interview

„Ich glaube nicht, dass heute weniger Kinder lesen.“

18.05.2005

Kinderbuchautor Paul Maar über Lesekinder und interessante Bücher



Lesen in Deutschland: Wissen Sie noch, warum Sie Kinderbuchautor geworden sind?

Maar: Die Bücher, die ich meinen Kindern

Paul Maar
Paul Maar
Copyright: Verlag Friedrich Oetinger
damals als Student aus der Stadtbibliothek mitgebracht und vorgelesen habe, gefielen mir alle nicht. Sie waren verstaubt und konventionell und atmeten zum Teil noch den Geist des Dritten Reiches. Deshalb wollte ich selbst ein Buch schreiben, das ich ihnen auch gerne vorlesen würde. So ist „Der tätowierte Hund“ entstanden. Das war mein erstes Buch. Ich habe es 1967 geschrieben, 1968 ist das Buch erschienen. Bei der Gelegenheit habe ich gemerkt, dass es mir großen Spaß macht, für Kinder zu schreiben. Auf Lesungen habe ich festgestellt, dass Wortspielereien und das Spiel mit der Sprache, etwas, was ich für sehr literarisch hielt, und von dem ich fast Hemmungen hatte, es den Kindern vorzutragen, bei den Kindern besonders gut ankamen. Ich fühlte mich unter Gleichgesinnten und hatte Lust, weitere Kinderbücher zu schreiben.

Lesen in Deutschland: Woher hatten Sie Ihre Ideen für das Buch?

Maar: Zum Teil waren es natürlich Geschichten, die ich meinen Kindern schon erzählt hatte. Im Laufe des Schreibens haben sich die Ideen verändert, sie sind besser oder anders geworden und haben sich dem ganzen Buch angepasst.

Lesen in Deutschland: Haben Sie die Geschichten, die Sie veröffentlicht haben, zuvor Ihren Kindern vorgelesen?

Maar: Nur zum Teil. Wenn ich schreibe, bin ich sehr empfindlich. Ich lasse niemanden über die Schulter schauen, ich lasse auch keine Kritik zu, wenn das Buch noch nicht fertig ist. Es würde mich sehr hindern, es könnte geradezu eine Schreibblockade hervorrufen, wenn jemand die ersten vier, fünf Seiten liest, sie vielleicht langweilig findet und Änderungsvorschläge macht. Wenn ich jedoch fertig mit dem Manuskript bin und ganz groß ENDE unter der letzten Zeile steht, bin ich sehr begierig auf Kritik und bitte sogar um besonders harte.

Lesen in Deutschland: Haben Sie als Kind auch selber gerne gelesen?

Maar: Also, ich habe schon sehr gerne gelesen, aber ich entstamme einem Elternhaus, in dem das Lesen nicht gerne gesehen wurde. Meine Mutter ist sehr früh gestorben, da war ich gerade drei Monate alt und mein Vater hielt das Lesen für absolute Zeitverschwendung. Wenn er mich an einem normalen Werktag mit einem Buch gesehen hätte, dann hätte er bestimmt gesagt, „ach ich sehe, du hast nichts zu tun, hier ist der Besen“. Ich musste das Lesen gegen meinen lesefeindlichen Vater durchsetzen und habe das zum Teil so gemacht, dass ich mir Bücher aus der Bibliothek geliehen und sie mit zu meinem Freund genommen habe. Wenn dieser mit seinem Bruder draußen Fußball spielte, saß ich bei ihm im Zimmer und las meine Bücher, weil ich zuhause nicht lesen durfte.

Lesen in Deutschland: Haben Sie eine Idee, wie man Kinder und Jugendliche, die nicht gerne lesen, außerhalb von Schule und Elternhaus für das Lesen gewinnen kann?

Maar: Ich glaube nicht, dass heute weniger Kinder lesen. Ich glaube es ist vielmehr so, dass es immer schon Lesekinder gab, die viel gelesen haben und welche, die wenig lesen. Auch in den 70er Jahren gab es Kinder aus bildungsfernem Milieu, die nicht gelesen haben, weil auch die Eltern nicht lasen und es zuhause sowieso kein Buch gab und andere, die viel gelesen haben. Ich denke nur, das Bewusstsein für die Kinder, die nicht lesen, ist durch die PISA-Studie geschärft worden. Ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass die Lesekinder heute mehr lesen als jemals zuvor. Viele Kinder erzählen mir, dass sie drei, vier Bücher in der Woche lesen. Auch meine Lesungen werden heute von etwa 500 bis 1000 Kindern besucht, in den 70er Jahren waren es zwischen 30 und 40.
Etwas schwieriger ist es mit den 15-, 16-jährigen Jugendlichen. Sie genießen das Leben an sich und wollen es nicht durch Bücher kennen lernen. Aber ich habe auch bei ihnen die Erfahrung gemacht, dass sie lesen, wenn man sie auf etwas hinweist, was für sie interessant ist. Meine Frau empfahl kürzlich dem Vater eines 16-jährigen Sohnes, der nicht mehr gerne liest, das Buch „Das Schwert in der Stille“ von Lian Hearn. Der Sohn hat das Buch nicht nur gelesen, sondern sich auch von seinem eigenen Taschengeld die Fortsetzung gekauft. Und man sieht es ja auch bei Harry Potter. Da sind die Kinder bereit, ein 1000-seitiges Buch zu lesen. Also ich glaube, wenn man Kindern und auch Jugendlichen die richtige Lektüre vorsetzt, dann lesen sie auch.

Lesen in Deutschland: Wie können Eltern ihre Kinder motivieren, mehr zu lesen?

Maar: Ich denke, Eltern sollten ihren Kindern vor allen Dingen Geschichten erzählen. Die meisten Eltern schaffen es, selbst erfundene Geschichten frei zu erzählen, zum Beispiel, wie es war, als sie selber noch Kind waren. Kinder finden solche Geschichten ungeheuer spannend. Oder man erfindet Nonsensgeschichten. Ein Kind freut sich furchtbar, wenn sich ein Schwein eine Schürze umbindet und einen Pflaumenkuchen backt.
Ein Kind muss erst einmal begreifen, was eine Geschichte ist. Eine Geschichte hat einen Anfang, einen Höhepunkt und einen Abschluss. Man kann eine Geschichte nicht mittendrin aufhören. Und wenn sich im Kind ein Begriff dafür gebildet hat, was eine Geschichte ist, dann hat es auch den Wunsch, Geschichten zu hören, und wenn es keine mehr hört, welche zu lesen. Das glaube ich ist der erste Schritt, um die Kinder zum Lesen zu bringen, ihnen schon sehr früh Geschichten zu erzählen.

Lesen in Deutschland: Könnten Hörspiele ein Ersatz für das Lesen sein?

Maar: Durchaus, das Kind muss eine ähnliche Phantasiearbeit leisten, wie wenn es ein Buch liest. Es hört einen Text und die Bilder dazu bauen sich in seinem Kopf auf. Natürlich ist es sehr viel schöner, wenn ein Erwachsener einem Kind eine Geschichte vorliest. Es entsteht Blickkontakt zwischen dem Kind und dem Erwachsenen, der Erwachsene kann auf das Kind reagieren und seine Fragen beantworten. Ich würde das Vorlesen Hörbüchern vorziehen. Aber ich finde es besser, eine Geschichte zu hören, als sie im Fernsehen zu sehen, denn dort ist man der Phantasie des Regisseurs ausgesetzt.

Lesen in Deutschland: Muss man heute andere Bücher schreiben, um spannend für Kinder zu sein?

Maar: Das kann man nicht einfach mit ja oder nein beantworten. Auf der einen Seite ist es so, dass Kindheit heute natürlich anders ist als früher, also ich stelle eine immer stärkere Vereinzelung der Kinder fest. Kinder treffen sich heute nicht mehr zu mehreren draußen, um miteinander zu spielen und herumzustrolchen, wie noch zu meiner Zeit. Wenn man heute über eine Kinderbande schreiben würde, wie es Erich Kästner getan hat, würden die Kinder das völlig unglaubwürdig finden. Wenn man heute Kindheit beschreiben will, muss man Rücksicht darauf nehmen, dass Kindheit heute anders beschrieben werden muss. Andererseits gibt es Probleme, die seit hundert oder tausend Jahren gleich sind, zum Beispiel die Stellung der Geschwisterreihe in der Familie. Das älteste Kind, das jüngste Kind, die Eifersucht des mittleren Kindes. Das jüngste ist das Nesthäkchen und wird meistens in den Familien unbewusst etwas vorgezogen, weil es so klein und niedlich ist. Der ältere ist schon groß und darf viel und das mittlere Kind hat es immer am schwersten. Wenn man so ein Problem beschreibt oder die Traurigkeit der Kinder, wenn die Eltern sich trennen, dann ist es genauso, als wenn sie sich in den 50er Jahren getrennt hätten, da bleiben die Gefühle der Kinder gleich.

Lesen in Deutschland: Schreiben Sie jetzt auch andere Bücher, die die Vereinzelung der Kinder berücksichtigen?

Maar: Ja, ich habe das Buch „Große Schwester, fremder Bruder“ geschrieben. Es besteht aus zwölf einzelnen Geschichten, die heutige Kinder und ihre Probleme darstellen. Jedes Kapitel wirft den Fokus gewissermaßen auf ein bestimmtes Kind. Alle Kinder kennen sich untereinander, gehen in eine Klasse oder wohnen in einer Stadt. Ein Kind, das in der ersten Geschichte die Hauptrolle spielt, taucht in der vierten und in der siebten Geschichte wieder am Rande auf. Vieles, was in der zweiten Geschichte nicht erklärt wird, findet seine Erklärung in der neunten Geschichte. Es ist gleichzeitig ein Kinderroman in Form von einzelnen Geschichten.

Lesen in Deutschland: Gibt es ein Buch, dass Sie gerne noch schreiben möchten?

Maar: Es gibt viele und zum Teil arbeite ich auch schon daran. In diesem Jahr wird es drei Uraufführungen von Theaterstücken von mir geben. Für „Klaras Engel“ sind schon 16 Vorstellungen verkauft, aber ich habe noch keine Zeile geschrieben. Dann schreibe ich ein Erzähltheater für eine einzelne Schauspielerin, eine Mischung aus Erzählen und Spielen, und ein Musical, welches am 15. November in Esslingen uraufgeführt wird. Da stehen aber Gott sei Dank der Text und die Musik schon.

Zur Person:
Paul Maar, Jahrgang 1937, studierte nach dem Abitur an der Kunstakademie in Stuttgart, arbeitete als Bühnenbildner und Theaterfotograf am Fränkischen Theater Schloss Maßbach und war dann sechs Jahre lang Lehrer im Fach Bildende Kunst an einer Schule im Raum Stuttgart.
Seit 1976 ist Paul Maar als freier Autor und Illustrator tätig. Er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Kindertheaterstücke und verfasst Drehbücher für Kindersendungen des Fernsehens und Films. Sein Film „Das Sams“ hat den Bayerischen Filmpreis sowie den Deutschen Filmpreis in Gold erhalten. Paul Maar ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Autorin: Petra Schraml  




Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de