interview

Leseförderung ist Teil der Medienerziehung

31.05.2006

Zur Lesemotivation von Kindern und Jugendlichen




Prof. Dr. Stefan Aufenanger
Prof. Dr. Stefan Aufenanger
Online-Redaktion: Herr Aufenanger, Sie sind Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz und nun auch wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen. Wird Leseforschung im medienpädagogischen Gesamtkonzept der Stiftung künftig eine noch größere Rolle spielen und welches sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Aufenanger: Wir wollen zum einem die schon bestehenden Projekte der Stiftung Lesen noch stärker wissenschaftlich begleiten, um die Argumente für Leseförderung besser vortragen zu können. Zum anderen möchte sich die Stiftung Lesen auch im Wissenschaftsbereich profilieren. Die Schwerpunkte der Arbeit werden deshalb sowohl Studien der Begleitforschung zu Praxisprojekten sein, eigene Forschungsprojekte, die sich mit Lesen in verschiedenen Institutionen und Altersgruppen beschäftigen (z. B. Familie, Schule, Alter) als auch Projekte mit spezifischen Gruppen wie etwa Migranten. Auch der geschlechtsspezifische Aspekt soll weiter betont werden. Darüber hinaus wollen wir aber das Lesen als Teil einer gesamten Mediennutzung betrachten und entsprechende Maßnahmen der Leseförderung auch als Teil von Medienerziehung verstehen.

Online-Redaktion: Laut PISA und anderer Studien steht es um die Lesekompetenz unserer Jugendlichen nicht zum Besten. Welche Gründe sieht die Leseforschung dafür? Wäre es sinnvoll, eine Nichtleserforschung zu betreiben?

Aufenanger: Die Probleme der Lesekompetenz von Jugendlichen sind sicher durch unterschiedliche Faktoren zu erklären. Wie einige Studien zeigen, trägt die Schule nicht viel zur Steigerung der Lesemotivation bei bzw. ist sogar manchmal kontraproduktiv. Nimmt man die reine Lesekompetenz, dann verunsichern sicher einige Ansätze des Lesen- und Schreibenlernens die Kinder. Auch scheinen in deutschen Schulen, im Vergleich zu ausländischen Schulen bzw. auch PISA-Siegern, Schulkinder zu wenig zum freien und kreativen Schreiben angeregt zu werden. Im Bereich der Leseforschung gibt es sicher eine Lücke bezüglich der Bedingungen des Nicht-Lesens. In der Stiftung Lesen haben wir uns dieses Problem als einen Forschungsschwerpunkt der nächsten Jahre ausgewählt. Dabei sollen sowohl soziale als auch persönlichkeitsbezogene Faktoren in Betracht bezogen werden.

Online-Redaktion: Der Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2006 hat gezeigt: Es gibt zu wenige Bücher für Jungen. Der Bericht fordert deshalb von Verlagen, vom Buchhandel, den Bildungseinrichtungen und Bibliotheken, mehr auf die Bedürfnisse der Zielgruppe „Jungen“ einzugehen. Was muss sich, vor allem auch an den Grundschulen, ändern, um die Jungen wieder mehr für das Lesen zu begeistern und ihnen eine bessere Lesekompetenz zu vermitteln?

Aufenanger: Zwei Dinge erscheinen bei diesem Aspekt notwendig: Zum einen ist eine Öffnung der überwiegend weiblichen Lehrpersonen in Grundschulen, Bibliotheken und im Buchhandel für die Buchpräferenzen von Jungens – die vorwiegend im Bereich von Sachbüchern, Actiongeschichten und Science Fiction liegen – notwendig. Zum anderen sollte man die Jungen auch über andere Medien, die sie vermehrt nutzen wie Computer, Videospiele und Internet, ansprechen. Wir müssen hier verschiedene Wege wählen.

Online-Redaktion: Das Buch ist schon lange nicht mehr das einzige Medium für Kinder und Jugendliche. Heutzutage bewegen sich Jugendliche in einem Medien-Mix aus Büchern, Fernsehen, Computer, Videos, CDs, DVDs und Hörspielen. Welchen Stellenwert hat das Buch in diesem Medien-Mix? Gibt es bessere und schlechtere Medien? Und ist die gleichzeitige Benutzung verschiedener Medien sinnvoll oder ist es im Sinne der Lesekompetenz schädlich, dass zu viel Aufmerksamkeit vom Buch abgezogen wird?

Aufenanger: Auch viele der neuen Medien verlangen Lesefertigkeiten, sonst könnten sie nicht sinnvoll genutzt werden. Wer angemessen im Internet recherchieren will, der muss lesen können. Die – manchmal etwas als typisch deutsch erscheinende – Unterscheidung von guten und schlechten Medien hilft meines Erachtens wenig, Kinder und Jugendliche zum Lesen zu führen. Hier dürften anspruchsvolle, aber zugleich kind- bzw. jugendorientierte Inhalte sinnvoll sein. Rapsongs zeigen zum Beispiel anspruchsvolle und kreative Arbeit mit Texten. Jede Form der Abwertung kinder- und jugendaffiner Medien – wie etwa Handy, Computer oder Internet – führt nur zur Verweigerung des Lesens bzw. des Buchs. Mir scheint auch wichtig zu betonen, dass es beim Lesen genauso wie bei der Nutzung neuer Medien weniger um eine eng umschriebene Lesekompetenz geht als vielmehr um das Verstehen von Texten, Bildern, Symbolen oder Filmen. In dieser Hinsicht muss ein Schwerpunkt der Leseförderung sein, das Sinnverstehen zu fördern, welches die Grundlage für das Verstehen von Welt ist. Ob dieses sich in Form von Büchern, Bildern oder Filmen präsentiert, ist dann nicht so zentral. In diesem Sinne sieht zum Beispiel die Stiftung Lesen auch in der Filmerziehung von Kindern einen wichtigen Beitrag zur Leseförderung.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen die Eltern in der Medienerziehung ihrer Kinder? Wie können sie ihre Kinder vernünftig anleiten? Was sollten sie ihnen verbieten, was erlauben?

Aufenanger: Den Eltern kommt in der Medienerziehung eine prominente Rolle zu. Sie liegt schon im früh beginnenden Vorlesen, im Gespräch über die Buchlektüre, in Anregungen für Bücher, die mit den anderen Vorlieben und Hobbys der Kinder zusammenhängen. Dies sollte jedoch nicht unter Druck oder didaktisch angeleitet geschehen. Jeder Zugang sollte als Möglichkeit gesehen werden. Wer etwa über Computerspiele zum Lesen findet, ist auch seinen Weg gegangen. Allgemein sollten in der familialen Medienerziehung den Kindern Erfahrungsmöglichkeiten gegeben werden, es sollte den Kindern mit Vertrauen auf ihre Medienkompetenz und flexibel ein selbstbestimmter Medienumgang ermöglicht werden. Grenzen sind dann zu setzen, wenn der Medienumgang so eine hohe Wertigkeit im Alltagsleben der Kinder bekommt, dass andere Dinge –wie etwa Freunde oder Sport – vernachlässigt werden.

Online-Redaktion: Je früher, desto besser? Sind Computer in Kindertagesstätten sinnvoll? Wie kann sich ein früher Umgang mit dem PC positiv auf die Lesekompetenz auswirken?

Aufenanger: Gegen Computer in Kindertagesstätten oder in jungen Familien ist aus meiner Sicht nichts einzuwenden, wenn bestimmte Bedingungen gewahrt werden. So sollte dies nicht unter Druck geschehen und es sollte gemeinsam mit den Kindern über sinnvolle Angebote auf dem Computer gesprochen und es sollten zeitliche Regelungen für die Benutzung vereinbart werden. Weiterhin sind die kreativen Möglichkeiten des Computers stärker zu nutzen als irgendwelche Drillprogramme. Man sollte sich für das Lesenlernen aber nicht zu viel vom Computer versprechen, auch wenn es dazu interessante Programme und erfolgreiche Projekte gibt.

Online-Redaktion: Ob Jungs oder Mädchen – Lesemuffel gibt es in jedem Alter. Wie kann die Stiftung Lesen dazu beitragen, dass Lesen für Kinder und Jugendliche attraktiv wird bzw. attraktiv bleibt?

Aufenanger: Die Stiftung Lesen hat vielfältige Projekte, die auf ganz unterschiedlichen Wegen Leseförderung betreiben. Das fängt mit Vorleseaktionen an, geht über Leseclubs bis hin zu Lesewettbewerben in Schulen. In dieser Vielfältigkeit liegt die Stärke des Ansatzes der Stiftung Lesen. Weiterhin wird eine wichtige Aufgabe in der Aus- und Fortbildung von Multiplikatoren und Ehrenamtlichen in der Leseförderung gesehen. Sie müssen so kompetent gemacht werden, dass sie Kinder und Jugendliche mit dem Anliegen des Lesens ansprechen und motivieren können. Dazu gehört es, nicht wie ein Oberlehrer an Kinder und Jugendliche heranzutreten, sondern an deren Interessen, Medienpräferenzen und Themen anzuknüpfen.

 

Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Jahrgang 1950, studierte Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Kunstgeschichte. Er erhielt nach seiner Habilitation 1991 für Erziehungswissenschaft an der Universität Mainz 1993 einen Ruf auf eine Professur in Hamburg. Dort war er von 1995 bis 1999 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Allgemeine Erziehungswissenschaft am Fachbereich Erziehungswissenschaft sowie von 1996 bis 1999 Geschäftsführender Leiter des Medienzentrums dieses Fachbereichs. 2004 folgte er einem Ruf auf eine Professur für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an die Universität Mainz. Er ist in mehreren wissenschaftlichen Vereinigungen und in Beiräten medienpädagogischer Zeitschriften aktiv. Seine Arbeitsgebiete sind Medienpädagogik, Medienforschung und qualitative Forschungsmethoden. Seine Themen im Medienbereich sind: Familie und Medien, Fernsehen und Kinder, Kinder und Werbung sowie Multimedia und Lernen. Prof. Aufenanger ist seit Januar 2006 Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen. Er arbeitet seit Jahren mit der Stiftung Lesen zusammen.


Autorin: Petra Schraml


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