Bericht

Leseentwicklung im Grundschulalter

27.11.2017

Kognitive Grundlagen und Risikofaktoren




© DIPF
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In dem Artikel „Leseentwicklung im Grundschulalter: Kognitive Grundlagen und Risikofaktoren“ beschreiben Dr. Telse Nagler (DIPF, Forschungszentrum IDeA), Prof. Dr. Sven Lindberg (DIPF, Forschungszentrum IDeA, Universität Paderborn) und Prof. Dr. Marcus Hasselhorn (DIPF, Forschungszentrum IDeA, Goethe-Universität Frankfurt am Main) zentrale Faktoren des Leseerwerbs sowie ausgewählte, mit der Leseentwicklung assoziierte Risikofaktoren und stellen empirische Forschungsergebnisse aus aktuellen Meta-Analysen, Reviews und Längsschnittstudien vor. Der Artikel erschien im September 2017 als Online-First-Fassung in der Zeitschrift „Lernen und Lernstörungen“. Er steht unter Open-Access-Bedingungen zur Verfügung.

In dieser narrativen Übersichtsarbeit werden die zentralen Faktoren des Leseerwerbs beschrieben und empirische Forschungsergebnisse aus aktuellen Meta-Analysen, Reviews und Längsschnittstudien zusammengetragen. Zunächst wird auf das Phasenmodell von Frith (1985, 1986) eingegangen, nach dem die Leseentwicklung in drei Phasen unterteilt werden kann, in die logographische, alphabetische und orthographische Phase. Weiterhin wird der Leseprozess mit Bezug auf das Dual-Route Modell von Cotheart (1978) erläutert, in dem dargelegt wird, dass beim Lesen zwei unterschiedliche Routen angewendet werden: eine lexikalische (direkte) und eine nicht-lexikalische (phonologische) Verarbeitungsroute. Ebenfalls wird das Lesen in verschiedenen Orthographien und der problematische Verlauf der Leseentwicklung beschrieben.

Der Fokus des Übersichtsartikels liegt auf der Identifizierung und Skizzierung von ausgewählten Risikofaktoren, die in der gesichteten Literatur mit einer nicht erfolgreichen Leseentwicklung in Zusammenhang gebracht werden. Auch wenn der gegebene Überblick nicht erschöpfend ist, kann zusammenfassend gesagt werden, dass der Leseerwerb von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden kann und Risikofaktoren sowohl auf genetischer, (neuro)kognitiver als auch entwicklungs- und umweltbezogener Ebene zu finden sind. Neben einer erblichen Vorbelastung für Kinder mit direkten Verwandten mit einer Lesestörung gilt vor allem die phonologische Bewusstheit als besonders einflussreich in Bezug auf den Aufbau der erfolgreichen – oder nicht erfolgreichen – Lesekompetenz.

Die Benenngeschwindigkeit, die mit dem Grad der Automatisierung des lexikalischen Abrufs in Verbindung steht, zeigt sich als ein weiterer relevanter Prädiktor der Leseleistung. Weiterführende Auffälligkeiten in der Gehirnentwicklung, die auch durch Alkohol- und Nikotinkonsum während der Schwangerschaft entstehen können, sowie eine verzögerte Sprachentwicklung, Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht können sich negativ auf die Leseleistung auswirken.

Kritische Anmerkungen und weiterführende Ausblicke werden abschließend in der Übersichtsarbeit diskutiert.

Der Artikel ist abrufbar unter:
http://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/2235-0977/a000185

IDeA-Zentrum
IDeA (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Zentrum, das 2008 im Rahmen der hessischen LOEWE-Initiative gegründet wurde. Gründungspartner sind das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), die Goethe-Universität Frankfurt sowie das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Die Mitglieder des Zentrums verfügen über Expertise in den Bereichen Psychologie, Erziehungswissenschaften, Psycholinguistik, Neurowissenschaften, verschiedener Fachdidaktiken, Soziologie und Psychoanalyse.


Kontakt:
Dr. Telse Nagler
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
Schloßstraße 29
60486 Frankfurt am Main
Tel.: (069) 24708-724
E-Mail: nagler@dipf.de
www.idea-frankfurt.eu/de/mitarbeiter/nagler
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de