Bericht

Brückenschlag zwischen alltagsintegrierter sprachlicher Bildung und früher Sprachförderung

31.05.2016

Das interdisziplinäre Projekt TRIO


von Diemut Kucharz, Petra Schulz und Marcus Hasselhorn


Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
© Trägerkonsortium BiSS
Seit 2013 beteiligen sich mehr als 100 Verbünde von Kitas und Schulen an der von Bund und Ländern gemeinsam getragenen Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS). Die Initiative hat zum Ziel, die sprachliche Bildung, die bedarfsgerechte Sprachförderung, die Sprachdiagnostik und die Leseförderung vom Elementar- bis zum Sekundarbereich in Deutschland zu verbessern. Unter anderem sollen Forschungsprojekte gezielt Ansätze entwickeln und evaluieren, die das Potenzial haben, Lücken in der Sprachbildung zu füllen. Eines dieser Vorhaben ist das interdisziplinäre Projekt TRIO.

Der Bedarf für diese Forschungsarbeiten ist hoch. Zwar haben spätestens große Schulleistungsstudien wie PISA (Program for International Student Assessment) die Bedeutung der Sprachkompetenzen für Bildungschancen in den Fokus gerückt und es gibt seitdem bundesweit Bemühungen, diese Kompetenzen von Kindern bereits vor Eintritt in die Schule so zu fördern, dass sie die Anforderungen des dortigen Anfangsunterrichtes sprachlich bewältigen können. Dabei sind jedoch noch viele Fragen ungeklärt – zum Beispiel, welche Konzepte von Sprachförderung wirksam sind und wie die Zusammenarbeit von Kitas und Schulen in diesem Bereich sowie die entsprechende Förderkompetenz der pädagogischen Fachkräfte verbessert werden kann?

Zudem haben sich in der Praxis der sprachförderlichen Bildung für Kinder vor Schuleintritt zwei Grundüberzeugungen herausgebildet, die sich mitunter im heftigen Widerstreit befinden. Der Auffassung der Schulpädagogik und der Spracherwerbsforschung, dass Kinder mit erkennbaren Sprachproblemen eine gezielte zusätzliche Förderung benötigen, steht die in der Elementarpädagogik weit verbreitete Überzeugung gegenüber, dass eine kontinuierliche alltagsintegrierte sprachliche Bildung in Kitas der Königsweg sei, um die erforderlichen Kompetenzen bei möglichst allen Kindern zu entfalten. Auch die empirische Befundlage zur Wirksamkeit der verschiedenen Sprachförderansätze ist höchst uneinheitlich und nach wie vor unzureichend. Hier setzt TRIO ein.

Eine Kombination verschiedener Ansätze und Disziplinen
Das im Jahr 2015 gestartete Projekt integriert beide Sichtweisen. Es geht davon aus, dass Kinder, die über unzureichende sprachliche Fähigkeiten im Deutschen verfügen, alltagsintegrierte sprachliche Bildung und zusätzliche Sprachförderung benötigen. Für das Vorhaben kooperieren mit der Elementar- und Primarpädagogik, der Linguistik und der Entwicklungspsychologie nicht nur verschiedene Disziplinen, sondern mit der Goethe-Universität Frankfurt und dem DIPF im Rahmen des gemeinsam getragenen Forschungszentrums IDeA (Individual Development und Adaptive Education of Children at Risk), das das kindliche Lernen erforscht, auch mehrere wissenschaftliche Einrichtungen.

Das Projektteam wird Tandems von jeweils mindestens einer pädagogischen Fachkraft aus der Kita und der Grundschule gemeinsam in den Grundlagen und der Umsetzung von alltagsintegrierter sprachlicher Bildung und zusätzlicher Sprachförderung in den Kleingruppen der in Hessen etablierten Vorlaufkurse fortbilden. Dadurch sollen die Kooperation von Grundschule und Kita in diesem Bereich intensiviert und die Einsicht in die gemeinsame Verantwortung für sprachförderliche Aktivitäten unter den Fachkräften aller beteiligten Einrichtungen gestärkt werden. Außerdem will das Projekt die spezifische Sprachförderexpertise der Fortgebildeten ausbauen und die sprachlichen Kompetenzen der Kinder aus den beteiligten Kitas nachhaltig verbessern.

Hierbei bringen die Projektverantwortlichen unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen ein. So kann die Gruppe um Professorin Kucharz vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität auf vielfältige Forschungserfahrungen im Bereich der Fortbildung von Fach- und Lehrkräften zur Sprachförderung und zur alltagsintegrierten sprachlichen Bildung zurückgreifen. Die Gruppe um Professorin Schulz vom Fachbereich Neuere Philologien der Universität bringt linguistische Expertise sowie Forschungs- und Fortbildungserfahrungen zum Erst- und Zweitspracherwerb sowie zu Sprachstandserfassung und zur gezielten Förderung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache in das Projekt ein. Die Gruppe um Professor Hasselhorn am DIPF kann wiederum auf umfangreichen Vorarbeiten zur Entwicklungsanalyse schulrelevanter Kompetenzbereiche bei Kindern aufbauen.

Mehrere Arbeitsschritte und geteilte Verantwortung
Für die Studie sollen insgesamt 24 Einrichtungen rekrutiert werden. 16 Paare aus Kitas und Schulen sollen im Sommer und Herbst 2016 an den Tandem-Fortbildungen teilnehmen und 8 weitere im Schuljahr 2017/2018, um die Effekte der Fortbildung im Vergleich überprüfen zu können. Außerdem sollen 450 Kinder in die Untersuchung einbezogen werden. Das Projekt wird arbeitsteilig umgesetzt. Die Arbeitsgruppen von der Goethe-Universität konzipieren und realisieren die Tandem-Fortbildungen. Zur nachhaltigen Vertiefung erhalten die fortgebildeten Fachkräfte bei der Umsetzung der vermittelten Inhalte im Kita-Alltag zusätzlich ein Coaching. Dabei evaluieren die Forschenden über Tests im Vorfeld und im Nachgang auch, welcher Wissens- und Kompetenzzuwachs dadurch bei den pädagogischen Fachkräften entsteht. Die Arbeitsgruppe am DIPF evaluiert, wie sich die Fortbildung auf die Entwicklung sprachlicher und weiterer schulrelevanter früher Kompetenzen bei den Kindern auswirkt.

Die Aufgaben des DIPF liegen ferner darin, die Einrichtungen zu rekrutieren sowie die Daten zu erheben und auszuwerten. Die Rekrutierung ist bereits erfolgt – mit Hilfe der BiSS-Landeskoordinatorin im Hessischen Kultusministerium. Im zweiten Quartal 2016 stellten die Arbeitsgruppen an der Goethe-Universität nun die Tandems zusammen und führen bis Ende des Jahres die Fortbildungen durch. Zunächst erheben sie dabei die konkreten Bedarfe und setzen Bausteine zur Verknüpfung von alltagsintegrierter sprachlicher Bildung und spezifischer Zusatzförderung sowie zur Diagnostik der Effekte dieser Maßnahmen um. Die Fortbildungen umfassen Themen wie Sprachgrundlagen, Erst- und Zweitspracherwerb, Mehrsprachigkeit, Sprachdiagnostik und Sprachförderung, Gestaltung alltagsintegrierter Sprachbildung, Gestaltung von Sprachförderung in Kleingruppen sowie Elternarbeit. Zwischen den Fortbildungsterminen finden vor Ort mindestens drei Mal Coachingbesuche der ausgebildeten Tandems statt.

Parallel dazu führt das DIPF-Team eine ausführliche Entwicklungsstandsdiagnostik bei all den Kindern in den beteiligten Kitas durch, die im Herbst 2017 schulpflichtig werden. Da die Erhebung der Entwicklung sprachlicher und weiterer schulerfolgsrelevanter Kompetenzen bei den Kindern langfristig angelegt ist, sind Ende 2016 und im zweiten Quartal 2017 weitere Messzeitpunkte vorgesehen. Auch nach Einschulung der Kinder sollen diese Erhebungen weitergeführt werden: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten von den eingebundenen Kindern nach dem Übergang in die Grundschule auch die schulischen Lernausgangsvoraussetzungen und später ihre Schulleistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen erfassen.

Neue Wege
Das Entwicklungsvorhaben schließt eine Lücke in der BiSS-Verbundlandschaft, indem es den Grundgedanken einer etappenübergreifenden Sprachbildung und -förderung unter Einbezug alltagsintegrierter sprachlicher Bildung fokussiert, dabei jedoch auf die gemeinsame Umsetzung konkreter Bildungsmaßnahmen mit der Primarstufe setzt. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob ein gezieltes Zusatzförderangebot die erhofften Wirkungen insbesondere bei Kindern mit Sprachförderbedarf verstärkt. Das ergänzt bisherige Evaluationen der Wirksamkeit gezielter Fort- und Weiterbildung zur alltagsintegrierten sprachlichen Bildung. Neben dem Einbezug dieser Sprachbildung greift es daher die Frage auf, unter welchen Bedingungen die zusätzliche Sprachförderung in Kleingruppen bei Kindern mit festgestelltem Förderbedarf funktionieren kann. Von den Ergebnissen darf man neue Impulse erhoffen.

Das Autorenteam
Professorin Dr. Diemut Kucharz ist Professorin für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Sachunterricht am Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe der Goethe-Universität Frankfurt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Sprachförderung, jahrgangsübergreifendes Lernen, Elementarbildung, Offener Unterricht und Schulentwicklung. Zuvor war die Erziehungswissenschaftlerin Professorin für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Grundschulpädagogik und Anfangsunterricht sowie Direktorin des Zentrums für Elementar- und Primarbildung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Sie bringt ihre Expertise heute auch in das Forschungszentrum IDeA (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) ein.
Kontakt: Kucharz@em.uni-frankfurt.de

Professorin Dr. Petra Schulz hat die Professur für „Deutsch als Zweitsprache – Theorie und Didaktik des Zweitspracherwerbs“ an der Goethe-Universität Frankfurt inne. In ihren Forschungsprojekten (unter anderem gefördert von DFG, BMBF und EU) untersucht sie den (un)gestörten Erst- und Zweitspracherwerb im Sprachvergleich sowie Konzepte der Sprachstandserhebung und Sprachförderung. In Praxisprojekten setzt sie sich für den Wissenstransfer der gewonnenen Erkenntnisse ein. Professorin Schulz hat bereits mehrfach Leitungsaufgaben in Projekten im Rahmen des IDeA-Zentrums übernommen.
Kontakt: P.Schulz@em.uni-frankfurt.de

Professor Dr. Marcus Hasselhorn ist Geschäftsführender Direktor des DIPF, Direktor der Institutsabteilung Bildung und Entwicklung und Professor für „Psychologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Entwicklung“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Er ist außerdem „Scientific Coordinator“ des Forschungszentrums IDeA und Vorsitzender der Sprechergruppe des Leibniz-Forschungsverbundes „Bildungspotenziale“. Der Entwicklungspsychologe befasst sich in seiner Forschungsarbeit unter anderem mit der individuellen Entwicklung der Voraussetzungen erfolgreichen Lernens, mit Lern- und Leistungsstörungen sowie mit der pädagogisch-psychologischen Diagnostik.
Kontakt: hasselhorn@dipf.de


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de