interview

Cool muss es sein

16.08.2006

Beim Griff zum Buch achten Jungen vor allem auf Spannung, Abenteuer und das Geschlecht der Protagonisten




Cool und spannend soll es sein, wenn Jungen zum Buch greifen
Cool und spannend soll es sein, wenn Jungen zum Buch greifen
www.photocase.com

Christine Trager, Thalia Buchhandlung, Köln


Lesen in Deutschland: Hat Harry Potter die Klassiker der Jugendliteratur aus den Kinderzimmern verdrängt?

Christine Trager: Also Harry Potter hat eigentlich nichts verdrängt, sondern im Gegenteil viele Kinder zum Lesen gebracht. Ich kümmere mich schon seit vielen Jahren um die Kinder- und Jugendliteratur hier im Haus und habe die Entwicklung in den letzten vierzehn Jahren mitbekommen. Harry Potter hat unheimlich viele Kinder zum Lesen gebracht, die vorher nie gelesen haben, das war wie ein Domino-Effekt. Karl May wird hingegen kaum noch gelesen, die Klassiker wie Tom Sawyer vereinzelt. Was viel gelesen wird, sind die klassischen Jugendserien wie „Die Drei Fragezeichen“ oder „Die Fünf Freunde“.

Lesen in Deutschland: Wie unterscheiden sich die Lesegewohnheiten von Jungen und Mädchen?

Christine Trager: Es gibt ein Alter, in dem man bevorzugt das eigene Geschlecht als Identifikationsfigur nimmt. Da gibt es dann zum Beispiel das klassische Mädchenbild, eine nette Liebesgeschichte. Bei den Jungen soll es etwas Spannendes sein, es kann aber auch manchmal etwas sehr Literarisches sein. Wichtig ist dabei immer, welche Hauptfigur im Vordergrund steht.

Lesen in Deutschland: Wie muss Jungenliteratur geschrieben sein, damit sie auch die zumindest statistisch eher „lesefaulen“ Jungen erreicht?

Christine Trager: Das Buch, dass die Jungen anspricht, muss vor allem spannend und „cool“ sein, und es muss auch gleich vom Titelbild so rüberkommen. Mord und Totschlag, Ritter und Samurai, das sind die Themen, die Jungen begeistern.

Lesen in Deutschland: Können Sie sich das Phänomen der Leseschwäche erklären, das vor allem bei den Jungen zum Problem geworden ist?

Christine Trager: Also das würde ich so nicht bestätigen. Zu uns kommen allerdings auch nur die Leser, die Nichtleser haben wir ja nicht hier. Aber ich habe so viele begeisterte Jungen, die unheimlich viel lesen. Ich glaube allerdings, dass es immer schwieriger wird, man hat ja immer mehr Einflüsse von außen. Die Tage der Kinder sind oftmals total verplant, und wenn dann das Lesen in der Familie nicht vorgelebt wird, wird es sehr schwer für die Kinder.

Lesen in Deutschland: Lesende Eltern, ein wichtiges Vorbild für ihre Kinder?

Christine Trager: Ja, es ist unheimlich wichtig, dass man regelmäßig vorliest, und dass die Eltern das auch selber machen. Es ist auch wichtig, dass man den Kindern die Bücher erlaubt, die sie lesen wollen. Ich habe hier manchmal Kunden, die informieren sich über die Sachen, die Kinder gerne lesen, und die dann sagen „Das ist aber nicht literarisch genug“. Aber der erste Schritt ist doch, dass es den Kindern Spaß macht. Wir machen hier im Laden Führungen für Grundschulklassen, aber auch im Erwachsenenbereich. Ich führe die Kinder dann durchs Haus, einfach damit die Hemmschwelle gesenkt wird. Damit sie sehen, dass es da es etwas gibt, wenn sie zum Beispiel mal etwas zum Thema Bewerbung brauchen. Es ist wichtig, dass man den Kindern liebevoll und mit Spaß zeigt, „wir sind da“.


Jan, zwölf Jahre

Lesen in Deutschland: Welches Buch hast du dir ausgesucht?

Jan: Das neue Buch von den „Drei Fragezeichen“. Die lese ich gerne, weil sie spannend sind. Es macht Spaß, diese Bücher zu lesen.

Lesen in Deutschland: Wie bist du auf denn darauf aufmerksam geworden?

Jan: In der Bücherei. Nachdem ich meinen Ausweis bekommen habe, habe ich einfach mal geschaut, was ich interessant finde. Und dann bin ich auf die Drei Fragezeichen gekommen. Harry Potter habe ich auch gelesen.

Lesen in Deutschland: Wie viele Bücher glaubst du, liest du im Jahr?

Jan: So zehn Stück etwa.

Lesen in Deutschland: Wie gefallen dir die Bücher, die ihr im Deutschunterricht lest?

Jan: Die finde ich langweilig. Ich würde lieber etwas Witziges lesen, eher etwas Spannendes.


Petra Thiel, Buchhändlerin

Lesen in Deutschland: Welche Klassiker der Jugendliteratur lesen Jungen heute, und zu welchen aktuellen Bücher greifen sie?

Petra Thiel: Die Klassiker haben in der letzten Zeit einen echten Boom erlebt. Es werden mehr Klassiker gelesen, auch weil sie in verschiedenen Reihen etwas günstiger erschienen sind. Das hat noch einmal einen Schwung gegeben, und Eltern kaufen die Geschichten von Astrid Lindgren und Erich Kästner für ihre Kinder, weil sie die Bücher aus ihrer eigenen Kindheit noch kennen. Es gibt aber gerade im Fantasy-Bereich einen ziemlichen Run, der durch Harry Potter ausgelöst wurde. Es hält sich ein bisschen in der Waage: Es werden sowohl die Klassiker gekauft, als auch das, was nach Harry Potter nachgerückt ist.

Lesen in Deutschland: Wie unterscheiden sich die Lesegewohnheiten von Jungen und Mädchen?

Petra Thiel: Den Unterschied gibt es eigentlich nur bei den kleineren Kindern. Bis zehn Jahre sind sie noch ein bisschen pingelig und lesen unterschiedliche Sachen. Im typischen Grundschul-Alter lesen die Jungen gerne „Die Drei Fragezeichen“ oder Bücher, auf deren Cover Jungen abgebildet sind, und Mädchen lesen die typischen Pferde- und Freundschaftsgeschichten, in denen Mädchen die Hauptrolle spielen. Ab dem Alter von zehn Jahren löst sich das aber ziemlich auf und der Unterschied ist nicht mehr so stark. Der Fantasy-Trend ist bei Jungen und Mädchen gleich stark.

Lesen in Deutschland: Wie muss eine Geschichte heute erzählt werden, damit vor allem die Jungen auf die elektronischen Medien verzichten und zum Buch greifen?

Petra Thiel: Im Prinzip ist es schon so, dass Jungen mehr Action mögen, und Geschichten, die mehr in die Krimi-Richtung gehen, mit Abenteuer und Spannung. Mädchen lesen das zwar auch, aber ich denke, bei Mädchen geht es eher um Freundschaft und Liebe. Das mögen Jungen in der Regel wiederum nicht besonders.

Lesen in Deutschland: Wie wichtig sind lesende Eltern als Vorbild für ihre Kinder?

Petra Thiel: Ich denke, die Eltern haben schon einen sehr großen Einfluss darauf, was die Kinder später an Lesevermögen erwerben. Je früher sie anfangen, ihren Kindern etwas vorzulesen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder selbst lesen. Das beeinflusst auch die Menge, die gelesen wird, denn Kindern, denen von Anfang an abends vorgelesen wird, lesen auch später viel. Je später sie hingegen mit dem Lesen anfangen, desto weniger bringen sie die Konzentration für längere Texte auf. Je mehr da im Kindesalter gemacht wurde, desto größer ist später auch die Lust zu lesen.

Lesen in Deutschland: Wie erklären Sie sich das Phänomen der Leseschwäche, das statistisch gesehen vor allem die Jungen betrifft?

Petra Thiel: Vielleicht werden Jungen immer noch ein bisschen zu sehr darauf gedrillt, im frühen Alter nach draußen spielen zu gehen, anstatt sich vor ein Buch zu setzen. Dabei geht das Leseverhalten dann etwas verloren. Es gibt ja immer noch die Rollenklischees, die von den Eltern bedient werden. Ich denke, das nutzt sich zwar gerade etwas ab, aber es ist immer noch so, dass Mädchen bestimmte Sachen tun müssen, die Jungen nicht müssen. Von daher werden die Jungen vielleicht nicht früh genug daran gewöhnt, selber etwas zu lesen. Gerade auch, wenn es ihnen nicht von den eigenen Vätern vorgelebt wird.

Autor: Matthias Denke
Redaktionskontakt: denke@digitale-zeiten.de