Berlin: Haupt(stadt)sache Lesen |
20.09.2007 |
Projekte und Initiativen in Berlin
| Lesung mit Edward van de Vendel in der Grips-Grundschule Foto: Erna Hattendorf |
„Wenn die Welt der Kinder- und Jugendliteratur einen Himmel hat, dann befindet sich dieser Himmel für einige Tage im Jahr in Berlin.“ So preist einer der teilnehmenden Autoren, Edward van de Vendel“, das internationale Literaturfestival, das alljährlich im September Autorinnen und Autoren sowie Illustratorinnen und Illustratoren aus aller Welt mit ihren Bilderbüchern, Gedichten und Romanen präsentiert. Zusätzlich zu den Autorenlesungen werden Werkstätten angeboten: in Museen, in Theatern und an anderen Orten können sich Kinder und Jugendliche intensiv forschend, schreibend, spielend, malend und tanzend mit literarischen Figuren und Themen auseinandersetzen. Für ältere Jugendliche gibt es außerdem noch die Möglichkeit, an den Veranstaltungen für das erwachsene Publikum wie Poetry Nights, politischen Diskussionsreihen und Autorengesprächen teilzunehmen.
Höhepunkte für Leseratten
Breite Resonanz finden auch die Berliner Märchentage, die seit 1990 jedes Jahr im November stattfinden. Jeweils ein Kulturkreis ist Schwerpunkt. Autoren, Wissenschaftler, Schauspieler, Puppenspieler, Tänzer, Musiker laden Kinder und Jugendliche zu erlebnisreichen Begegnungen mit Märchen, Mythen und Geschichten ein.
Als (Vor-)Leser/innen und Autor/inn/en sind Kinder und Jugendliche beim jährlichen Erzählwettbewerb des Tagesspiegels gefordert. Dabei geht es darum, Geschichten, die sie selbst geschrieben oder aus der Literatur ausgewählt haben, ausdrucksstark vorzutragen. Preise gibt es nicht nur für einzelne Vortragskünstler, sondern auch für ganze Klassen.
Unterstützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stiftung Lesen organisieren Verlage, Schulen, Buchhandlungen und Bibliotheken alljährlich zum Welttag des Buches am 23. April Lesungen und kreative Aktionen rund um das Buch. Ein besonderer Höhepunkt ist das Bücherfest am Bebelplatz. Dort werden Lesungen und Buchpräsentationen sowie Begegnungen mit Autorinnen und Autoren für Kinder und Erwachsene angeboten.
In kaum kleinerem Rahmen laden das Literaturfest am Kollwitzplatz und die Literaturwoche Prenzlauer Berg zu Lesungen und Kontaktmöglichkeiten mit jungen Autorinnen und Autoren ein. So soll der Dialog zwischen Lesern, Schriftstellern, Buchhandel und Verlagen gefördert werden.
Ein literarischer Höhepunkt in Berlin-Kreuzberg ist die jährlich stattfindende Lange Buchnacht rund um die Oranienstraße. Diese Veranstaltung umfasst Lesungen in mehreren Sprachen, Ausstellungen und Performances für jüngere und ältere Leserinnen und Leser.
Junge Leserinnen und Leser in Aktion
Kinder und Jugendliche gestalten viele Leseangebote selbst. Das Quartiersmanagement Tiergarten Süd am Magdeburger Platz unterstützt z.B. Projekte wie Lesetubbies, eine offene Lesebühne für Jugendliche und die Buchkinder. Diese stellen selbst Bücher her, d.h. sie schreiben und gestalten sie.
In Kiek-mal – der Berliner Kinderzeitung - schreiben Kinder über interessante Kino- oder Theatervorstellungen, Ausflüge, Musik und Stars, Sport.
Berliner Kinder ab Klasse 4 und Jugendliche ab Klasse 7 können auch in der Berliner Kinderpost, einem Angebot der Berliner Morgenpost, schreiben. Für mehrere Wochen erhalten die teilnehmenden Klassen die Zeitung und können sich so über Themen und Artikel orientieren.
Mit der xyz-Literaturzeitung Jugendlicher haben junge Redakteure ein eigenes Forum für ihre Berichte, Erfahrungen und Tipps. Angesiedelt ist diese Zeitung bei Lesart Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur.
Ein interessantes Angebot für ältere Schülerinnen und Schüler ist das Schülerlabor Geisteswissenschaften der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. In Workshops erforschen Schülerinnen und Schüler z.B. an historischem Sprachmaterial Wortbedeutungen und verfassen eigene Artikel zu ausgewählten Stichwörtern.
An jüngere Kinder richtet sich das Angebot des Labyrinth Kindermuseums Berlin. Wechselnde Themenausstellungen sowie Ausstellungen zu Autorinnen und Autoren initiieren u. a. die Begegnung mit Texten. Zu verschiedenen Ausstellungsinhalten können Themenkoffer mit Medien, Büchern, Projektideen, Spielen usw. ausgeliehen werden.
Im MACHmit! Museum für Kinder regen wechselnde Themenausstellungen zum Forschen, Ausprobieren sowie zur kreativen Auseinandersetzung mit neuen Medien an. In der Museumsdruckerei können Kinder ihre Texte selbst setzen und drucken.
Beim Lesen Geschmack auf mehr bekommen: Das garantieren die Vorleseaktionen rund ums Essen, wie z.B. orientalische Märchenfrühstücke und kulinarische Weltreisen auf den Spuren von Jules Verne, die der Verein Esskultur regelmäßig im Ethnologischen Museum veranstaltet.
Auf Bildung in der Freizeit setzt das FEZ Wuhlheide mit Workshops, Kursen, Arbeitsgemeinschaften, Clubs u.a. in den Feldern Medienerziehung, Literatur, Theater, Tanz, bildende Kunst, Musik, Sport und Spiel. Regelmäßig finden Themenveranstaltungen zu bestimmten Autoren statt, die zur spielerischen Auseinandersetzung anregen, z.B. mit Jules Verne, Astrid Lindgren oder Johann Wolfgang von Goethe.
Bibliotheken: Leseort, Treffpunkt und Partner für Schulen
Lesend aus Büchern Nutzen für sich zu ziehen: dazu befähigen in besonderem Maße die Angebote der Berliner Bibliotheken. Für die Grundschule ist im Rahmenlehrplan Deutsch als Standard festgelegt, dass alle Schülerinnen und Schüler am Ende der 6. Klasse selbstständig in Bibliotheken recherchieren können. Auch in den Rahmenlehrplänen der Sekundarstufe gehören Recherche und Informationsbeschaffung zu den zentralen Kompetenzen.
Die Kinderbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek hält Bücher für jüngere und ältere Kinder in über 16 Sprachen bereit. Hinzu kommen: Kinderzeitschriften sowie Hörspiele und Lesungen auf CD, außerdem Spiele und Lernsoftware. Lesen kann man im japanischen Garten des Innenhofes, auf dem Sofa oder in der Bilderbuchburg. Aber natürlich lassen sich die Bücher und Medien auch mit nach Hause nehmen.
Im Halleschen Komet der Jugendbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlins, können Jugendliche von 12 bis 25 Jahren Medien aller Art ausleihen zu Themen wie Liebe, Image, PC und Internet, Musik, Film, Sport, Beruf und Schule. Als Veranstaltungen werden Autorenlesungen, Klassenführungen und Einführungen zur PC- und Internetnutzung angeboten.
In den Stadtbibliotheken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte liegt der Akzent besonders auf der Sprach- und Leseförderung: Die Bibliothek ist hier vor allem anregender Lernort. Das Angebot in Friedrichshain-Kreuzberg z.B. umfasst sechs Projekte: von der Bilderbuchzeit für Kindergartenkinder bis zur Einführung in Arbeitstechniken und Lernhilfen für die 5. und 6. Klasse.
Weitere Angebote der Stadtteilbibliotheken beziehen sich auf altersgemäße Bibliothekseinführungen, Programme zum Thema Recherche, Bereitstellung von Klassensätzen, Bücher- und Medienkisten, Workshops zur Literaturvermittlung für Lesepaten, Lehrer/innen und Erzieher/innen, Spiel- und Lesenachmittage mit Eltern und Schüler/innen sowie Hörwerkstätten.
Lesehäuser und -werkstätten
Poesie ist ein besonderes Thema der Literaturwerkstatt Berlin. Auf Lyrikline können Gedichte internationaler Autorinnen und Autoren gelesen und gehört werden. Das Lesen wird durch den medienübergreifenden Verbund von Text, Film- und Audiomedien gefördert.
Zu Lesenächten und Lyrikwerkstätten lädt das Literaturhaus LesArt Kinder und Jugendliche regelmäßig ein. Produktive Aktionen fördern Lesespaß und Kreativität.
Lesestundenvormittage, Schmökerkistennachmittage und Workshops mit dem Ohrenbär richten sich vor allem an benachteiligte Kinder und gehören bei der Buchstabenoffensive zum Programm. Kunst- und Theaterpädagoginnen und -pädagogen, Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren regen dazu an, in die Welt der Buchstaben einzutauchen und sie selbst zu gestalten.
Gezielte Förderung der Lesekompetenz in allen Schulstufen
Lesekompetenz ist ein eigener Bereich aller Berliner Rahmenlehrpläne von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II. In den Vergleichsarbeiten für die 3. Klasse sowie der Lernausgangslage für die 7. Klasse werden auf der Grundlage des PISA-Kompetenzmodells Stärken und Schwächen aller Schülerinnen und Schüler ermittelt, um daraus den individuellen Förderbedarf abzuleiten. Am Ende der 10. Klasse legen die Schülerinnen und Schüler eine Prüfung auf dem Niveau des mittleren Schulabschlusses ab, die u.a. Auskunft über den Kompetenzerwerb im Bereich Lesen gibt. Informationen zu den Prüfungskonzepten sowie Beispiele finden sich in den Fachbriefen der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie beim Institut für Schulqualität in Berlin und Brandenburg.
Zur gezielten Förderung von Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler im Primar- und Sekundarbereich hat das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg Materialien entwickelt, die Theorie und Praxis des Lesens verbinden. Berücksichtigt sind schulische und außerschulische Maßnahmen: vor allem zur Steigerung von Leseinteresse, Entwicklung der Dekodierfähigkeit, zur Verwendung von Lesestrategien und zur Kommunikation von Leseergebnissen.
In Vorbereitung ist die Präsentation von Materialien zur systematischen Entwicklung von Lesekompetenz auf einer LISUM-Website Lesecurriculum des künftigen gemeinsamen Berlin-Brandenburgischen Bildungsservers.
Für die Fortbildung gibt es ein System von Multiplikator/innen und Fachkonferenzleiter/innen, die in den Bereichen Schulanfangsphase, Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch aktiv sind. Durch Konferenzen des LISUM sowie der Regionen sind sie vernetzt.
Das Medienforum der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung unterstützt die Fortbildung durch Fachliteratur, Medien und Beratung. Für die Leseförderung an den Schulen gibt es Anregungen durch Bibliographien und spezielle thematische Zusammenstellungen von Primär- und Sekundärtexten sowie von audiovisuellen Medien und didaktischer Literatur.
Sprachförderung für Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Mit dem Programmelement "Sprachförderung als gemeinsame Aufgabe von Kita, Schule, Eltern und außerschulischen Kooperationspartnern“ sind das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg und die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung am BLK-Projekt Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – FörMIG beteiligt. Kern der durchgängigen Sprachförderung ist die genaue Diagnose des Sprachstandes sowie die individuelle Unterstützung der Sprachentwicklung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Vernetzung von Schulen mit außerschulischen Partnern wie Bibliotheken, Migrantenorganisationen und freien Bildungs- und Jugendhilfeträgern. Zu den einzelnen Vorhaben der Sprachförderung gehören Lesetrainings, Lesewettbewerbe, Lesewochen, Arbeit mit Bücherkisten. An Familien richtet sich der Leserolli: Er enthält 12-15 (auch mehrsprachige) Bücher und Tonkassetten verschiedener Genres. Er kann an verschiedenen Grundschulen ausgeliehen werden und wird dann von Familie zu Familie weitergereicht.
Ehrenamtliche Lesepatinnen und Lesepaten
Zum Lesen motivieren ist das Ziel des Engagements der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen vorlesen. Verschiedene Vereine sind daran beteiligt. Dazu gehört z.B. das Bürgernetzwerk Bildung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller. Es fördert das Lesen besonders an Grundschulen, qualifiziert Lesepatinnen und –paten und koordiniert ihren Einsatz.
Im Projekt Leselust der Bürgerstiftung begleiten und unterstützen Lesepatinnen und -paten Kinder in Grundschulen entweder während des Unterrichts oder nachmittags im Hort.
Der Verein Lesewelt e.V. bietet Veranstaltungen in Bibliotheken, Schulen, Kindergärten und Kirchengemeinden an. Ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser lesen für Kinder und Jugendliche. Auch Lesungen mit prominenten Gästen gehören zum Angebot.
Lehrerinnen und Lehrer bei der Verankerung von Literatur im Schulalltag zu unterstützen, ist das Ziel der Berliner Leseratten e.V. Sie bieten Lese- und Literaturgruppen an, stellen Bücherlisten für bestimmte Altersstufen zusammen, organisieren Projekttage und vermitteln Kontakte zu Buchhandlungen, Theatern, Autorinnen und Autoren sowie zu museumspädagogischen Diensten.
Autorin:
Dr. Gisela Beste
Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg
Tel.:
E-Mail: gisela.beste@lisum.berlin-brandenburg.de
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