interview

Bundeskanzlerin wirbt für die Lust am Lesen

27.03.2018

Angela Merkel im Interview mit Andreas Thewalt




Die Kanzlerin direkt
Die Kanzlerin direkt
© Bundesregierung
Kurz vor der Eröffnung der Leipziger Buchmesse unterstrich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit dem Lesepaten Andreas Thewalt aus Berlin die Bedeutung des Lesens: „Auch in der Zeit der Digitalisierung ist das Lesen eine Grundkompetenz, die einem Vieles im Leben erschließt“. Deshalb müsse man auch im 21. Jahrhundert viel Wert darauf legen. Für die Bundeskanzlerin gehört das Lesen seit Kindheitstagen mit zum Lebenselixier. Unvergessen sind für sie die Kinderbücher von Erich Kästner und Wilhelm Busch. Heute liest sie sehr gern Sachbücher, auch russische Romane und empfiehlt, klassische Literatur zu lesen: Shakespeare, Goethe, Schiller.

Andreas Thewalt:
In der nächsten Woche gibt es ja ein echtes Fest für Leseratten jeden Alters – die Leipziger Buchmesse. Sie selbst müssen ja sehr viele Regierungsvorlagen und Parteipapiere lesen. Lesen Sie auch darüber hinaus mal einen Roman, einen Krimi, ein Sachbuch, oder haben Sie dann kein Interesse mehr?

Bundeskanzlerin Angela Merkel:
Doch, natürlich lese ich auch sehr gerne. Allerdings muss ich zugeben, dass die Zeit dafür mehr in die Urlaubstage verlagert ist. Und manchmal lese ich auch etwas kürzere Bücher, die man auf einen Ruck schafft. Aber Lesen gehört für mich seit Kindheitstagen mit zu meinem Lebenselixier. Und ich beobachte, zum Teil auch mit Sorge, dass heute gar nicht mehr so viel vielleicht gelesen wird, sondern mehr gehört und gesehen wird. Aber ich glaube, Lesen ist sehr, sehr wichtig.

Haben Sie denn Lieblingsautoren oder Lieblingsbücher, die sie empfehlen könnten?

Also, ich muss jetzt aufpassen, dass ich hier nicht Werbung mache, aber ich persönlich lese sehr gerne Sachbücher – mit zunehmendem Alter eigentlich auch gerade historische Bücher, von Herrn Osterhammel zum Beispiel. Der Gang durchs 19. Jahrhundert: Wie hat sich das 19. Jahrhundert auf unsere Zeit heute ausgewirkt? Jetzt auch Bücher über den 30-jährigen Krieg. Kinderbücher: Für mich Erich Kästner unvergessen und Wilhelm Busch; vielleicht heute nicht mehr ganz so im Zentrum, aber kann ich den jungen Kindern neben anderen neueren Büchern auch nur empfehlen. Und sehr gerne lese ich auch russische Romane: „Krieg und Frieden“ zum Beispiel, also. Und ich kann auch nur empfehlen, das habe ich leider auch selber vielleicht zu selten gemacht, klassische Literatur zu lesen: Shakespeare, Goethe, Schiller. Alles heute noch sehr, sehr modern.

Jetzt gibt es ja in Deutschland einige Millionen sogenannte funktionale Analphabeten. Leute, die kaum oder gar nicht lesen und schreiben können. Können wir uns das eigentlich leisten, oder müssen wir fürchten, dass wir so als Wissensgesellschaft in die 2. Liga rutschen?

Nein, das ist sehr traurig, dass doch ein ziemlich hoher Prozentsatz – 14 Prozent – der deutschen Bevölkerung nicht über die aktive Lesefähigkeit verfügen. Und das hat natürlich damit zu tun, dass manch einer nach der Schule überhaupt nicht mehr gelesen hat. Das beschränkt natürlich auch den Radius im täglichen Leben, das muss man sagen. Und als Bildungsnation, die wir ja eigentlich sein wollen, dürfen wir das nicht akzeptieren. Und deshalb haben wir ja auch sehr viel investiert; jetzt auch seitens des Bundes, obwohl das nicht unsere originäre Zuständigkeit ist: bei der Schulbildung zu helfen, mit zu unterstützen, sowohl was die Schulgebäude anbelangt, uns nicht in die Lerninhalte einzumischen, aber eben auch dafür Sorge zu tragen, dass die Bedingungen, die teilweise nicht so optimal sind, besser werden. Und ich halte auch in der Zeit der Digitalisierung das Lesen für eine Grundkompetenz, die einem Vieles im Leben erschließt, die Grammatik, die Fantasie befördert. Und deshalb müssen wir auch im 21. Jahrhundert auf das Lesen viel Wert legen.

Jetzt gibt es ja selbst unter Viertklässlern 20 Prozent, die ganz schlecht lesen können. Müssen da, wenn die Schulen das nicht mehr schaffen, denen diese Grundkompetenz beizubringen, müssen da jetzt mehr Eltern wieder ran oder Ehrenamtliche, wie beispielsweise hier in Berlin im Bürgernetzwerk Bildung?

Also erstens haben wir ja nach jahrelangem Kampf erreicht, dass auch Spracheingangsprüfungen wenigstens bei den Schulen gemacht werden, denn wir müssen zwischen zwei Dingen unterscheiden: zwischen Kindern, die zu Hause auch Deutsch hören und Deutsch sprechen, aber trotzdem Schwierigkeiten haben beim Lesen. Aber dann gibt es noch die andere Schwierigkeit, dass wir auch viele Kinder haben, die in einem Elternhaus aufwachsen, wo so gut wie gar nicht Deutsch gesprochen wird. Und deshalb haben wir ja schon Sprachförderung in den Kindertagesstätten – der Bund hat sich auch hier engagiert –, aber immer noch nicht ausreichend; und das muss fortgesetzt werden. Ich finde es toll, dass es Ehrenamtler gibt; gerade die Lesepatenschaften sind etwas ganz Großartiges. Das darf uns aber als Staat nicht davon abhalten, für die Grundkompetenzen natürlich selber zu sorgen. Und das ist Ergänzung, das ist wunderschön. Ich danke auch allen, die das machen. Und ich glaube, für viele Kinder, ist das ein Riesenerfahrungshorizont, den sie hinzugewinnen. Aber die Unzulänglichkeiten, um es vorsichtig zu sagen, die es in manchen Schulen gibt, auch die Überforderung dadurch, dass eben Kinder aus vielen Nationen in manchen Schulen sind, die bei den Lehrern ankommt, die darf uns nicht ruhen lassen. Sondern da muss auch der Staat dafür sorgen, dass dann im Zweifelsfalle mehr Personal da ist.

Das Interview ist als Video-Podcast abrufbar unter: www.bundesregierung.de



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