Bericht

ELiS – Evidenzbasierte Leseförderung in Schulen

16.02.2018

Ein europäisches Kooperationsprojekt




© KPH Graz
© KPH Graz
ELiS (Evidenzbasierte Leseförderung in Schulen) ist ein europäisches Kooperationsprojekt, an dem sich sechs Bildungsinstitutionen aus Österreich, Deutschland, Südtirol und Rumänien beteiligen. Neben der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule der Diözese Graz-Seckau, die als antragstellende Organisation das Projekt leitet, beteiligen sich folgende Institutionen: Pädagogische Hochschule Steiermark, Landesschulrat Steiermark, Universität Regensburg, Lucian Blaga Universität und das Deutsche Schulamt der Autonomen Provinz Bozen. Das Projekt knüpft an das zuvor durchgeführte Mobilitätsprojekt „In den Fußstapfen von Erzherzog Johann – Innovative Praktiken des allgemeinen und fachspezifischen Lesens im europäischen Vergleich“ an, welches vom Landesschulrat Steiermark im Jahr 2015 lukriert worden war.

Ziel des ELiS-Projektes ist es, die Lesekompetenz von Kindern in der Grundschule nachhaltig zu sichern und dadurch einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit in Europa zu leisten. Gelingen soll dies durch die Erprobung von zwei innovativen Maßnahmen in der Leseförderung. Zum einen ist dies der bereits existierende systematische Leselehrgang „Lesen. Das Training“, zum anderen wird das fachintegrierende Lesetraining „Filius – Flüssigkeit im Lesen mit unterschiedlichen Sachhörtexten trainieren“ in die Praxis implementiert. Insgesamt nehmen 86 Lehrpersonen und rund 1600 deutschsprachige Schülerinnen und Schüler der zweiten und dritten Schulstufe der Grundschule aus Rumänien, Südtirol und der Steiermark am Projekt teil und werden im Hinblick auf das allgemeine und fachspezifische Lesen gefördert sowie überprüft.

Innovation 1: Lesen. Das Training
Das Dekodieren von Zeichen, Wörtern und Sätzen, aber vor allem die Automatisierung stellt eine Voraussetzung für flüssiges und genaues Lesen dar. Erst wenn ein adäquates Lesetempo gewährleistet ist, kann das Kind seine ganze Aufmerksamkeit auf die inhaltliche Komponente eines Textes legen und damit den eigenen Verstehensprozess bewusst steuern. Lesen per se ist gekennzeichnet durch einige Teilprozesse, die automatisch ablaufen sollen, um Texte sinnkonstruierend lesen und verstehen zu können. Eine Möglichkeit, diese Teilprozesse des Lesens einzuüben, besteht in der Anwendung von „Lesen. Das Training“. Hierbei handelt es sich um einen systematischen Leselehrgang, der die Teilprozesse „Lesefertigkeiten“, „Lesegeläufigkeit“ und „Lesestrategien“ trainiert. Während im Teilbereich „Lesefertigkeiten“ vor allem das Dekodieren, das schnelle Erfassen und das Verstehen von Zeichen, Buchstaben, Wörtern, Sätzen und kurzen Texten im Fokus stehen, trainiert der Teil „Lesegeläufigkeit“ das Automatisieren durch partnerschaftliche Lautleseübungen. Im dritten Teil des Trainings mit dem Titel „Lesestrategien“ werden Verstehensstrategien geübt, indem Schülerinnen und Schüler dazu angeleitet werden, wie sie sich den Sinn gelesener Texte erarbeiten und Inhalte zusammenfassen und beurteilen können (vgl. Schulverlag plus AG 2017). Das Training ist für die zweite und dritte Klasse Grundschule konzipiert und sollte dreimal wöchentlich zu je 20 Minuten in den Deutschunterricht integriert werden.

Innovation 2: Filius – Flüssigkeit im Lesen mit Sachhörtexten trainieren
Zwar gilt die Sprachförderung gemeinhin als zentrale Aufgabe des Deutschunterrichts, jedoch weisen Ergebnisse der neueren Forschung (u.a. Vollmer/Thürmann 2013) darauf hin, dass Sprachlichkeit und fachliches Lernen eng zusammenhängen. In der Schule müssen Schülerinnen und Schüler – beispielsweise im Bereich der Mathematik – in Abhängigkeit von Inhalten und Methoden, in ohnehin anspruchsvollen, bildungssprachlichen Äußerungen fachspezifische Ausdrücke erkennen, verstehen sowie diese in entsprechende Symbolsysteme umsetzen und adäquate Operationen durchführen. Hinzu kommen domänenspezifische Genres und Modalitäten. Dafür benötigen die Kinder wirksame Strategien. Leseförderung bzw. Leseverstehen muss dementsprechend als Aufgabe aller Fächer gesehen und bedacht werden. Sie darf nicht „Alleinstellungsmerkmal“ des Deutschunterrichts der Grundschule sein, da Fachsprache allgemeinsprachliche Bildung benötigt. Es braucht daher Leseförderungsmaßnahmen, die neben dem allgemeinen sinnerfassenden Lesen vor allem das fachspezifische Lesen fokussieren, und Lehrpersonen, die in der Lage sind, über alle Fächer hinweg, die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler zu steigern. Entsprechende Förderprogramme, die diese Aspekte berücksichtigen, liegen bislang allerdings nicht vor bzw. sind nicht empirisch evaluiert. Die im ELiS-Projekt neu entwickelte fachintegrierende Leseförderungsmaßnahme „Filius – Flüssigkeit im Lesen mit unterschiedlichen Sachhörtexten trainieren“ wurde vorrangig von der Universität Regensburg und der KPH Graz konzipiert und kann als hochgradig innovativ bezeichnet werden. Das Training ist auf die Dauer eines halben Jahres ausgelegt und trainiert die Leseflüssigkeit in der zweiten Klasse. Es ist ein einfach durchführbares Training und bietet Texte zum fächerübergreifenden Lesen mit Hörtexten an. Für die fünf Themenbereiche (Körper, Wald, Umwelt und Natur, Technik sowie Mathematik) gibt es jeweils zehn problemorientierte Texte mit Inhalten des Curriculums. Alle Texte sind zudem gleich lang und gleich schwer. Dieses Material, das nach aktuellem Forschungsstand entwickelt wurde sowie wissenschaftlich begleitet und überprüft wird, soll über einen Zeitraum von sechs Wochen mit täglich 20 Minuten durchgeführt werden. In einer Einheit wird der Text insgesamt dreimal gelesen:
  1. stilles Mitlesen
  2. halblautes Mitlesen
  3. gegenseitiges Vorlesen (Tandemlesen).
Neben Filius entwickelt das ELiS-Projektteam rund um Koordinatorin Elisabeth Wachter (KPH Graz) derzeit auch noch ein Training für die dritte Klasse für den Schwerpunkt Lesestrategien.

Forschungsfragen
Am Ende der Projektlaufzeit im Sommer 2019 soll auf folgende ausgewählte Forschungsfragen Antwort gegeben werden können:
  • Wie effektiv sind die verschiedenen Lesetrainings im Vergleich zu einem regulären Unterricht?
  • Ist ein fachintegrierendes Lesetraining im Hinblick auf die Steigerung der Lesekompetenz effektiver als ein allgemein sinnerfassendes Lesetraining?
  • Profitieren unterschiedliche Gruppen von Kindern hinsichtlich ihrer Lesekompetenz von einer Maßnahme stärker?
Die Messungen der Lesekompetenz erfolgen in einem längsschnittlichen Verfahren, da Lesestrategien nur dann nachhaltig verankert werden, wenn sie über einen längeren Zeitraum trainiert werden. Durch die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg soll eine gemeinsame Vision für zu bewältigende Aufgaben und Ziele in der Bildung arrangiert und damit ein wesentlicher Beitrag zur Erreichung der Kernziele Strategie Europa 2020 geleistet werden.
Nähere Informationen unter www.projektelis.eu

Autorin:
Mag. Elisabeth Wachter, BSc, MSc, Bakk. a phil., BEd
Projektkoordinatorin
Kirchlichen Pädagogischen Hochschule der Diözese Graz-Seckau (KPH Graz)
A 8010 Graz
Lange Gasse 2
E-Mail: elisabeth.wachter@kphgraz.at
www.kphgraz.at


Literatur:

Röhrl, S., & Krauss, S. (2015). Lesestrategien für mathematische Sachaufgaben. Praxis Grundschule, 3,10-19.

Vollmer, H., & Thürmann, E. (2013). Sprachbildung und Bildungssprache als Aufgabe aller Fächer der Regelschule. In M. Becker-Mrotzek, K. Schramm, E. Thürmann, H. Vollmer (Hrsg.), Sprache im Fach. Sprachlichkeit und fachliches Lernen (S. 41-57). Münster u.a.: Waxmann.

Schulverlag plus AG (2017, März 20). Lesen. Das Training.


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de