Bericht

Soziale Grenzen mit Leseförderung überwinden

31.10.2018

Regionaler Fachtag des Bundesverbandes MENTOR – Die Leselernhelfer




Vortrag von Karin Lossen, TU-Dortmund
Vortrag von Karin Lossen, TU-Dortmund
Foto: Karin Juengst
Kaum ein Aspekt beeinflusst den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen in Deutschland so stark wie ihre soziale Herkunft. In NRW zeigen 58 % der Schülerinnen und Schüler in der 3. Klasse unterdurchschnittliche Leistungen beim Lesen, wenn sie in Regionen mit niedrigem Einkommen leben. Wohnen die getesteten Schülerinnen und Schüler in Gebieten mit hohem Einkommen, haben nur 27 % eine geringe Lesekompetenz (Lernstandserhebung, VERA3-2017). Der gemeinnützige Bundesverband MENTOR - Die Leselernhelfer e.V. möchte das ändern und jedem ermöglichen, seine Chance auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zu ergreifen. Dazu setzen die Lesementorinnen und -mentoren auf die individuelle Leseförderung nach dem 1:1-Prinzip. Bei seinem Fachtag in Dortmund erörterte der Verband mit Vertreterinnen und Vertretern des regionalen Vereins MENTOR - Die Leselernhelfer Dortmund e. V., der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, der Diplom-Psychologin Karin Lossen von der TU Dortmund und Vertreterinnen und Vertretern weiterer Bildungsinstitutionen, wie noch mehr junge Menschen adäquat gefördert werden können. Dabei stand die erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Bibliotheken und anderen Bildungsinstitutionen in den Städten und Gemeinden im Mittelpunkt.

Grußwort der Bildungsministerin
Nur wer Lesen kann und den Inhalt der Wörter und Texte auch wirklich versteht, kann im Unterricht mitkommen und einen Schulabschluss machen. Das betonte auch Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung NRW, in ihrem Videogrußwort: „Die Vermittlung von Lesekompetenz ist eine zentrale Aufgabe unserer Schulen. Aber ebenso kommt den Familien eine wichtige Aufgabe bei der Leseförderung zu. Leider ist es nicht in allen Familien selbstverständlich, dass Eltern mit ihren Kindern gemeinsam lesen. Das ist schade. Denn welches Kind lässt sich nicht gerne in den Bann einer persönlich vorgelesenen, spannenden Geschichte ziehen. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, die Bedeutung der heutigen Veranstaltung zu unterstreichen.“

Individuelle, kontinuierliche Förderung nach dem 1:1-Prinzip
Um die Lehrkräfte an den Schulen und die Schüler zu unterstützen, setzt MENTOR auf das 1:1-Prinzip einer individuellen, kontinuierlichen Förderung. Eine Lesementorin oder ein Lesementor betreut eine Schülerin oder einen Schüler, sie treffen sich einmal pro Woche in den Schulen, mindestens ein Jahr lang. In NRW unterstützen die Lesementoren rund 5.000 Schüler, bundesweit 15.000. „Unser Engagement für die Kinder und Jugendlichen wird von dem großen Einsatz der 11.500 ehrenamtlichen Lesementoren, Vereinsvorsitzenden und anderen, MENTOR-Unterstützern in ganz Deutschland getragen. Wir bauen es in vielen Gemeinden zusätzlich auf die Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen und ehrenamtlichen Organisationen auf. Sie teilen unsere Auffassung, dass für Bildung und Erziehung nicht alleine die Eltern und die Schulen verantwortlich sind, sondern die Gesellschaft insgesamt,“ führte Margret Schaaf aus. Sie ist die 1. Vorsitzende des MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverbandes e. V. Besonders intensiv arbeitet ihr Verband mit den Bibliotheken, den Bürgerstiftungen, freiwilligen Agenturen und Volkshochschulen zusammen.

Leseförderung: Notwendigkeit und Herausforderung
Warum wir Lesen fördern müssen, und wie das gelingen kann, erläuterte die Diplom-Psychologin Karin Lossen. Sie leitet die Teilstudie „StEG-Lesen“ der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund. Gemeinsam mit dem Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Freiburg konzipierte ein Team aus Praxisexpertinnen und -experten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine förderorientierte Arbeitsgemeinschaft (AG) zur Leseförderung für Viertklässler an offenen oder teilgebundenen Ganztagsgrundschulen. Die AG wird in enger Zusammenarbeit mit den Schulen durchgeführt, wissenschaftlich begleitet und evaluiert.
„Für Deutschland zeigen die Ergebnisse nationaler und internationaler Studien, dass Leseförderung eine sehr wichtige Aufgabe ist“, sagte Karin Lossen in ihrem Vortrag. „Aus Studien wissen wir, mit welchen Methoden dies gelingen kann. Auch in unserem Projekt StEG-Lesen haben wir ein Programm für den Ganztag entwickelt, in dem das Lesen gezielt gefördert wird.“
Weitere Informationen: www.projekt-steg.de/content/steg-lesen

Kooperation in der Leseförderung
Am Podiumsgespräch mit Michael Libor, Bildungsbüro Dortmund, Dr. Johannes Borbach-Jaene, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, Nurten Altunbas-Alpaslan, VHS Dortmund, und Helmut Jüngst, MENTOR - Die Leselernhelfer Dortmund e.V., konnte sich auch das Publikum mit Fragen zum Thema „Kooperation in der Leseförderung“ beteiligen. Durch die strategische Zusammenarbeit verschiedener Akteure der Leseförderung, so das Fazit, könnten die Schulen noch besser unterstützt werden und immer mehr Kinder und Jugendliche könnten ihre Lese- und Sprachkompetenz durch gezielte Förderung verbessern und die Schule erfolgreich abschließen.

In drei Werkstätten hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anschließend die Möglichkeit, Materialien und Bücher für die Leseförderung kennenzulernen und sich über die Referentenqualifizierung im Detail sowie über die ersten Schritte bis zur Gründung eines MENTOR-Vereins zu informieren.

Fazit des Fachtages
Bildung und Erziehung sind Aufgabe der gesamten Gesellschaft und nicht alleine der Schulen und Eltern. Daher sollten die Schulen und Lehrkräfte in der Leseförderung vielfältig durch Externe unterstützt werden. Die 1:1-Betreuung durch
ehrenamtliche Lesementorinnen und -mentoren ist dabei ein wichtiger und erfolgreicher Baustein. Hinzu kommen sollten verschiedene Angebote in der Ganztagsbetreuung, wie Arbeitsgruppen oder verschiedene Lese- und Vorleseangebote, die den Unterricht ergänzen.

Die Leseförderung als Unterstützung für die Schulen gelingt besonders gut, wenn sie breit aufgestellt ist, wenn verschiedene Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten, etwa die ehrenamtlichen Lesementorinnen und -mentoren mit den Bibliotheken, in denen es spezielle Angebote für Kinder gibt. Ganz wichtig ist die Qualifizierung und Betreuung der Ehrenamtler und Fachkräfte, die in den Bibiliotheken, den MENOTR-Vereinen, Freiwilligenagenturen und anderen Einrichtungen mit den Schülerinnen und Schülern arbeiten.

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V.
Der gemeinnützige Verein MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e. V. wurde 2008 gegründet. Er versteht sich als eine politisch unabhängige Interessenvertretung für Leseinitiativen in Deutschland, die sich der individuellen Förderung von Kindern zwischen 6 und 16 Jahren im Bereich Lese- und Sprachkompetenz Deutsch verschrieben haben. Seit 2008 fördert er bundesweit die Gründung lokaler Gruppen, die nach dem 1:1-Prinzip arbeiten. Der Bundesverband informiert und berät deren Vorstände, bietet Unterstützung bei Fortbildungen und lädt regelmäßig zum bundesweiten Erfahrungsaustausch zum Beispiel auf Kongressen ein. Auf der Website des Bundesverbandes sind über eine interaktive Deutschlandkarte die Kontaktdaten aller regionalen MENTOR-Vereine abrufbar.
Weitere Informationen: www.mentor-bundesverband.de

Kontakt
MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverband e.V.
Agnes Gorny
Pipinstr. 7
50667 Köln
Tel.: (0221) 16844745
E-Mail: gorny@mentor-bundesverband.de
www.mentor-bundesverband.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de