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interview

Orientierungsmarken der Wirklichkeit

12.05.2005

50 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis – Anlass zum Gespräch


Otto Brunken
Otto Brunken
Die Schriftstellerin Mirijam Günter unterhielt sich für „Lesen in Deutschland“ mit Otto Brunken über Fragen wie „Welche Erwartungen richten junge Menschen an das Buch?"
Denn das Jugendbuch macht schwere Zeiten durch: Es konkurriert mit den anderen Medien, muss seine Attraktivität und seinen Nutzen unter Beweis stellen. Ein Jugendbuch möchte nicht "nur" gefallen oder sich in pragmatischer Hinsicht nützlich machen – es möchte neben der Pflicht auch die Kür bieten, also literarischen Qualitätsmerkmalen gerecht werden. In den Siebzigern erlebte das sozialkritische Jugendbuch sein Hoch, heute, im Zeitalter der Individualisierung, scheint es abgelöst von Fantasy-Romanen und so genannten All-Age Titeln, die sowohl in den Regalen der Teenager als auch in den Regalen derer stehen, die ihre Eltern sein könnten.

Wo ist „das“ Jugendbuch heute angekommen? Wie sieht der Jugendbuchmarkt aus und vor allem: Was erwarten Jugendliche von Literatur? Authentizität in Sprache und Gedanken, Antworten auf immer wieder neu auftauchende Sinnfragen, so der Vorsitzende der Jury des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises, Dr. Otto Brunken.

Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird in diesem Jahr zum fünfzigsten Male verliehen. Vom 6. bis zum 8. Mai 2005 fand zu diesem Anlass die Jubiläumstagung „Jugendliteratur und kultureller Wandel – 50 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis“ in Tutzing statt. Otto Brunken war ebenfalls Mitglied der Jury des Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises, der herausragende Erstlingswerke würdigt. Mit diesem Preis wurde 2003 auch das Debütwerk „Heim“ der Schriftstellerin Mirijam Günter ausgezeichnet. Im Dialog mit Mirijam Günter betont Brunken die Qualität von Jugendliteratur hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Leseförderung. Doch ein Urteil über die Köpfe der eigentlichen Leserinnen und Leser hinweg, den Jugendlichen, maßt Brunken sich nicht an.

Mirijam Günter: Herr Dr. Brunken, ich bedanke mich, dass Sie Zeit finden, mir ein paar Fragen zur gegenwärtigen Situation des Kinder- und Jugendbuches zu beantworten. Kommen wir direkt zu Sache. Hat sich nach Ihrer Meinung etwas bei den Verlagen, Schriftstellern, Schulen oder sonstigen Institutionen geändert? Wird zum Beispiel im Bereich der Leseförderung mehr getan?

Otto Brunken: Sicherlich hat allgemein das Bewusstsein zugenommen, dass für die Leseförderung mehr als früher getan werden muss. Viele begrüßenswerte Initiativen sind entstanden, auch unter prominenter Beteiligung und mit ministerieller oder städtischer Förderung. Nicht zuletzt haben unzählige Schulen im Land originelle Aktivitäten entfaltet, da passiert schon allerhand. Bemerkenswert ist, dass die einzelnen Initiatoren nicht mehr alleine vor sich hinpuzzeln, sondern gemeinsam vorgehen.

Mirijam Günter: Dass über die Jugend geschimpft wird, ist eine Tatsache, die älter ist als das Neue Testament. Stimmt es wirklich, dass die Jugend von heute, verglichen mit der Jugend von 1970, weniger bis gar nicht liest?

Otto Brunken: Man könnte diesen Alarmrufen eher glauben, wenn sie einem aus der Geschichte nicht sattsam bekannt wären. Schon zu meiner Kinderzeit – ich bin Jahrgang 1950 – gab es diese Klagen. Damals war der Feind das so genannte „Groschenheft“, das angeblich von guter Lektüre abhielt. Als dann das Fernsehen die Privathaushalte eroberte, galt es als ausgemacht, dass die Lesekultur endgültig ihrem Ende entgegen gehe. Gleiches hörte man bei Zulassung der privaten Fernsehanbieter, und nun ist es eben das Internet, das für den Befund verantwortlich sein soll. Ich denke, Kinder und Jugendliche, die in ihrer Freizeit kaum oder gar nicht lesen, hat es immer gegeben, besonders in sozial schwächeren, buchfernen Schichten – aber sicherlich nicht nur dort. Es ist sinnvoll und richtig, auch ihnen Leseförderungsangebote zu machen, aber fruchten werden sie wohl nur im Einzelfall.

Mirijam Günter: Wie kann man Kinder und Jugendliche zum Lesen animieren?

Otto Brunken: Kinder und Jugendliche müssen Lesen als Mehrwert erfahren. Das heißt nicht nur, ihnen Bücher an die Hand zu geben, die ihre eigenen Fragen, Bedürfnisse und Interessen aufgreifen und altersadäquate Angebote unterbreiten, sondern auch solche Bücher, die sich im intermedialen Wettbewerb bewähren, das heißt, die für den spezifischen Gebrauchszweck einen höheren Nutzen versprechen als konkurrierende Medien.

Ganz wesentlich ist auch, mit der Gewöhnung an das Lesen von klein auf zu beginnen: durch Märchen- und Geschichtenerzählen, das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern, durch Vorlesen. Kinder, die schon früh durch Bücher mögliche Gratifikationen erfahren, werden viel eher zu Gewohnheitslesern als solche, die erst in der Schule an das Buch herangeführt werden. Und wichtig sind auch Vorbilder: Lesende Eltern haben meistens auch lesende Kinder.

Mirijam Günter: Schauen wir uns auf Grund der Ergebnisse der PISA-Studie mal selbstkritisch den deutschen Jugendbuchmarkt an. Fantasy ist gerade ziemlich angesagt, ansonsten haben wir einen überladenen Markt von so genannten Problembüchern, die zum Überreiz Themen wie Magersucht und Liebeskummer beleuchten. Passen diese Themen überhaupt noch in die heutige Zeit? Mit welchen Themen sollten sich Jugendschriftsteller befassen?

Otto Brunken: Wenn Sie die Nominierungslisten der letzten Jahre betrachten, so werden Sie sehen, dass die Kritikerjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nicht zu den Parteigängern des ‚Problembuchs’ gehört. Es ist auch für uns Juroren nervtötend, ständig mit wohlgemeinten Elaboraten konfrontiert zu werden, die aber auch jedes Problem ausschlachten, sei es privater Natur, sei es von vermeintlich gesellschaftlicher Relevanz. Ich will damit gar nicht sagen, dass nicht manche dieser Themen Jugendliche auch interessieren. Ärgerlich ist vielmehr, dass das Erzählschema des ‚Problembuchs’ sich ständig wiederholt, dass die benutzten Muster immer wieder die gleichen sind.

Von Literatur im eigentlichen Sinne kann man da wohl kaum sprechen. Was die Themen anlangt, mit denen sich Jugendschriftstellerinnen und Jugendschriftsteller befassen sollten, so maße ich mir nicht an, für die Jugend zu sprechen, die da sicherlich ihre eigenen Vorstellungen hat. Aber im Gespräch mit jungen Leuten trifft man doch immer wieder auf ganz ähnliche Fragen, auf die sie – auch – in der Literatur eine Antwort suchen: Wo finde ich Orientierungsmarken, die mir das Erwachsenwerden erleichtern? Wie arrangiere ich mich in der Welt, welche Vorstellungen von einer besseren Welt habe ich vielleicht? Wie finde ich zu einer befriedigenden eigenen Identität – intellektuell, emotional, sexuell?

Wichtig ist vielen jugendlichen Lesern, durch die Literatur Erfahrungen vermittelt zu bekommen, positive wie negative, an denen sie sich ‚abarbeiten’ können, anhand derer sie zu einem besseren Verständnis ihres eigenen Selbst, ihrer Umwelt gelangen können. Mit anderen Worten: Es geht um Sinnfragen, die in einer sich rasant verändernden Wirklichkeit immer neu gestellt und beantwortet werden müssen.

Mirijam Günter: „Rolltreppe abwärts“, ein sozialkritisches Buch aus den 70ern, wird in vielen Schulen nun zum Teil in der dritten Generation gelesen. Warum? Fällt den Lehrern nichts anderes ein oder gibt es seitdem keine sozialkritischen Jugendbücher mehr?

Otto Brunken: Die Zeit des sozialkritischen Jugendbuches ist nach meinem Dafürhalten vorbei, zumindest vorerst. Das hängt vermutlich mit dem Individualismus vieler Jugendlicher zusammen, die sich, wie die übrige Gesellschaft auch, mehr für das eigene Ich interessieren als für gesellschaftliche Fragen oder gar Entwürfe. Dass Werke wie „Rolltreppe abwärts“ oder „Damals war es Friedrich“ nach Jahrzehnten immer noch zu den Spitzenreitern der Schullektüre gehören, obwohl beide Texte nicht nur in der Darstellung weitgehend veraltet sind, hat sicherlich mit den Beharrungstendenzen zu tun, die jedem Kanon eigen sind, aber auch mit der Unlust etlicher Deutschlehrer, sich mit aktueller Jugendliteratur zu beschäftigen.

Es ist leider Fakt, dass ein bedeutender Teil derjenigen

Die Schriftstellerin Mirijam Günter
Die Schriftstellerin Mirijam Günter
Lehrerinnen und Lehrer, die von Berufs wegen Kinder und Jugendliche an Literatur heranführen sollen, keine hinreichende Kenntnis des Kinder- und Jugendbuchmarkts haben und es häufig nicht einmal für nötig befinden, sich durch Lektüre einschlägiger Empfehlungszeitschriften oder durch Fortbildungsveranstaltungen auf die Höhe der Zeit zu bringen. Bei manchen Lehrenden herrscht ziemliches Unverständnis darüber, was Kinder- und Jugendliteratur heute ist.

Mirijam Günter: In Ihrer Rede anlässlich der Nominierung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises haben Sie angeprangert, dass sich die Verlage im Bereich der Jugendliteratur zu wenig trauen. Liegt dies nur an den Verlagen, oder auch an den Konsumenten, die nichts anderes lesen wollen, oder gar an den Schriftstellern, die nichts anderes als das Übliche schreiben?

Otto Brunken: Eine Publikumsbeschimpfung wäre völlig unangebracht. Ich habe gar nichts dagegen, dass jugendliche Leser sich den x-ten Fantasy-Titel einverleiben, aber man muss Kinder und Jugendliche auch peu à peu an ästhetische Valeurs und Standards heranführen, und zu diesem Einüben in literarische Qualitäten gehören auch Erfahrungen der Differenz. Deshalb ist es richtig, jugendlichen Lesern auch Texte zuzumuten, die sprachlich und erzählerisch Neues, Originelles bieten. Meine Kritik in der von Ihnen erwähnten Rede ging aber eher dahin, dass man besonders kleinen Kindern zu wenig zutraut. Ich denke da vor allem an Bilderbücher, in denen sich im Übermaß Kuscheliges, Herziges, schlichtweg Belangloses findet.

Mirijam Günter: Kann es vielleicht sein, dass wir Erwachsenen uns zu sehr von den Jugendlichen entfernt haben und folglich gar keine Bücher mehr schreiben können, die Jugendliche interessieren? Kann es gesellschaftskritisch betrachtet auch sein, dass wir Jugendliche in ihrer Kleidung und Sprache kopieren, aber ansonsten nichts von Ihnen wissen wollen?

Otto Brunken: Ich sehe das nicht so. Wenn Sie einmal mit den jungen Leuten sprechen, die sich in den Leseclubs zusammengefunden haben – nun gut, es sind natürlich die interessierten Leser, die gerne ein Buch zur Hand nehmen – so werden Sie erfahren, dass sie keineswegs der Meinung sind, für sie gäbe es keine adäquate gute Literatur. Diese Jugendlichen werden Ihnen mit Enthusiasmus erklären, warum sie „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami zum Lieblingsbuch erwählt haben, obwohl das ein dicker Wälzer ist, den zu lesen erhebliche Konzentration, Vorkenntnis und Erfahrung erfordert.

Jugendliche wollen nicht, dass wir uns zu ihnen herunterneigen, uns zu ihnen, wie man früher so schön sagte, „herablassen“, sondern sie wollen uns als diejenigen wahrnehmen, die ihnen ein Quantum Lebenserfahrung voraus, die eine gefestigte Position haben und nicht von jedem Luftzug geschüttelt werden und jedes Mal alles zur Disposition stellen. Der für Jugendliche schreibende Autor muss sich nicht als quasi Berufsjugendlicher gebärden, er muss vielmehr authentisch sein, dann wird ihn die Jugend auch lesen und bereit sein, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er zu sagen hat.

Mirijam Günter: Herr Dr. Brunken, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zu den Personen:
Mirijam Günter
Die Schriftstellerin Mirijam Günter ist in Köln aufgewachsen. Für ihren Debütroman „Heim“ wurde sie mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 ausgezeichnet. Der Roman beschreibt die Heimkarriere aus der Perspektive eines jungen Mädchens und konfrontiert Leserinnen und Leser mit der schockierenden Wirklichkeit der am Rande der Gesellschaft aufwachsenden Jugendlichen. Für ihr neues Romanprojekt erhielt Mirijam Günter 2004 ein Arbeitsstipendium vom Land Nordrhein-Westfalen und von der Hans-Böckler ein Stipendium für das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Otto Brunken
Brunken studierte Germanistik, Slawische Philologie und Theaterwissenschaften in Köln, Berlin und Bochum. Er promovierte an der Universität Frankfurt am Main über Gattungen und Funktionen der frühen Kinder- und Jugendliteratur. Seit 1979 arbeitet Brunken an der Universität zu Köln als akademischer Oberrat und Kustos an der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien. Er ist Privatdozent für neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Medien. Brunken ist zudem Mitherausgeber der 'Les(e)bar, der Empfehlungszeitschrift für Kinder- und Jugendmedien'. Von 1998 bis 2003 war er Mitglied der Jury des Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises. Er ist Mitglied der Jury "Die besten 7 Bücher für junge Leser" und Vorsitzender der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Autorin: Katja Haug 


Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de