interview

„Guck mal übern Tellerrand“

18.10.2006

Kinder- und Jugendliteratur aus Asien, Afrika und Lateinamerika


Eva Massingue
Eva Massingue
Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. setzt sich mit ihren Projekten und Aktionen dafür ein, die Literatur aus diesem Teil der Welt im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Lesen in Deutschland sprach mit der Projektleiterin Eva Massingue über die Ziele der Aktion „Guck mal übern Tellerrand“.



Lesen in Deutschland: Das Projekt „Guck mal übern Tellerrand“ wird getragen von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. Welche Aktionen und Ziele stehen im Programm der Gesellschaft?

Massingue: Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. wurde im Jahr 1980 von Journalist/innen, Verleger/innen, Übersetzer/innen, Professorinnen und Professoren, Mitarbeiter/innen der Kirche, von Entwicklungshilfeorganisationen und der Frankfurter Buchmesse gegründet. Die Frankfurter Buchmesse präsentierte mit dem damaligen Messeschwerpunkt Schwarzafrika erstmals die Vielfalt der Literaturen dieses Kontinents einer internationalen Öffentlichkeit. Unser Titel ist zugleich auch unser Programm: Wir wollen Literatur aus dem Süden der Welt, damals sagte man noch „Dritte Welt“, fördern und helfen, ihren legitimen Platz in der Weltliteratur einzunehmen. Das versuchen wir mit verschiedenen Projekten und Aktionen zu erreichen: Wir helfen bei der Kontaktaufnahme mit Verlagen, mit Literaturagenturen, mit einem Übersetzungsförderungsprogramm und mit Schwerpunktsetzungen, in denen wir uns für die Förderung bestimmter Länder besonders einsetzen.
Außerdem führen wir einen Literaturklub, der Büchern, die es auf dem Buchmarkt schwer hätten, hilft, bekannter zu werden. Wir bringen die Zeitschrift LiteraturNachrichten heraus, die vierteljährlich über Tendenzen, Bücher, Preise, Autoren und Autorinnen sowie „Literaturpolitik“ aus dem Süden der Welt informiert, und wir veröffentlichen alle zwei Jahre den Katalog QUELLEN - Zeitgenössische Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika in deutscher Übersetzung.

Lesen in Deutschland: Welche Rolle spielt dabei das Projekt „Guck mal übern Tellerrand“?

Massingue: Die Aktion „Guck mal übern Tellerrand“ wurde sechs Jahre später ins Leben gerufen und will genau wie die Gesellschaft, die Literatur der südlichen Hemisphäre bekannter machen, hat aber den Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur. Verbunden ist damit ein Engagement an Schulen, um die Literatur der südlichen Hemisphäre in einzelnen Fächern und Schulbibliotheken zu etablieren.
Wir arbeiten seit einiger Zeit sehr eng mit Lehrern zusammen, was sich sehr gut anlässt. Wir bieten ihnen, aber auch allen anderen Interessierten, eine Literatur-Empfehlungsliste an, die regelmäßig aktualisiert wird und gerade jetzt zur Frankfurter Buchmesse neu aufgelegt wurde und auch online auf unserer Website einzusehen ist. Aus den lieferbaren und aus ausgewählten bereits vergriffenen Büchern stellen wir Bücherkisten zusammen, die auf Wunsch für ca. vier bis sechs Wochen an Schulen und andere Bildungseinrichtungen ausgeliehen werden.

Als Anregungen für Aktionen und Projekte in Kindergärten und Schulen haben wir einen Leitfaden in Buchform herausgebracht, der ebenfalls „Guck mal übern Tellerrand“ heißt, und der den Lehrkräften anhand von Beispielen wie „Straßenkinder“ oder „Kinderarbeit“ und ausgewählten Büchern zeigt, wie sie die Literatur sinnvoll in den Unterricht einbinden können. In Lehrerfortbildungen zeigen wir auf, wie Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika im Unterricht behandelt werden kann. Anlässlich des Gastlandauftrittes auf der Frankfurter Buchmesse gab es von uns eine Einführung in die moderne indische Literatur, und für den 5. November ist eine weitere Veranstaltung am Beispiel des indischen Autors Rohinton Mistry und seines Romans „Familiy Matters“ vorgesehen. Weitere Veranstaltungen sind zu afrikanischer Literatur und zum „roman beur“ geplant.

Lesen in Deutschland: Inwiefern unterscheidet sich die Literatur der südlichen Hemisphäre von der der nördlichen?

Massingue: Eigentlich gar nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die Bücher „aus dem Süden“ lesen, oft gar nicht merken, in welchem Land die Geschichte spielt. Ich habe z.B. Schülerinnen und Schüler ein Buch lesen lassen, das im Iran spielte, eine spannende Geschichte aus dem winterlichen Zagros-Gebirge. Dass diese Geschichte im Iran spielte, ist nur einem Kind aufgefallen. Für Kinder ist es viel wichtiger, dass ein Buch spannend geschrieben ist und sie beschäftigt. Es kommt nicht so sehr darauf an, woher es kommt.

Lesen in Deutschland: Was lernen die Kinder aus den Büchern aus Afrika, Asien und Lateinamerika?

Massingue: Ich denke, dass Kinder unterschwellig lernen, den Rest der Welt wahrzunehmen. Bisher hat sich Europa sehr auf seine wunderbare Unwissenheit zurückgezogen. Im Zuge der Globalisierung müssen wir uns aber immer mehr damit beschäftigen, dass ein „restlicher“ Teil der Welt existiert, und dass es dort auch hochwertige Literatur gibt.
Ich habe gerade jetzt während der Buchmesse festgestellt, dass Inder erheblich mehr über Deutschland wissen, als Deutsche über Indien. Und wenn man, so wie wir, Leseförderung betreibt, ist es wichtig, diese Ignoranz aufzubrechen und Kindern und Jugendlichen Literatur anzubieten, in denen sie möglichst viel über andere Länder, Kulturen und Lebensweisen erfahren.

Lesen in Deutschland: Sie tragen mit Bücherkisten und umfangreichen Literaturlisten fremdländischer Literatur sehr zur Leseförderung an deutschen Schulen bei. Wie reagieren Eltern, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher auf die Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika?

Massingue: Im Allgemeinen sehr aufgeschlossen und interessiert. Viele Lehrkräfte berichten, dass es ein großer Erfolg war, Kindern oder Jugendlichen, sogar jungen Erwachsenen eine größere Auswahl Bücher anzubieten, sie zum Schmökern zu verführen und Aktionen mit den Büchern durchzuführen.

Und was man nicht vergessen darf: Es gibt in Deutschland viele Menschen mit Migrationshintergrund. Für sie ist es eine große Bereicherung, in Büchern aus Afrika, Asien oder Lateinamerika die rein deutsche Sicht auf die Welt außen vorzulassen und ihre Herkunftskulturen aufgewertet zu sehen.

Lesen in Deutschland: Sie feiern nächste Woche Ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Wie werden Sie das begehen?

Massingue: Wir werden in der Evangelischen Akademie Iserlohn eine Jubiläumsveranstaltung zum Thema „Afrika – Guck mal übern Tellerrand. Literatur und Globales Lernen“ durchführen. Viele Aktive, die unsere Arbeit über Jahre begleitet haben, werden teilnehmen, aber nicht nur „alte Bekannte“. Ich verspreche mir auch neue Anregungen und Kontakte von dieser Tagung und neue Netzwerkverbindungen – und bin schon sehr gespannt!

 

Eva Massingue, 1954 geboren, studierte Ethnologin und Historikerin. Sie arbeitet seit acht Jahren bei der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika und als Projektleiterin der Kinder- und Jugendbuchaktion „Guck mal übern Tellerrand“. Sie ist weiterhin als freiberufliche Autorin und Journalistin tätig. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Literatur und Interkulturalität, bevorzugt einer Kombination aus beiden.

 

Autorin: Petra Schraml


Redaktionskontakt: schraml@digitale-zeiten.de