Bericht

Empfehlungen zur Sprachförderung bei Kindern

21.06.2017

Sprach- und Sprechfreude entwickeln




Titelseite der Broschüre
Titelseite der Broschüre
© HMSI
Um Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher bei der Begleitung und Förderung der Sprachentwicklung ihrer bzw. der ihnen anvertrauten Kinder zu unterstützen, hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration im November 2016 die Broschüre „Sprachentwicklung und Sprachförderung bei Kindern“ herausgegeben. In kurzer Form wird darin erklärt, wie die kindliche Sprache sich entwickelt, wie es zu Beeinträchtigungen in der Sprachentwicklung kommen kann und welche Sprachstörungen im Kindesalter auftreten können. Neben allgemeinen Erziehungsempfehlungen gibt es praktische Anregungen zur Sprachförderung und zur Entwicklung von Sprach- und Sprechfreude. Abzählreime, Zungenbrecher, Finger- und Bewegungsspiele ergänzen die Empfehlungen. Darüber hinaus enthält die Publikation Literaturhinweise und Linkempfehlungen sowie Verzeichnisse der Sprachheilschulen Hessens und der Gesundheitsämter, in denen Sprachheilbeauftragte Beratung anbieten. Wir veröffentlichen nachfolgend als Leseprobe die Kapitel „5.2 Empfehlungen zur Sprachförderung“ und „5.3 Sprach- und Sprechfreude entwickeln“, S. 21/22. Die gesamte Broschüre steht im PDF-Format zum Download zur Verfügung unter https://soziales.hessen.de.

Empfehlungen zur Sprachförderung
Wenn wir Kinder dabei unterstützen, ihre sprachlichen Kompetenzen zu erweitern, geschieht dies mit Hilfe von verbaler und nonverbaler Kommunikation (s. Kapitel 2: Wie entwickelt sich Sprache). Was scheinbar so selbstverständlich ist, trägt doch entscheidend dazu bei, ob und wie Kinder sprachfördernde Anregungen aufnehmen können.

Wenn wir miteinander reden, „sprechen“ wir sowohl mit Worten als auch mit unserem Körper. In der Körperhaltung, Gestik, Mimik oder Lautstärke, im Augenausdruck (Blickkontakt!) oder Stimmklang spiegelt sich ein Teil unseres emotionalen Erlebens, wir drücken aus, in welcher Stimmung wir uns befinden. Die Sprachentwicklung verläuft von Kind zu Kind unterschiedlich. Wie bei der allgemeinen Entwicklung, so zeigen sich auch beim Spracherwerb individuelle Unterschiede im Entwicklungstempo, in der Art und Anzahl der ersten Wörter oder in der Häufigkeit des Sprechens. Ermahnungen und Vorhaltungen können gerade bei sprachauffälligen Kindern zu Sprechscheu und Sprechangst führen.


Deshalb sollten Sie die folgenden Anregungen beachten:
  • Sprechen Sie mit dem Kind immer langsam, deutlich und möglichst natürlich.
  • Sprechen Sie mit deutlicher, aber auch nicht übertriebener Mundbewegung.
  • Verwenden Sie in wiederkehrenden und gleichen Situationen immer dieselben einfachen Wörter und kurzen Sätze.
  • Verbessern Sie das Kind nicht, wenn es spontan etwas mitteilen will. Sie können ihm so die Sprechfreude nehmen.
  • Vermeiden Sie es, das Kind vor anderen Kindern in der Gruppe zu korrigieren.
  • Ermahnen Sie das Kind nicht in der Form „Sprich langsam! Sag’s noch einmal!“
  • Vermeiden Sie es, das Kind in eine Außenseiterrolle zu drängen.
  • Stoßen Sie das Kind nicht an, wenn Sie mit ihm sprechen wollen. Sprechen Sie nicht mit den Händen, sondern mit dem Mund. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Kind sich auch durch Zeichen verständigen will.
  • Das Kind soll lernen, bei einmaligem Sprechen eines Wortes zu reagieren. Wenn Sie ständig alles wiederholen, gewöhnt es sich daran, beim ersten Mal nicht mehr richtig hinzuhören.
  • Wiederholen Sie dagegen alle Übungen nach dem gleichen Muster sehr häufig. Üben Sie mit anschaulichen Gegenständen in spielerischer Form.
  • Erweitern Sie den Wortschatz über Rahmenthemen, z.B. Tiere, Nahrung, Spielen, u.a.
  • Rollenspiele, Sprechen über Erlebtes, z.B. Einkaufen, Puppenspiele, Telefonieren, Zoobesuche und Waldspaziergänge, bieten Gelegenheiten für handlungsbegleitendes Sprechen beim Spielen und in alltäglichen Situationen.
  • Durch Vorlesen und gemeinsame Betrachtung von Bilderbüchern, Singen, Bewegungslieder, Singspiele, Sprach-, Reim- und Fingerspiele lässt sich auf spielerische Weise das Gefühl für Rhythmus und Reim, Phantasie und Merkfähigkeit schulen und stärken.
  • Zahlreiche Spiele, die auf dem Markt sind, lassen sich für verschiedene Zwecke (Hören, Fühlen, Bewegen, Sehen, Wortschatztraining, Satzbildung, Gedächtnis) einsetzen und sind vielseitig verwendbar. Man sollte sich nicht nur an die vorgegebenen Spielregeln halten, sondern der eigenen Kreativität Raum lassen und überlegen, auf welche Art und Weise die Ihnen zur Verfügung stehenden Materialien eingesetzt werden könnten.


Sprach- und Sprechfreude entwickeln
Die Sprachanregung im Kindergarten sollte für alle Kinder einen hohen Stellenwert haben. Kinder, die in einer spracharmen Familie aufwachsen, haben oft geringere Möglichkeiten, adäquate Sprech- und Sprachfähigkeiten zu entwickeln als diejenigen Kinder, die zahlreiche Anregungen aus ihrer Umgebung erhalten.

Erzieherinnen und Erzieher haben als sprachliche Vorbilder eine wichtige Funktion. Blickkontakt und Zuwendung zum Kind sind wichtige Voraussetzungen, ebenso wie langsames Sprechtempo, eine deutliche Artikulation sowie klare, kurze Sätze. Den Gesprächen, dem Vorlesen, dem sprachlichen Begleiten von Spielen, dem Erklären von Vorgängen etc. kommt eine große Bedeutung zu. Nur so können die Sprachentwicklung, das Sprachverständnis und das Sprechenlernen gefördert werden.

Vorrangiges Ziel sollte die Weckung der Sprechfreude sein. Aus diesem Grund sollten immer wieder Sprechanlässe geschaffen werden, um gerade sprachauffällige Kinder zu verstärken und ihre Kontaktfähigkeit zu unterstützen.

Wenn Sie das Kind häufig verbessern, entsteht in ihm das Gefühl, Fehler zu machen und sprachlich zu versagen. Das kann zu (Sprech-)Hemmungen bzw. aggressivem Verhalten führen. Fordern Sie das Kind nicht zum Nachsprechen auf. Besser ist es, das Gesagte beiläufig noch einmal richtig wiederzugeben.

Beispiel:
Kind: Auto fährt da.
Sie: Ja, da fährt ein Auto.
Kind: Die Taffetanne ist taputt.
Sie: Oh je, die Kaffeekanne ist kaputt.

Wenn Sie im Kindergarten sprachliche Auffälligkeiten beim Kind festgestellt haben, machen Sie bitte die Eltern darauf aufmerksam und regen Sie an, dass das Kind der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, der HNO Fachärztin oder dem HNO Facharzt bzw. der/dem Sprachheilbeauftragten der Stadt/des Kreises (Adressen s. weiter hinten) vorgestellt wird. Dort wird nach eingehender Untersuchung festgestellt, welche therapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden müssen.

Sprachauffällige Kinder zeigen häufig auch Auffälligkeiten in anderen Bereichen. Deshalb sollten die Kinder in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Auch im Kindergarten kann man mit gezielten Spielen und Übungen die Sprachentwicklung fördern und die Sprechfreudigkeit anregen. Beobachten Sie die Kinder, insbesondere aber die sprachauffälligen, in alltäglichen Lern- und Spielsituationen unter folgenden Gesichtspunkten:

Wie sind die Bewegungen (Grobmotorik)?
- beim Gehen, Klettern, Treppen steigen etc.

Wie ist die Feinmotorik entwickelt?
- die Stifthaltung beim Zeichnen und Ausmalen
- beim Auffädeln von Perlen, beim Ausschneiden
- im Umgang mit alltäglichen Gegenständen

Wie ist das Hörvermögen?
- Werden Geräusche gehört und auch benannt?
- Werden ähnliche Geräusche erkannt und unterschieden?
- Gelingt das Richtungshören?

Wie verhält sich das Kind zu anderen Kindern?
- Geht das Kind auf sie zu?
- Zieht das Kind sich zurück?
- Kann das Kind seine Bedürfnisse artikulieren und durchsetzen?
- Wie streitet das Kind?

Wie äußern sich seine sprachlichen Probleme?
- Kann das Kind sich verständlich ausdrücken?
- Können fremde Personen das Kind verstehen?
- Wie ist sein Wortschatz, Umweltwissen, etc.
- Kennt das Kind Formen, Farben, Größenunterschiede?
- Kennt das Kind seine Körperteile und kann es sie benennen?

Wie ist sein Durchhaltevermögen?
- Kann das Kind sich konzentrieren oder ist es leicht ablenkbar?

Publikation:
Sprachentwicklung und Sprachförderung bei Kindern
Herausgeber:
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration und
Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik Landesgruppe Hessen e.V.
Autoren:
Winfried Dux, Hünfeld
Susanne Sievert, Wiesbaden
unter Mitarbeit von:
Prof. Dr. med. R. Berger, Landesärztin für Hör- und Sprachbehinderte, Marburg
Reinhard van Husen, Rüdesheim
Redaktion:
Dr. Stefan Herb, Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Esther Walter, Hessisches Ministerium für Soziales und Integration


Kontakt:
Dr. Stefan Herb
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration V 4 A
Dostojewskistraße 4
65187 Wiesbaden
Tel.: (0611) 817 33 94
E-Mail: stefan.herb@hsm.hessen.de

Redaktionskontakt: schuster@dipf.de