Bericht

Der Spracherwerb ist der Schlüssel

07.12.2015

Integration durch Bibliotheksarbeit




Barbara Schleihagen
Barbara Schleihagen
© dbv / Pompinon
Bibliotheken leisten einen wirksamen Beitrag zur Willkommenskultur und unterstützen nachhaltig die Integration, indem sie eng mit Flüchtlingsunterkünften und Willkommensinitiativen zusammenarbeiten. Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V., stellt Angebote vor, die u. a. von der Stadtbibliothek Osnabrück, der Stadtbibliothek Bremen, den Hamburger Bücherhallen und den Büchereizentralen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen speziell für Flüchtlinge konzipiert wurden. Denn geflüchtete Menschen, insbesondere minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, erleben die Bibliothek als einen frei zugänglichen Bildungsort mit hoher Aufenthaltsqualität, der das Ankommen in der neuen Heimat fördern kann.

Die Stadtbibliothek Osnabrück wurde kürzlich für ihr überzeugendes Konzept der Integration von Zuwanderern mit dem Bibliothekspreis der VGH-Stiftung ausgezeichnet. Dies signalisiert, welchen Beitrag Bibliotheken zur Teilhabe und gelingenden Integration von Zuwanderern aber auch von geflüchteten Menschen und Asylbewerbern leisten können. Der Schlüssel zur Integration liegt in der Beherrschung der deutschen Sprache und in der Bildung. Speziell konzipierte Bibliotheksangebote für Flüchtlinge unterstützen beides. Sie bilden einen wichtigen Baustein im langjährigen interkulturellen Angebot und Programm der Bibliotheken für Migranten, deren Schwerpunkte jetzt angepasst und auf andere Sprachen erweitert werden.

Geflüchtete Menschen haben kaum Geld, aber viel (Warte-) Zeit. Kommunale Bibliotheken haben die Aufgabe, Zugang zu Informationen, Bildung und Kultur für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft zu gewährleisten. Sie bilden daher einen wichtigen Teil im kommunalen Netz und richten ihre Angebote an Geflüchtete, Ehrenamtliche und Multiplikatoren.

Bibliotheken arbeiten dazu mit Flüchtlingsunterkünften und Willkommensinitiativen vor Ort zusammen. Einige, wie die Stadtbibliothek Bremen, stellen Medienkisten als Dauerleihgabe für die Unterkünfte bereit und organisieren von Ehrenamtlichen begleitete erste Bibliotheksbesuche, damit die Flüchtlinge Kontakte in ihre neue Umgebung knüpfen können. Geflüchtete Menschen erleben die Bibliothek als einen frei zugänglichen Bildungsort mit hoher Aufenthaltsqualität, der das Ankommen in der neuen Heimat fördern kann. Gerade für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge werden sie wichtige Treffpunkte. Sie können die Computerarbeitsplätze und in vielen Bibliotheken mit ihren Smartphones über das kostenfreie WLAN auch das Internet nutzen.

Ein ausgewählter Medienbestand für die Erstorientierung, das Lernen der deutschen Sprache und zur Freizeitgestaltung bestehend aus Wörterbüchern in vielen Sprachen, Sprachkursen zum Selbstlernen für alle Altersstufen und landeskundliche Medien zum Thema „Leben und Alltag in Deutschland“ wird vielerorts mit Fördermitteln ausgebaut. Viele Bibliotheken geben mit Spendenmitteln finanzierte Büchereiausweise aus oder, wie die Hamburger Bücherhallen, eine kostenfreie Bibliothekskarte, die den WLAN-Zugriff ermöglicht sowie die Ausleihe fremdsprachiger E-Books, die Nutzung der E-Learning-Angebote oder die Musik-Streaming-Dienste zur Entspannung. Einige Bibliotheken bieten elektronischen Zugriff auf Tageszeitungen aus vielen Ländern der Welt. Es können zusätzlich bis zu drei physische Medien ausgeliehen werden. Leicht verständliche Lektüre und textfreie Bücher ergänzen die in Bibliotheken organisierten Konversationsrunden „Dialog in Deutsch“ durch ehrenamtlich tätige Mitarbeiter. Manche Bibliotheken stellen, wie der „sprachraum“ der Stadtbibliothek Köln, Räume für Integrationsgruppen sowie Deutsch- und Integrationskurse zur Verfügung. Mit „Zeigebildern“ wird sprachunabhängig die Bibliotheksnutzung bei speziellen Führungen für Deutschlernende und Teilnehmer von Integrationskursen erklärt. Auch wird Material für Multiplikatoren, zum Beispiel für die Alphabetisierung bereitgehalten. Zusätzlich werden sprachunabhängige Veranstaltungen organisiert, beispielsweise ein Bilderbuchkino für Kinder oder Kreativnachmittage für Erwachsene. Bibliotheken bieten Leseförderaktivitäten für Kinder und Jugendliche in gemischten Gruppen und mit mehrsprachigen Büchern, auch unter Einsatz von TING- oder Tiptoi-Stiften an. Durch diese vielfältigen Möglichkeiten können geflüchtete Menschen die kulturellen Bildungsangebote ihrer unmittelbaren Umgebung wahrnehmen und durch aktive Mitgestaltung und Begegnungen Teil der Gesellschaftwerden.

Darüber hinaus unterstützen Bibliotheken mit themenorientierten Medienkisten, die sie an Schulklassen entleihen, die wichtige Sensibilisierung von Schülergruppen für die Themen „Flucht und ihre Auswirkungen“ sowie „Meine Klasse ist bunt“.

Der Deutsche Bibliotheksverband und seine Kommission interkulturelle Bibliotheksarbeit ermutigt und unterstützt diese Bibliotheksangebote mit zentralen Dienstleistungen wie z. B. die Erweiterung seines Förderprojektes „Lesen macht stark“ für junge Flüchtlinge, der Möglichkeit zum Download eines Willkommensplakates und eines interkulturellen „Wimmelbildes“, durch Textbausteine in vielen Sprachen, Medien- und Linklisten, Hinweise auf lokale und regionale Fördermittel, einer Sammlung guter Praxisbeispiele oder mit einem Bibliotheksfilm ohne Sprache. Er plant, weitere Fördermittel zu akquirieren.

Auf Länderebene werben zum Beispiel die Büchereizentralen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen zusätzliche Mittel für Bücher und Spiele ein, es werden Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen in Schulungen interkulturelle Kompetenz vermittelt oder Fachsymposien zu Angeboten der Büchereien für Flüchtlinge und Migranten organisiert.

Bibliotheken leisten einen wirksamen Beitrag zur Willkommenskultur und unterstützen mit ihren niedrigschwelligen Angeboten nachhaltig die Integration von geflüchteten Menschen. Dazu benötigen sie dringend zusätzliche Förderung zum Ausbau von entsprechenden Strukturen. Für Menschen, die hier Schutz suchen, bleiben Bibliotheken verlässliche und sichere Orte auch in deren weiterer Biografie.

Autorin: Barbara Schleihagen

Zuerst erschienen in: Politik & Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates 6/2015

Kontakt:
Barbara Schleihagen
Deutscher Bibliotheksverband e. V.
Geschäftsführerin
Fritschestraße 27-28
10585 Berlin
Tel.: (030) 6449899-12
E-Mail: schleihagen@bibliotheksverband.de
Internet: www.bibliotheksverband.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de