Bericht

Risikogruppe: Jungen

08.02.2006

Das männliche Geschlecht ist in stärkerem Maße von Leseschwäche betroffen


Spielende Jungen, Quelle: Photocase
Spielende Jungen, Quelle: Photocase
Paul sitzt am Rechner und ist umgeben von digitalen Piepgeräuschen. Er hat wieder ein neues Computerspiel entdeckt. Seit einer Stunde verfolgt er nun schon die Helden auf dem Bildschirm. Irgendwann einmal, als er „klein“ war, fand Paul Bücher, besonders Bilderbücher eigentlich ganz spannend. Doch die Zeiten sind längst vorbei, heute fliegt der Zwölfjährige hier und da mal über einen Text im Internet, liest hier und da mal in einer Computer- oder Fußball-Zeitschrift oder einem Sachbuch ein paar Seiten – ausnahmsweise, versteht sich.

Paul ist wie viele Jungen in seinem Alter ein Sorgenkind. Zumindest was seine schulischen Leistungen betrifft. Denn das verstehende und sinnstiftende Lesen ist die Schlüsselkompetenz schlechthin. Wenn sie nicht vorhanden ist, ist das häufig die Ursache für ein allgemein schlechtes Abschneiden in der Schule.

PISA-Studien zeigen aufschlussreiche Unterschiede auf
Jungs wie Paul gibt es wie Sand am Meer. Wissenschaftliche Untersuchungen machen deutlich: Mindestens 61 Prozent der Jungen in Deutschland lesen nicht zum Vergnügen, im Gegensatz zu den Mädchen.
Ein deutlicher Unterschied zwischen Jungen und Mädchen zeigte sich besonders bei der Fähigkeit, nicht nur so genannte „nicht-kontinuierliche Texte“, sprich Texte, die eine Kombination aus Grafiken, Schaubildern, Fotos und Schrift darstellen, lesen und verstehen zu können, sondern auch „kontinuierliche Texte“, also reine Schrifttexte.

So heißt es in der PISA-Studie: „Während bei Erzählungen, Argumentationen sowie Darlegungen recht große Geschlechterunterschiede zu Gunsten der Mädchen zu verzeichnen sind, ist die Differenz bei Tabellen und Diagrammen erheblich kleiner.“ Auch erreichen Mädchen eine höhere Lesegeschwindigkeit als Jungen. Allgemein kann man sagen „je anspruchsvoller die Aufgaben, desto größer der Abstand zwischen Mädchen und Jungen, desto besser schneiden die Mädchen ab.“

Pubertärer Leseknick betrifft mehr die Jungen
Auch im Kindergartenalter scheinen sich die Jungs schon eher von Bilderbüchern angezogen zu fühlen, die Sachthemen behandeln wie Feuerwehrautos zum Beispiel. Die Intensität, mit der sich Jungs wie Mädchen mit Büchern beschäftigen, ist bis in die Grundschuljahre hinein gleich. Erst dann lesen Jungen weniger als Mädchen. Einzig bei Zeitschriften besteht diese Geschlechterdifferenz nicht, wie das Zeitschriftenprojekt der Stiftung Lesen offenbarte.

Das Interesse an Geschriebenen lässt in bestimmten Lebensphasen nach. Experten sprechen von zwei „Leseknicks“. Das erste Mal lässt das Interesse am Lesen im Alter  zwischen acht und neun, einige Zeit nach dem Erlernen des Alphabetes, nach. Die Medienforscher Bischof und Heidtmann („medien praktisch“-Heft, 2002) gehen davon aus, dass Jungen zum Ende des Grundschulalters noch am intensivsten erzählende Literatur nutzen. Das liege zum einen daran, dass die Lesefähigkeit in diesem Alter so weit entwickelt sei, dass das Lesen eines Romans keine sonderlichen Probleme bereite und zum anderen daran, dass Printmedien für die unterschiedlichsten Bedürfnisse leichter verfügbar seien. Einigkeit unter Leseforschungs-Experten besteht jedoch darin, dass die Leseintensität nach dem Grundschulalter abnimmt und sich dieser Prozess bei den Jungen im Laufe der Jahre fortsetzt.

Bei Eintritt in die Pubertät erfolgt ein zweiter „Leseknick“. Dieser Rückgang des Leseinteresses halte länger an, so die Leseexpertin Katrin Müller-Walde, sei intensiver und betreffe in erster Linie Jungen. Studien zufolge erwischt der Leseknick in der siebten Klasse jedes zwanzigste Mädchen und jeden siebten Jungen. Wurde allerdings in den lesefreudigeren Lebensphasen das Lesen mit Genuss in Verbindung gebracht, können Heranwachsende von derartig einschneidender Leseunlust während des „Leseknicks“ wenn nicht vollkommen verschont, dann doch zumindest weniger stark betroffen sein. Auch hier gilt also: Vorbeugung ist die beste Medizin!

Computerspiele: Der Versuch „die beschädigte Männlichkeit“ zu reparieren?
Im Rahmen der PISA-Studie wurde keine Ursachenforschung betrieben und bislang gibt es nur verschiedene Erklärungsversuche, warum Jungs sich mit dem Lesen so schwer tun. Klar ist aber, nur wer gerne liest, liest viel und gut. Da Mädchen offensichtlich zu erzählender Literatur einen besseren Zugang haben als Jungen und der Deutschunterricht auf erzählende Literatur ausgerichtet ist, erhalten Jungen wie Paul zu wenig Anregungen für Bücher, die sie interessieren könnten. Dabei vermuten Experten der Leseforschung, dass dies auch in Verbindung steht mit den in der verfügbaren Literatur angebotenen Themen und dem für Jungen mangelnden Identifikationspotenzial der Figuren.

Zudem wird die Tätigkeit des Lesens an sich und des Lesens von Romanen insbesondere von vielen Jungen als „weiblich“ empfunden, also als etwas, von dem sie sich abgrenzen möchten. Dies steht unter anderem auch damit im Zusammenhang, dass viele vorlesende Erzieher und viele Deutschlehrer Frauen sind. Prof. Christine Garbe von der Universität Lüneburg weist auf den Umstand hin, dass Jungen „offenbar eine stärkere Bindung an Computerspiele haben und Mädchen an Bücher“. Als „lesebiografische und psycholanalytische“ Erklärung spricht Garbe von Bildschirmspielen als einem idealen Medium, „um die im 20. Jahrhundert arg beschädigte und demontierte `Männlichkeit´ wieder zu reparieren – wenigstens in der fiktiven Welt auf dem Bildschirm“. Eine streitbare These, die jedoch von einigen Expertinnen und Experten geteilt wird.

Geschlechtsspezifisch: Neue Medien als Ergänzung oder Ersatz?
Computerspiele, Sachbücher, Zeitschriften  können Jungs wie Paul also als Abgrenzung gegen den als „weiblich“ empfundenen Roman dienen. Zudem brauchen sie nicht mehr zwangsläufig das Buch als „Geschichtenlieferant“. Fantastische Abenteuer oder Räubergeschichten aus dem Mittelalter müssen nicht mehr mühevoll erlesen werden, denn Filme, Fernsehen, Computerspiele verschaffen Jungen einen alternativen Zugang dazu und befriedigen deren Lust am fiktionalen Abenteuer.

Doch dies betrifft natürlich nicht nur Jungen. Allgemein wird das lustvolle Lesen früherer Generationen von Kindern zunehmend ersetzt durch das lustvolle Nutzen  von Radio, Fernsehen, Computer und Gameboy. „Der alte Streit der Medienforschung, ob die neuen Medien die alten verdrängen oder ergänzen, muss meines Erachtens geschlechterspezifisch differenziert werden“, stellt Prof. Christine Garbe fest: „Eine Ersetzung oder Verdrängung von Printmedien (insbesondere des Buches) durch Bildschirmmedien findet vor allem bei Jungen statt, während die Mädchen die neuen Medien eher ergänzend zu den `alten` (Print-) Medien nutzen. Für die Mädchen gelte somit die Ergänzungs-, für die Jungen die Ersetzungsthese“, so Prof. Garbe.

Unausgeprägtere soziale Kompetenz durch zu wenig erzählende Literatur?  
„Jungen lesen doch trotz Computerspiel“, könnte man erwidern. Das ist jedoch nicht wirklich ein Grund zur Beruhigung. Denn selbst wenn in Fachzeitschriften und Internet und manchem Sachbuch gelesen wird, entgeht Jungen einiges, wenn sie keinen Zugang zur erzählenden Literatur finden. Denn diese Bücher bieten ein „Mehr“ an psychologischer Tiefe. Sie bieten hintergründige und parallele Handlungsstränge, beschreiben Charaktere, deren Gedanken und Gefühle in vielen Nuancen.

Lesen Jungen vermehrt Sachbücher, sind sie sehr wohl in einem bestimmten Bereich gebildet.
Lesen sie allerdings „nur“ Sachbücher, sind sie laut der Leseexpertin Müller-Walde nicht in der Lage, im Rahmen dieser Aktivität auch Fähigkeiten wie soziale Kompetenz oder Kommunikationsfähigkeit auszuprägen. Die fiktionale Literatur hingegen  trainiere diese Fähigkeiten in einem sehr viel stärkeren Maße als Sachliteratur und auch stärker als die oberflächlicher rezipierten Fernsehsendungen. Lesende fiktionaler Literatur müssten sich sehr viel stärker in die Protagonisten einfühlen, ihre Lebensumstände und Situationen verstehen. Sie müssten sich im stärkeren Maße emotional und gedanklich mit ihnen auseinandersetzen.

Sensibler mit Lesebedürfnissen von Jungen umgehen
Jungen „lesen umso intensiver und anspruchsvoller, je besser wir es verstehen, ihnen der mehrere Jahre andauernden Leselustlernphase die richtigen, persönlich passenden Texte in die Hände zu geben“, schreibt Katrin Müller-Walde in ihrem kürzlich erschienen Buch „Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können“. Das kann und sollte auch heißen, den Deutschunterricht lebensnäher und „jungengerechter“ zu gestalten. Zum Beispiel mit Zeitschriften, mit Sachbüchern und unter Einbeziehung von Internettexten.

Führt dies nicht genau zu der oben genannten Verkürzung und Verflachung des Lesens? Müller-Walde argumentiert wie viele Leseförderungsexperten mit einem „Nein“, denn für viele Jungen gelte es zunächst einmal, überhaupt einen Einstieg ins Lesen zu finden. Und der funktioniere nur, wenn für sie reizvoller Lesestoff vorhanden sei, der auch Zusammenhänge zu ihrer Lebenswelt erkennen lasse. Zudem profitierten auch Mädchen von solchen Unterrichtsveränderungen. Sie erhielten auf diese Weise die Möglichkeit, ihr Repertoire an Lesestoff, das häufig in erster Linie aus Romanen bestehe, auf Sachbücher auszuweiten.

Ist die Leselust einmal entfacht, lässt sich auch auf Abenteuerromane, witzige Jugendbücher und alles, was das Jungenherz an Lesestoff sonst noch begehrt, übergehen. Hier gilt „gut ist, was gewünscht wird“ und nicht, was Mütter und Lehrerinnen für „gut“ erachten, was aber viel zu oft an der Welt von Jungen wie Paul vorbeiläuft. Also warum nicht erst einmal damit beginnen, Paul immer wieder mal eine PC-Zeitschrift mitzubringen und dann unauffällig einen Jugendroman auf seinem Nachtisch platzieren, dessen Handlung sich um digitale Themen dreht? Oder Paul mit in die Buchhandlung oder Jugendbücherei nehmen und ihm die Auswahl des nächsten Buches selbst überlassen …

Es gilt, die vielen Möglichkeiten und Wege zu entdecken, mit denen sich die vielen verschiedenen „Pauls“ zum Lesen verführen lassen.

Autorin: Katja Haug 


Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de