Bericht

Einfach märchenhaft!

21.12.2005

Zehntausende Besucher stürmten zum 10. Jubiläum der Märchen- und Sagentage die „Seeräuberhochburg“ Reichelsheim


Märchenhaft gekleidete Vorleserin und Erzählerin Rebekka Havemann mit kleinen Zuhörerinnen.
Märchenhaft gekleidete Vorleserin und Erzählerin Rebekka Havemann mit kleinen Zuhörerinnen.
Ein attraktives Veranstaltungsprogramm und wunderschönes Herbstwetter lockten zum 10. Jubiläum der Märchen- und Sagentage etwa 70.000 große und kleine Besucherinnen und Besucher ins Odenwaldstädtchen Reichelsheim. Die südhessische Gemeinde wird jedes Jahr im Herbst zum Magneten für Märchen- und Geschichtenliebhaber. Dieses Mal hatte sie sich unter dem Motto „Piraten, Händler, ferne Länder“ in eine Seeräuberhochburg verwandelt. Und was es da alles gab, brachte nicht nur die Kinder zum Staunen: Dem Motto entsprechend gewandete Besucher, ein selbst gebautes und von einem wilden Burschen handbetriebenes Seeräuberkarussell mit Schatzkisten als Sitzgelegenheiten, witzige Handwerksprodukte aus vergessenen Zeiten und sogar ein Schreiber, der Kindern die Kunst des Schreibens mit dem Gänsefederkiel- nahe brachte. Alle Sinne waren angesprochen, es gab viel zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken. Besonders spannend war aber das Zuhören. Geschichten aus fernen Ländern wurden erzählt, gespielt und vorgelesen.

Während der Duft köstlicher Leckereien die Nasen verführte und Musikanten ihren Instrumente exotische Klänge entlockten zogen zahlreiche Autoren, Geschichtenerzählerinnen, Bauchredner,  und Puppenspieler sowie Marionettentheater das Publikum in ihren Bann. Insgesamt achtzig Veranstaltungen hatten die Organisatoren für die Jubiläumstage vom 28. bis 30. Oktober 2005 auf die Beine gestellt. Den gelungenen Auftakt bildete am Freitag die ‚Lange Nacht der Märchen’. Fünf Märchenerzählerinnen und -erzähler nahmen die Zuhörer mit auf eine Reise um die Welt und packten ihre Schatzkisten aus. Märchen aus Osteuropa, Afrika, Spanien, Frankreich, Schweden und Norwegen gab es da zu hören. Die Besucher konnten alte Piratenlieder und neue Piratenmärchen auf sich wirken lassen und wurden zu einer märchenhaften Erzählreise in den Orient verführt. Aber auch geschichtenhungrige Kinder, die nicht bis spät in die Nacht den spannenden Märchen lauschen konnten, kamen voll auf ihre Kosten: Am Samstag und Sonntag gab es für sie viele attraktive Angebote. Eine Märchenreihe führte auch die Kleinen mit Geschichten von Piratinnen und Piraten mit ungarischen, slowakischen, brasilianischen, afrikanischen und japanischen Märchen einmal um die Welt und der ‚Sagenhafte Märchenumzug’ mit Akteuren des Mittelaltermarktes, ‚regionalen Hoheiten’ und internationalen Gästen war ein echtes Highlight auch für Kinder.

Eine besonders anregend gestaltete Umgebung für die ‚Geschichte vom Riesen und vom König’ boten die gemauerten Gewölbe des Europäischen Jugendzentrums, die dem Besucherandrang kaum gewachsen waren. Dass es sich dabei um die alttestamentarische Erzählung von David und Goliath handelte, wurde erst deutlich, als die Geschichte ihren Verlauf nahm – für manche sicherlich ein Manko. Die Veranstaltung selbst war allerdings sehr professionell konzipiert: Kerzenlicht, kuschelige Sitzkissen, Duftöle und die märchenhaft gekleidete Vorleserin und Erzählerin Rebekka Havemann sorgten für die richtige Stimmung. Auf Seidentüchern im Zentrum des Raumes wurden Objekte präsentiert und im Verlauf der Geschichte hinzugefügt oder abgedeckt, die Schlüsselszenen aufgriffen, z.B. die Schleuder und der Stein. Eine Geige und ein Tamburin untermalten die besonders aufregenden Stellen akustisch. Damit mehr bleibt als die Erinnerung an eine spannende Geschichte, durften alle Besucherinnen und Besucher sich beim Hinausgehen ein „Goldsteinchen“ mitnehmen.

Quak, quak, quak – tropf, tropf, tropf - klapper, klapper, klapper, erklang es im ehrwürdigen Sitzungssaal der Gemeinde. Für diesen Ort sehr ungewöhnlich waren die Klänge, die Märchenerzählerin Diana Drechsler ihren originellen Instrumenten entlockte. Ungewöhnlich, aber konzentrationssteigernd und sehr gut zur lautmalerischen Begleitung ihrer afrikanischen Tiermärchen geeignet. Eine Holzratsche erzeugte Froschquaken, ein Bambusrohr den Regen und eine afrikanische Trommel das Klappern vieler Hufe. Fasziniert lauschten die 50 Zuhörerinnen und Zuhörer – zumeist Familien – der Geschichte vom König der Tiere, dem Löwen, der zum Fest eingeladen hatte. Danach war allen völlig klar, woher der Elefant seinen Rüssel hat, wieso Frösche im Teich nackt sind, warum die Giraffe einen langen Hals und ein Kostüm hat und wie es kam, dass Antilopenmännchen Hörner haben, Weibchen aber nicht. Die Erzählerin, die auch Musiklehrerin und Clown ist, animierte ihr Publikum nicht nur zum ruhig Zuhören, sondern auch zum Mitmachen, zum Singen und Bewegen. Eine gelungene und runde Sache also, was sich auch insgesamt für diesen Reichelsheimer Veranstaltungsmarathon sagen lässt.

Für alle, die zum 10. Jubiläum nicht mit dabei sein konnten, ein kleiner Trost: Vom 27. bis 29. Oktober 2006 finden unter dem Motto „Heute back ich, morgen brau ich“ die 11. Reichelsheimer Märchen- und Sagentage statt.

Autorin: Ulrike Müller

 


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