Bericht

Stärken und integrieren

30.11.2016

Alphabetisierung für Frauen mit Migrationshintergrund




Mütter beim Lesen- und Schreibenlernen
Mütter beim Lesen- und Schreibenlernen
© Jutta Marcour
Jeden Dienstag und Donnerstag oder jeden Montag und Mittwoch, dann mit Kinderbetreuung, können Frauen ohne Vorkenntnisse in der Cafeteria der Grundschule Opphoferstraße in Wuppertal lesen und schreiben lernen. Der Eintritt in den Kurs ist jederzeit möglich, die Teilnahme kostenfrei. Das private, über Spenden finanzierte Projekt richtet sich insbesondere an Mütter, die sich Grundkenntnisse der deutschen (Schrift-)Sprache aneignen wollen, um sich auf nachfolgende Sprachkurse vorzubereiten. Jutta Marcour, Dipl. Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin (EÖDL) und Initiatorin des Projekts, berichtet im folgenden Artikel, wie sie auf die Idee kam, Alphabetisierungskurse für Mütter mit Migrationshintergrund anzubieten, mit welchem Unterrichtsprogramm sie arbeitet und warum es für die Frauen so wichtig ist, das Lesen und Schreiben zu erlernen.

Ein Bericht aus der täglichen Integrationsarbeit
Nicht erst endlose Flüchtlingsströme im Jahre 2015 oder aufwühlende Bilder ertrunkener Menschen, nicht erst das viel zitierte und aktuell die Medien beherrschende Zitat der Kanzlerin „Wir schaffen das!“ – viel früher begann dieses rein private Engagement für mehr Integration und mehr Chancengleichheit zugereister Menschen als langfristiges Angebot neben der spontanen Hilfe, wie sie aktuell von so vielen Menschen geleistet wird.

Bereits im Jahre 2011 gründete Jutta Marcour das Projekt „Alphabetisierung für Frauen mit Migrationshintergrund“. Ihre Intention hierfür bezog sie eher aus dem Aufwachsen der eigenen Kinder beziehungsweise der entsprechenden schulischen Situation, hierbei insbesondere aus der Wahrnehmung, dass ausländische Kinder - oder korrekter „Kinder mit Migrationshintergrund“ – keine Vertretung durch ihre Mütter oder Eltern bei Elternabenden in der Schule hatten.

Mütter, die erkannt haben, dass sie ihre Kinder im Kindergarten und später in der Schule besser begleiten können, wenn sie selbst das Lesen und Schreiben beherrschen, können sich im Rahmen des Projekts Grundkenntnisse der deutschen (Schrift-)Sprache aneignen. Die Frauen nutzen das Angebot als Brückenkurs, um sich auf nachfolgende Sprachkurse vorzubereiten. Denn viele der zugereisten Frauen können sich zwar recht gut verständigen, jedoch weder lesen noch schreiben, auch nicht in ihrer Landessprache oder -schrift, wären also gar nicht in der Lage, einen öffentlich geförderten Sprachkurs zu bewältigen. Über das Lesen- und Schreibenlernen hinaus sind die Kurse oftmals die erste Gelegenheit für die Teilnehmerinnen, sich mit anderen Frauen zu treffen und Berührungsängste abzubauen.

Frau Marcour arbeitet in ihren Kursen mit dem Hamburger ABC, einem Unterrichtsprogramm, dass speziell für Migrantinnen und Migranten konzipiert wurde, die nie zur Schule gegangen sind. Systematisch aufeinander aufbauende Unterrichtseinheiten spannen den Bogen von der Alphabetisierung bis zum Deutschkurs. Ziel ist die Entwicklung des Hörverstehens und des freien Sprechens einfacher Alltagssätze. Die Reihenfolge der Vermittlung der Buchstaben ist so gewählt, dass schnell Kleinwörter gebildet werden können. Übungen, Arbeitsblätter und Bildergeschichten ermöglichen sowohl gemeinsames als auch individuelles Lernen. Das Programm gestattet es, unterschiedliche Lernausgangssituationen der Teilnehmerinnen zu berücksichtigen und binnendifferenziert zu arbeiten.
Bei der Konzipierung des Kursangebotes wurden das vom Bundesamt für Migration herausgegebene Konzept für Alphabetisierungskurse und die darin vorgeschlagenen inhaltlichen Schwerpunkte berücksichtigt.

Wie lange eine Teilnehmerin an den Kursen teilnimmt, richtet sich nach ihren individuellen Voraussetzungen und Lernfortschritten und danach, wie lange sie teilnehmen möchte. Grundlegendes Verständnis für ihre Situation, persönliches, pädagogisches Engagement und Einzelansprache befördern die Motivation zum Sprechen, Lesen und Schreiben, was im Kursverlauf deutlich zu beobachten ist.

Durch die Alphabetisierung wird das Selbstwertgefühl der Teilnehmerinnen gestärkt und die häusliche Isolation gemindert. Zusätzlich werden neue Kontakte geknüpft. Im Ergebnis können diese Frauen ihren Kindern besser zur Seite stehen und mit den erworbenen Kompetenzen nicht nur am schulischen, sondern auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

stärken und integrieren e.V.
Der gemeinnützige Verein wurde gegründet, um Spendengelder für die Organisation und Durchführung der Alphabetisierungskurse für Frauen mit Migrationshintergrund einsammeln zu können. Da öffentliche Fördergelder für die Kurse nicht zur Verfügung stehen, müssen der alle Ausgaben über Spenden finanziert werden.

Kontakt:
Jutta Marcour
Dipl. Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin (EÖDL)
am Bollenberg 9
42781 Haan
Tel.: (02129) 3456836
E-Mail: jutta.marcour@abcund123.com
www.abcund123.com
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de