Bericht

Schocken mit Niveau

07.09.2005

„Schock deine Lehrer – lies ein Buch“, unter diesem Motto führten zwölf Bibliotheken in NRW „SommerLeseClubs“ ein.


Mädchen bei einer Party des Sommerleseclubs
Mädchen bei einer Party des Sommerleseclubs

Auf einer Blumenwiese, im Schwimmbad oder auf einer griechischen Insel lässt sich vortrefflich und völlig ungestört schmökern – erst recht wenn der Schulalltag noch Wochen entfernt liegt. Das dachten sich auch die Organisatoren des „SommerLeseClub NRW“. Ihr Motto formulierten sie zweifelsohne mit einem Augenzwinkern: „Schock deine Lehrer - lies ein Buch.“ Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren sollten durch die ideenreiche Kooperation zwischen öffentlichen Bibliotheken und Schulen zum „freiwilligen“ Lesen angeregt werden. In Deutschland wurde das Pilotprojekt 2002 erstmals in der Stadt Brilon erprobt, Vorbild dafür war der „Teen Reading Club“ der Public Library in Los Angeles.

Die Stadtbibliothek Brilon erhielt auch für die gelungene Umsetzung der Idee des „SommerLeseClubs“ den Preis „Auslese 2005“ der Stiftung Lesen und der Commerzbankstiftung. Das sollte Grund genug sein, diese Form von Leseförderung auch an weitere Bibliotheken heranzutragen. Gedacht, getan: In diesem Jahr koordinierte und förderte das Kultursekretariat NRW in Gütersloh „SommerLeseClubs“ für insgesamt zwölf Städte in Nordrhein-Westfalen. Mit der zusätzlichen Unterstützung des Landes und der Bertelsmann Stiftung wurde der „SommerLeseClub 2005“ in Beckum, Bergheim, Brühl, Güthersloh, Hattingen, Herford, Kamen, Löhne, Paderborn, Plettenberg, Rheine und natürlich wieder in Brilon auf die Beine gestellt.

Wie funktioniert denn so ein „SommerLeseClub“?
Die Initiatoren des „SommerLeseClubs“ wollen vor allem Jugendliche der weiterführenden Schulen in den Sommerferien zum Lesen anregen. Die Schüler konnten sich vor den Ferien online anmelden oder persönlich bei den jeweiligen Stadtbibliotheken registrieren lassen und bekamen einen „SommerLeseClub-Ausweis“, mit dem in der Bibliothek Bücher ausgeliehen werden konnten, ein „Leselogbuch“ sowie ein Lesezeichen mit Buchtipps. Anschließend galt es, während der sechswöchigen Schulferien mindestens drei Bücher zu lesen.

Als die Mädchen und Jungen die Bücher zurückgaben, wurde der Inhalt von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliotheken kurz abgefragt und der Titel des Buches im Leselogbuch vermerkt. Anschließend konnten die Jugendlichen auf Bewertungskarten ihre Meinung zu den gelesenen Büchern äußern. Und es wird ihnen sicherlich Spaß bereitet haben, dabei auch Schulnoten vergeben zu dürfen. Zu guter Letzt war auch ihr Rat gefragt, ob sich das gelesene Buch auch als Schullektüre eignen würde oder eher nicht.

Die „Lesen in Deutschland“ – Redaktion fragte die Brühler Bibliotheksleiterin Anja Bley nach ihren Erfahrungen. Laut Bley bemängelten viele Schülerinnen und Schüler die zu kurzen Geschichten oder offenen Enden, „der Wunsch nach einem Happy End ist groß“, so Bley. Die Teenager würden aber auch erkennen, welche Lektüre zu leichte Kost sei und sich aus dem Grunde nicht als Schullektüre eigne. „Es ist beeindruckend, wie differenziert Jugendliche lesen und wie sie ihre Begeisterung, aber auch ihre Kritik zum Ausdruck bringen“, sagte die Brühlerin.
 
Unterstützende Lehrer sorgen für Glaubwürdigkeit 
Das Ziel, den Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern nach Beendigung des Projekts ein Feedback geben zu können, welche Titel wie von den Jugendlichen benotet wurden, ist zu einem interessanten Nebenprodukt geworden: „Ich bin gespannt, ob das Projekt dazu führt, dass neue Bücher Einzug in die Schulen nehmen“, kommentiert Kathrin Koch, Mitarbeiterin der Brühler Bücherei.

Freude über das Zertifikat ...
Freude über das Zertifikat ...

Die weiterführenden Schulen trugen die Idee des „SommerLeseClubs“ mit. Sowohl zur Auftakt- als auch zur Abschlussparty kamen die Lehrerinnen und Lehrer, die den Stadtbibliotheken als Ansprechpartner dienten. Das signalisierte den Mädchen und Jungen, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer die Idee des Clubs ernst nehmen. In Brilon setzten die Deutsch-Lehrerinnen und Deutsch-Lehrer der weiterführenden Schulen nach der Vorlage des SommerLeseClub-Zertifikates sowie einem kurzen Referat zum Inhalt der gelesenen Bücher die mündliche Mitarbeitsnote der Schüler herauf.

„Jetzt liest er bis zu drei Bücher am Tag“
Anja Bley, Leiterin der Stadtbibliothek Brühl, ist erfreut über die Begeisterung und die Impulse, die das Projekt den Schulen und Jugendlichen gegeben hat: “Eine Mutter fragte uns erstaunt: `Wie haben Sie das nur geschafft? Jahrelang habe ich versucht, meinen Sohn zum Lesen zu bringen, und jetzt liest er bis zu drei Bücher an einem Tag`“.

Die Begeisterung spüren die Bibliotheksangestellten laut Bley täglich, zum Beispiel, wenn sich weit vor den Öffnungszeiten vor der Bibliothek Schlangen bilden. „Sobald die Türen geöffnet werden, stürmen die Teenager zu den Sommerclub-Regalen und schauen, was es neues zu ergattern gibt“, erzählt Bley aus ihrem sommerlichen Berufsalltag. 
 
Vielfache Belohnung für „außerschulisches Lesen“ 
Nach den Sommerferien bekam jeder erfolgreiche Teilnehmer und jede erfolgreiche Teilnehmerin ein Zertifikat, das von den weiterführenden Schulen als außerschulische Leistung mit einem Vermerk im Zeugnis gewürdigt wird. Aber damit nicht genug: Alle Bibliotheken, die teilgenommen haben, veranstalteten nach den Ferien Abschlusspartys.

Dabei wurde natürlich auch für das leibliche Wohl der Lesefleißigen gesorgt: Pizzen, Cola, Limonade, Live-Musik, Überraschungsgeschenke und vieles mehr wurde den Jugendlichen - natürlich kostenfrei - geboten. Und in Brühl nahm jeder Jugendliche mit ausgefüllter Bewertungskarte an einer Tombola teil, bei der heiß begehrte Preise wie Freikarten für das Schwimmbad, Freikarten für das Phantasiealand, aber auch Sachpreise wie T-Shirts und Bücher verlost wurden.

Zum festen Bestandteil der Leseförderungsszene heranwachsen 
Die auf drei Jahre angelegte finanzielle Förderung des Projektes hat zum Ziel, die „SommerLeseClubs“ zu festen Bestandteilen der Leseförderung – auch in Deutschland – heranwachsen zu lassen. Dabei will das Gütersloher Kultursekretariat allen an der Teilnahme interessierten Stadtbibliotheken einen Einstieg in das Projekt ermöglichen. So fördert das Kultursekretariat komplett die Gestaltung und den Druck aller benötigten „Werbe-Medien“, wie Clubkarten, Leselogbücher, Lesezeichen, Flyer, Plakate sowie einen gemeinsamen Internetauftritt und eine Koordinierungsstelle, die bei der organisatorischen Umsetzung Hilfestellungen leistet.

Auch die Brühler Bibliothekarin Anja Bley bemüht sich um die Langzeitwirkung: „Um eine Nachhaltigkeit des Projektes weit über die Sommerferien hinaus zu gewährleisten, wurden einige Titel des „SommerLeseClubs“ in so hoher Staffelung angeschafft, dass sie im neuen Schuljahr den Lehrkräften als Klassensatz für den schulischen Gebrauch angeboten werden können.“

Erstaunt ist Anja Bley darüber, dass „über 400 Schülerinnen und Schüler des Sommerleseclubs, also 45 Prozent, bisher keinen `normalen´ Büchereiausweis hatten.“ Aber auch nur „bisher“, denn die Bibliotheksleiterin ist vollends zufrieden: „Hier konnten der Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz der Stadtbücherei als Kultur- und Bildungseinrichtung deutlich erhöht werden.“

Autorin: Katja Haug

 


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