Landesporträt

Nordrhein-Westfalen: Kooperationen für die Leseerziehung

Projekte und Initiativen in Nordrhein-Westfalen




Foto: Katharina Bahl
Foto: Katharina Bahl
© LWL-Medienzentrum für Westfalen, Münster
Das Land Nordrhein-Westfalen hat im April 2005 zusammen mit den beiden kommunalen Spitzenverbänden Städtetag NRW und Städte- und Gemeindebund NRW für die Dauer von fünf Jahren die Landesinitiative „Bildungspartner NRW – Bibliothek und Schule“ ins Leben gerufen. In systematischen und auf Dauer angelegten Kooperationen zwischen Schulen und Bibliotheken soll die bestmögliche Förderung der Lese-, Informations- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen erreicht werden. Das Vorhaben wird maßgeblich unterstützt vom Verband der Bibliotheken NRW, sowie von der LAG Schulbibliotheken NRW und der Expertengruppe Bibliothek und Schule im Deutschen Bibliotheksverband.

„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS)
Nordrhein-Westfalen beteiligt sich mit 25 Verbünden an dem bundesweiten Forschungs- und Entwicklungsprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS). Ausgewählte Verbundkitas und Verbundschulen bearbeiten in Kooperation mit regionalen Bildungs- und Forschungseinrichtungen die BiSS-Module „Gezielte alltagsintegrierte Sprachbildung“, „Unterstützung der Sprachentwicklung für Kinder unter 3 Jahren“ und „Übergang vom Elementarbereich zum Primarbereich“ im Elementarbereich, „Gezielte sprachliche Bildung in fachlichen und alltäglichen Kontexten“, „Intensive sprachstrukturelle Förderung“, „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit und ihrer Voraussetzungen“ und „Diagnose und Förderung des Leseverständnisses“ im Primarbereich sowie „Diagnose und Förderung der Leseflüssigkeit“, „Lese- und Schreibstrategien im Verbund vermitteln“, „Selbstreguliertes Lesen und Schreiben“, „Sprachliche Bildung in fachlichen Kontexten“ und „Medieneinsatz: Schreiben und Lesen mit digitalen Medien“ in der Sekundarstufe. Ziel des BiSS-Programms ist es, herauszufinden, welche Methoden und Instrumente der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung unter welchen Bedingungen funktionieren, und wie sie optimal für eine durchgängige wirksame Sprach- und Leseförderung vom Beginn institutioneller Betreuung bis zum Ende der Sekundarstufe I eingesetzt werden können.

Bildungspartner NRW – Bibliothek und Schule
Eingebunden in ein kommunales Gesamtkonzept geben kooperierende Schulen und Öffentliche Bibliotheken mit gezielten Aktionen und Kampagnen neue Impulse zur Förderung des Lesens und der Informationskompetenz. 40 Prozent der Bibliothekskommunen und zehn Prozent aller Schulen in NRW haben sich bis Ende 2007 der Initiative bereits angeschlossen. Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Medienpartner Bibliothek und Schule NRW“ des Landes NRW und der Bertelsmann Stiftung (2002 - 2004) zeigten, dass Kinder und Jugendliche durch Kooperationen zwischen Schule und Bibliothek eine höhere Lesemotivation entwickeln, dass Bibliotheken ihre Ausleih- und Kundenzahlen steigern, der Unterricht spannender und vielseitiger wird und die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen insgesamt verbessert werden. Die Landesinitiative bestätigt die positiven Erfahrungen. Immer mehr Schulen, Bibliotheken und Kommunen sind von dieser Form der Zusammenarbeit überzeugt. Die Medienberatung NRW koordiniert die Initiative landesweit. Sie fördert die Vernetzung mit der lokal organisierten staatlichen Lehrerfortbildung (Kompetenzteams NRW) und unterstützt die Kooperation mit Publikationen, Fortbildungen, Workshops und Kongressen.

Bibliotheken und Schulbibliotheken bieten ideale Leseerziehung
Öffentliche Bibliotheken als wichtige Orte der Leseförderung bieten vielfältige Projekte und Aktivitäten wie Lesenächte, Bibliotheksführungen, Bilderbuchkinos und Bücherrallyes. Im SommerLeseClub der Stadtbibliotheken erhalten Jugendliche, wenn sie mindestens drei Bücher in den Sommerferien gelesen haben, ein Zertifikat, das sie sich auf ihre Deutschnote anrechnen lassen können. Rund 350 Bibliotheken, darunter die Öffentlichen Bibliotheken sowie Universitäts-, Fachhochschul- und Spezialbibliotheken, haben sich im Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen e.V. (vbnw) zusammengeschlossen, um gemeinsam Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Bibliotheken professionell und leistungsstark arbeiten können.

Ideale Voraussetzungen für eine ganzheitliche Lese- und Medienerziehung bieten die Schulbibliotheken. Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Schulbibliotheken setzt sich dafür ein, die Schulbibliotheken des Landes NRW zu stärken und weiterzuentwickeln. Sie unterstützt die Mitglieder mit Informationen und Beratungen und hat eine finanzielle Beteiligung des Landes an der Einrichtung und Grundausstattung der Schulbibliotheken erreicht.

Lese- und Sprachförderangebote im Elementarbereich
Großer Wert wird in Nordrhein-Westfalen auf die frühe sprachliche Förderung gelegt. Damit alle Kinder die gleichen Chancen beim Eintritt in die Schule haben, erhalten rund 66.000 Kinder im Vorschulalter, darunter viele Kinder aus Zuwandererfamilien, eine durch das Land geförderte zusätzliche Sprachförderung. Die Sprachkompetenz aller Kinder wird künftig bereits zwei Jahre vor der Einschulung überprüft.

Durch das frühzeitige Heranführen an Bücher werden Grundlagen für lebenslange Lesefreude, vielfältige Lernchancen und kulturelles Interesse gelegt. Das Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration engagiert sich unter anderem mit „Nati per leggere“ für die frühkindliche Leseförderung. In diesem Projekt laden Bibliotheken Kinder bis zu sechs Jahren zu einer Vorlesestunde in deutscher und italienischer Sprache ein.

Die Stadtbibliothek Brilon übergibt im Rahmen der Aktion „Briloner Bücherbabys“ jungen Eltern ein Bücherset mit verschiedenen Büchern für die ersten Lebensmonate ihres Kindes. Seit Januar 2006 ist die Leselatte wesentlicher Bestandteil des Paketes. Sie bietet Informationen darüber, was Kinder im Alter von null bis zehn Jahren mit Büchern anfangen und erleben können. Damit können die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes gut beobachtet werden. Weitere Kommunen in Nordrhein-Westfalen haben die Idee aufgegriffen und führen eigene „Lesestart“-Projekte durch. Das Projekt „Bist du auch lesekalisch?“ wurde vom Verband der Bibliotheken des Landes NRW 2004 ins Leben gerufen und richtet sich speziell an Vorschulkinder. Mit Lesekisten und Bilderbuchboxen, Zwergenbibliotheken und Lesepaten werden die Kleinen in den Kindertagesstätten in die Welt der Bücher eingeführt.

Förderung der Lesekompetenz in der Schule
Die Förderung in der deutschen Sprache ist Aufgabe aller Lehrkräfte einer Schule. Richtlinien zur Förderung der Lesekompetenz sind in den Kernlernplänen verankert. Diese Aufgabe ist für Lehrkräfte nicht sprachlicher Fächer eine Herausforderung, der sie sich nicht immer gewachsen fühlen. Die Kompetenzteams NRW unterstützen Schulen bei der Fortbildungsplanung in den Kernfächern, sie beraten bei der Entwicklung eines schuleigenen Leseförderkonzeptes und initiieren und vermitteln Bildungspartnerschaften mit der Öffentlichen Bibliothek (und anderen Partner). Der nordrhein-westfälische Bildungsserver learn:line bietet für Lehrkräfte hilfreiche Empfehlungen. Das Fortbildungsprojekt „Lesen in der Grundschule - die lesende Schule“ stellt ein schulinternes, nachfrageorientiertes Angebot zur Verfügung.

Um an offenen Ganztagsschulen die Lese-, Schreib und Sprachförderung zu unterstützen und zu ergänzen, haben das Schul- und das Kulturressort der Landesregierung sowie der Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen in einer Rahmenvereinbarung die Grundzüge ihrer Zusammenarbeit in offenen Ganztagschulen festgelegt. Durch bibliothekarische Angebote sollen möglichst viele Kinder, unabhängig vom familiären Umfeld, Zugang zu Büchern und anderen Medien erhalten.

Die Leseförderung im schulischen und außerschulischen Bereich durch Vermittlung von Autorenlesungen ist die vordringlichste Aufgabe des Friedrich-Bödecker-Kreises NRW e.V. Durch die Autorenbegegnungen wird das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt und es entsteht eine zum Teil lebenslange Freude am Lesen. Mit dem Landesprogramm „Kultur und Schule“ gibt die Landesregierung Künstlerinnen, Künstlern, Kulturinstituten und Einrichtungen der künstlerisch-kulturellen Bildung die Möglichkeit, Projekte in Kooperation mit einer Schule durchzuführen.

Diverse Zeitungsprojekte unterstützen die Leseförderung von Schülerinnen und Schülern. Rund 600 Hauptschulen in allen Teilen Nordrhein-Westfalens beteiligen sich am Projekt „ZeitungsZeit – Nachrichten für die Schule“, das sich 2007 im zweiten Jahr zur größten Leseaktion für Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen entwickelt hat. Getragen wird die Initiative vom Zeitungsverlegerverband NRW, dem Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW und der Landesanstalt für Medien NRW. Im Rahmen des Projekts „ZEUS-Kids! – Zeitungsprojekt für die Grundschule“ durchstöbern Viertklässler jeden Morgen mit Begeisterung ihre eigene Zeitung. ZEUS Zeitung und Schule, das medienpädagogische Projekt der Journalistenschule Ruhr weckt seit 1997 bei Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I und II das Interesse an Artikeln, Erzählungen und Gedichten. Sie recherchieren, führen Interviews und schreiben über ihre Themen auf den ZEUS-Seiten in den Lokalteilen. „KLASSE!“ das Medienprojekt der Westdeutschen Zeitung wird 2007 zum zweiten Mal für die Klassen drei und vier an Grundschulen angeboten. Schülerinnen und Schüler lernen, welche journalistischen Darstellungsformen es gibt, wie eine Zeitung aufgebaut ist und wie sich Zeitungen voneinander unterscheiden.

Sprach- und Leseförderung bei Kindern aus Zuwandererfamilien
Um Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besser integrieren zu können, und das sind in NRW immerhin 30 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, nahm das Land von 2004 bis 2009 mit 75 Basiseinheiten (Schulen, Kitas) am Modellversuch FörMig „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) teil. Die Sprachförderung, vor allem in der Verkehrssprache, war das zentrale Instrument des Programmelements FÖRMIG Nordrhein-Westfalen. Es umfasste die vier Schwerpunkte Sprachstandsfeststellung, Sprachförderung als Baustein von Ganztagsangeboten, Konzepte der Mehrsprachigkeit und Sprache in der beruflichen Qualifikation. Die vier Schwerpunkte setzten an den biografischen Schnittstellen im Bildungswesen an und konzentrierten sich auf ausgewählte Regionen.

Die Landesweite Koordinierungsstelle (LaKI) unterstützt die Kommunalen Integrationszentren bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei die Themen „Durchgängige sprachliche Bildung“ und „Zusammenarbeit mit Eltern“ ein. Angeboten werden beispielsweise bewährte Programme wie Griffbereit, Rucksack-Kita und Hocus und Lotus im Bereich der der frühen Bildung. Das Programm Rucksack Schule bietet konkrete Orientierungshilfen für die sprachliche Bildung mehrsprachig aufwachsender Schülerinnen und Schüler und mit dem Programm Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht (Koala) werden zweisprachig aufwachsende Kinder in Deutsch und Türkisch alphabetisiert.

Ehrenamtliche Vorleseprojekte
Zahlreiche Vorleseprojekte und -initiativen bereichern die Lesefördermaßnahmen des Landes. Das Benefizprojekt „Die Lesewelle“ verbindet soziales Engagement mit Leseförderung. 600 Duisburger Schülerinnen und Schüler lesen ab dem 15.10.2007 zwei Monate lang an verschiedenen Orten für den guten Zweck – für Straßenkinder in Duisburg und für Schulprojekte. Ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser engagieren sich im Projekt „NRW liest vor“. Die Förderung der Lese- und Gesprächskultur in Nordrhein-Westfalen ist das Ziel der Kampagne „Lesen verbindet Generationen” . Bei der Vorlese – Initiative „LeseWelten“, die im Juli 2004 mit Unterstützung von Elke Heidenreich ins Leben gerufen wurde, lesen ca. 50 ausgewählte und im Vorlesen geschulte Bürger und Bürgerinnen abwechselnd mit individuellen Konzepten. Die im Herbst 2004 gegründete Aktion „Lesepaten - Vorlesen in Rheine & Umgebung“ motiviert Kinder und Jugendliche mit Lesungen an verschiedenen Orten. Und mit Vorleseaktionen im vereinseigenen Lesezelt, Autorenlesungen, Veranstaltungen mit Märchenerzähler/innen der Europäischen Märchengesellschaft, Buchvorstellungen/ Fortbildungen, Spielaktionen rund ums Buch und vielen anderen Aktionen interessiert der Verein zur Förderung der Kinder- & Jugendliteratur viele Kinder und Jugendliche für das Lesen.

Schreibwerkstätten und Autorentreffs
In Schreibwerkstätten vermittelt die Landesarbeitsgemeinschaft Jugend und Literatur, was es heißt, die eigenen inneren Bilder sprachlich zu fassen und zu Papier zu bringen. Theaterpädagogische Umsetzungen von Jugendliteratur oder auch die Herstellung von Hörspielen, Schattentheatern, Märchenkisten und Geschichtenrucksäcken gehören in ihr Repertoire. Das Literaturbüro in der Euregio Maas-Rhein e.V. bietet offene Autorentreffs, Lyriktreffs, öffentliche Lesungen und vergibt den Euregio-Schüler-Literaturpreis an eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller, von der/dem ein neuerer Roman in allen drei Sprachen – französisch, deutsch und niederländisch – vorliegt. In der Open-Air-Lesereihe „Leselust am Lousberg“ finden seit 1995 Literaturinteressierte die Gelegenheit, bekannte und nicht ganz so bekannte Autoren aus der Region und darüber hinaus live zu erleben. Seit dem Sommer 2007 bietet das Junge Literaturhaus Köln für Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren Lesungen, Workshops zum kreativen Schreiben und Illustrieren und viele andere literarische Aktionen.

Weitere literarische Höhepunkte
Zu einem literarischen Höhepunkt hat sich in den vergangenen Jahren die lit.COLOGNE entwickelt. An rund zehn Tagen im März gestalten Autorinnen und Autoren viele spannende Lesungen. Zahlreiche Aktionen werden im Rahmen der lit.kid.COLOGNE ausschließlich für Kinder und Jugendliche angeboten. In der „Nacht der Bibliotheken“ öffnen Öffentliche und Wissenschaftliche Bibliotheken ihre Tore für spannende Veranstaltungen zu einem bestimmten Thema. Seit 2005 findet Literatürk, ein speziell türkisch-deutsches Literaturfestival, jährlich im Oktober in Essen statt. Es trägt dazu bei, türkisch-deutsche Literatur zu fördern und ihren Verfasserinnen und Verfassern ein Podium zu bieten. Im Juni verwandelt sich die Düsseldorfer Königsallee für mehrere Tage in die größte Freiluftbuchhandlung Deutschlands. Beim Düsseldorfer Lesewettstreit im April treten fünf Kinder aus den Klassenstufen vier bis sechs gegeneinander an. Und im November findet in der Landeshauptstadt die Düsseldorfer Märchenwoche statt.

Einen Kinderbuchpreis für besonders qualitätvolle Bücher, die speziell für Kinder im Erstlesealter geeignet sind und sich auch im Schulunterricht einsetzen lassen, verleiht das Land jährlich seit 1989. Das Bilderbuchmuseum Burg Wissem vergibt den Troisdorfer Bilderbuchpreis, der als einziger deutscher Preis speziell Illustrationen zu Bilderbüchern auszeichnet. Und seit 1983 fördert und betreut die Landeszentrale für politische Bildung NRW jährlich den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher.

Autorin: Petra Schraml

Das Landesporträt wurde im Dezember 2007 in enger Zusammenarbeit mit Leseförderern aus Nordrhein-Westfalen erstellt. Sobald neue Informationen vorliegen, werden die entsprechenden Abschnitte im Text bzw. die Verweise im Text und in der rechten Spalte ergänzt und aktualisiert.


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de


Landesporträt erstellt am: 27.12.2007

Zuletzt aktualisiert am: 29.07.2015