Bericht

Von Täterschaft und Mitläufertum

23.07.2019

Projekttag im NS-Dokumentationszentrum verband Literatur mit Zeitgeschichte




Schülerinnen arbeiten sich durch fingierte Gerichtsakten
Schülerinnen arbeiten sich durch fingierte Gerichtsakten
© Arbeitskreis für Jugendliteratur

Die Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 bahnte sozusagen den Weg zum Münchner NS-Dokuzentrum. Dieser vergleichsweise neue Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus wurde 2015 an symbolträchtiger Stelle eröffnet: auf dem Gelände des so genannten „Braunen Hauses“, also der einstigen Parteizentrale der NSDAP in München. Die Direktorin des Zentrums, Prof. Dr. Mirjam Zadoff, sucht neue Kooperationen und Wege, um gerade junge Menschen zu erreichen, um neben dem Erinnern auch dessen Relevanz für das Hier und Heute aufzuzeigen.

Dass politische Themen Jugendlichen durchaus unter den Nägeln brennen, dafür sind drei der sechs Nominierungen der Jugendjury aus dem vergangenen Jahr ein eindeutiger Beleg: Neben John Boynes Der Junge auf dem Berg (S. Fischer) stand Johannes Herwigs Bis die Sterne zittern (Gerstenberg) über die Leipziger Meuten ebenso auf der Liste wie Angie Thomas’ Preisbuch The Hate U Give (cbj), das über rassistisch motivierte Willkür und Polizeigewalt in den USA und die „Black Lives Matter“-Bewegung berichtet.

Schnell war also zwischen dem Arbeitskreis für Jugendliteratur und dem NS-Dokuzentrum die Idee geboren, eine erste gemeinsame Modellveranstaltung zu konzipieren, die im Anschluss auch an anderen Orten Anwendung finden kann. Denn Literatur funktioniert wie eine Art Zeitmaschine, mit der es gelingen kann, sich als Leserin oder Leser in eine andere Epoche zu begeben, einen Bezug dazu zu bekommen, sich in Einzelschicksale einzufühlen, sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Oder wie es die Jugendjury zu John Boynes Jungen auf dem Berg selbst formulierte: „John Boyne (...) schafft Verständnis für etwas, für das man kein Verständnis haben will, aber dadurch wird Unfassbares nachvollziehbar und eine kritisch-differenzierte Ansicht drängt sich unweigerlich auf.“

Die Frage nach Verantwortung
Der Junge auf dem Berg bot sich mit seinem reduzierten, kammerspielartigen Aufbau ganz besonders für einen Projekttag an. Durch den Kunstgriff, den Roman überwiegend auf Hitlers abgeschirmtem Obersalzberg, in unmittelbarem Bannkreis des Führers, anzusiedeln, werden komplexe historische Zusammenhänge weitgehend ausgeblendet. Im Zentrum steht die persönliche Entwicklung des jungen Peter, der als siebenjähriges Waisenkind zu seiner Tante, der Haushälterin am Obersalzberg, kommt und sich unter dem Einfluss der Ideologisierung und Strahlkraft des Führers zu einem verblendeten Nazi entwickelt. Geradezu berauscht von seiner HJ-Uniform und der damit verbundenen Macht, macht er sich schuldig an seinen Mitmenschen.

Die Frage nach der juristischen, zumindest aber nach der moralischen Verantwortung zog sich entsprechend durch den Thementag am 10. April 2019, den AKJ-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Anja Ballis und ihr Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fachlich-didaktisch konzipierten.* Mit dabei war eine neunte Klasse der Maria-Ward-Mädchenrealschule in Berg am Laim, München. Sie wurde auf Spurensuche geschickt, um selbst zu einer Bewertung der Ereignisse finden zu können. Ihre Rechercheergebnisse sollten in eine fingierte Gerichtsverhandlung gegen die Hauptfigur Peter einfließen.

Den Veranstaltungsauftakt bespielten Elisa und Carolin als Vertreterinnen der Jugendjury. Die beiden sind Mitglieder im Würzburger Leseclub Lesezeichen beim Buchladen Neuer Weg und erläuterten im Gespräch mit Anja Ballis, warum sie den Jungen auf dem Berg nominiert hatten, aber auch wie sich die Arbeit der Jugendjury überhaupt gestaltet. Und warum sie so einen großen Teil ihrer Freizeit ins Lesen investieren.

Noch mehr Hintergrund zu John Boyne und seinem Werk gab es in einem inszenierten Interview, das Anja Ballis führte. Rede und Antwort stand ihr in diesem Rollenspiel ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Lisa Schwendemann, stellvertretend für den Bestseller-Autor.

Nach dieser spielerischen Einstimmung auf den Roman startete eine Gruppenphase zur Vorbereitung der abschließenden Gerichtsverhandlung. Dabei schlüpften die Vertreterinnen der Jugendjury in die Rollen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung, während die eingeladenen Schülerinnen sich in Gruppen jeweils durch eine „Gerichtsakte“ zu später zu vernehmenden Zeugen arbeiteten. Diese Zeugen waren alle Figuren aus dem Roman: Peters jüdischer Kindheitsfreund Anshel; Josette, ein Mädchen aus seinem Waisenhaus; Emma, die Köchin am Obersalzberg; das Dienstmädchen Herta; Peters Schulkameradin Katharina. Ihre Akten umfassten ausgewählte Textstellen aus dem Buch, ergänzt um vom NS-Dokuzentrum zusammengestellte Informationen und Quellen zum zeitgeschichtlichen Setting. Jede Gruppe machte sich auf Grundlage dieser Unterlagen ein Bild von ihrer Zeugin oder ihrem Zeugen und formulierte dessen Einschätzung zu Peters Rolle am Obersalzberg, wie sie dann in die Zeugenbefragung vor Gericht einfließen sollte: War er ein Täter, war er ein Mitläufer, hat er sich schuldig gemacht?

Die Einnahme der Perspektive der jeweiligen Zeugen, die Wucht der Textstellen, die Veranschaulichung des historischen Hintergrunds: Das berührte die Schülerinnen – „Ich bekomme eine richtige Gänsehaut“, formulierte ein Mädchen beim Lesen – und in den Gruppen begann ein schwieriger Aushandlungsprozess, der auch mit der Gerichtsverhandlung nicht aufgelöst werden konnte.

So konnte denn Dr. Thomas Rink als Richter (und im NS-Dokuzentrum zuständig für den Bereich der Vermittlung) kein abschließendes Urteil über Peter sprechen und auch eine Online-Umfrage unter den Schülerinnen zeigte das Dilemma: Inwiefern hatte Peter in seiner Lebenssituation einerseits überhaupt die Möglichkeit zu hinterfragen? Inwiefern hat er sich andererseits schuldig gemacht, indem er durch blinden Gehorsam den Tod mehrerer Menschen, darunter seine Tante, verschuldete oder zumindest in Kauf nahm? Und könnte er dafür rechtlich belangt werden?

Was von diesem Tag bleibt, ist eine Debatte über richtig und falsch, über die Optionen, die ein Einzelner in einem Regime haben kann, ist das Gedankenexperiment: Was hätte ich getan? – Es bleibt aber auch der Schlusssatz einer Schülerin, die freimütig bekannte, dass sie Lesen eigentlich hasse, aber den Jungen auf dem Berg jetzt trotzdem auf jeden Fall lesen werde. Wie übrigens die meisten aus ihrer Klasse. So hat eine Empfehlung der Jugendjury wieder einmal den Nerv Gleichaltriger getroffen.

Autorin: Doris Breitmoser, Kulturwirtin und Geschäftsführerin des Arbeitskreises für Jugendliteratur in München

Quelle: JuLit 2/2019, S. 60-62

* Das von Prof. Dr. Anja Ballis, Lisa Schwendemann und Cathrin Eckerlein erarbeitete Konzept zur im Beitrag beschriebenen Modellveranstaltung ist zum Download verfügbar unter: https://epub.ub.uni-muenchen.de/61742/

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