Bericht

Wanderausstellung: 1.000 Bücher – 1.000 Sprachen

28.09.2018

Anregungen zu Gesprächen über Toleranz, Vielfalt und Miteinander




Offen und neugierig lasen sich die Kinder durch die Bücher
Offen und neugierig lasen sich die Kinder durch die Bücher
© privat
Der Bundesverband Leseförderung (BVL) bietet eine Ausstellung mit Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern in vielen Sprachen an, die Kinder und Jugendliche dazu einlädt, sich schmökernd mit den Themen Vielfalt, fremde Kulturen, Toleranz und Flucht auseinanderzusetzen. In Heft 3/2018 der AKJ-Zeitschrift JuLit berichtet die Lese- und Literaturpädagogin Isabel Helmerichs über ihre Arbeit mit der Ausstellung. Wir veröffentlichen nachfolgend mit freundlicher Genehmigung ihren Bericht.

Lust auf Sprachen wecken
Seit Anfang 2016 tourt die Wanderausstellung „1.000 Bücher – 1.000 Sprachen“ des Bundesverbandes Leseförderung (BVL) durch Deutschland. Sie umfasst noch nicht 1.000 Bücher, bietet aber mit etwa 175 Titeln eine sehenswerte Auswahl, um Interesse an Sprachen und Kulturen zu wecken und zu Gesprächen über Themen wie Toleranz, Vielfalt und Miteinander anzuregen. In der Sammlung finden sich ein- oder mehrsprachige Bilder-, Kinder- und Jugendbücher. Die Bandbreite der unterschiedlichen Sprachen ist groß. Zudem gibt es eine Auswahl textloser Bilderbücher und Sekundärliteratur. Jeder Aussteller fügt der Sammlung mindestens ein weiteres Buch hinzu und so wächst der Bestand stetig und wird um aktuelle Titel ergänzt.

Die Arbeit mit der Ausstellung hat mich sowohl als Buchhändlerin als auch als Lese- und Literaturpädagogin gereizt. Sie bietet vielfältige Möglichkeiten, Schwerpunkte zu setzen: Sprachförderung, Mehrsprachigkeit, fremde Kulturen, Toleranz oder Flucht. Zudem ist dies auch eine gute Gelegenheit, die Arbeitsweise von Lese- und Literaturpädagogen vorzustellen. Als Buchhändlerin kommt noch die Motivation hinzu, die Buchhandlung vor Ort weiter zu vernetzen und als wichtige Institution der Leseförderung zu etablieren.

In zwei Städten im Rheinland konnte ich die Ausstellung begleiten. In Burscheid wurde sie in Kooperation zwischen der Buchhandlung Ute Hentschel und der Bücherei in die Stadt geholt. Im Lesecafé der Bücherei konnten die Besucher während der Öffnungszeiten durch die Sammlung stöbern und die Bibliothek lud gezielt Schulen ein. Dieses Angebot nahmen sowohl Grund- als auch Gesamtschulklassen und Offene-Ganztagsschul-Gruppen an. Ergänzend fanden in der Buchhandlung weitere Veranstaltungen statt. Mit der Unterstützung einer jungen Iranerin gab es für Kinder eine persisch-deutsche Lesung mit dem Bilderbuch „Etwas Schwarzes“1, die, zur Begeisterung aller Anwesenden, spontan in einer kleinen Farsi-Lehrstunde mündete. Das Buch wurde anschließend in die Wanderausstellung übergeben. Für eine Abendveranstaltung zum Thema Mehrsprachigkeit wurde eine entsprechende Auswahl an Büchern aus der Ausstellung in der Buchhandlung präsentiert, Fragen zur Mehrsprachigkeit diskutiert und Tipps zur Literaturvermittlung gegeben.

In Leichlingen ließ sich das Amt für Jugend und Schule für die Wanderausstellung gewinnen. Dort wurden die Bücher in einer Grundschule ausgestellt, die allen neun Klassen eigene Zeiten in und mit der Ausstellung ermöglichte. Im Foyer der Schule wurden die einzelnen Klassen eingestimmt und hatten anschließend die Möglichkeit, in aller Ruhe die Bücher der Ausstellung zu entdecken und in Lesesesseln oder auf Picknickdecken im Schulgarten in den Fundstücken zu schmökern. Wie auch schon in Burscheid ergab es sich immer, dass Kinder spontan in Herkunftssprachen wie Albanisch, Bosnisch, Litauisch, Niederländisch, Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Englisch, Russisch, Polnisch, Urdu, Tamil oder Italienisch ihren Klassenkameraden aus einem Buch vorgelesen haben.

Anders als in meiner bisherigen Tätigkeit als Lese- und Literaturpädagogin ging es bei der Arbeit mit der Ausstellung darum, nicht gezielt nur an ein Buch heranzuführen, sondern auf eine ganze Büchersammlung neugierig zu machen. Einfach nur ein „hier sind die Bücher, nun schaut mal durch“ reicht nicht aus. Für den Einstieg in das Thema der Sprachenvielfalt habe ich das Sachbuch „Hallo Welt“2 gewählt. So waren die Kinder gleich zu Beginn mit dabei, denn jeder kannte ein anderes „Hallo“, ob aus dem Urlaub, aus dem Freundeskreis oder aus der eigenen Familie. Mit einer kleinen handgebauten Bühne habe ich ihnen die Geschichte „Etwas Schwarzes“ erzählt und im Anschluss in einer Mitmachaktion auf das textlose Bilderbuch „Die Reise“3 neugierig gemacht. Für die älteren Kinder boten sich das Jugendbuch „33 Bogen und ein Teehaus“4 und die Graphic Novel „Traum von Olympia“5 für den Einstieg an. Wunderbar für ein spontanes, mehrsprachiges Vorlesen eignet sich das Buch „Wer hat mein Eis gegessen“6, da diese Geschichte in 19 verschiedenen Sprachen in der Ausstellung vertreten ist.

Zugegeben, mitunter war es im Vorfeld nicht immer leicht, Lehrern und Erziehern das Angebot schmackhaft zu machen, dass sie mit der Ausstellung sehr gebündelt einen guten Überblick über den Markt und die Potenziale mehrsprachiger Titel bekämen. Doch insgesamt kann ich nach vier Wochen Ausstellungszeit, fast 20 Veranstaltungen und ca. 400 Kindern, die gezielt die Ausstellung besucht haben, ein überaus positives Fazit ziehen. Die Ausstellung hat bei allen Beteiligten große Begeisterung geweckt und war ein wunderbarer Anlass, sich intensiv mit dem Thema Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt zu beschäftigen. Ein besonderer Glücksfall ist es, wenn, wie in Leichlingen, das gesamte Kollegium ein solches Projekt mitträgt, sodass drei Tage lang die sprachliche und kulturelle Vielfalt in der eigenen Schulgemeinschaft in den Mittelpunkt gerückt wird.

Für mich persönlich war die Arbeit mit der Ausstellung eine große Bereicherung. Ich konnte die Begeisterung miterleben, wenn Kinder ihre Herkunftssprache in einem der Bücher entdeckten und sie in einer kleinen Lesung den Mitschülern präsentieren konnten, und sehen, mit welcher Neugier, Offenheit und Bewunderung die Kinder Sprachen und andersartigen Schriftbildern begegnet sind. Zu sehen ist die Buchausstellung in diesem Jahr noch im September im Zeitungsmuseum in Aachen, im Oktober in der Fachakademie für Sozialpädagogik in Nördlingen, im November in der Akademie für Leseförderung Niedersachsen in Hannover und im Dezember in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Trier.7

Über den BVL ist die Wanderausstellung relativ unkompliziert auszuleihen. Die Kosten belaufen sich für Nichtmitglieder auf 120 Euro Ausleihgebühr zzgl. Porto für das Übersenden an den nächsten Entleiher und die Übergabe eines neuen Titels in die Ausstellung.

Über die Autorin:
Isabel Helmerichs, Buchwissenschaftlerin M.A., arbeitet als Buchhändlerin, Lese- und Literaturpädagogin und Fachrezensentin für Kinder- und Jugendbücher


Anmerkungen

1 Dalvand, Reza: Etwas Schwarzes. Aus dem Persischen von Nazli Hodaie. Basel: Baobab Books 2017.

2 Litton, Jonathan: Hallo Welt. Hello World und viele andere Begrüßungswörter. Das große Buch der Sprachen. Illustriert von L’Atelier Cartographik. Aus dem Englischen von Sandra Schostack. Schriesheim: 360 Grad 2017.

3 Becker, Aaron: Die Reise. Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2015.

4 Zaeri-Esfahani, Mehrnousch: 33 Bogen und ein Teehaus. Illustriert von Mehrdad Zaeri. Wuppertal: Peter Hammer 2016.

5 Kleist, Reinhard: Der Traum von Olympia. Hamburg: Carlsen 2015.

6 Zaghir, Rania / Ishak, Racelle: Wer hat mein Eis gegessen. Die große Box der Mehrsprachigkeit. Aus dem Arabischen von Petra Dünges. Berlin: Edition Orient 2014.

7 Online unter www.bundesverband-lesefoerderung.de/

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