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Bericht

Von der Buchstabentafel zur Tugendfibel

21.09.2005

TEIL I: Kinder- und Jugendliteratur von den Frühformen bis zur Biedermeier-Epoche


Kalender-Illustration aus Pictura Paedagogica Online
Kalender-Illustration aus Pictura Paedagogica Online
Internet: http://www.bbf.dipf.de/VirtuellesBildarchiv/
Die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur entstand in engem Zusammenhang mit der Herausbildung von „Kindheit“. Spielten zu Beginn Religiösität und Sittenlehre eine wesentliche Rolle in den Inhalten und Zielen der Literatur für Kinder und Jugendliche, so schlugen sich in Zeiten der Aufklärung insbesondere pädagogische Ziele nieder. In dieser Epoche konnte man erstmals von einer spezifischen Kinder- und Jugendliteratur reden. Dichter und Denker in Deutschland und Europa versuchten, dem Kind mit „kindgerechter“ Literatur zu begegnen. Die Literatur als solche gehörte sogar zu einem wichtigen Instrument der Erziehung. Diese Tendenzen und Erkenntnisse sollten aber schon bald Gegner finden. Die Vertreter der Romantik setzten der „pädagogischen Instrumentalisierung“ das der Literatur Eigene, das Künstlerische, das Poetische und Fantastische entgegen.  

Mittelalter bis Barock: Vereinzelte Kontakte mit Manuskripten und Büchern
Ob wohlhabend oder arm, kaum ein Kind hatte im Mittelalter Zugang zu Manuskripten oder Büchern. Doch gab es erste und vereinzelte Kontakte von Kindern mit Literatur schon im 12. Jahrhundert. Dann spielten vor allem Autoren wie Thomasin von Zerclaere mit seinem Werk „Großen Seelen Trost“ (Ende des 14. Jahrhunderts) und Konrad von Dangkrotzheim mit „Das heilige Namenbuch“ (1435) eine Rolle. Auch das Epos „Reineke Fuchs“ oder Jörg (Georg) Wickrams „Des jungen Knaben Spiegel“ (1554) erfuhren Beachtung.   

Erst die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts erleichterte der Bevölkerung und somit auch den Kindern den Zugang zur Literatur. Eine allgemeine Alphabetisierung kam jedoch erst drei Jahrhunderte später ins Rollen. Noch im Jahre 1800 konnte nur ungefähr 50 Prozent der Bevölkerung lesen. In den 1480er Jahren veröffentlichte William Caxton eine Reihe von Kinderbüchern. Dabei handelte es sich um Lernhilfen, unter anderem so genannte „Buchstabentafeln“ oder Hornbücher. Das waren meist mit einem Griff versehene Holztafeln, auf denen das ABC oder Gebete abgedruckt waren. Die Frühformen der Kinder- und Jugendliteratur ordneten sich streng den Zwecken der religiösen, schulischen und gesellschaftlichen Erziehung und Bildung unter. In den Hintergrund traten hingegen die eher unterhaltend belehrenden Werke wie Fabeln und Tierepen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab Johann Amos Comenius mit seinem „orbis sensualium pictus“ erstmals eine maßgebliche Vorlage für das belehrende Sachbilderbuch vor. Damit war ein Anfang für die Etablierung der Kinder- und Jugendliteratur gemacht.

Aufklärung: Die „Erfindung“ von Kinder- und Jugendliteratur!
In den Jahrzehnten nach 1750 änderte sich die deutsche Kinder- und Jugendliteratur auf einen Schlag: In dieser Zeit etablierte sich der so genannte „Philanthropismus“. „Philanthrop“ ist griechisch und heißt übersetzt „Menschenfreund“. Vor dieser Zeit herrschte in der Kinder- und Jugendliteratur das Bild vom Kind als „Vernunftwesen“ vor, das eine Vorstellung vom Weltganzen in sich trägt. Mit dem aufkommenden Philanthropismus hielt man es nun für notwendig, sich auf kindliche Wahrnehmungsformen einzustellen. Zwei Denker prägten die pädagogischen Auffassungen der Aufklärung ganz besonders: Der Vater der Erkenntniskritik John Locke und der pädagogische Vordenker Jean-Jaques Rousseau mit seinen „Thesen zu natürlichen Erziehung.“ Ab diesem Zeitpunkt sollte sich die Literatur zu den Kindern herabbeugen und sie als Kinder bestätigen, dokumentiert Prof. Winfred Kaminski in seinem Buch „Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur“ die Geschehnisse innerhalb dieser Epoche.

Die Kehrseite dieser „kindgerechten“ Literatur bestand in der Abtrennung von der Allgemeinliteratur. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand die so genannte Kinder- und Jugendliteratur. Also Literatur, die bewusst für junge Zielgruppen konzipiert und produziert wurde. Sie bildete in der Folge ein selbständiges Segment des Literatursystems mit einem eigenen Markt und eigenen Institutionen. Die philanthropische Kinder- und Jugendliteratur wollte Belehrung mit Unterhaltung, Nutzen mit Vergnügen verbinden.
Dabei galten Bücher den Philanthropisten als unverzichtbares Hilfsmittel zur Umsetzung ihres Erziehungskonzepts. In dieser Phase gehörten zur Kinder- und Jugendliteratur antike Fabeln des Äsop, Fabeln von Gotthold Ephraim Lessing und die „Lieder für Kinder“ (1767) von Christan Felix Weiße. Weiße galt ebenso wie die Autoren Christian Gotthilf Salzmann, Eberhard von Rochow und nicht zuletzt Joachim Heinrich Campe als Reformer. Sie „erfanden“ zwischen 1770 und 1790 gewissermaßen die moderne Kinderliteratur und prägten deren inhaltliches und ästhetisches Profil.
 
Früchte der Aufklärung: Erstmalig ist von „Kinderbuchklassikern“ die Rede
Die Tendenzen der Aufklärung flossen in einem Werk zusammen, das wegen seines Erfolges zum ersten Bestseller wurde. Aufgrund seines großen Einflusses auf die weitere Entwicklung des Genres, entwickelte es sich zum ersten Klassiker der Deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Gemeint ist das das Buch „Robinson der Jüngere“ von Joachim Heinrich Campe. Allgemein waren neben den traditionell-didaktischen Genres wie den Sittenlehren in der Epoche der Aufklärung vor allem die als Unterrichts- und Nachschlagewerke geschriebenen Elementarbücher und Robinsonaden in der Art von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ auf dem Buchmarkt zu finden. Im diesem weltberühmten englischen Abenteuerroman sah Rousseau die ideale Umsetzung seines Modells einer „natürlichen Erziehung“. Das daran angelehnte, eigens für Jugendliche überarbeitete Werk „Robinson der Jüngere“, sollte den „allzu empfindsamen und empfindelnden“ Büchern der Zeit etwas entgegensetzen, wobei Campe in erster Linie an Goethes „Werther“ dachte. Campe wollte mit „seinem“ Robinson zeigen, wie man sich durch Nachdenken und zielstrebiges Handeln aus einer hilflosen Lage befreien kann.

Einen „ähnlichen Schriftzug“ trugen zahlreiche Texte, die aus anderen europäischen Sprachen übersetzt wurden und als Weltliteratur galten. Auch sie wurden eigens für das junge Publikum umgeschrieben. Darunter waren Verfasser wie Cervantes, Jonathan Swift, Hermann Melville, James Fenimore Cooper, Walter Scott und Robert Louis Stevenson. In dieser Zeit regte sich auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten, etwas: Das Kinderschauspiel und sogar das Kinderpressewesen konnten sich in der Epoche der Aufklärung mit Christian Felix Weiße etablieren. Weiße schrieb an die 40 Theaterstücke für Kinder und gründete die Zeitschrift „Der Kinderfreund“ (1776-82).

Der Philanthropismus, angeregt durch französische und englische Vorbilder, entdeckte nicht nur die Kinder als potenzielle Adressaten, sondern auch in besonderem Maße die Mädchen.  Vorläuferinnen waren Sophie von La Roche sowie Jeanne-Marie Leprince de Beaumont und Friederike Helene Ungers mit „Julchen Grünthal“. Seither ist die Mädchenliteratur ein integraler Bestandteil der Kinder- und Jugendliteratur. Sie entstand mit den moralisch-belehrenden Schriften im Verlauf des 18. Jahrhunderts, gefolgt von der  „Backfischliteratur“ des 19. Jahrhunderts.

Die Mädchenliteratur diente in ihren Anfängen vor allem als Mittel der allgemeinen „Tugend- und Vernunfterziehung“ und hatte zunächst keine klar geschlechtsspezifische Ausrichtung. Jedoch sprach der sonst so fortschrittliche Campe dann vor allem das bürgerliche Mädchen an und verfolgte das Ziel einer „besonderen und allgemeinen Erziehung der Frau“. „Frausein“ verband er dabei mit den Rollen „Hausfrau“, „Gattin“ und „Mutter“. Eine Tendenz, die sich auch in den darauf folgenden Jahrzehnten innerhalb der Mädchenliteratur fortsetzen sollte.

Die Romantik: Künstlerischer Höhenflug der Kinder- und Jugendliteratur
In der Epoche der Romantik kam Kindern ebenfalls eine ganz besondere Stellung zu, die im Gegensatz zu den Erziehungsvorstellungen der Aufklärung stand. Dichter wie Joseph von Eichendorff und Ludwig Tieck kritisierten das Philanthropische Nützlichkeitsdenken aufs schärfste. Sie sprachen von einer „zu frühen Bildung“ der Kinder, von   „Pseudogelehrsamkeit“ und von „Vielwisserei“. Die Romantiker betonten stattdessen die  Anerkennung der Autonomie und Individualität des Kindes als Grundvoraussetzung allen pädagogischen Handelns.

Dem Kölner Literaturwissenschaftler Walter Pape zufolge, verbanden die geistigen Vertreter der Aufklärung die Kindheit mit einer rückwärtsgewandten Sehnsucht oder mit voraus weisender Hoffnung. Den deutschen Romantikern hingegen galt dies nun als eine verengte Literaturkonzeption und als nicht länger haltbar. Johann Gottfried Herder (1744-1803) trieb Entwicklungen in der Romantik mit seinen kulturphilosophischen Studien voran. Das Kindheitsbild der Romantik ging von der Idee einer naturbedingten Einheit des kindlichen Wesens sowie dessen enger Beziehung zu Phantasie und Einbildungskraft aus. 

So entdeckten die Zeitgenossen der Romantik Kinderreime, Lieder, Rätsel, Märchen, Sagen, Legenden, Volksbücher und das Puppenspiel wieder. „Genres also, die in der Periode zuvor gleichsam zur verbotenen Lektüre  bloßen – Ammenmärchen – geworden waren“, so der Literaturwissenschaftler Kaminski. Galt das Märchen für Philanthropen als Tabu, wurde es in der Romantik zur kardinalen Gattung und zum „Kanon der Poesie“, so Novalis. In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts verfestigen sich die Positionen der romantischen Kritik. Zu ihren engagiertesten Streitern gehörten neben Ludwig Tieck auch  Rousseau und Herder.

Herausragende Werke, die diesem Zeitgeist Rechung trugen, waren jene von Clemens Brentano und Achim von Arnims „Des Knaben Wunderhorn“ (1806) oder die von Jakob und Wilhelm Grimm gesammelten „Kinder- und Hausmärchen“. Diese Werke waren zugleich der Beginn romantischer Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Der volkspoetische Anspruch von Brentano und Arnim hielt die Herausgeber nicht davon ab, die Quellen so zu bearbeiten, dass sie ihren eigenen Idealen von „Volkstümlichkeit“ und romantischen Kinderton entsprachen. Sie ließen erstmals in der Literaturgeschichte Lieder, Gedichte und Gebete abdrucken, die ausdrücklich für sehr junge Kinder gedacht waren. Unverkennbare Merkmale der Volksmärchen sind die einfache Struktur, der stereotype Handlungsablauf und eine formelhafte, naive Sprache. Archetypische menschliche Grundsituationen gewinnen im Volksmärchen prägnante Bilder und finden einen wundervollen und mit schlichter Moral versehenen Ausgang.

Entwicklungspsychologisch entspricht das Schema dieser Märchen dem noch eingeschränkten Weltbild jüngerer Kinder, die von Grimmschen Märchen meist besonders fasziniert sind. Insofern waren die Vertreter der Romantik ihrer Zeit voraus. Einige Märchendichter wandten sich gezielt gegen die volkspoetische Märchentradition und nahmen sich orientalische oder französische Feenmärchen zum Vorbild. Mit so genannten „Kunstmärchen“ wie „Nussknacker und Mausekönig“ hielt zugleich die fantastische Literatur Einzug. Traum, Phantasie, Wirklichkeit und Märchenfiktion sind im Kunstmärchen miteinander verquickt und fordern das kindliche Gemüt mehr denn je. 

Biedermeier: Herzensbildung oder Kitsch und triviale Belehrung? 
„Der literarische Aufbruch der Romantik und die Befreiung von der napoleonischen Besatzung mündeten nach 1815 in einer Phase der politischen Restauration“, äußert die Autorin des Buches „Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur“ Isa Schikoprsky und spricht im gleichen Atemzug von einem „goldenen Zeitalter für die Kinder- und Jugendliteratur“. Nun flössen Elemente der Aufklärung mit denen der Romantik zu einer Kinder- und Jugendliteratur, die „teilweise bis heute als kindgerechtes und optimistisches Ideal“ für Heranwachsende gilt. Mit den Mustern der Volkspoesie wollte man  beim Leser Rührung und Mitleid erzeugen, jedoch nicht nur um der ästhetischen Wirkung wegen, sondern wiederum mit klar erkennbarer Absicht zur Belehrung.  

Gnadenloser noch formuliert es Winfred Kaminski: „Die Funktionalisierung von Kinder- und Jugendliteratur konnte nicht aufgehalten werden“. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte laut Kaminski eine vermehrte Trivialisierung der Kinder- und Jugendliteratur. Es mache sich eine zweite „seichte Aufklärung breit und fades, ja Kitschiges“ sei tonangebend geworden. Ressentiments und Konventionen bestimmten diese Zeit. Dabei zeige sich Ersteres in den kriegsverherrlichenden Schriften Oskar Höckers und Carl Tarneras und Letzteres in der verspäteten Biedermeierzeit mit den Backfischbüchern der Clementine Helm und Thekla Gumpert.

Das „Zeitalter Bismarcks“ war nicht nur eine Periode quantitativen Wachstums der Kinder- und Jugendliteratur, neben dem wirtschaftlichen und politischen erlebte auch die Mädchenliteratur einen zweifelhaften „Aufschwung“: In dieser Phase traf man nun vermehrt Anleitungen zum „richtigen Benehmen“ an, z.B. in „Backfischchens Leiden und Freuden“, im „Töchteralbum“ und in Emmy von Rhodens „Trotzkopf“ (1885). „Die höhere Tochter hatte zart zu sein, unscheinbar, anlehnungsbedürftig und tugendhaft“, dokumentiert Kaminski. Kinder generell sollten nicht neugierig, sondern ordentlich und gehorsam, sauber und pünktlich sein. Doch der „Patriotismus und das Sentiment“, welche der Literaturwissenschaftler als charakteristische Merkmale der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der „verspäteten Biedermeier-Epoche“ identifiziert, erfuhren wertvolle Anregungen von europäischer Nachbarländern. Welche „Früchte“ wiederum diese  Anregungen trugen, erfahren Sie in Teil II dieses geschichtlichen Abrisses.       

Vertiefende Literatur zum Thema: 

  • Titel: „Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur
     – Literarische Phantasie und gesellschaftliche Wirklichkeit“
    Autor: Winfred Kaminski
    Verlag: Juventa 
  • Titel: “Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur“
    Autorin: Isa Schikorsky
    Verlag: Dumont 
  • Titel: „Geschichte der deutschen Kinder- Jugendliteratur“ 2. Auflage
    Herausgeber: Reiner Wild  
    Verlag:  J.B. Metzler

Autorin: Katja Haug 


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