Bericht

Bibliotheken und Schulbibliotheken in Korea

08.08.2016

Eindrücke von einer Reise zum Goethe-Institut in Seoul




Schulbibliothek, Songgok Girls High School
Schulbibliothek, Songgok Girls High School
© Julia Rittel
Im Juni 2016 reisten Julia Rittel und Kathrin Reckling-Freitag, Mitglieder der Kommission Bibliothek und Schule des Deutschen Bibliotheksverbandes, auf Einladung der Bibliothek des Goethe-Instituts Korea nach Seoul. Gemeinsam mit Andrea Bach, der Leiterin der Bibliothek des Goethe-Instituts Korea, besichtigten sie einige sehr unterschiedliche Bibliotheken und trafen sich zu einem ausführlichen Gespräch mit dem Vorstand des koreanischen Schulbibliotheksverbandes. Bei einem Vortrags- und Workshop-Tag am Goethe-Institut hatten sie die Möglichkeit, ihre Erfahrungen weiterzugeben und sich mit koreanischen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Im folgenden Bericht schildert Julia Rittel ihre Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse.

Schulbibliotheken – Die Aktivität macht den Unterschied!
Seit 2012 hat in Südkorea jede Schule eine Schulbibliothek. Das bedeutet, koreanischen Kindern und Jugendlichen steht neben den landesweit 930 Öffentlichen Bibliotheken auch jeweils eine Schulbibliothek zur Verfügung. Möglich wurde das durch ein seit 2002 groß angelegtes, mehrstufiges Förderprogramm. Es gab zwar auch schon lange vorher ein Bibliotheksgesetz, das Schulbibliotheken verpflichtend vorsah, aber das wurde bis dahin oft nur wenig mit Leben gefüllt.

Schulbibliotheken in Korea werden normalerweise von ausgebildeten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren geleitet, die Beamte bei der Schulverwaltung sind. 7% von ihnen sind echte „Teaching Librarian“, das heißt sie verfügen auch über eine pädagogische Ausbildung. Nach langem politischen Kampf sind die Bibliothekarinnen und Bibliothekare inzwischen den Lehrern beim Gehalt gleichgestellt. Die Standards für die Ausstattung orientieren sich an den internationalen Schulbibliotheksstandards der IFLA. So sind z. B. 10 Medieneinheiten pro Schüler/in und 40 Öffnungszeiten wöchentlich vorgesehen. 3% des Schuletats sollen für die Schulbibliothek ausgegeben werden. Diese Standards sind allerdings nicht rechtsverbindlich.

Schulbibliothekswesen und Öffentliches Bibliothekswesen sind organisatorisch komplett getrennt. Die einen unterstehen der Schulverwaltung, die anderen der Kulturverwaltung mit den auch in Deutschland bekannten Problemen bei Kooperation und Vernetzung. Für die Öffentlichen Bibliotheken wird die hohe Dichte der Schulbibliotheken teilweise als Problem gesehen. So hat eine Untersuchung 2012 ergeben, dass die Öffentlichen Bibliotheken vorwiegend von Kleinkindern und älteren Menschen aufgesucht werden. Die extrem langen täglichen Schulzeiten koreanischer Schülerinnen und Schüler (nach der Ganztagsschule werden täglich generell noch private Nachhilfe-Institute aufgesucht) machen einen Besuch allerdings auch schwierig. Außerdem werden Klassen-Aufenthalte in der Öffentlichen Bibliothek und die dazu notwendige Anreisezeit oft nicht als Unterrichtszeit anerkannt. Leseförderung, individuelle Lern-Unterstützung und (berufliche) Lebensberatung werden aber auch von Öffentlichen Bibliotheken als Kernaufgabe angesehen. Sie konzentrieren sich dazu besonders auf junge Menschen, die keine Schule oder eine „Alternativschule“ (Förderschule, Programme für Hochbegabte oder Migranten) besuchen.

Punkten können die Öffentlichen Bibliotheken mit ihrer guten Raum- und Personalausstattung und ihrem großen differenzierten Medienbestand. Da können Schulbibliotheken meist nicht mithalten. Der erste Eindruck von Räumen und Mobiliar ist aus deutscher Sicht oft etwas altmodisch. Auch die Schulen machen insgesamt zunächst einen sehr traditionellen Eindruck. In der Schulbibliothek ist allerdings alles an Ausstattung vorhanden, was man sich zum Arbeiten in der Schule wünscht. Und das wird auch genutzt. Besonders eindrücklich wurde uns das in der Bibliothek der Songgok Girls High School präsentiert. Ein Team ehrenamtlicher Schüler/innen betreut dort zusammen mit dem leitenden Bibliothekar die Bibliothek und deren unzählige unterschiedliche Aktivitäten.

Die ehrenamtliche Mitarbeit von Schülerinnen in der Schulbibliothek ist so beliebt, dass in jedem Schuljahr richtige Wahlen mit Wahlkampf für diese „In-Group“ durchgeführt werden. Das liegt sicher unter anderem daran, dass der leitende Schulbibliothekar konsequent und erfolgreich auf Nutzerorientierung setzt und den Schülerinnen sehr viel Mitsprache und Entscheidungen zutraut. Anders wären die vielen Aufgaben und Ideen nicht einmal ansatzweise umzusetzen. Natürlich waren es auch die Schülerinnen, die uns ausländischen Besuchern die Bibliothek und die Schule vorstellten.

Aber auch der Rückhalt bei der Schulleitung und im Kollegium ist groß. Eine unabdingbare Voraussetzung für funktionierende Schulbibliotheksarbeit. Die Wertschätzung zeigte sich bei unserem Besuch z. B. darin, dass die Schulleitung und ein Mitglied des Kollegiums unseren gesamten Besuch begleiteten, ohne aber irgendwie in die Präsentation der Schülerinnen einzugreifen. Mit der Unterstützung der Schule und Bürgerbeteiligung konnten z. B. Fördermittel für die Neugestaltung eines Raumes bei der Kommune gesichert werden. Mit dem Geld wurde ein gemütlicher und für Veranstaltungen praktischer „Ondol“ eingerichtet. So bezeichnet man auf Koreanisch die sehr verbreitete Fußbodenheizung unter dem erhöhten Holzpodest, auf dem man dann auf dem Boden oder auf Kissen sitzt. Bedingung für die Bewilligung der Fördermittel war übrigens, dass sich die Bibliothek auch für den Stadtteil öffnet. Das scheint in Korea öfter so gehandhabt zu werden und soll Vorbildwirkung entfalten. Eine Entwicklung, die uns in dieser Richtung in Deutschland staunen lässt.

Veranstaltungen und Aktivitäten gibt es hier unzählige: Am Flügel in der Bibliothek kann jederzeit gespielt oder geübt werden, genau wie an der Tischtennisplatte in einem Nebenraum. Diese wird mit Wachstischtuch aber auch zum Basteltisch für Bastelaktionen wie die Bio-Seifen-Erstellung (natürlich in Buch-Form und mit Buch-Anleitung) oder zum Esstisch bei abendlichen Koch-Sessions mit der Bibliotheks-AG. Ein Kühlschrank und ein paar Utensilien genügen dazu. Jede Art der Veranstaltung wird ermöglicht durch so einfache Dinge wie einen Satz Reserve-Klappstühle, Schiebewände, flexible Raumteiler und viele Bodenkissen. Die Schulbibliothek ist ein Makerspace im besten Sinne.

Regelmäßig gibt es aber auch Lesungen, Lesenächte oder generationenübergreifende Gesprächsrunden: mit Senioren aus dem Stadtteil wird Geschichte persönlich, ehemalige Schülerinnen berichten hautnah von ihrem Leben als junge Mütter oder vom Berufsalltag. Berufsorientierung ist nämlich zurzeit an Koreas Schulen ein viel diskutiertes Thema. Ein neu geschaffenes Freisemester in der Mittelstufe soll es Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sich ausgiebig und persönlich damit zu befassen. Im sehr auf Prüfungen ausgerichteten Schulalltag ist sonst wenig Gelegenheit dazu. Sowohl Öffentliche Bibliotheken als auch Schulbibliotheken engagieren sich momentan sehr stark mit inhaltlichen Angeboten und Konzepten für diese Freisemester.

Die Mitarbeiter/innen dieser Schulbibliothek hätten wir am liebsten sofort eingepackt und mitgenommen. Leider mussten wir uns mit den vielen Eindrücken, Bildern und Anregungen begnügen, die es auch sonst im koreanischen Bibliothekswesen reichlich gibt. Auch dank der hervorragenden Betreuung durch die Bibliothek des Goethe-Instituts eine rundum gelungene Reise!

Autorin:
Julia Rittel
Bezirksregierung Düsseldorf
Dezernat 48.08
Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW
E-Mail: julia.rittel@brd.nrw.de
Tel.: (0211) 475-3211
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