Bericht

Erlebnis Lesen

22.06.2005

Der Verein SoLe versucht, mit diversen Aktionen Lust auf Lesen zu machen


Edelgard Bulmahn liest vor
Edelgard Bulmahn liest vor

Bei vielen, die gerne in einem guten Buch schmökern, hat sich die Liebe zur Literatur oftmals schon früh entwickelt: Wem als Kind eine spannende Geschichte vorgelesen wurde, wer in fremde Welten eintauchte und phantastischen Wesen und Figuren begegnete, der greift später eher zu Gedrucktem als Kinder, die ohne Literatur aufwachsen. Die Gruppe Letzterer wird ständig größer, im Zeitalter der bild- und tonmächtigen Rundumbeschallung haben es Bücher nicht leicht. Wenn in der Familie keine Anregung zum Lesen gegeben wird, zusätzlich noch die Einsparungen in Schulen, öffentlichen Bibliotheken und Freizeiteinrichtungen die Bildungsmöglichkeiten begrenzen, sieht es noch düsterer aus.

Eltern der katholischen Grundschule St. Paulus Moabit in Berlin-Mitte klagen nicht, sie haben gehandelt und den Verein für kulturelles und soziales Lernen (SoLe e.V.) gegründet. SoLe e.V. möchte Kindern interessante, sinnvolle und zugleich unterhaltsame Freizeitangebote bieten und Ideen verwirklichen, die Schule und Schulträger aus eigener Kraft nicht auf den Weg bringen können. Meistens fehlt es natürlich an Geld. Die Vereinsgründung mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit war daher wichtig, denn so können die Eltern Spenden sammeln und bescheinigen. Auf diese Weise konnte SoLe e.V. zum Beispiel der St. Paulus-Schule eine neue Schulbibliothek schenken, die am 16. März 2004 feierlich eröffnet wurde.

SoLe e.V. organisiert seit fünf Jahren verschiedene Aktionen, um die Kinder „in einprägsamen Veranstaltungen das Lesen als Zeit zur Muße, als Zeit für Phantasie und Ruhepol im hektischen Kinderalltag erleben zu lassen“, wie es SoLe-Mitglied Martin Krautkrämer ausdrückt. „Damit wollen wir nicht nur ihr Interesse für die Literatur wecken, sondern sie auch für das Erlebnis Lesen gewinnen.“

Am Anfang stand dabei die Aktion „Willkommen im LeseLand“. Wie eingangs erwähnt, geht es hier ums Vorlesen und Zuhören. SoLe e.V. lädt zweimal pro Jahr Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Martina Dierks, Klaus Kordon, Benno Pludra oder Zoran Drvenkar ein, die aus ihren Büchern oder auch unveröffentlichten Manuskripten vor bis zu 150 Zuhörerinnen und Zuhörern lesen. Manchmal kooperiert die Schule auch mit Buchhandlungen, die Büchertische anbieten. Im Anschluss an die Lesung bekommen die Kinder jeweils Gelegenheit, Fragen zu stellen – zu dem eben Gehörten, aber natürlich auch zur Arbeit an einem Buch oder zum Beruf Autor. So leistet „Willkommen im LeseLand“ zweierlei: Die Phantasie und die Leselust der Schülerinnen und Schüler werden angeregt, aber zugleich entwickeln sie auch eine reflektierende Distanz, da mit der Autorin oder dem Autor eine Geschichte hinter der Geschichte offenbar wird. „Bei den Autoren, die als Person auch den Kindern bekannt waren, bemerkten wir schnell, dass auch das Interesse an einer Person allein schon als Auslöser für Leselust dienen kann. Deshalb haben wir unsere zweite Lesereihe gestartet“, berichtet Martin Krautkrämer.

Bei „Prominente lesen für Kinder“ verrät bereits der Titel, worum es geht: SoLe e.V. lädt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, die den Kindern bereits durch das Fernsehen bekannt sind. SoLe-Vorsitzender Axel Jürs erklärt: „Diese Aktion soll bei den Grundschülern den Appetit aufs Lesen stärken.“ Den Prominenten wird freigestellt, woraus sie vorlesen – meist sind es Bücher, die diese als Kinder selbst schon gerne gelesen haben, oder die ihnen durch ihre eigenen Kinder, Nichten, Neffen oder Enkel bekannt geworden sind.

Den Anfang machte Bezirksbürgermeister Dr. Joachim Zeller, der aus Märchen vortrug. Dann folgte der Berliner Schulsenator Klaus Böger, der aus Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ vorlas. Böger übernahm auch die Schirmherrschaft über die Reihe „Willkommen im LeseLand“. Inzwischen sind der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper („Die Schatzinsel“ und Janosch), die ZDF-Moderatorin Juliane Hielscher (Gedichte von James Krüss), Bundesfamilienministerin Renate Schmidt , der ehemalige thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel und Bundesverteidigungsminister Peter Struck („Das Sams“) zu Gast gewesen.

Normalerweise finden die Prominentenlesungen am „Blauen Montag“ um 15 Uhr in der St. Paulus-Schule statt. Doch das ist kein Muss. Auch den Ort können die Vorleser bestimmen – am besten einen Schauplatz, an dem sie arbeiten oder der ihre Arbeit repräsentiert. Ein Höhepunkt der Reihe „Prominente lesen Kindern vor“ war in diesem Zusammenhang für die Schülerinnen und Schüler sicherlich der Besuch im Deutschen Bundestag am 24. März 2003, als sie von Wolfgang Thierse empfangen wurden. „Selbst versierte Veranstaltungsprofis im Bundestag waren erstaunt und begeistert, wie die Kinder neben der Lesung auch der Ort ihres Arbeitsalltags beeindruckte“, erinnert sich Martin Krautkrämer. „Man erlebt eben nicht alle Tage bis zu 50 Kinder, die eine Stille gespannter Erwartung erzeugen und dann erwartungsvoll den Worten eines Prominenten lauschen.“ Der Bundestagspräsident stellte sich und seine Arbeit vor und las dann aus dem Buch „Krabat“ von Ottfried Preußler.

Gar zweisprachig verlief der Besuch in der italienischen Botschaft am 11. April 2005, als der italienische Botschafter Silvio Fagiolo den Schülerinnen und Schülern „Pinocchio“ auf deutsch und italienisch vortrug. Bei dieser Veranstaltung waren auch Kinder der Herz Jesu-Schule dabei. Überhaupt sind die Lesereihen keine Exklusivveranstaltung der St. Paulus-Grundschule, sondern laut SoLe e.V. ausdrücklich auch für andere Schulen offen. Durch Aushänge in Schulen und Horten der Nachbarschaft, durch Hinweise in der Stadtbücherei Mitte und der Zweigstelle der Jugendbücherei sowie Veröffentlichungen in der Tagespresse sind auch Schülerinnen und Schüler anderer Schulen eingeladen.

Am 8. Juni 2005 brach die Grundschule St. Paulus zu einem weiteren „Auswärtsspiel“ auf: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn las ein Kapitel in der Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg aus dem Kinderbuchklassiker „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ von James Krüss vor. Etwa 40 Ganztagsschülerinnen und -schüler lauschten gespannt dem Vortrag der Ministerin, die wie viele Gäste vor ihr mit zwei Exemplaren des Romans als Geschenk dafür sorgte, dass die Schulbibliothek weiter wächst. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, dass „Prominente lesen für Kinder“ seine doppelte Funktion erfüllt. Viele der jungen Zuhörerinnen und Zuhörer fragten die Ministerin nach Beendigung des Kapitels, wie es weiterginge. „Lest das Buch!“, riet Edelgard Bulmahn ihnen. Durch das Wecken der Neugier schien der erste Schritt zum eigenen Weiterlesen vielleicht schon getan. Zum anderen stillten die Kleinen ihren Wissensdurst über die Person und die Funktion des prominenten Gastes und erfuhren etwas aus Lebensbereichen, die ihnen sonst fremd bleiben dürften.

Doch es geht nicht nur ums Zuhören. Die Katholische Grundschule St. Paulus schärft ihr pädagogisches Profil als „Literaturschule“ mit dem Schwerpunkt Leseförderung, der auch Schreib- und Vorlesewettbewerbe umfasst. Im vergangenen Jahr veranstaltete die Schule eine Projektwoche rund um das Thema „Buch“. Eine Schülergruppe stellte dabei ein Goldenes Buch für den Bezirk Mitte her, der bis dahin über keines verfügt hatte, und überreichte es feierlich im Rathaus.

Zusätzlich hat die Schule eine Kooperation mit dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur LesArt begründen können. Als LesArt durch Förderungskürzungen seine Ausstellungsräume verlor, sprang SoLe e.V. ein und vermittelte dem Zentrum Räume in der St. Paulus-Schule als Literaturausstellungszentrum und Veranstaltungsort. Die Schule erhielt im Gegenzug Teile der Literaturausstellung „Det verwächst sich – Berlin in der Kinder- und Jugendbuchliteratur 1945 – 1990“ als Geschenk und profitierte durch Extra-Lesungen und die Publizität des Ereignisses, die Spender und Sponsoren aufmerksam werden ließ.

Autor: Ralf Augsburg


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