Bericht

Vorlesestudie 2018: Die Bedeutung von Vorlesen und Erzählen für das Lesenlernen

29.10.2018

Das Vorlesen schafft ein uneinholbares Startkapital




Bereits 15 Minuten am Tag genügen
Bereits 15 Minuten am Tag genügen
© Stiftung Lesen/Oliver Rüther
Regelmäßiges Vorlesen ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Lesesozialisation und guten Erfolg beim Lesenlernen. Ergebnisse der Vorlesestudien 2011 und 2015 zeigen, dass Kinder und Jugendliche, denen in der frühen Kindheit vorgelesen wurde, in vielen Schulfächern bessere Noten erzielen, dass ihnen das Lernen leichter fällt und dass sie lieber zur Schule gehen als Kinder, denen selten oder nie vorgelesen wurde. Ein Schlüssel zu den guten Leistungen ist die Lesekompetenz, die Kinder mit regelmäßiger Vorleseerfahrung über ihre höhere Lesemotivation und intensive Lesepraxis erwerben können.
Die im Dezember 2017 veröffentlichte jüngste IGLU-Studie zeigt für das Jahr 2016, dass 18,9 Prozent der Grundschülerinnen und -schüler vierter Klassen über unzureichende Lesekompetenzen verfügen. In der Summe stagnieren die Leseleistungen der Kinder in Deutschland seit 2001 (539 Punkte 2001 vs. 537 Punkte 2016), im Detail zeigt sich eine Polarisierung: Zwar ist der Anteil besonders guter Schülerinnen und Schüler angestiegen, aber ebenso auch der Anteil von Kindern mit besonders schlechten Leistungen.
Die Befunde der IGLU-Studie identifizieren die Bildungsvoraussetzungen im Elternhaus als stärksten Prädiktor der Leseleistungen und der Lesemotivation der Grundschulkinder. Dementsprechend folgern die Autoren der Untersuchung, dass Maßnahmen nicht nur und nicht erst während der Schulzeit, sondern bereits früher in den Familien ansetzen müssen. Dies deckt sich mit den Schlussfolgerungen aus den Vorlesestudien der Stiftung Lesen, der Deutsche Bahn Stiftung und der ZEIT, die seit 2007 jährlich durchgeführt werden. Sie haben mehrfach belegt, dass vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien frühe und regelmäßige Impulse durch Vorlesen und Erzählen fehlen.

Zentrale Ergebnisse der Vorlesestudie 2018
Die Vorlesestudie 2018 nahm die Bedeutung des Vorlesens und Erzählens für Kinder in der Grundschule in den Blick. Vom 11. Juni bis zum 15. Juli 2018 hat das Feld-Institut Iconkids & Youth 500 Kinder der Klassen 1 bis 4 und ihre Eltern persönlich in ihren Haushalten befragt.

Rund 78 Prozent der Kinder, denen mehrmals in der Woche oder täglich vorgelesen wurde, fällt das Lesenlernen leicht. Bei den anderen ist das laut ihren Eltern deutlich seltener der Fall (50 Prozent). Fragt man die Kinder selbst, ist sogar mehr als die Hälfte der Grundschülerinnen und -schüler mit wenig Vorleseerfahrung frustriert, weil das Lesenlernen ihnen zu lange dauert (52 Prozent), gegenüber nur 28 Prozent derjenigen, denen regelmäßig vorgelesen wurde. Das sind die zentralen Ergebnisse der Vorlesestudie 2018, die am 29. Oktober 2018 in Berlin vorgestellt wurde.

„Lesenlernen ist kein Kinderspiel“, so Antje Neubauer, die das Fachkuratorium Bildung der Deutsche Bahn Stiftung leitet. „Vorlesen schafft die besten Voraussetzungen, damit Kinder dieser Aufgabe in der Grundschule gewachsen sind. Bereits 15 Minuten am Tag genügen. Dazu rufen wir alle Eltern auf.“

Gefragt wurden die Kinder auch, welche außerunterrichtlichen Angebote zur Leseförderung sie an ihren Schulen kennen. Bundesweit konnte fast jeder vierte Grundschüler (23 Prozent) kein entsprechendes Merkmal nennen – also weder Büchereien oder Regale, wo man Bücher leihen kann, noch Leseecken oder Buch-AGs.

„Leser wird man durchs Lesen“, so der Geschäftsführer der ZEIT Verlagsgruppe Dr. Rainer Esser. „Jedes Kind muss an seiner Schule Angebote zum Lesen finden, auch außerhalb des Unterrichts. Denn neben der Lesekompetenz geht es um die Praxis, das Tun und die Freude daran.“

Auf die Frage, was ihnen in der Schule Spaß macht, nennen 57 Prozent der Kinder das Lesen. Noch öfter genannt werden praktische Inhalte wie Natur/Umwelt (77 Prozent) und Forschen/ Experimentieren (67 Prozent) oder Malen/Basteln und Sport/Bewegung (jeweils 61 Prozent).

„Kinder interessieren und begeistern sich für Themen und Inhalte. Deshalb hat der Bundesweite Vorlesetag ab jetzt ein Motto, dieses Jahr am 16. November ‚Natur und Umwelt‘. Wir freuen uns auf viele kreative Aktionen an Kitas und Schulen, in Familien und an öffentlichen Orten. Denn nur gemeinsam machen wir Deutschland zum Vorleseland“, so Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

Zentrale Ergebnisse zurückliegender Vorlesestudien
In 30 Prozent der Familien mit Kindern im Vorlesealter von zwei bis acht Jahren wird selten oder gar nicht vorgelesen. Dies gilt besonders für Haushalte aus bildungsfernen Schichten. (2013)
Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind allgemein erfolgreicher in der Schule. Sie haben in Deutsch, Mathe und Fremdsprachen bessere Noten als Kinder, denen nicht vorgelesen wird. (2011)
Vorlesen hat darüber hinaus eine längerfristige soziale Bedeutung. Wurde Kindern regelmäßig vorgelesen, sind diese häufiger darum bemüht, andere in die Gemeinschaft zu integrieren. Auch ist der allgemeine Gerechtigkeitssinn dieser Kinder besonders ausgeprägt. (2015)

Bundesweiter Vorlesetag am 16. November 2018
Der Bundesweite Vorlesetag, eine gemeinsame Initiative von DIE ZEIT, Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung, findet seit 2004 jedes Jahr am dritten Freitag im November statt. Ziel des Aktionstages ist es, ein öffentlichkeitswirksames Zeichen für die Bedeutung des Vorlesens zu setzen, Begeisterung für das Lesen und Vorlesen zu wecken und Kinder möglichst früh mit dem geschriebenen und erzählten Wort in Kontakt zu bringen. Alle, die Spaß am Vorlesen haben, können an diesem Tag anderen vorlesen - zum Beispiel in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und Buchhandlungen oder an ungewöhnlichen Vorleseorten wie z.B. im Riesenrad, im Flugzeug, in einem Tierpark, in Museen ... der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auf der Website des Vorlesetages können Vorleseaktionen angemeldet werden, die dann über die Veranstaltungssuche der Website recherchierbar sind. Für Vorleserinnen und Vorleser gibt es Hinweise zur Vorbereitung und Organisation von Vorleseaktionen.
Weitere Informationen: www.vorlesetag.de

Medienempfehlungen zum Thema „Natur und Umwelt“
Das Leben im Wasser, in den Wäldern, Wüsten und über den Wolken begeistert Kinder jeden Alters. Aus diesem Grund steht der diesjährige Bundesweite Vorlesetag unter dem Motto „Natur und Umwelt“. Auf der Website www.vorlesetag.de finden Vorleserinnen und Vorleser Leseempfehlungen und Aktionsideen rund um Flora und Fauna, Naturwissenschaften und Umweltschutz. Auch mit der Wahl des Vorleseortes kann das Thema umgesetzt werden: Bei einer Lesung auf dem Bauernhof, im Schulgarten oder im Wildpark können Kinder und Jugendliche die Geschichte nicht nur hören, sondern auch sehen, riechen und fühlen.
Weitere Informationen: www.vorlesetag.de/materialien/


Kontakt:
Dr. Simone C. Ehmig
Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen
Römerwall 40
55131 Mainz
Tel.: (06131) 25041-101
E-Mail: simone.ehmig@stiftunglesen.de
www.stiftunglesen.de/forschung
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de