Bericht

Wissenschaftliche Empfehlungen für eine individuelle Sprachbildung

27.10.2017

Geeignete Verfahren zur Diagnostizierung der Sprachentwicklung bei Kindern




Kinder in der Kita
Kinder in der Kita
© Trägerkonsortium BiSS
Ein Kindergarten irgendwo in Deutschland: Nach den Sommerferien finden sich unter den Kindern der Regenbogen-Gruppe viele neue Gesichter. Nach ein paar Wochen hat sich bei den Erzieherinnen der Eindruck verfestigt, dass die Kinder in ihrer Sprachentwicklung weit auseinander liegen. Es gibt viele Hinweise: Das Interesse an Büchern ist unterschiedlich, der Wortschatz variiert merklich und einige sprechen zu Hause kein Deutsch. Die pädagogischen Fachkräfte vereinbaren, die Sprachentwicklung ihrer Schützlinge systematisch zu beobachten, um die einzelnen Kinder gegebenenfalls gezielt unterstützen zu können. Aber wie sollen sie dabei vorgehen und welche Verfahren sind empfehlenswert?

Das Szenario ist fiktiv, aber Fragen wie diese kommen an Kitas und Grundschulen (hier im Bereich der Leseentwicklung) immer wieder auf. Natürlich sind an den pädagogischen Einrichtungen umfangreiche Erfahrungen vorhanden, doch es ist eine komplexe Aufgabe, die Voraussetzungen, den Stand oder die Entwicklung von Sprache und Lesen bei einzelnen Kindern zu erfassen – in der Fachsprache Individualdiagnostik genannt. Was ein angemessenes Verfahren für eine solche Diagnostik im sprachlichen Bereich sein könnte, hängt davon ab, was genau man zu welchem Zweck untersuchen möchte, aber auch, ob es praktikabel im Arbeitsalltag umsetzbar ist und ob dazu Schulungen notwendig sind. Will man beispielsweise nur grob die Lesekompetenz von einem Kind einschätzen oder mit wiederholenden Tests prüfen, ob eine Fördermaßnahme zur Sprachentwicklung greift? Doch selbst wenn über das Ziel einer angedachten Maßnahme Klarheit herrscht, heißt das nicht, dass die Erzieherinnen und Erzieher oder die Lehrkräfte direkt ein passendes Diagnostik-Verfahren zur Hand haben. Oft ist es auch schwierig, deren Qualität einzuschätzen, weil nicht ganz klar ist, welche Gütemerkmale ein Verfahren auf jeden Fall erfüllen sollte.

Hilfestellung auf der BiSS-Website
Hier kann ein Angebot, das das DIPF im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) realisiert, weiterhelfen. Auf der Website der Initiative hat das BiSS-Team des DIPF eine ganze Liste mit Verfahren zusammengestellt, welche die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für eine Diagnostik der Sprach- und Leseentwicklung bei einzelnen Kindern empfehlen. Das Spektrum reicht von Screenings über Tests bis zu Beobachtungsverfahren (zur Unterscheidung: siehe Linkhinweis am Ende des Textes). Ein Klick auf das jeweilige Verfahren genügt, und man erfährt mehr darüber, wozu es eingesetzt wird, wie es abläuft und was zur Umsetzung benötigt wird: zum Beispiel Materialien, Finanzmittel und in manchen Fällen Schulungen. „Außerdem informiert die Übersicht darüber, inwieweit sich das Verfahren auf wissenschaftlich erarbeitete Theorien stützt, ob es in Testreihen erprobt und normiert wurde und inwieweit minimale Gütekriterien erfüllt sind“, so Dr. Cora Titz. Sie koordiniert die Arbeiten des DIPF im Rahmen von BiSS.

In der Initiative BiSS arbeiten bundesweit mehr als 100 Verbünde aus mehreren Kitas und Schulen im Bereich der Sprachbildung und -förderung zusammen (siehe Informationskasten zu BiSS). Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, setzten abgestimmte Maßnahmen um und entwickeln sie weiter. Dabei werden die Verbünde von einem wissenschaftlichen Trägerkonsortium unterstützt, zu dem auch das DIPF gehört. Das Institut erstellt unter anderem eine Datenbank, in der es nach und nach die von den Verbünden eingesetzten Verfahren und Werkzeuge (Tools) dokumentiert – mitsamt den oben genannten Angaben, etwa zur Funktionsweise oder der wissenschaftlichen Fundierung. Alle an BiSS teilnehmenden Organisationen haben intern Zugriff auf die Datenbank und können sich so über Arbeitsblätter, Förderkonzepte, Unterrichtsmaterialien und Diagnoseinstrumente informieren. Um aber bereits während der Laufzeit der Initiative einen Teil dieses Wissens der breiten Praxis zur Verfügung stellen zu können, werden einige Tools zur Individual-Diagnostik als Empfehlungen auf der Website veröffentlicht. „Sie entsprechen in ausreichendem Maße wissenschaftlichen Gütekriterien“, erläutert Cora Titz, wonach sie ausgewählt wurden. Das heißt nicht, dass andere Werkzeuge schlecht sind, wie die Psychologin klarstellt. „Aber die veröffentlichten Tools sind so weit standardisiert, dass wir sie ruhigen Gewissens empfehlen können, während zu anderen Verfahren Angaben fehlen oder Gütekriterien nicht ausreichend erfüllt sind.“

Zur Bewertung der Verfahren hat das DIPF Minimalstandards entwickelt. Sie richten sich nach den gängigen Standards der psychologischen Diagnostik. Um sie zu erfüllen, müssen Fragen in vier Bereichen zufriedenstellend beantwortet sein:
  1. Wie zuverlässig sind die Ergebnisse eines Verfahrens (Reliabilität)?
  2. Inwieweit sind Durchführung, Auswertung und Interpretation standardisiert und unabhängig von den anwendenden Personen (Objektivität)?
  3. Lassen sich die Ergebnisse eindeutig nach einem festgelegten Bezugssystem einordnen (Normierung)?
  4. Ist nachgewiesen, dass das Verfahren auch misst, was es vorgibt (Validität)?
Auf diese Fragen hin haben jeweils zwei Mitglieder des BiSS-Teams am DIPF die Tools zur Individual-Diagnostik in der Datenbank überprüft. Dafür nutzten sie zum Beispiel deren jeweilige Handbücher. Anschließend wurde das Verfahren von ihnen bewertet. Entwicklungspsychologin Titz ergänzt: „Bei unterschiedlichen Bewertungen wurde das Tool noch einmal abschließend in einer fünfköpfigen Teamsitzung diskutiert.“ 21 von 45 Verfahren haben es auf diesem Weg bislang als Empfehlungen auf die Website geschafft. Unter „Empirische Fundierung“ ist dort aufgeschlüsselt, wie sie bei den Gütekriterien abgeschnitten haben. Ein den Beschreibungen vorangestellter markanter grüner oder gelber Punkt unterscheidet die Empfehlungen zusätzlich: Grün heißt, dass alle Minimalstandards erfüllt sind, gelb, dass sie überwiegend erfüllt sind.

Weitere Empfehlungen und Übersichten
Darüber hinaus sind auf der Website acht weitere, sogenannte informelle Tools empfohlen, die sich für andere diagnostische Zwecke eignen. Cora Titz: „Sie sind nicht als Verfahren für die Individualdiagnostik zu empfehlen, können aber für das Beobachten der Sprach- und Leseentwicklung sensibilisieren.“ Dazu zählen beispielsweise Lückentexte, die helfen, die Lesegeschwindigkeit einzuschätzen. Diese Tools erfüllen die Minimalstandards in einem oder mehreren Punkten nicht oder machen keine Angaben darüber. Sie basieren aber ausreichend auf Theorien und sind in der Praxis etabliert, so dass eine Empfehlung gerechtfertigt ist.

Anders sieht das bei Tools aus, mit denen Kinder in ihrer Sprach- oder Leseentwicklung gefördert werden sollen. Ihre Anwendungszwecke variieren stark, und oft ist nicht genau angegeben, was überhaupt bei wem gefördert werden soll. „Vor allem gibt es für die wenigsten Tools empirische Studien, die ihre Wirksamkeit nachweisen“, bemerkt die BiSS-Koordinatorin. Daher sind in dem Online-Auftritt zwar zahlreiche Förder-Werkzeuge aufgelistet, sie werden aber nicht empfohlen. Stattdessen hat das Team sie einem Qualitätscheck unterzogen und die Ergebnisse veröffentlicht. So erhalten Interessierte zum einen Basis-Informationen zu Zielbereichen und Altersgruppen, zum anderen hat das Bewertungsteam überprüft und vermerkt, inwieweit Angaben zur Durchführbarkeit, zur theoretischen Fundierung und zur Wirksamkeit vorliegen. Auch hier helfen farbige Punkte, die Einordnungen schnell zu überblicken.

Für die Empfehlungen gilt insgesamt, dass sie nicht als erschöpfende Beurteilungen zu verstehen sind. Sie beziehen sich ausschließlich auf die bisher erfassten Verfahren, die in den BiSS-Verbünden verwendet werden. Die Empfehlungen bieten aber Orientierung auf der Suche nach Tools, die objektivierbaren Qualitätsmaßstäben entsprechen. Den Erzieherinnen der eingangs erwähnten Regenbogengruppe könnte etwa weitergeholfen werden. Zur Beobachtung der Sprachentwicklung finden sich in der Liste durchaus Empfehlungen.

Ausführliche Erläuterungen zum Nutzen einer Diagnostik der Sprach- und Leseentwicklung sowie zu den unterschiedlichen Verfahren und den Auswahlkriterien bietet der Fachartikel „Sprachliche Entwicklungsstände, Lernpotenziale und Lernfortschritte erkennen“ im BiSS-Journal Ausgabe 2, April 2015, Seite 3 bis 10: www.biss-sprachbildung.de/pdf/BISS_Journal_April_2015.pdf

Die Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS)
„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Kultusministerkonferenz und der Konferenz der Jugend- und Familienminister der Länder. Im Rahmen der Initiative werden die in den Bundesländern eingeführten Angebote zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung für Kinder und Jugendliche im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und Effizienz wissenschaftlich überprüft und weiterentwickelt. Bundesweit arbeiten 104 BiSS-Verbünde aus mehreren Kitas und Schulen zusammen. Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen aus und setzen abgestimmte Maßnahmen um. Darüber hinaus unterstützt BiSS die erforderliche Fort- und Weiterqualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Lehrkräfte.
BiSS wird von einem Trägerkonsortium wissenschaftlich ausgestaltet und koordiniert. Unter anderem berät es die Beteiligten fachlich und stellt ihnen online Austausch-Foren und Informationen zu den eingesetzten diagnostischen Instrumenten und Fördermaßnahmen (Tools) zur Verfügung. Das Konsortium besteht aus dem Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, dem DIPF und der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Das DIPF übernimmt die Beratung im Elementarbereich, das Bereitstellen der IT-Struktur und des Web-Portals sowie die Dokumentation der Tools in einer Datenbank.
Weitere Informationen: www.biss-sprachbildung.de

Autor: Philip Stirm


Kontakt:

Dr. Cora Titz
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung
Solmsstraße 73-75
60486 Frankfurt am Main
Tel.: (069) 24708-513
E-Mail: titz@dipf.de
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