Bericht

Lesemüde Väter lesemüder Söhne

23.08.2006

... brauchen Muntermacher wie das Buch „Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können“


Cover des Buches
Cover des Buches "Warum Jungen nicht lesen und wie wir das ändern können"
Die studierte Volkswirtin und ZDF-Journalistin Kathrin Müller-Walde beschäftigt sich in dem Buch „Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können“ mit dem Phänomen der zunehmenden Leseunlust von Jungen. Anstoß für ihren Entschluss, ein Buch zu schreiben, waren nicht zuletzt ihre Erfahrungen als Mutter eines zeitweise lesemüden Sohnes. Das Buch ist eine gute Einführung in die Problematik und gibt  Lehrenden aber besonders Eltern sinnvolle Hintergrundinformationen sowie Anregungen, wie sie ihren Sohn zum Lesen verführen können, wichtig ist die Erkenntnis, wie dringend Jungen männliche lesende und vorlesende Vorbilder brauchen. Erfahrenen Leseförderungsexperten wird jedoch schnell die ein oder andere Verkürzung nicht nur des Phänomens der „Leseschwäche“ auffallen.        

Ursachenforschung zwischen Gehirn und Gesellschaft 
In dem 240 Seiten starken Buch widmet sich die Autorin im ersten Teil der Ursachenforschung, der Bedeutung des Lesens in verschiedenen Altersstufen und dem  Lesen aus neurologischer Sicht. Hier stellt die Autorin fest, dass das Gehirn per se nicht für das Lesen vorgesehen ist. Doch laut Müller-Walde kann das weibliche Gehirn dieses Defizit besser ausgleichen als das männliche. Es folgt eine gut verständliche, wenngleich auch aus wissenschaftlicher Sicht verkürzte Erklärung über die verschiedenen Funktionsweisen weiblicher und männlicher Gehirne, genetisch vorprogrammierter Strukturen und äußerer Einflüsse. Auch Begriffe wie Sprachfenster und das länger geöffnete Lesekompetenzfenster erörtert die Journalistin auf einem populärwissenschaftlichen Niveau.

Diese Form von Wissenschaftlichkeit erklärt zwar anschaulich eine Tendenz, hat jedoch einen zu pauschalisierenden Zug, besonders was die Erklärung der Funktionsweisen des „weiblichen“ und des „männlichen“ Gehirns betrifft. Hier spricht Müller-Walde beispielsweise von der Frau, bei der beide Gehirnhälften aktiv sind und von dem Mann, bei dem jeweils eine Gehirnhälfte in schubladenartiger Form aktiv sei, wobei sich bei vielen Leserinnen und Lesern die männliche oder weibliche Gehirnwindung beim alleinigen Lesen solcher Zeilen widerwillig winden wird …                

Entweder oder, oder sowohl als auch?
Schließlich erklärt Kathrin Müller-Walde warum sie die allgemeine Jungenförderung ganz nach dem Motto „Jungen fördern, Mädchen sind schon stark genug!“ für wichtig hält. Argumentativ unterlegt sie diese Forderung mit der Tatsache, dass Mädchen in den vergangenen Jahrzehnten bildungspolitisch bevorzugt worden sind. Aus diesem Grunde seien Mädchen – „gemessen am Nachholbedarf der Jungen und gemessen an gestellten Zukunftserwartungen – inzwischen stark genug“. Dieses Plädoyer ist jedoch hinsichtlich seines Entweder-Oder-Charakters fraglich. So machen die Ansätze und Umsetzung der Mädchenförderung schließlich nicht bei puren und pragmatischen Bildungsthemen halt, sondern fordern im Sinne der Gender-Diskussion eine Verfestigung und Kultivierung eines Bewusstseins und Handelns als Mädchen und junge Frau, das auch in vielen außerschulischen und nicht an reinen Bildungsthemen gebundenen Initiativen „trainiert“ wird. Gemessen an den vielen Jahrhunderten des ungesunden Ungleichgewichtes zwischen den Geschlechtern, kann von einem pauschalem „Mädchen sind schon stark genug, deswegen können wir die Mädchenförderung links liegen lassen und allein Jungen fördern“, die Müller-Waldes Plädoyer für die Jungenförderung mitschwingen lässt, nicht die Rede sein.

Vielmehr wäre an ein Nebeneinanderstehen und Sichergänzen und im Dialog stehender Mädchen- und Jungenförderung oder auch von einem zeitweisen unterrichtsbedingten Abschied des koedukativen Unterrichtes zu denken. Die Geschlechterforschung würde so wertvolle Impulse erhalten. Müller-Walde verweist in ihrem Sachbuch immer wieder auf die Schwierigkeit von Jungen angesichts eines sehr heterogenen und sich zugleich stark verändernden Rollenideals, einen für sich passablen männlichen Weg einzuschlagen. Kein neuer aber dennoch ein wichtiger Hinweis, der mit sich zieht, dass Jungen Vorbilder brauchen und die weiblich dominierte Lese- und Genderdomäne männlichen Zuwachs braucht, wenn das Thema Jungenförderung wirklich ernst genommen wird. Müller-Waldes Appell an alle Väter, sich ein Buch zur Hand zu nehmen, kann hier also nur unterstützt werden und als Appell an die oft auch weiblich besetzte Jungenförderung und folglich Leseförderungsszene für Jungen weitergegeben werden. Es fehlt an Männern, die sich der Leseförderung von Jungen als Buchautoren einem Thema verschreiben, wie es Kathrin Müller-Walde tat. Auch Dr. Gudrun Stenzel, Mitglied der Redaktion der Zeitschrift“Jugendliteratur und Medien“, wies zum Thema Leseförderung für Jungen auf die Gefahr hin, dass die weibliche Sicht eine zu defizitbetonte Sicht auf dieses Thema sei.

Zu allgemeinen Bildungsthemen beweist die Fernsehjournalistin Müller-Walde andererseits einen sehr erfrischenden und ganztagsschulfreundlichen Blick. Wo sie, wie die Leseforscherin Prof. Christine Garbe formuliert, „alle ideologischen Scheuklappen ablegt und jede Art von Bildungsdünkel à la Schülerkanon der ZEIT oder political correctness ignoriert.“    

Quadratisch, pragmatisch, gut
Der zweite Teil des Buches widmet sich Tipps und Ansätzen, was man tun kann, um Jungen zum Lesen zu bewegen. Doch fehlende Lesekompetenz wird hier vorrangig auf fehlende Lesemotivation zurückgeführt und somit verkürzt, stellt auch die Prof. Christina Garbe in ihrer Rezension, die in der Zeitschrift JuLit veröffentlicht wurde, fest. Es fehlt der Blick auf gesamtgesellschaftliche Aspekte. Die Situation von Kindern und Jugendlichen aus bildungsbenachteiligten Haushalten findet keine Erwähnung. Stattdessen geht die Verfasserin von den Erfahrungen ihres Milieus, der gebildeten Mittelschicht-Familie mit „Gymnasiasten-Kindern“ aus. Diese Eltern finden im zweiten Teil des Buches jedoch sehr sinnvolle Anregungen, wie, wann, wo und womit Sie ihr Kind zum Lesen anregen können. Lehrende finden gute Vorschläge. Zum Beispiel in dem von der Autorin aufgeführten 11- Punkte-Plan aus den Vereinigten Staaten, wie die Schule die Lesemotivation von Jungen verbessern kann. Andere Vorschläge hingegen wirken profan: So die Anregung, eine Power-Point-Präsentation im Unterricht zu verwenden, um ein Buch vorzustellen, denn „Jungen wollen nicht nur hören. Sie wollen technisch unterstützt sehen“.   

Der dritte Teil des Buches enthält schließlich eine Empfehlungsliste mit „50 Lesetipps von Jungs für Jungs“. Die Liste ist mit einer aufwendigen Recherchearbeit erstellt worden  und stützt sich auf eine Erhebung, die mit 2000 Heranwachsenden durchgeführt wurde. Hier sind Titel wie „Der Herr der Ringe“, Scott O`Dells „Insel der blauen Delfine“, Pullmans Trilogie „Der goldene Kompass“, „Das Bernsteinteleskop“, Michael Moores „Stupid White Men“ und auch Bücher von Autoren wie Dieter Bohlen, Ken Follet oder Stephen King aufgeführt. Jedes Buch wird in groben Zügen mit Inhalt und Zusatzinformationen vorgestellt. Unterteilt sind die Lesetipps in drei Altersgruppen (12 bis 14 Jahre, 14 bis 15 Jahre und 16 bis 18 Jahre), eine weitere Unterteilung ist die in „Spannung“, „Humor“ und „Action“. Außerdem ordnet die Autorin ihren Lesetipps ungewöhnliche aber dennoch hilfreiche „Leselevel-Bezeichnungen“ wie „für Lesemuffel“, „für Lesebeginner“ und „für Leseratten“ zu. Ein bis drei Sternchen vergibt Müller-Walde jeweils für den Grad des Tiefgangs eines Buches. Ein wertvoller Teil des Buches, in dem Eltern, Lehrende, Bibliothekarinnen und Bibliothekare eine Menge Lesestoff finden, der bei den meisten Jungs ankommen dürfte. Auf jeden Fall aber wird Kathrin Müller-Waldes Buch aus so manchem vorlesefaulen Vater einen wahren Motivationskünstler zaubern und hoffentlich die männlichen Lese- und Genderforscher wachkitzeln, ebenfalls Bücher zu diesem Thema aus männlicher Perspektive zu verfassen.       

Autorin: Katja Haug


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