weg’, an dem Lernende und Lehrende aus der VHS Düsseldorf mitgewirkt haben.

 

Autorin: Petra Schraml


Redaktionskontakt: schraml@digitale-zeiten.de