Bericht

Lust auf Bücher

28.06.2006

Mit Bilderbüchern fängt das Lesen an


Vorlesesituation im Kindergarten; 
Copyright Kindertagesstätte Goetheplatz Mainz
Vorlesesituation im Kindergarten; Copyright Kindertagesstätte Goetheplatz Mainz
„Und auf dem Bild seht ihr, wie die Fischer mit dem Kahn aufs offene Meer hinausfahren“, erklärt Christine den Kindern. Gespannt sitzen die Kindergartenkinder ihrer Gruppe in dem abgedunkelten Raum. Vor ihnen ist ein Diaprojektor aufgebaut, der große, farbige Bilder an die Wand wirft. So haben sie sich Bilderbücher noch nie angeschaut. Christine, Erzieherin und Leiterin der „Delphingruppe“ ist zufrieden. Die Kinder sind während des „Bilderbuchkinos“ sehr aufmerksam. Sie schauen sich die Bilder genau an und hören gut zu. Und immer, wenn Christine eine Pause einlegt, überhäufen sie sie mit Fragen.

Früher Kontakt mit Büchern ist wichtig
Bücher spielen auch für kleine Kinder eine große Rolle. Die Leseforschung stellt seit geraumer Zeit die Bedeutung des frühen Umgangs mit Büchern heraus. In vielen Untersuchungen hat sie festgestellt, dass das spätere Leseverhalten im frühkindlichen Stadium entscheidend geprägt wird und dass Kinder lange bevor sie lesen und schreiben können, beim Bilderbuchbetrachten und Vorlesen entscheidende Lese- und Sprachkompetenzen entwickeln. Im Vordergrund steht die Lesesozialisation im familiären Umfeld. Die enge Vorlesesituation und das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern zwischen Mutter oder Vater und Kind bedeutet Geborgenheit und eine sichere Atmosphäre. So entwickelt das Kind schon in jungen Jahren eine positive, emotionale Hinwendung zu Büchern, die meist lebenslang bleibt.

Kindergarten kann Nachteile sozialer Herkunft ausgleichen
Genauso wichtig aber ist der regelmäßige Kontakt mit Büchern im Kindergarten. Gerade weil vielen Kindern zuhause oft gar nicht mehr oder nur sehr selten vorgelesen wird, werden Kindergärten immer mehr zu Orten, in denen erstmals Bildungsnachteile auf Grund der sozialen Herkunft kompensiert werden können. Und auch im Kindergarten können intime Situationen zwischen Erzieher bzw. Erzieherin und Kind entstehen, die die Freude der Kinder am Betrachten von Bilderbüchern wecken. Vorausgesetzt die Gruppengröße ist beim Vorlesen und Bilderbuchbetrachten nicht zu groß.

Bücher haben eine zentrale Rolle im Kindergarten
Im Jahr 2002 ließ die Diskussion um die Ergebnisse der PISA-Studie die Bedeutung des Kindergartens für die Kulturtechnik Lesen noch stärker hervortreten. Bilderbücher nehmen seitdem in vielen Kindergärten und Kindertagesstätten eine zentrale Rolle ein. „Dabei ist allen Beteiligten klar, dass ein Heranführen an das Lesen im Kindergarten nicht bedeuten kann, Aufgaben der Schule vorwegzunehmen. Es geht um eine sinnvolle, motivierende Vorbereitung auf den späteren Erwerb der Lesefähigkeit, keinesfalls um eine Einübung dieser Kulturtechnik“, so Evita Pließnig vom Übungskindergarten I der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Klagenfurt. Aber auch durch das Vorlesen und gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern werden schon früh die aktive und passive Sprachentwicklung, die intellektuelle sowie die Entwicklung der Wahrnehmung, der Phantasie und der Kreativität gefördert.

Bilderbuchbetrachten und Vorlesen
Im Kindergarten werden die Kinder spielerisch an das Medium Buch herangeführt. In den meisten Kindergärten sind eine kleine Kinderbuchbibliothek und eine Leseecke bereits vorhanden und auch für viele Erzieherinnen gehört das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern oft zum täglichen Programm. Wichtig ist dabei, die Gruppengröße so klein wie möglich zu halten, damit die Erzieherin Mimik und Gestik intensiv als Gestaltungsmittel einsetzen und die individuellen Reaktionen der Kinder auf die Geschichte differenziert wahrnehmen und auffangen kann und eine gleichmäßige Beteiligung der Kinder am Gespräch erreicht wird, argumentiert Heinz Schlinkert mit Blick auf die optimale Methodik der Bilderbuchbetrachtung. Doch es gibt noch viele weitere Möglichkeiten zur Leseförderung. An erster Stelle steht das Vorlesen. Um Spannung in den Kindergartenalltag zu bringen, können ab und zu auch Familienangehörige oder Lesepaten der Stiftung Lesen, der Lesewelt e.V. oder anderer Organisationen im Kindergarten vorlesen. Vielleicht darf sogar regelmäßig eins der Kinder selbst sein Lieblingsbuch vorstellen und es wird eine Bilderbuch-Ausleihe nach Hause organisiert. Schön ist es auch, wenn Grundschulkinder den Kleinen vorlesen. Im Landkreis Goslar wird ein solches Projekt erfolgreich unter dem Namen „book buddy – Bücherkumpel“ durchgeführt. Dort lesen Drittklässler Vorschulkindern einmal wöchentlich im Kindergarten oder in der Schule vor. Spannend ist es für die Kinder auch, in Bezug zum Lesestoff zu malen und zu basteln. Und ohne großen Aufwand können aus den Bilderbuchgeschichten auch kleine Rollenspiele und Theaterstücke entwickelt werden. Wichtig bei allen Aktionen ist es nur, mit den Kindern über das Gesehene zu sprechen, ihnen Fragen dazu zu stellen und sie selbst Geschichten zu den Bildern ausdenken und erzählen zu lassen.

Bilderbuchkino und Kniebücher
Ein äußerst beliebtes Mittel im Kindergarten ist das Bilderbuchkino. Seit ca. 1970 hat sich diese modifizierte Form des Vorlesens bzw. Erzählens für Kinder als Veranstaltungsmöglichkeit etabliert. Beim „Bilderbuchkino“ werden in einem abgedunkelten Raum Bilder in Form von Dias mit einem Diaprojektor an die Wand gestrahlt. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre, in der die Kinder auf eine neue Art und Weise Bilderbücher kennen lernen. „Das Betrachten der großflächigen Bilder regt ihre Phantasie an und macht Lust auf die weitere Beschäftigung mit dem Buch oder dem gezeigten Thema“, weiß Christine aufgrund ihrer regelmäßigen Erfahrungen mit dieser Methode. „Oft schauen sich die Kinder im Anschluss daran die Geschichte noch einmal im Buch an.“ Im Kindergarten auch gut durchführbar sind die so genannten Kniebücher. Das sind Bilderbücher mit Spiralbindung im Format 30 x 30 cm aus dem Saatkorn-Verlag. Sie lassen sich auf einem Ständer wie ein Kalender umblättern. Auf der vorderen, den Kindern zugewandten Seite sind großflächige Illustrationen zu sehen, während die Erzieherin auf der Rückseite den dazugehörigen Text und Mitmachvorschläge vor sich hat.

Spiele mit Büchern
Kinder im Vorschulalter kann man gut mit attraktiven Spielen in die Welt der Buchstaben einführen. Beim freien Erzählen einer Geschichte lassen sich Kinder durch Buchstabenverwechslungen begeistern, eine Tiergeschichte in Reimen führt zum lautmalerischen kennen lernen von Buchstaben und die Nachahmung von Bewegungen, Lauten und Geräuschen unterstützt das sinnlich-körperliche Erlernen. Auch die Verbindung bekannter Kinderspiele mit Illustrationen, Gedichten, Alltags-Geschichten oder Märchen fördert ihre Wahrnehmung und Konzentration und das Selbermachen von Büchern macht Lust auf Geschichten. Beim Wettbewerb „Der goldene Vorlesebär“ der Stiftung Lesen können Kindergartenkinder Poster und Bilder zu einem bestimmten Thema entwerfen und zusammen mit den Dokumentationen ihrer Vorlesaktionen in Form von Fotos, Collagen oder Plakaten Vorleseboxen und Autorenlesungen gewinnen.

Kooperationen mit Bibliotheken
Ausgesprochen fruchtbar für die Leseförderung im Kindergarten sind Kooperationen mit ortsansässigen Büchereien. Bibliotheken sind gerne dazu bereit, Kinder im Vorschulalter mit Büchern vertraut zu machen und ihnen das Vorlesen als selbstverständliches, freudiges Erlebnis zu vermitteln. Das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern soll die Kinder zum eigenständigen Anschauen von Bilderbüchern verlocken. Bibliothekarinnen und Bibliothekare unterstützen die Erzieherinnen beim Einsatz von Büchern und geben den Eltern Anregungen, wie sie das Leseverhalten ihrer Kinder positiv beeinflussen können. Öffentliche Büchereien bieten regelmäßig Bilderbuchkinos und Vorlesungen, aber auch Informationsabende für Eltern und Erzieherinnen an. Gerne stellen sie Kindergärten Themenkisten zur Verfügung. Kindergärten verfügen nicht immer über einen großen Bestand an Bilderbüchern. Bibliotheken bieten ihnen mit den Themenkisten die Möglichkeit, themenspezifische Bücher und andere Medien aus dem Normalbestand der Bibliotheken auszuleihen.

Eltern und Kindergärten müssen zusammenarbeiten
Es gibt viele Möglichkeiten, im Kindergarten und in der Kindertagesstätte Leseförderung zu betreiben und das Buch als etwas Selbstverständliches im Leben der Kinder zu etablieren. Aber ob durch das Vorlesen, das Bilderbuchbetrachten oder das Bilderbuchkino, von zentraler Bedeutung ist dabei, dass Eltern und Kindergärten bei der Vermittlung von Lese- und Sprachkompetenz zusammenarbeiten. Es geht darum, ein Klima zu erzeugen, in dem Kinder immer und überall Lust auf Bücher haben. Und das geht am besten, wenn dies alle gemeinsam fördern.

Autorin: Petra Schraml


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