Bericht

Der Kult um den Comic

02.12.2005

Zur Podiumsdiskussion „Visa nach Pisa – Comics als Mittel zur Leseförderung“


Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse
Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse
Längst haben sie ihr Image als Schundheftchen verloren: Comics. Mit dem Manga-Kult lebt die gesamte Comic-Szene auf. Auf der Frankfurter Buchmesse diskutierten Experten darüber, ob und wie Comics einen Beitrag zur Leseförderung darstellen und welches kreative und soziale Potential mit ihnen geweckt werden kann.

Lange galten sie als Schundheftchen, hatten einen schweren Stand - gelesen wurden sie aber immer: Comics. Im Rahmen des Börsenblatt-Forums auf der Frankfurter Buchmesse diskutierten Fachleute, ob und wenn ja welche Chancen Comics bieten, um bei Kindern und Jugendlichen die Lust am Lesen zu fördern. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Visa nach Pisa – Comics als Mittel zur Leseförderung“ am 20. Oktober waren Ursula Christ, Schulamtsdirektorin für Grundschulen in Frankfurt, der Geschäftsführer des Carlsen Verlags Klaus Kämpfe-Burghardt, Stefan Trautner von der Buchhandlung Ultra-Comix in Nürnberg und Sonja Lebert von der Fachstelle für Büchereiarbeit des Bischöflichen Ordinariats Limburg.

Ob schulisch oder außerschulisch: Comics bringen ungeahnte Qualitäten mit    
Die meisten Kinder und Jugendlichen mögen Comics. Besonders die japanischen Manga-Comics haben es ihnen angetan. Die stilisierten schönen, unwirklichen Wesen mit übergroßen Bambi-Augen und Stupsnasen haben einen wahren Siegeszug durch die Buchhandlungen angetreten. „Jugendliche tauschen sich auf dem Schulhof über Mangas aus und puschen sich gegenseitig für die weitere Lektüre“, sagt Klaus Kämpfe-Burghardt vom Carlsen Verlag. Und obendrein seien Comics eine gute Vorbereitung auf die nicht-linearen Texte des Internets, denn sie sind ähnlich wie Hypertexte mit ihrer Text-Bild-Botschaft komplex aufgebaut und „das trainiert die Antizipation von Bild und Text“.
 
Ein weiterer Pluspunkt für Comics als Mittel der Leseförderung ist, dass auch Jungen, die statistisch gesehen in stärkerem Maße von Leseschwäche betroffen sind, von Comics angesprochen werden. In diesem Zusammenhang betont Kämpfe-Burghardt, dass Jungen zwar generell eher für Comics und vor allem für Comics mit Action-Inhalt zu haben seien, dass aber, was Manga-Comics betreffe, auch die Mädchen starkes Interesse zeigen würden. Sowohl die grafische Gestaltung als auch die Themen von Manga-Comics seien ausschlaggebend dafür, ob sich eher Jungen oder Mädchen für eine bestimmte Manga-Comic-Serie interessieren würden.

Für den Einsatz in der Grundschule seien Manga-Comis allerdings ungeeignet. Stefan Trautner sieht den Einsatz von Comics in der Schule generell kritisch, denn „Manga fasziniert auch durch die andere Kultur, es gibt öffentliche und bundesweite Manga-Gruppen und viele grafische Künstler im Manga-Bereich. Eine Verschulung ist schwierig, denn dann macht es keinen Spaß mehr.“ Schulamtsdirektorin Christ hingegen befürwortet den stärkeren Einsatz von Comics - auch in der Grundschule. Zwar würden in vielen Grundschulklassen Comics schon verwendet, um den Kindern den Lesegenuss näher zu bringen, Comics müssten aber in Zukunft noch stärker in den Schulunterricht integriert werden. Sie setzte da auf die jüngere und aufgeschlossene Lehrer-Generation. Doch unabhängig von schulischen Dingen regten Manga-Comics zum selbständigen Lernen an. So zeigt sich Carlsen-Geschäftsführer Kämpfe-Burghardt erstaunt, welches Interesse sie bei Jugendlichen an der japanischen Kultur hervorgerufen haben: „Viele Kinder lernen auf einmal freiwillig japanisch!“.

Austausch mit Gleichgesinnten: „Leseförderung ist keine einsame Angelegenheit“
Viele Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken bieten Veranstaltungen und Workshops zu Manga-Themen an. So auch der Comicladen in Nürnberg im Rahmen eines „Mega-Manga-Wettbewerbs“. Hier gehe „es mehr um die kreative Freizeitgestaltung, um Selbstbestätigung, um das Treffen von Gleichgesinnten“, so Trautner. Das konnte Kämpfe-Burghardt auch beim Manga-Zeichen-Wettbewerb des Carlsen Verlags feststellen. Hier seien schon richtige junge Zeichen- und Erzähltalente entdeckt worden. Und das Beste sei: „Sie fangen sogar an, selbst Geschichten zu schreiben!“

Ob innerhalb schulischer Zusammenhänge oder kultiger Vereine und Veranstaltungen, für den Carlsen-Geschäftsführer ist der „Austausch ein besonders wichtiger Aspekt für die Leseförderung“, es sei ein Gruppenprozess und keine einsame Angelegenheit. Dem stimmt auch Sonja Lebert von der Fachstelle für Büchereiarbeit des Bischöflichen Ordinariats Limburg zu. „Die Peer-Group ist besonders wichtig, die Jungen identifizieren sich mit den in den Comics dargestellten Charakteren und reden gerne über sie“, deshalb seien auch Serien besonders angesagt. Außerdem habe sich allgemein in der Leseförderung viel getan, „Kinder wollen Events und sich nicht mehr nur etwas vorlesen lassen“, so Lebert. Insbesondere Comics würden sich wegen der Illustrationen gut für Workshops eignen. Das dient Schulamtsdirektorin Christ als Anregung, die sich nun vorstellen kann, auch mal einen Manga-Zeichner in die Schule einzuladen.

Brückenmedium zur Bellestristik oder eigenständiges Medium?
„Alles, was man mit Lust macht, macht man auch weiter, und so werden sich viele Manga-Begeisterte irgendwann auch für belletristische Literatur interessieren“, sagte Schulamtsdirektorin Ursula Christ auf die Frage des Moderators der Podiumsdiskussion Stefan Hauck „Ist das Comic ein Brückenmedium?“ Bibliothekarin Sonja Lebert von der Fachstelle für Büchereien stellte darauf die Rückfrage: „Wenn danach die Bellestristik kommt, ja, ansonsten stellt sich die Frage ´Brücke wohin`?“.

Comic-Experte Trautner betonte zum Thema „Comic und lesen“, man solle darüber hinaus nicht vergessen, dass auch bei vielen Comics das Lesen Arbeit sei und mitunter hohe sprachliche und inhaltliche Ansprüche an die Lesefähigkeit der Kinder stellen könnte oder es umgekehrt Comics gäbe, die sich eher durch eine reduzierte Sprache kennzeichnen würden. Etwa durch Lautmalereien wie „Zack, Bumm, Platsch, Zonk“. In dieser Form von Comic ist die Sprache mehr Beiwerk der Aktion, die über Illustrationen vermittelt wird. Werden Comics also mit der Intention der Leseförderung innerhalb oder außerhalb des Schulunterrichts eingesetzt, sollte auf eine „gute Sprache“ geachtet werden. Lehrerinnen und Lehrer oder sonstige Betreuungspersonen sollten darüber hinaus die Comics auf Aspekte wie Gewalt, Sexismus und Rassismus überprüfen.

Auch Schulamtsdirektorin Christ betrachtete Comics und ihren Einsatz für die Leseförderung sehr differenziert und sagte, dass das Lesen von Comics noch lange keine Garantie dafür sei, das Kinder und Jugendliche auch langfristig gesehen gute Leser würden. Vielmehr sei es wichtig, allgemein auf das Interesse der Kinder einzugehen und den Lesestoff dementsprechend auszurichten. Allgemein schälte sich unter den Expertinnen und Experten der Podiumsdiskussion der Tenor heraus, dass das Comic weniger als Brückenmedium zu vermeintlich „richtiger Literatur“ sondern als eigenständiges Medium betrachtet werden sollte. So wird es immer Kinder geben, die beim Comic bleiben und sich nicht für belletristische Literatur interessieren und dennoch der Schriftsprache durch Comics näher gekommen sind.

Schund-Image überwunden - werden Comics nun salonfähig?
Für viele sind Comics nach wie vor profanes Unterhaltungs-Fast-Food. Comic-Kenner aber wissen oft um die qualitativen Unterschiede und die Szene der Comic-Kenner scheint immer größer zu werden. Ihr Schund-Image, das sie aus dem Bücherregal eines jeden Kindes verbannte, dessen Eltern Wert auf pädagogisch ‚wertvolle’ Literatur legen, haben Comics jedoch längst verloren. Von der Stadtbibliothek über Buchhandlungen bis hin zu katholischen Büchereien, viele Vorurteile gegen Comics sind längst abgebaut. Auch in die Letztgenannten haben Comics schon in den siebziger Jahren Einzug gehalten und sind nach wie vor bei der jungen Kundschaft äußerst gefragt. Eine Hilfestellung bei der Auswahl der „richtigen“ Comics für Bibliotheken bieten diverse Rezensionsdienste und für die katholischen Büchereien auch der Borromäusverein.

Darüber hinaus haben Zeitungen wie „Frankfurter Allgemeine“, „Bild“ oder „Welt“ Comics in ihrem Repertoire, es gibt sogar Comic-Bibliotheken und Comic-Läden. „Wird der Comic salonfähig?“ fragt Stefan Hauck die Expertenrunde. „Es führt mehr Menschen zum Comic hin aber man kann erst später sagen, ob dieses Medium ein messbares Umsatzwachstum verzeichnen wird“, antwortet der Geschäftsführer von Ultra-Comix Stefan Trautner. Aber eines ist klar: Comics werden zukünftig in Leseförderungsfragen eine größere Rolle spielen und auch vor Schultoren nicht Halt machen.

Autorin: Katja Haug


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