interview

„Lesen ist die Schlüsselqualifikation schlechthin“

17.02.2005

Die Lust am Lesen zu wecken – dafür engagieren sich eine Vielzahl von Einrichtungen und Institutionen




Heinrich Kreibich
Heinrich Kreibich
Interview mit Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen

Bildung PLUS: Das Thema Lesen ist auch dank der Initiativen der Stiftung Lesen wieder mehr in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Dennoch stellt sich die Frage, ob durch die Vielzahl der Aktionen das Leseverhalten von Kindern wirklich positiv beeinflusst werden kann?

Kreibich: Unsere Erfahrung ist schlicht und einfach: Ja. Immer wieder erhalten wir sehr ermutigendes Feedback von denjenigen, die Kampagnen wie "Schnapp dir ein Buch", "Ich schenk dir eine Geschichte" oder "Tesalino und Tesalina" vor Ort umsetzen. Also in Schulen, in Kindergärten, im Buchhandel oder in Bibliotheken. Viele Kinder lassen sich für Bücher begeistern, wenn ihre Kreativität angestachelt wird, wenn aktuelle Filme oder andere Themen, die sie besonders interessieren, aufgegriffen werden - und wenn Lektüre im Mittelpunkt steht, die wirklich Lust aufs Lesen weckt. Natürlich verwandelt kein Einzelprojekt dauerhaft einen Nichtleser in einen Bücherfan. Daher berücksichtigt unser Projektspektrum möglichst alle Stationen einer Leser-Karriere.

Bildung PLUS: Es gibt eine Vielzahl von Vorlese-Projekten, um das Interesse der Kinder am Lesen zu wecken. Warum liegt der Schwerpunkt darauf und nicht auf dem selbstständigen Lesen der Kinder?

Kreibich: Wer Vorlesen und Selber-Lesen gegeneinander aufrechnen möchte, der könnte ebenso gut fragen, ob bei einem Haus das Dach oder das Fundament wichtiger ist. Sicher ist: Vorlesen und Erzählen im Elternhaus, in Kindergärten, Grundschulen und anderswo schaffen die Grundlage für alles, was Lesekompetenz ausmacht: Konzentrationsfähigkeit, Fantasie, Textverständnis, Sprachfähigkeit und Empathievermögen. Diese Grundlagen besitzen immer weniger Kinder bei der Einschulung. Hier setzen unsere Kampagnen wie "Wir lesen vor - überall & jederzeit" an: Wir möchten - gegen diesen Besorgnis erregenden Trend - für das Vorlesen werben.

Bildung PLUS: Wie kann bei Kindern, die aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern kommen, die Lust am Lesen geweckt werden?

Kreibich: Für Kinder mit diesem sozialen Hintergrund, gerade für die besonders leseunwilligen Jungen, gilt in besonderem Maße: indem man Themen anspricht, die sie wirklich interessieren. Hier machen wir mit dem Projekt "Zeitschriften in die Schulen" sehr gute Erfahrungen: Das Lektüreangebot berücksichtigt das Interessensspektrum der Jungen - und auf einmal hält ein 15-Jähriger freiwillig einen Vortrag über eine Basketball-Reportage. Natürlich sind das Lichtblicke, die die Gesamtsituation kaum aufhellen: Diese Kinder und Jugendlichen brauchen dringend mehr institutionelle Hilfe.

Bildung PLUS: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der Stiftung Lesen mit all den Einrichtungen und Institutionen, die sich die Leseförderung auf ihre Fahnen geschrieben haben?

Kreibich: Die Stiftung Lesen versteht sich als Ideenwerkstatt für alle, die Spaß am Lesen wecken möchten. Und die Bandbreite unserer Projekte zeigt, dass wir da sicherlich auf einem guten Weg sind: Immer mehr Multiplikatoren engagieren sich gemeinsam mit uns - und realisieren jedes Jahr insgesamt 25 Kampagnen.


Heinrich Kreibich, Jahrgang 1951, Dipl.-Päd., ist Geschäftsführer, der Stiftung Lesen. Er studierte Erziehungswissenschaft an der Hochschule d. Bundeswehr München und war Lehrbeauftragter an der Universität Mainz.
Veröffentlichungen u.a.: Lesemotivation und Leseförderung in Familie und Kindergarten, 1992; Strukturwandel oder Substanzverlust?, 1992; Kindermedien – Medienkinder; Lesesozialisation in Familie und Kindergarten, 1994; Leseförderung: In Kooperation von Kindergarten und Eltern, 1995; Von Bücherwürmern und Leseratten. Wie Kinder Spaß am Lesen finden, 1994; Spaß am Lesen, Ein Ratgeber für Eltern, 2003

 

Interview mit Sandra Kreft, Referentin des Geschäftsführers beim ZEIT-Verlag und Projektleiterin von „Wir lesen vor - überall & jederzeit“

Bildung PLUS: Unter dem Motto „Wir lesen vor - überall & jederzeit“ setzt sich DIE ZEIT zusammen mit der Stiftung Lesen für neue Wege der Leseförderung ein. Wie sehen die Aktionen der ZEIT konkret aus?

Kreft: Die ZEIT hat Leseförderung immer für ein wichtiges Thema gehalten. Inzwischen sind wir alle der Überzeugung, dass Lesen die Schlüsselqualifikation schlechthin ist. Kinder und Jugendliche haben geradezu ein Grundrecht darauf, es gut zu lernen. Deshalb die Initiative „Wir lesen vor – überall & jederzeit“, für die sich Redaktion und Verlag gleichermaßen begeistert engagieren.
So stellen in der ZEIT-Serie „Mein Buch“ seit Dezember 2003 Prominente das Buch vor, das sie am meisten beeindruckt und ihr Leben lang begleitet hat.
Am 29. April erscheint ein ZEIT-Spezial zum Thema Bildung und Erziehung mit dem Schwerpunkt "Wir lesen vor - überall & jederzeit“. Darin werden Artikel rund ums Vorlesen gebündelt. Wir gehen zum Beispiel der Frage nach, wie man besonders Jungen für Bücher begeistern kann. Wir porträtieren vielversprechende neue deutsche Kinderbuchautoren. Wir nehmen die beliebten Grusel-Serien unter die Lupe. Das Tabloid enthält zudem einen Leitfaden für freiwillige Vorlesepatinnen und -paten und praktische Tipps für den Einsatz von Jugendliteratur im Unterricht.
Als einer der Initiatoren begleitet die ZEIT die Initiative mit einer breit angelegten Anzeigenkampagne. Vorleseaktionen mit Prominenten sollen Begeisterung für das Lesen wecken und sorgen gleichzeitig für eine große Aufmerksamkeit.
„Große für Kleine“ - ein von der ZEIT organisierter bundesweiter Vorlesetag in Schulen und Kindergärten - bildet im November 2004 einen der Höhepunkte der Initiative. Dabei setzen ältere Schüler das Motto "Wir lesen vor - überall & jederzeit“ in die Tat um, indem sie in ihren ehemaligen Kindergärten oder Grundschulen vorlesen.

Bildung PLUS: Wen wollen Sie mit solchen Aktionen wie „Mein Buch“ erreichen und wie ist die Resonanz darauf?

Kreft: Unter den ZEIT-Lesern finden sich viele Eltern, Lehrer und Erzieher, die zum Vorlesen zu Hause nicht erst bekehrt werden müssen. Wir hoffen aber, sie darüber hinaus auch für ehrenamtliches Engagement gewinnen zu können, denn es gibt unendlich viele Kinder, die in einer fast bücherfreien Welt aufwachsen. Mit der Aktion „Vorleseclub“ werben wir gemeinsam mit der Stiftung Lesen und EnBW (Energie AG Baden-Württemberg) deshalb um Vorlesepaten. Und es wäre uns auch sehr recht, wenn diejenigen unserer Leser, die zu den „Sozialentscheidern“ gehören, das Vorlesen viel stärker als bisher auf die Tagesordnung der Bildungsinstitutionen setzen könnten. In zu vielen Schulen und Kindergärten glaubt man noch, eine Vorlesestunde in der Woche sei genug!
Die Resonanz auf die ZEIT-Aktionen ist sehr positiv: Leserbriefe erzählen von schönen Erlebnissen mit Lieblingsbüchern, häufig fragen Leser nach, was sie persönlich tun können. Zudem sind viele bereits bestehende Vorlese-Initiativen aufmerksam geworden und haben ihre Projekte der ZEIT vorgestellt.

Bildung PLUS: Damit Kinder wieder mehr lesen, muss vor allem ihr Umfeld dem Lesen positiv gegenüberstehen. Wie kann eine Wochenzeitung wie DIE ZEIT, deren Leserinnen und Leser ja eher als lesefreundlich eingestuft werden können, dafür sorgen, dass bei möglichst allen Kindern die Lust am Lesen geweckt bzw. gefördert wird?

Kreft: Erstens bis zehntens kann sie immer wieder gute Kinderliteratur vorstellen. Sie kann Autoren und Verlage ermutigen, Kinder ernst zu nehmen und Literatur für Kinder nicht als Billigprodukt zu betrachten. Sie kann den alten Irrtum bekämpfen, Kinderliteratur müsse belehren – nein, Spaß soll sie machen und darf dabei ruhig anspruchsvoll sein. Erich Kästner hat einmal empört gesagt, es gehe nicht an, dass für Kinder, weil sie erwiesenermaßen klein seien, gleichsam in Kniebeuge geschrieben werde. Dagegen wenden wir uns und setzen uns für die Verbreitung der Erkenntnis ein, dass Lesen, obwohl es auch ungeheuer nützlich ist, vor allem Spaß machen soll. Viele unserer Leser werden dieser Auffassung ohnehin sein – wir möchten sie ermutigen, die Lesefreude auch zu verbreiten.
Die redaktionelle Begleitung der Initiative ist aber nur ein Teil des Engagements der ZEIT. Leser, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchten, erhalten z.B. durch das ZEIT-Spezial „Bildung und Erziehung“ Anregungen und praktische Hinweise zum Thema Leseförderung.
Darüber hinaus versucht die ZEIT, durch weitere Projekte eine breitere Zielgruppe als allein die angestammte ZEIT-Leserschaft zu erreichen. Im Netzwerk „ZEIT für die Schule“ setzen sich bundesweit 10.000 Lehrer für die Medienerziehung an Schulen ein. 200.000 Schüler/innen der Klassen 10 bis 13 lernen anhand aktueller Ausgaben der ZEIT, die der Verlag kostenlos zur Verfügung stellt, den Umgang mit Medien. Der bundesweite Vorlesetag „Große für Kleine“ im November 2004 trägt die Freude am Lesen direkt in Kindergärten und Grundschulen.
Die Initiative „Wir lesen vor - überall & jederzeit“ profitiert in starkem Maße von der langjährigen Erfahrung der Stiftung Lesen. Unterstützt von verschiedenen Wirtschaftspartnern ist so ein umfassendes Paket an Projekten entstanden, mit denen unterschiedliche Gruppen von Kindern erreicht werden.

Sandra Kreft, Jahrgang 1973, Verlagskauffrau und Diplom-Medienwissenschaftlerin, nach Stationen bei der Bertelsmann AG seit Ende 2002 als Referentin des Geschäftsführers beim ZEIT-Verlag, Projektleiterin "Wir lesen vor - überall und jederzeit"

Autorin: Ursula Münch

Dieses Interview veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von Bildung PLUS. Erstveröffentlichungsdatum: 19.04.2004
  


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