Bericht

Optionen der Leseförderung in mündlich geprägten Kulturen

31.07.2017

Ein Forschungsprojekt in der Elfenbeinküste




Schulbibliothek in Prikro, Elfenbeinküste
Schulbibliothek in Prikro, Elfenbeinküste
© Stefanie Kastner
Von März 2015 bis September 2016 realisierte die Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Universität Félix-Houphouët-Boigny in Abidjan/Elfenbeinküste im Rahmen des Masterstudiengangs „Media Research“ ein Forschungsprojekt in Westafrika, das die Leseförderung in mündlich geprägten Gesellschaften in den Fokus rückte. An zwei Schulen in der Elfenbeinküste, République de Côte d’Ivoire, wurde erprobt, wie eine Brücke zwischen den Informationssystemen Oralität und Schriftkultur gebaut werden kann. Das Projekt wurde an der HdM von Prof. Dr. Richard Stang und in Abidjan von Prof. Dr. Firmin Ahoua betreut, der Verein der Freunde und Förderer der HdM unterstützte es finanziell. Am 06. Februar 2017 stellten Projektleiterin Stefanie Kastner, Leiterin der Informations- und Bibliotheksarbeit mit Regionalauftrag Südamerika am Goethe-Institut São Paulo, und der Wissenschaftler Hippolyte Yao Bondouho aus der Elfenbeinküste die Projektergebnisse in der Hochschule der Medien Stuttgart vor. Gemeinsam mit dem Erzähler Dieu-Donné N’zi vermittelten sie mit Geschichten und afrikanischer Musik einen lebendigen Eindruck von der Projektarbeit in der Elfenbeinküste. Nachfolgend berichtet Stefanie Kastner über die Ergebnisse des Projekts.

Oralität und Literalität
Im Zentrum des Projektes stand die Frage, wie an zwei Schulen in der Elfenbeinküste ein eigener Weg zur Generierung von Wissen, der sich an der afrikanischen und nicht an der westlichen Kultur orientiert, beispielhaft unterstützt werden kann. Die Weitergabe von Informationen und der Transfer von Wissen erfolgen in vielen Ländern Afrikas in mündlicher Form. Problematisch ist, dass die Oralität bis heute auf der Grundlage der westlichen Kultur beurteilt wird. Ziel des Projektes war es, herauszufinden, wie eine Brücke zwischen den Informationssystemen Oralität und Literalität, die beide nach unterschiedlichen Regeln funktionieren und parallel nebeneinander existieren, gebaut werden kann. Darüber hinaus ging es um die Frage, ob und wie durch die Verbindung der Mündlichkeit mit der Schriftlichkeit bessere Ergebnisse in der Leseförderung und der Vermittlung von Recherche- und Informationskompetenz erzielt werden können. An der Schnittstelle von Oralität und Literalität wurde untersucht, ob vor allem die Arbeit mit Bildern, Tönen, Musik und bewegten Bildern eine Brückenfunktion einnehmen kann.

Das Forschungsfeld
Die Kleinstadt Prikro, ein Konglomerat aus rund 80 größeren und kleineren Dörfern mit circa 33.000 Einwohnern, liegt rund 300 km von Abidjan entfernt im Landesinneren der Elfenbeinküste in der Provinz Iffoue. Das Leben in Pikro ist stark von der Mündlichkeit geprägt. Es gibt in den Dörfern einen bzw. mehrere Griots, jedoch in der ganzen Stadt bisher keine öffentliche Bibliothek, nur eine kleine Bibliothek in der katholischen Pfarrgemeinde.

Ein Griot ist ein professioneller Musiker, Sänger, Erzähler, ein Chronist, ein Rezitator von Herrscher- und Familiengenealogien, historischer Epen und unterhaltsamer Volkserzählung. Abends, bei Sonnenuntergang, versammelt der Griot die Leute um sich, meist unter dem Palaverbaum, dem zentralen Ort des Dorfes. Der Griot erzählt Mythen, Märchen und Geschichten von der Erschaffung der Tiere und der Menschen, von der Entstehung der Welt und der Trennung von Himmel und Erde.

In Prikro wird die traditionelle Gesellschaft durch einen König repräsentiert, der von einer Gruppe weiser und magischer Frauen bestimmt wird, Prikro ist ein Matriarchat. Die traditionelle Gesellschaft manifestiert sich auch in den Strukturen vieler (Groß-)Familien, in denen Polygamie üblich ist und das Recht des Älteren gilt. Diese traditionelle Gesellschaft ist stark oral geprägt.

Der modernen Gesellschaft stehen in Prikro der Sous-Préfet (Unterpräfekt) und der Préfet (Bürgermeister) vor. Beide repräsentieren den Staat. Der Sous-Préfet untersteht dem Préfet und ist für einen Bezirk bzw. Landkreis verantwortlich. Verwaltungsmäßig liegt der Bezirk zwischen dem „Departement” und dem Dorf, das der Bürgermeister repräsentiert. (Wikipedia, Régions de Côte d’Ivoire, 2016)

Der moderne Staat wird für Kinder und Jugendliche vor allem durch die Schule repräsentiert und ist schriftlich geprägt. Es gibt in Prikro fünf Grundschulen und zwei Gymnasien. Das „Lycée Moderne de Prikro” ist ein öffentliches und das „Institut Secondaire Mamie Adiata”, die ISMA, ein halbprivates Gymnasium. Die ISMA nimmt Schülerinnen und Schüler auf, die bereits zweimal durch eine Klasse gefallen sind und ihr Abitur deswegen nicht mehr am öffentlichen Gymnasium ablegen können. Außerdem werden an der ISMA auch Schülerinnen und Schüler aus dem „Lycée Moderne” bis zur Niveaustufe 3ième unterrichtet, weil die Räume der öffentlichen Schule nicht ausreichen.

Die Forschungshypothese
Leseförderung kann in Afrika zu besseren Ergebnissen führen, wenn beide Informationssysteme, die Schriftlichkeit und die Mündlichkeit, gleichberechtigt betrachtet werden, wenn die Förderung des Lesens und Schreibens an die kulturelle Basis der Kinder und Jugendlichen, an die Oralität, geknüpft wird und wenn analoge und digitale visuelle und akustische Inhalte wie Bilder, Musik und Videos eine Brückenfunktion zwischen der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit einnehmen.

Die Projektphasen
Zu Beginn des Forschungsprojekts wurden sechs Experten (und Expertinnen?) der Bereiche Oralität, afrikanische Lokalsprachen, ivorisches Bibliothekswesen und Leseförderung aus Abidjan und Prikro zur ersten Forschungsfrage „Kann Leseförderung in der Elfenbeinküste zu besseren Ergebnissen führen, wenn die Informationssysteme Schriftlichkeit und Mündlichkeit gleichberechtigt betrachtet werden?” interviewt. Ziel der Experteninterviews war es, zu überprüfen, ob die aufgestellte Forschungshypothese sinnvoll ist oder eventuell abgeändert werden muss.

Die Auswertung der Experteninterviews machte deutlich, dass für die Kinder und Jugendlichen in Prikro die beiden Welten der Oralität und der Literalität ständig aufeinandertreffen. Der moderne Staat wird durch die Schule repräsentiert und ist schriftlich geprägt. Die traditionelle Gesellschaft wird vor allem in der Familie oder in den traditionellen Dorfstrukturen gelebt. Die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Befragungen und der dokumentarischen Bildinterpretation machen darüber hinaus sichtbar, dass vor allem für Kinder und Jugendliche beide Welten oft unverbunden nebeneinanderstehen, vor allem was den Ausschluss der traditionellen und oralen Gesellschaft aus der Schule anbelangt.

Außerdem wurden in der ersten Projektphase Daten über die Geräte- und Medienausstattung der Familien in Pikro sowie über das Mediennutzungs- und das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen im Forschungsfeld erhoben. In einer quantitativen Befragung gaben 98 Kinder und Jugendliche Auskunft über ihr Mediennutzungsverhalten. Die Auswertung der Befragungsergebnisse ergab u.a., dass N’gowa, das Geschichtenerzählen, in den Familien sehr lebendig ist. 51 % der Befragten gaben an, dass sie schon einmal oder noch immer Geschichten erzählt bekommen. Das Storytelling erfreut sich darüber hinaus großer Beliebtheit: 96 % der befragten Kinder und Jugendlichen sagten, dass sie gerne oder sehr gerne Geschichten erzählt bekommen oder erzählt bekommen würden.

Zur Untersuchung des Freizeitverhaltens der Kinder und Jugendlichen wurde die Methode der rekonstruktiven Bildinterpretation eingesetzt. Schülerinnen und Schüler der beiden Gymnasien erhielten den Auftrag, je drei Fotos ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen zu erstellen und diesen die Plätze 1 bis 3 zuzuweisen. Am häufigsten wurden Tätigkeiten als beliebte Freizeitaktivitäten ausgewählt, die in einem Arbeitskontext stehen. Von insgesamt 72 Fotos zeigen 16 arbeitende Jugendliche, 14 lesende Jugendliche oder Bücher und 7 eine Fußballaktivität.

Auf der Basis der in der ersten Forschungsphase gewonnen Ergebnisse wurden in der zweiten Forschungsphase zwei Schulbibliotheken für die beiden Gymnasien Prikros konzipiert und Modelle für die Durchführung von Bibliotheksunterricht entwickelt. Die Verknüpfung von Leseförderaktivitäten mit Formen mündlicher Überlieferung gehörte zum Konzept in beiden Schulbibliotheken. Während sich die Arbeit in der Schulbibliothek der ISMA vor allem auf Bücher stützte, kamen in der Schulbibliothek des Lycée Moderne auch digitale Inhalte und mobile Endgeräte wie Tablets zum Einsatz. Bilder, Videos und Musik sollten hier eine Brückenfunktion zwischen der Welt der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit einnehmen.

Eine zweite quantitative Befragung galt der Untersuchung der Zufriedenheit der Jugendlichen mit den Unterrichtsmodellen. 49 Schülerinnen und Schüler des Lycée Moderne und 46 Schülerinnen und Schüler der ISMA beantworteten jeweils 7 Fragen mit vorgegebenen Antwortkategorien und zwei offenen Fragen. Am Lycée Moderne musste zusätzlich eine Frage zum Umgang mit dem Tablet beantwortet werden. Die hohen Zufriedenheitswerte, die aus den Ergebnissen dieser Befragung hervorgehen, können als Bestätigung der Forschungshypothese gewertet werden, dass Leseförderung zu besseren Ergebnissen führen kann, wenn Mündlichkeit und Schriftlichkeit gleichberechtigt betrachtet werden und wenn die Förderung des Lesens und Schreibens an die kulturelle Basis der Schülerinnen und Schüler, an die Oralität, geknüpft wird.

Um herauszufinden, was für die Jugendlichen an N’gowa, am Geschichtenerzählen, so attraktiv ist, führte das Projektteam in der dritten Forschungsphase Leitfadeninterviews mit 11 Schülerinnen und Schülern durch. 6 Jugendliche vom Lycée Moderne und 5 von der ISMA beantworteten Fragen zu ihrer Kindheit und zu ihren Erfahrungen mit N’gowa. Die Auswertung der Antworten ergab, dass insbesondere das Bewusstsein von Gemeinsamkeit, Gemeinschaft und Zusammensein bei N’gowa als angenehm empfunden wird. Zudem schätzen die Jugendlichen die Aufmerksamkeit, die ihnen Erwachsene schenken und die Wahrnehmung, die ihnen als Individuen zuteil wird. Auch das Vertrauen der Erwachsenen, das Jugendliche genießen, wenn sie mit der Weitergabe des mündlichen Wissens beauftragt werden, wird als angenehm empfunden, ebenso die Ermunterung zum Geschichtenerzählen, vor allem in der Lokalsprache.

Grundlagendaten und neue Ansätze
Im Rahmen des Forschungsprojekts konnten wichtige Grundlagendaten zur Oralität und deren Verhältnis zur Literalität in der Côte d’Ivoire und in Bezug auf die Mediennutzung, Geräteausstattung und Freizeitgestaltung der Jugendlichen in Prikro gewonnen werden. Darüber hinaus sind bei der Erarbeitung und Durchführung der Unterrichtsmodelle sowie bei der Erstellung der Konzeptionen der Schulbibliotheken neue Ansätze für die Leseförderung, die Medienpädagogik und die Vermittlung von Informations- und Recherchekompetenz in der Côte d’Ivoire entwickelt worden.

Folgende Elemente, die bei der Konzipierung der Schulbibliotheken und bei der Erstellung der Unterrichtsmodelle berücksichtigt wurden, haben sich bei den Schülerinnen und Schülern als erfolgreich erwiesen:
  • die Valorisierung der Lokalsprache,
  • die Erziehung der Jugendlichen in der Wortkunst,
  • die Förderung der Identitätsbildung durch Wertschätzung der Oralität,
  • die Wichtigkeit der Integration digitaler Medien in den Bibliotheksunterricht,
  • die Wichtigkeit „sprechender” Inhalte und
  • die Thematisierung gesellschaftlicher Schnittstellen zwischen Oralität und Literalität.

Aspekte von N’gowa, dem Geschichtenerzählen, die für die schulbibliothekarische Arbeit genutzt werden können, sind laut der aus den Leitfadeninterviews gewonnenen Erkenntnisse:
  • das Bewusstsein von Gemeinsamkeit, Gemeinschaft, Zusammensein, das bei N’gowa als besonders angenehm empfunden wird;
  • die Aufmerksamkeit durch Erwachsene, die Wahrnehmung als Individuen, die die Jugendlichen besonders schätzen;
  • das Vertrauen der Erwachsenen, das die Jugendlichen genießen, weil sie mit der Weitergabe des mündlichen Wissens beauftragt werden und
  • die Förderung und Ermunterung zum Geschichtenerzählen, vor allem in der Lokalsprache.

Über die Diskussion und Verwertung der gewonnenen Daten in der Côte d’Ivoire und Westafrika hinaus, ist auch an die Übertragung der Ergebnisse auf Deutschland gedacht: Vor allem Jugendlichen mit Migrations- oder Fluchthintergrund sowie sehr leseschwachen Jugendlichen könnten unter Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse bei der Verbesserung ihrer Leseleistungen unterstützt werden.


Autorin:
Stefanie Kastner
Leiterin der Informations- und Bibliotheksarbeit mit Regionalauftrag Südamerika
Goethe-Institut São Paulo
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