interview

„Bei mir entscheidet das Bauchgefühl“

16.03.2006

Teil II: Interview mit der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises


Lesende in roter Umgebung, Quelle: Photocase
Lesende in roter Umgebung, Quelle: Photocase
Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird jährlich an Autoren für ihre Bücher in etlichen Sparten der Kinder- und Jugendliteratur vergeben und ist mittlerweile eine feste Größe bei der Begutachtung. Von Erwachsenen erstellte Gutachten werden den Empfindungen von Kindern und Jugendlichen jedoch nur eingeschränkt gerecht. Aus diesem Grund rief der Arbeitskreis für Jugendlilteratur, der den Deutsche Jugendliterapreis verleiht, die Jugendjury ins Leben. Sie besteht aus sechs Jugendgruppen, die über ganz Deutschland verteilt sind. Eine von ihnen ist die JuBuCrew Göttingen. Wir unterhielten uns mit der 17-jährigen Anna-Katharina Kornrumpf, der 9-jährigen Elisabeth Lauer, der 14-jährigen Mailin Hebell und dem 10-jährigen Benedikt Schink. 
 
Lesen in Deutschland: Was ist eure Motivation, bei der JuBuCrew als Jurorinnen und Juroren mitzumachen?

Anna-Katharina Kornrumpf: Ich lese gerne und mache mir, nachdem ich ein Buch gelesen habe, auch Gedanken über das Buch. Wieso sollte ich mir also diese Gedanken nicht im Kreis solcher machen, die sich ebenfalls gerne mit Büchern beschäftigen...

Elisabeth Lauer: Weil ich mich für Bücher interessiere und unglaublich gerne lese.

Mailin Hebell: Ich find es super interessant mich mit gleichaltrigen Mädchen und Jungen über die Bücher auszutauschen. Es ist auch sehr hilfreich für Empfehlungen, denn wenn ein Erwachsener ein Buch empfiehlt, heißt das nicht unbedingt, dass
es "lesenswert", "wirklich spannend" oder "lustig" ist!

Benedikt Schink: Ich lese gerne.

Moira Marcinkiewicz: Die vielen netten Leute, die man trifft und die meist coolen Bücher.

Lesen in Deutschland: Welche Bücher haben euch persönlich besonders fasziniert, was nehmt ihr mit, wenn ihr ein tolles Buch gelesen habt?

Anna-Katharina Kornrumpf: Besonders beeindruckt war ich von Büchern wie „Die Armee hinter Stacheldraht“ von Edwin Erich Dwinger, was allerdings eher in den antiquarischen Bereich einzuordnen ist, da es mir zum Thema des Ersten Weltkriegs, welches mich sehr interessiert, viel Aufschluss gegeben hat. Außerdem fand ich das von uns nominierte Buch „Lilly unter den Linden“ von Anne C. Vorhoeve sehr beeindruckend sowie „1000 Jahre habe ich gelebt“ von Livia Bitton-Jackson. Allgemein interessieren mich besonders Bücher mit historischem Hintergrund („Armee hinter...“: 1. Weltkrieg, „Lilly...“: Kalter Krieg, „1000 Jahre habe ich gelebt“: 2. Weltkrieg), auch aus anderen Teilen der Welt („Das verschwundene Testament der Alice Shadwell“ von Rainer M. Schroeder: Amerikanische Geschichte).

Von einem guten Buch erwarte ich mir Aufschluss über die Protagonisten und gleichzeitig die Vermittlung von geschichtlichem Wissen. Allerdings ist es ab und zu auch sehr entspannend, mal ein vollkommen anderes Buch zu lesen, zum Beispiel einen Fantasy-Roman, um in eine fantastische Welt entführt zu werden.

Elisabeth Lauer: Besonders gefallen mir die Bücher: Das verlorene Land; Die Hüterin des Drachen; Hexentanz; Bye bye Ben; Titus Tatz; Molly Moon; Harry Potter I-VI; Mio mein Mio; Eragon: das Vermächtnis der Drachenreiter und Momo. Manchmal lerne ich etwas Interessantes aus Büchern. Tolle Bücher bleiben lange in meinem Gedächtnis.

Mailin Hebell: Um alle Bücher, die mir gefallen aufzuzählen, ist hier nicht genug Platz. Aber wenn ich ein Buch gelesen habe, welches mir gefällt, dann nehme ich vor allem viele Erinnerungen und auch verwendete Redewendungen mit!

Benedikt Schink: Besonders fasziniert haben mich die Bücher: Artemis Fowl, Alexander der Große, Der Botschafter des Königs, Die goldene Stadt, Schwein gehabt Zeus, Der kleine Hobbit, Herr der Ringe, Harry Potter ... . Wenn ich ein gutes Buch gelesen habe, nehme ich vor allem die Spannung und den geschichtlichen Hintergrund mit.

Moira Marcinkiewicz: Zum einen den Inhalt natürlich, aber auch die Details, die mir besonders gefallen haben.

Lesen in Deutschland: Wie sehen die Aufgaben der JuBuCrew über das Jahr bis hin zum großen Termin aus – der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises?

Anna-Katharina Kornrumpf: Neben den Wahlen zum „Buch des Monats“ und dem „Buch des Jahres“ stehen auch Besuche der anderen Jugendjurys, Einladungen von literaturinteressierten Veranstaltern, zum Beispiel von der Landesbibliothek Hannover, und Besuche namhafter Autoren an.

Moira Marcinkiewicz: Bücher lesen!

Lesen in Deutschland: Was ist besonders wichtig an einem Buch, damit es Gefallen bei euch findet? Verwendet ihr so etwas wie einen Kriterienkatalog, wird jedes Mal neu argumentiert oder spielt das Bauchgefühl eine große Rolle dabei, welche der Bücher nominiert werden?

Anna-Katharina Kornrumpf: Ich kann da nur für mich sprechen und bei mir steht das Bauchgefühl eindeutig an erster Stelle. Gefällt mir der Anfang eines Buches nach 20-30 Seiten nicht, dann lese ich auch nicht weiter, da ein Buch, dessen Anfang nicht gelungen ist, meiner Meinung nach auch im Ganzen nicht „sehr gut“ zu nennen ist. Damit erscheint mir ein solches Buch nicht mehr lesenswert. Ich denke zwar, dass ich dadurch wohl das ein oder andere gute Buch verpassen werde, auf der anderen Seite muss ich mich aber nicht durch ein schlechtes Buch durchquälen.

Elisabeth Lauer: Mir ist es wichtig, dass ich mir die Gefühle der Hauptfigur gut vorstellen kann, damit ich mit ihr fühle. Dann habe ich Angst um sie, wenn es spannend wird, und bin erleichtert, wenn es gut ausgeht. Ich habe bestimmte Vorstellungen davon, was ein gutes Buch ausmacht. Zum Beispiel muss es auch spannend sein. Ich finde es gut, wenn in einem Buch Zauberei oder ähnliches vorkommt, dann macht mir das Lesen mehr Spaß, es ist interessanter. Ein paar meiner Erwartungen sollte ein Buch erfüllen, ansonsten ist das Bauchgefühl ist sehr wichtig.

Moira Marcinkiewicz: Eigentlich spielt die Meinung der Menge eine wichtige Rolle.

Lesen in Deutschland: Wie finden die 25 Mitglieder der JuBuCrew zu einer gemeinsamen Entscheidung für eines der vielen nominierten Bücher?

Anna-Katharina Kornrumpf: Nach Diskussionen und der Bekanntgabe der ganz persönlichen Meinungen bekommt man immer wieder einen neuen Blickwinkel auf ein Buch, wodurch man sich „überzeugen“ lassen kann. Am Ende ist die Auswahl klein. Hier hilft dann nur noch eine demokratische Abstimmung – man wird nie einstimmig zu einem einzigen Buch als dem besten Buch des Jahres kommen.

Elisabeth Lauer: Wir haben einfach abgestimmt. Manchmal finde ich es schade, wenn ich überstimmt werde.

Lesen in Deutschland: Die Jugendjury entscheidet sich für Bücher, über die sich „übrige“ Jury immer wieder überrascht zeigt. Im Jahr 2005 habt ihr zum Beispiel das Buch von Haruki Murakami „Kafka am Strand“ nominiert, ein literarisch sehr anspruchsvoller Roman, bei dem die wenigsten an so genannte „Jugendliteratur“ denken würden. Wie ist es umgekehrt, könnt ihr die Entscheidungen für die Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch nachvollziehen oder seid auch ihr oft erstaunt über Entscheidungen der „Erwachsenen“?       

Anna-Katharina Kornrumpf: Oft finde ich die Entscheidungen der Erwachsenen akzeptabel. Gut fand ich zum Beispiel die Nominierung von Cornelia Funkes „Tintenherz“ in der Sparte Kinderbuch. Ganz ehrlich, in der Sparte „Jugendjury“, die ja eigentlich Jugendbücher auszeichnen sollte, war es meiner Meinung etwas fehl am Platz, da ich es für nicht anspruchsvoll genug halte. „Kafka am Strand“ hat mich auch überrascht, missfiel mir aber keinesfalls. Selbst die jüngsten Mitglieder der JuBuCrew haben es gelesen. Ich denke, dass sie einen ganz anderen Eindruck von dem Buch hatten als ich, die ich in dem Moment etwa doppelt so alt war. Das Buch war sprachlich wie thematisch anspruchsvoll und gerade das hat mich daran gereizt.

Lesen in Deutschland: Was habt ihr durch eure Tätigkeit als Jurorinnen und Juroren in der JuBuCrew gelernt?

Anna-Katharina Kornrumpf: Ich denke, dass ich seit der JuBuCrew Bücher viel besser beurteilen und meine Beurteilungen auch schriftlich treffender formulieren kann. Außerdem macht es Spaß, „mitentscheiden“ zu können. Auch das Diskutieren lernt man in der Runde, besonders, wenn es in die heiße Phase vor den Nominierungen beziehungsweise Preisverleihungen geht. Ich bin der Meinung, dass ich auch für die Schule, vielleicht sogar für später, etwas gelernt habe.

Elisabeth Lauer: Ich habe mit 8 Jahren gelernt, wie man eine Rezension schreibt. Außerdem habe ich gelernt, Bücher die mir am Anfang nicht gefallen, einfach nicht zu Ende zu lesen.

Moira Marcinkiewicz: Texte zu verfassen.

Lesen in Deutschland: Die Jugendlichen der sechs Leseclubs, die zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises gehören, lesen gerne und können in kurzer Zeit ein Buch lesen und es bewerten. Leseschwache Jugendliche werden über Eure Entscheidungen nicht repräsentiert. Habt ihr eine Idee, wie auch die Meinung von eher leseungeübten Jugendlichen mit einfließen könnte?  

Elisabeth Lauer: Mir fällt nichts ein. Warum sollten Kinder da mitbestimmen, wenn sie gar nicht gerne lesen?

Anna-Katharina Kornrumpf: Ich denke, dass der Deutsche Jugendliteraturpreis eben die Literatur auszeichnet, also auch Sprachstil und ähnliches. Vermutlich könnten Kinder und Jugendliche, welche kaum lesen, gar keine Vergleiche anstellen und hätten somit nicht die Mittel, ein Buch im Verhältnis zu anderen zu beurteilen. Man sollte leseschwache Kinder auch nicht dazu zwingen, Bücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis zu lesen, da dies gegen ihre Natur wäre.

Das Interview führte: Katja Haug


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