Bericht

Von Heldinnenbüchern zu Fantasy-Romanen

05.10.2005

TEIL III: Kinder- und Jugendliteratur vom „Neuen Realismus“ der Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.





Cover des Buches: Kennst Du Pippi?
Cover des Buches: Kennst Du Pippi?
In diesem dritten Teil des historischen Abrisses wird deutlich, wie die deutsche Kinder- und Jugendliteratur sich von dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten erholt und nach und nach ein eigenes Profil entwickelt. Unmittelbar nach Kriegsende stagnierte die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur. Werke der Vorkriegszeit waren gefragt und auch die neu hinzugekommen Autoren ahmten „Klassiker“ aus Zeiten des Biedermeiers und des Kaiserreichs nach. Erst Jahrzehnte später gaben Werke mit einem antiautoritäten Beigeschmack den Ton an. Es folgte eine Phase, in der etliche Jugendbücher mit sozialkritischen Themen erschienen. Auch Erzählungen und Gedichte ostdeutscher Autorinnen und Autoren bereicherten die Kinder- und Jugendliteraturlandschaft. Bald gewann auch das Märchenhaft-Phantastische wieder Raum – nachdem es sein Hoch bereits in der Epoche der Romantik hatte. Eine Tendenz, die bis in die Gegenwart zu beobachten ist. Man denke nur an das derzeit grasierende „Harry-Potter- Fieber“. Gleichzeitig nehmen Autoren mehr denn je die jugendlichen Leser ernst und trauen ihnen die Konfrontation mit Themen zu, die von der Inhaltspalette der „Erwachsenen-Literatur“ kaum zu unterscheiden sind ...

Neuer Realismus und soziale Phantasien: Nostalgie, Anlaufschwierigkeiten und ein kraftvoller  Neuanfang 
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus standen die Literatur allgemein und somit auch die  Kinder- und Jugendliteratur vor der Frage, wie ein Neuanfang aussehen und „an welche Traditionen angeknüpft werden kann“, so Prof. Winfred Kaminski. Eine thematische Annäherung an die Wirklichkeit der NS-Zeit und der Nachkriegsjahre gab es vorerst nicht. Themen, wie Schwarzmarkt, Zerstörung, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit oder gar das Schicksal der Inhaftierten der Konzentrationslager waren zunächst in der Literatur für Kinder und Jugendliche nicht existent. Erich Kästner forderte „Wir müssen unsere Tugenden revidieren“ und setzte sich in der von ihm gegründeten Jugendzeitschrift „Pinguin“ (1946-1948) mit moralischen Apellen dafür ein. Ähnliche Ziele hatte auch Jella Lepmann, die 1949 die „Internationale Jugendbibliothek“ in München gründete, die durch Sammlung, Erschließung sowie Vermittlung von Kinder- und Jugendliteratur aus aller Welt zur globalen Verständigung beitragen will. Dieselbe Lepman war es auch die Erich Kästner zu seinem politischen Werk „Konferenz der Tiere“ (1949) anregte. „Die märchenhafte, mit viel Witz geschriebene Tierparabel will zu gesellschaftlichem Umdenken aufrufen“, so Isa Schikorsky, Autorin des Buches „Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur“. 

Für großes Aufsehen sorgte die damals exaltierteste Gestalt der Kinder- und Jugendliteratur des deutschen Buchmarkts: “Pippi Langstrumpf“ (1949). Die Schwedin Astrid Lindgren hatte eine anarchische, starke Heldin mit übernatürlichen Kräften, voller Einfallsreichtum und Witz kreiert. Das unabhängige Leben der Pippi in der Villa Kunterbunt erfüllt kindliche Wunschphantasien von Autonomie gegenüber den Ansprüchen der Erwachsenen. Mit diesem Buch war die Autorität der Erwachsenen, die in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur seit zwei Jahrhunderten mehr oder minder unangefochten war, nicht mehr selbstverständlich. Nun änderten sich auch festgeschriebene Geschlechtsrollenbilder, die in Mädchenbüchern wie „Trotzkopf“ oder „Nesthäkchen“ tradiert worden waren.

Ansonsten zeichnete sich die deutsche Kinder- und Jugendliteratur der 50er Jahre weniger durch Zeichen des Neubeginns als vielmehr durch „restaurative Tendenzen“ aus. In einer Zeit kollektiver Unsicherheit besann man sich auf die Zeit vor 1933. Viele so genannte „Klassiker“ aus Biedermeier und Kaiserreich wie „Robinson“, „Schatzinsel“, „Winnetou“ und „Heidi“ waren in deutschen Bücherregalen zu finden. Auch neue Werke waren konventionell ausgerichtet und sollten charakterlich gefestigte Personen darstellen. Für die Kinder- und Jugendliteratur wichtige Institutionen entstanden in dieser Phase: 1954 wurde die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften eingerichtet. Als eine der wichtigsten Institutionen des 20. Jahrhunderts, die sich um Verbreitung anspruchsvoller Kinder- und Jugendliteratur bemüht wurde der „Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.“ 1955 gegründet. Dieser Verein verleiht auch heute noch den „Deutschen Jugendliteraturpreis“. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre bildete die erzählende Kinderliteratur in Deutschland nach und nach eigene Konturen aus. Charakteristische Grundtendenz: Kinder sollten sich aus ihren eigenen schöpferischen Kräften heraus entwickeln und von den Problemen des Erwachsenenlebens verschont werden. Fantastische Literatur wurde auch zum Vorlesen für Vorschulkinder  attraktiv: Ottfried Peußlers „Die Kleine Hexe“ und „Der kleine Wassermann“ schufen ganz bewusst eine poetische, fantastische und unkritische Welt als Schonraum.

Die 68er Bewegung brachte eine Wandlung des pädagogischen Grundverständnisses mit sich. Herrschten bisher Erziehungsziele wie Gehorsam, Reinlichkeit und Ordnung vor, galten nun Durchsetzungsfähigkeit, Selbstvertrauen und Kritikfähigkeit als Ideal. Kinder- und Jugendliteratur erfuhr als Sozialisations- und Erziehungsmedium eine starke Aufwertung. Nun verzichtete man auf eine allgemeine „Kindgemäßheit“, die Inhalte der Kinder- und Jugendliteratur sollten sich nun nicht mehr von denen der Erwachsenenliteratur unterscheiden und stattdessen dieselben gesellschaftlichen Themen behandeln, „dasselbe kritische Bewusstsein entwickeln und denselben Wirklichkeitsbezug aufweisen“, so Schikorsky. Werke von Kästner, Krüss und Preußler wurden nun als bürgerlich reaktionär abgelehnt. Die starken, energischen Kinderfiguren wie die von Lindgren oder Ringelnatz spiegelten die anitautoritären Tendenzen der Literatur für junge Leser wider. 

Das „moderne“ und „postmoderne“ Kinderbuch: Realistisch und phantastisch, anklagend und flüchtend? Mit den 70er Jahren fanden zunehmend sozialkritische Themen Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur, wie Christine Nöstlingers Werk „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1972) und Leonie Ossowskis Roman „Die große Flatter“ (1977). Aufsehen erregte die Autorin Ursula Wölfel mit Themen zur Dritten Welt, Gewalterfahrungen, Krieg und Diktatur. Statt eines „Happy Ends“ zeigt sie auf, dass nur derjenige etwas ändern kann, der etwas dafür tut. Im Zuge der Politisierung und im Kontext wirtschaftlicher Krisen, so der Literaturwissenschaftler Winfred Kaminsky, entwickelte sich sozusagen als Fluchtreaktion die Phantastische Literatur oder „Fantasy-Literatur“. Michael Endes „Momo“ (1973) stand in der Tradition des romantischen Kunstmärchens. Aber auch J.R.R. Tolkiens „Der kleine Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ machten „auf Tiefenschichten im Individuum wie in der Gesellschaft aufmerksam, die am Optimismus der Aufklärung zweifeln ließen“, kommentiert Kaminsky.

Wie es sich in 70er Jahren schon ankündigte, wurde das problemorientierte Kinder- und Jugendbuch durch die fantastische Literatur wenn nicht abgelöst, dann doch ergänzt: So erklomm 1980 erstmals ein Kinderbuch die Bestsellerliste des Magazins „Spiegel“ und konnte sich zudem jahrelang dort behaupten! Es handelt sich um „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Aufgrund des intertextuellen Verwirrspiels und des ausgeprägten Stilpluralismus gilt die märchenähnliche „unendliche Geschichte“ als erstes postmodernes Kinderbuch. Spätestens ab diesem Buch konnte sich Fantasy als Genre durchsetzen. Nach der Phase des Kollektivismus in den 70ern trat mit der unendlichen Geschichte und ihrer inhaltlichen Botschaft „Tu, was du willst“ nun wieder ein individueller Subjektivismus in den Vordergrund.

„Im Verlauf der achtziger Jahre ist insgesamt ein Perspektivwechsel von der gesellschaftlichen Ebene auf die kindliche Innenwelt festzustellen“, schreibt Schikorsky. Die Autorin Kisten Boie näherte sich mit dem Roman „Paule ist ein Glücksgriff“ (1985) der kindlichen Erlebniswelt an und erzählte in einer bisher ungewohnten Ich-Form von den Gefühlen und Befindlichkeiten des Protagonisten. Sie thematisiert soziale und politische Probleme, ohne nach Manier der modernen Sozialpädagogik Lösungsvorschläge aufzuzeigen. Ähnliche Probleme sprachen auch Hermann Vinke in „Als die erste Atombombe fiel“ oder Gudrun Pausewang mit „Die Kinder von Schewenborn“ an.

Anders als die emanzipatorisch-optimistische Literatur der 70er Jahre gehen die beiden Autorengruppen des darauf folgenden Jahrzehnts, die „Phantasten“ und die „Realisten“, von einer negativen Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Sie zeigen auf, „dass es so nicht weitergehen kann, wenn die Menschheit überleben will“, so der Literaturwissenschaftler Winfred Kaminski. In den 90er Jahren konnte sich besonders der Roman „Sofies Welt“ (1991) großer Beliebtheit erfreuen und wurde mit seinen philosophischen Grundfragen zum Bestseller.


Mauerfall und Folgen: Ostdeutsche Schriftsteller bereichern gesamtdeutsche Kinder- und Jugendliteratur 
Der Westen und Osten Deutschlands sind vier Jahrzehnte lang getrennte Wege gegangen. Das sollte sich mit dem Fall der Mauer (1989) und der Wiedervereinigung (1990) ändern: So sahen sich die Autorinnen und Autoren der ehemaligen DDR auf einmal mit einer anderen verlegerischen Welt konfrontiert. Denn im „Leseland DDR“ waren ein hoher Absatz sowie hohe Auflagen garantiert. Nun galt es, sich im vereinten Deutschland zu bewähren. Wichtige Verlage der DDR waren insbesondere „Der Staatsverlag“ und der „Verlag Neues Leben“. Mit der Wende mussten sich die Schriftsteller innerhalb kürzester Zeit neu orientieren. Nicht allzu vielen gelang dies. Zahlreiche Autoren liefen beruflich zu den neuen elektronischen Medien über: „Das zuvor gehätschelte Kultur- und Prestigeobjekt `Buch´ war plötzlich nur noch ein Medium neben anderen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Winfred Kaminski. Neben der Medienrevolution erschwerte den Autoren auch der Sachverhalt, unter pädagogischer und politischer Kontrolle der ehemaligen DDR geschrieben zu haben, das Fußfassen auf dem gesamtdeutschen Buchmarkt. Unter diesen Rahmenbedingungen entstandene Bücher wurden nach dem Mauerfall „uninteressant“.

Doch trotz dieser sehr schwierigen Ausgangslage verfassten ostdeutsche Autorinnen und Autoren in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Romane. Sowohl gestandene als auch junge Schriftsteller schrieben weiterhin für Kinder und Jugendliche Gedichte und Erzählungen. Aus den 50er Jahren sind vor allem Erwin Strittmatters Kinderroman „Tinko“ und Ludwig Renns „Trini“-Erzählung oder auch die Bücher Auguste Lazars und Alex Weddings, sowie Gerhard Holtz-Baumertst „Alfons Zitterbacke“ bekannt. Als besonders lesenwerte Werke ehemaliger DDR-Autoren gelten auch das Buch von Günter Görlich „Den Wolken ein Stück näher“, die Abenteuerromane der „Savvy-Trilogie“ von Götz R. Richter sowie die Indianergeschichten von Liselotte Welskopf-Henrich. Als einer der erfolgreichsten  Schriftsteller der ehemaligen DDR gilt im Sektor Kinder und Jugendbuch Benno Pludra. Er wurde im Oktober 2004 mit dem Sonderpreis des „Deutschen Jugendliteraturpreises“ für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Und auch zahlreiche ostdeutsche Illustrationskünstler wie Klaus Ensikat, Egbert Herfurth oder Elizabeth Shaw bereichern die kinderliterarische Landschaft. Die Werke dieser Künstler und Autoren finden mittlerweile Anerkennung in ganz Deutschland.

Auch allgemein wurde die thematische und stilistische Bandbreite an Literatur für junge Menschen  immer größer. Inzwischen ist die Ansicht, Kinder- und Jugendbücher hätten auf bestimmte Themen zu verzichten, da sie sich nicht altersgerecht darstellen ließen, überholt. Vielmehr umfasst sie dieselbe Bandbreite wie die Literatur für Erwachsene und wird dem Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen gerecht, in Büchern all die gesellschaftlichen und sozialen Themen wieder zu finden, mit denen sie selber konfrontiert sind. Sie möchten als Leser ernst genommen werden. Heute beweisen die weltweit erfolgreichen „Harry Potter-Bücher“ der englischen Autorin Joanne K. Rowling wie sehr junge Leserinnen und Leser „trotz“ der oft beschimpften medialen Konkurrenz von Fernsehen und Internet für den Lesegenuss zu haben sind und wie sehr sie sich nach wie vor für märchenhaft-fantastische Geschichten erwärmen lassen.

Vertiefende Literatur zum Thema:
• Titel: „Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur
 – Literarische Phantasie und gesellschaftliche Wirklichkeit“
Autor: Winfred Kaminski
Verlag: Juventa 
• Titel: “Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur“
Autorin: Isa Schikorsky
Verlag: Dumont 
• Titel: „Geschichte der deutschen Kinder- Jugendliteratur“ 2. Auflage
Herausgeber: Reiner Wild
Verlag:  J.B. Metzler

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