Schülertext

10 Jahre Bundeswettbewerb lyrix

13.07.2018

„Und überall können wir singen“




Preisträgerin Ruta Dreyer
Preisträgerin Ruta Dreyer
© Ute Klein
Unter dem Motto „Und überall können wir singen“ wurden am 31. Mai 2018 in der Akademie der Künste in Berlin die Preisträgerinnen und Preisträger der zehnten Runde des Bundeswettbewerbs lyrix ausgezeichnet. Seit 2008 können Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren jeden Monat Gedichte zu einem bestimmten Thema einreichen. Als Inspiration dienen jeweils ein zeitgenössisches Gedicht und ein thematisch passendes Museumsexponat. Aus allen Einsendungen wählt die Jury monatlich sechs Gewinnerinnen und Gewinner. Ihre Gedichte werden auf der Website des Projekts veröffentlicht. Aus allen Monatsgewinnerinnen und -gewinnern werden am Jahresende die zwölf Jahresgewinnerinnen und -gewinner ermittelt und zu einer literarischen lyrix-Reise nach Berlin eingeladen, deren Höhepunkt jeweils die feierliche Preisverleihung ist.

Es folgen die Gedichte der lyrix-Preisträgerinnen und -Preisträger der 10. Runde des Bundeswettbewerbs.
[you do not fucking hesitate]

in meiner stadt
hat sich vor kurzem ein wind
gedreht und jetzt zöger ich kurz bevor
ich die buntglasfenster kippe
die nachbarn die ich nicht kenne
freundlich grüße
und ich achte darauf auf der treppe
nicht auf die hunde zu treten.

häuserkanten schneiden uns die
handflächen auf enge straßen
wölben sich unter den füßen weg und wir
schreddern uns die sohlen am heißen asphalt
kaputt. wir rennen schneller um die
verdammten busse zu kriegen
und wenn wir warten müssen stürzen
über uns die haltestellen ein.

ich keuche den vögeln zu
SEID LEISER ICH HÖR MICH SO SCHLECHT dabei sind sie vor wochen verstummt
und wir
haben schon kein gedächtnis mehr und
immer noch kein ziel.
es gibt keinen grund keine panik zu
haben wir sind viel zu schnell um noch
singen zu können
und bald geht auch sprechen nicht mehr
und bitte kann
jemand die bremse ziehen weil hinter uns liegen
vermutlich schreckliche dinge
aber vor uns kommt gleich
die wand.

Josephine Bätz, Jahrgang 1996
Monatsthema Juli 2017: Und überall können wir singen



Sein Amtseid

Er schwöppelt,
seinen Kawumm dem Gutgeh des treutschen Volkes zu wegen,
seinen Mehrhab zu mehren,
Schrammel von ihm zu wenden,
das Bodenhock und die Hocke des Bundes zu händen
und zu verbelfe,
seine Pflichten gelörnhaft zu erfüllen
und Gejustika gegen allemensch zu düllen.
So wahr ihm Gott helfe.

Phil Bussemas, Jahrgang 1999
Monatsthema Juni 2017: nulpe, pumpel, culpa, pose




(eigentum)

deine hand zieht zoegerlich
grenzen; grenz-wertig
ist dieses spiel der
persoenlichkeitspunktierten ICH DU HAUT
strukturen

irrend//irrsinnig
zwischen diesen grenzen
ist mein kopf eine beule
vom gegen-die-wand-laufen,
gegen-die-wand-der-intimitaet

hautfaeden durch den raum
bis unter deine tuer
deine hand ein fluoreszierendes
moralvakuum

identitaetsimprovisation
meiner sterblichen ueberreste

(ist mein koerper jetzt deiner weil du ihn beruehrt hast)

Ruta Dreyer, Jahrgang 2002
Monatsthema November 2017: was grenze ist irrt




Mama

Bitte verlassen Sie diesen Raum
Mit dunkler Stimme
Unangenehm überfuhr sie mich
Und eine Wand zwischen uns war kreiert
Ich sollte gehen
Und wollte nicht
Und doch, ich sollte
Doch ich hatte Recht
Du wusstest nichts, Mama
Du konntest nichts dafür
Du wusstest nichts, Mama
Sie hat dir deine Erinnerung geraubt
Diese Krankheit, Mama
Und jetzt sagen Sie mir, ich soll gehen
Sagen mir, dass du mich nicht kennst
Doch ich wusste es besser
Mama, sag es Ihnen doch!
Ich bin dein Kind! Doch sie wussten es nicht
Du wusstest es nicht
Du weißt jetzt nichts mehr, Mama
Und jetzt wollen sie mich hinweg von dir
Verlassen Sie diesen Raum!
So förmlich
Und doch so bestimmt
Überrollt mich, wie eine Welle
Mama, du musst mich doch kennen!
Und ich will nicht von dir gehen
Demenz, Mama, sie entfernt mich von dir
Die weißen Geister in ihren Kitteln drängen mich
Bitte verlassen Sie diesen Raum!
Mit Nachdruck
Mit Schmerz - weil du mir weh tust - weil sie mir weh tun
Mama, du wusstest es nicht
Mama, du konntest nichts dafür
Und jetzt verlasse ich diesen Raum.

Patricia Haas, Jahrgang 1997
Monatsthema Februar 2017: bitte verlassen sie diesen raum



der sturm ´89 - oder: rückblickend aus dem jenseits

vermutlich hätte er nicht lange gezögert
die schusswaffe zu zücken.
für intrinsischen stolz der außerhalb der grenzen
wie wind verweht aber hier nicht vergeht.

dann lägen wir da hand in hand
die brise würde dein braunes haar sanft
zersausen. während wir die
grenzenlosigkeit doch erreicht hätten.
oder
man hätte uns gewarnt [gewiss nur an guten tagen]
ein falscher schritt und das minenspiel setzt ein
dort wo später die fassadenkünstler
riumphieren auf ihren altarplatten sie
fassen sich im ostwind so geleckt ins haar.
oder wir
wären wieder umgekehrt
hätten die letzte ziffer um zwei geschmälert
besser einen heißluftballon gemietet
es wahrscheinlich lieber
ganz gelassen um irgendwann
ganz gelassen rechnen zu können:
repression und observation macht_illusion

doch ich war kein mathematiker
kein kalkulierer
aber wie oma schon sagte
wer wind sät
wird sturm ernten - eine befreiende ernte
und der beton fiel.
später.
als wir schon lange vergessen waren.

(in gedenken an 1135 mauertote)

Tim Schäfer, Jahrgang 2000
Monatsthema Oktober 2017: Du hast Wind gegessen, er schmeckt wie Filzstaub




Natronsee

Durch den Natronsee erstarrt der Silberreiher
Landein nur alkalisches Gebiet
Mit den Schiffen begann die Havarie
Nun gehen am Ufer die Menschen zu Bruch
Verkalkte Träume von reiner Luft
und Wasser versalzt durch weißes Gift
Man sieht nur verhärtete
Menschenleben,
die konservierte Emotionen halten -
Tag für Tag bleibt das Beten, dass jemand das
Land wieder urbar machen wird

Laura Schiele, Jahrgang 1998
Monatsthema Dezember 2017: Aus der Planierraupe ist ein Parkplatz geschlüpft




engelchen, drück ab!

Zoome weg
die wege
die ich gegangen bin
ein symmetrisches straßennetz
millimetergenaue passform

für die normen der gesellschaft

oberflächlich

aus der vogelperspektive

verwischen die ecken und kanten
die in ihnen zusammenlaufen
an denen ich kollabierte

und du,
engelchen,
hast den moment zerschossen
ekelst mich an
wenn du mir das bild unter die nase reibst

nach tausend jahren - wir sind ja alle unsterblich - und bis dahin
hätte ich längst vergessen

dass ich gegen die hauswand gepisst habe
wenn du die uringelbe pfütze nicht fotografiert hättest

und die kieselsteine

die ich gegen jede fensterscheibe geschmissen habe
damit ich nicht ständig gegen wände laufe
mir den kopf zerbreche
kollabiere
pisse

engelchen,
du hast jede scherbe aufgesammelt
(nachdem du meine illusion zerschossen hast)
und sie zu mosaik zusammengelegt
vielleicht hoffst du noch
dass du mich in die kirche lockst
wenn ich meine eigene story im fensterglas durchscheinen sehe
(durchsichtig, unsichtbar, nicht existent)

doch daran hast du dich geschnitten,
engelchen,
an jeder einzelnen scherbe
träum weiter
von heilen welten
dafür hast du ja noch 'ne ewigkeit
mich musstest ja aufwecken, aus meiner rosaroten, und weißt du
wie scheiß weh das tut, aus den wolken zu fallen? aber du
hast ja nie gelebt

wie ein penner

anonym

straßenköterblond

Zoome weg
weit weg
massias, mein vorbild
ich folge deinen heiligen fußspuren
zumindest aufs hochhausdach
- da hat man 'ne bessere perspektive, was engelchen?

zück schon mal
die kamera
ich steh bereit
damit du auch diesen moment zerschießt
ziel auf mein herz, du bist doch so
treffsicher
hast rosarot aus meinem farbspektrum entfernt
doch ich sehe nicht schwarz
nicht weiß
ich sehe grau
vor mir der betonklotz, ich könnte kotzen

wenn du zulässt, gott
klaue ich 'nen plastikbeutel
oder doch 'ne stofftüte, damit mich niemand erkennt
wenn ich vom hochhausdach kippe,
engelchen, wenn ich falle lass mich fliegen
zoome weg
so weit weg distanz auf höchstem niveau

was gibst du mir dann?

Jessica Taran, Jahrgang 1999
Monatsthema August 2017: Panoramablick



flut

versengte haut
ein präzises nachglühen in den atemwegen
züngelt auf in der verwaisten brise.
aufrecht stehst du
als strandgut im zenit.
dann wolken wie luftballons
an nieselschnüre geknotet.
flutrauschen
häutet stück für stück
deine beschlagene ohrmuschel.
der wind fährt durch jackenärmel
(gesteifter tunnelblick.)
glasscharfe funken hallen im schlag der lungenflügel wider
das asthmatische geräusch
ein pendel im wasserbrechen.

Anile Tmava, Jahrgang 1999
Monatsthema Oktober 2017: Du hast Wind gegessen, er schmeckt wie Filzstaub




dziadek

der himmel deiner geschichten war federleicht
origamivögel schnitten durch wolken
im beuteflug

der zaun zu den nachbarn
das ende unsrer welt ich webte hände
du worte in die spalten im gegensatz zu dir
ist der zaun geblieben

manchmal noch erinnert
mich altbekanntes an dich
hähne beete imperative

dann baue ich mir im kopf dein haus
öffne das tor und verschiebe die zäune
hierhin dorthin (handbreiten weit)

nur das kreuz im garten
das dein schweigen erzählt
wächst an alter stelle

und ich schieße gefaltete vögel zu mittag
dass neue kugeln treffen
im vertrauten winkel

Kerstin Uebele, Jahrgang 1997
Monatsthema November 2017: was grenze ist irrt




Schlacht bei Coulmiers

Der Himmel schmeckt heut wie Kalkstein,
Sieht mir nach wie ein bleiches Gesicht.
Doch hinter mir klebt schon die Sonne,
Die mich mit ihrer Kälte ersticht.

Die Kirche reckt ihren Hals in den Wind,
Der sich anfühlt wie splitterndes Eis.
Und mein Atem dreht sich im Sturm
Wie ein Überdenker im Kreis.

Ein Mann dort presst das Gewehr ins Herz
Und ein anderer denkt sich ein Grab.
Ein anderer weint, ein anderer schluckt
Die Tränen die Kehle hinab.

„Heure du déjeuner!“, rufen sie als sie kommen
Und wer denkt nicht an Zuhause?
„Fin d‘après-midi!“, rufen sie und verzweifeln
Und die Herzschläge spielen die Pause.

Meine Augen finden den Mond, der wie
Eine Murmel am Nachthimmel baumelt.
Ich schließe mich ab und ertrinke,
Als mein Atem in Sturmhände taumelt.

Marie Christine Voss, Jahrgang 2000
Monatsthema Oktober 2017: Du hast Wind gegessen, er schmeckt wie Filzstaub




SCHMERZ IST EIN

Schmerz ist ein Meer zum Ertrinken also stellt sie sich das Echte vor
scharf kantig blau so kalt fast gefroren fast schneidet man sich an ihm
wir zeichnen ihr mit Creme die Wolken aufs Gesicht
die hinter ihren Augen dunkel lauern
kämmen sie zart wie die Wellen das Wasser
aufgestobener Sand schmirgelt über ihre Haut
als sie Richtung Düne rennt
sie kann wieder laufen und schreit

vor ein paar Tagen zeigte sie auf ihre Haare und wir holten chirurgische
Scheren
ich befahl meinen Händen radikal zu sein wie sie es wollte
der Rasierer summte über ihren Schädel und sie tastete so wie man tastet
wenn es leichter ist das zu zählen was noch da ist und nicht das was
schon verloren ist

wir müssen sie auf die Seite drehen und ich halte sie
in meine dunklen Augen will sie immer gucken
Fernglasblick rückwärts durch die Zeit zum Meer wo wir beide schon so
oft gewesen sind
suchen die Unschuld der Welt in seinem weißen Wellenschlagen und
den Trost im Zyklus der Gezeiten
heute vergeblich ich weiß nicht ob sie dort ist
ich glaube sie ertrinkt
sie schreit
sie hat das Schwimmen verlernt

noch einmal später träume ich von ihr
sie liegt zusammengeschrumpft im Bett wie ein Baby
sie trinkt Milch und trägt eine Windel und fragt ob ihr Leben denn ein
Gutes wird
ich nicke vorwärts guckend und erzähle ihr vom Meer

Julia Marie Weber, Jahrgang 1996
Monatsthema März 2017: Ein ewiges Rückwärtsgehen




[ohne titel]

es fing an mit einem pudding
waldmeister vanille weiß ich nicht
hab mir nichts dabei gedacht
als du mir deinen rübergeschoben hast
schweigend

mama hat sich gefreut gesunde ernährung und so
papa hat gelacht typisch pubertät halt
ich habe nichts gedacht nur zugeschaut
und gegessen was du nicht
gegessen hast

jeden abend

jetzt ist dein teller leer und auch der stuhl
messer kratzen auf porzellan gabeln
zersägen die stille ich habe nicht gemerkt
dass da was ist was dich auffrisst
von innen tag für tag

ohne dich verliert die welt an geschmack
das essen vor mir wird zu einem haufen
nichtssagender moleküle wütend strecke
ich dem spinat die zunge raus als wäre er
schuld daran dass du plötzlich
nichts mehr essen wolltest

jeden abend

schreit die leere zwischen messer und
gabel fragt mich warum mein rechter
platz ist frei das glas ist nicht mehr
halb voll salztropfen fallen auf meinen
teller keiner weiß ob du noch da bist

wenn wir dich besuchen kommen
morgen früh

Anne Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997
Monatsthema September 2017: zu tisch war immer einer mehr geladen


Die lyrix-Jahresjury
Malte Blümke (Deutscher Philologenverband),
Thorsten Dönges (Literarisches Colloquium Berlin),
Matthias Gierth (Deutschlandfunk),
Norbert Hummelt (Lyriker),
Claudius Nießen (Deutsches Literaturinstitut Leipzig),
Anja Schaluschke (Deutscher Museumsbund),
Daniela Seel (Autorin und Verlegerin)

Der Bundeswettbewerb lyrix
lyrix wurde 2008 vom Deutschlandfunk und dem Deutschen Philologenverband initiiert und von Beginn an vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. 2013 wurde das Projekt zum Bundeswettbewerb ernannt. Der gemeinnützige Verein lyrix e.V. richtet seit Herbst 2015 den Bundeswettbewerb lyrix aus, fördert Nachwuchslyrikerinnen und -lyriker und vermittelt Jugendlichen aktuelle Lyrik als eigene Ausdrucksform: in Schreibwerkstätten, auf Veranstaltungen und Lesungen, in Materialien für den Schulunterricht und im Austausch mit der jungen Lyrikszene.

Kontakt:
Carolin Kramer
Geschäftsführung lyrix e.V.
c/o Deutschlandradio
Raderberggürtel 40
50968 Köln
Tel.: 0176/43481760
E-Mail: carolin.kramer@bw-lyrix.de
Internet: www.bundeswettbewerb-lyrix.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de