Bericht

Lesen und Schreiben lernen in der Grundschule

06.11.2015

Faktencheck des Mercator-Instituts der Universität zu Köln




© Mercator-Institut
© Mercator-Institut
Wie lernen Kinder am besten das Lesen und Schreiben? Welche Methode ist für welches Kind die richtige? Und wie haben sich die Rechtschreibleistungen in den letzten Jahren entwickelt? Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache hat in einem Faktencheck Informationen und aktuelle Studienergebnisse zu diesem Thema zusammengestellt.

Wie haben sich die Rechtschreibleistungen von Schulkindern in den letzten Jahren entwickelt?
Eine einfache und eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Leistungen der Kinder hängen von einem komplexen Wirkungsgeflecht ab; dazu gehören die Lehrkraft, die Unterrichtsmethode, das familiäre Umfeld, der sprachliche und der soziale Hintergrund. Bisherige Studien kommen daher zu unterschiedlichen Ergebnissen: So hat z.B. Elke Sander (2006) die Leistungen von 200 Kindern in Düsseldorfer Grundschulen mit Leistungen von vor 20 bzw. 40 Jahren verglichen. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass die Kinder sich grundsätzlich nicht verschlechtert haben. Wolfgang Steinig (Steinig et al., 2009, Betzel & Steinig, 2013) hingegen konnte eine deutliche Verschlechterung der Schülerinnen und Schüler feststellen. Er untersuchte Texte von 976 Kindern aus den Jahren 1972, 2002 und 2012, die im Anschluss an einen kurzen Film entstanden.

Der Vergleich von Rechtschreibleistungen über einen längeren Zeitraum hinweg ist jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Bei einem Vergleich, zwischen dem mehrere Jahrzehnte liegen, muss die Veränderung der Lebenswelt, des Unterrichts und der späteren Arbeitswelt berücksichtigt werden. Heute werden ganz andere Schwerpunkte im Deutschunterricht gesetzt. Kreative, freie Texte sind in der Schule oftmals bedeutsamer als die Rechtschreibleistung, auch wenn die gesellschaftlichen Erwartungen hierzu im Konflikt stehen: Schriftliche Leistungen werden oft nach der Anzahl orthografischer Fehler bewertet – weniger nach ihrem Inhalt. So muss z.B. eine Bewerbung fehlerfrei sein, um Anklang zu finden.

Mit welchen Methoden lernen Kinder in der Grundschule derzeit Lesen und Schreiben?
In deutschen Klassenzimmern wird bundesweit eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden zur Vermittlung des Lesens und Schreibens eingesetzt. Oftmals werden in der Schule Methoden nicht in ihrer konzeptuell reinen Form durchgeführt, sondern um andere Elemente ergänzt. Die Lehrkräfte entscheiden selbstständig oder in Absprache mit den Schulleitungen und dem Kollegium, welche Methode priorisiert wird. Eine umfassende Erhebung, welche Methoden oder welche Lehrwerke im Unterricht aktuell eingesetzt werden, gibt es derzeit nicht.

Unterschieden wird grundsätzlich zwischen so genannten offenen Methoden, die den Kindern viel Freiheit beim Erwerb der Schriftsprache lassen, und strukturierten Methoden, die den Lernprozess stärker anleiten und steuern. Beispiele für strukturierte Methoden sind die analytisch-synthetische Methode oder die silbenanalytische Methode nach Christa Röber. Zu den offenen Konzepten zählt z.B. Lesen durch Schreiben nach Jürgen Reichen.

Die analytisch-synthetische Methode
Die analytisch-synthetische Methode zählt, ergänzt durch Anlauttabellen oder silbische Leseansätze, zu den beliebtesten Methoden. Hierbei werden einerseits Wörter in ihre Bestandteile zerlegt (Analyse) und andererseits Buchstaben zu Wörtern zusammengezogen (Synthese). Bereits von Beginn an werden ganze Wörter in den entsprechenden Lehrwerken (z.B. „Fara und Fu“ von Hinnrichs, 2007 oder die „Tobi-Fibel“ von Metze, 2001) angeboten, die einerseits der Lebenswelt der Kinder entsprechen und andererseits lautorientiert zu verschriften sind (z.B. „Ananas“ im Gegensatz zu „Hund“). Die Kinder erfassen die einzelnen Elemente visuell und akustisch, artikulieren zusammen mit der Lehrkraft, sprechen nach, legen Wörter mit Buchstabenkarten, fahren Buchstaben mit dem Finger nach und werden durch Bilder in der Sinnrekonstruktion der geschriebenen Wörter unterstützt. Das Lesen- und das Schreibenlernen finden parallel statt.

Ein Nachteil dieser Methode ist die Wortauswahl am Beginn eines Lehrwerkes. Aufgrund der begrenzten Anzahl an Buchstaben führt sie zunächst zu einer eingeschränkten Sprache bzw. Textarmut, sodass die Motivation, Texte selbst zu schreiben, bei den Kindern sinken kann.

Die silbenanalytische Methode
Im Zentrum der silbenanalytischen Methode steht nicht der einzelne Buchstabe, sondern die Verbindung der Buchstaben in einer Silbe. Verschiedene Silbentypen (z.B. offene oder geschlossene Silben) werden visuell durch Häusermodelle (vgl. Röber-Siekmeyer, 1998) dargestellt. Eine geschlossene Silbe beginnt und endet mit einem Konsonanten, z.B. bei dem Wort Wol-ke. Hier ist die erste Silbe geschlossen und der Vokal wird kurz gesprochen. Eine offene Silbe hingegen endet mit einem Vokal, wie z.B. die erste Silbe des Wortes Ha-se. In diesem Fall wird der Vokal gedehnt und lang artikuliert. Die Kinder lernen so, systematisch die Strukturen von Silben bzw. Wörtern kennen. Daraus ergeben sich von Beginn an Verschriftungen entsprechend der orthografischen Regeln. Auch die vor allem in Baden-Württemberg sehr verbreitete Methode FRESCH (Freiburger Rechtschreibschule, vgl. Michel, 2010) geht von der zentralen Rolle silbischer Schreibungen aus.

Die Vermittlung der Schrift durch die silbenanalytische Methode gehört zu einer sehr strukturierten, angeleiteten Form von Unterricht. Vielfach wird der silbenanalytischen Methode aber vorgehalten, sie sei für den Anfangsunterricht zu anspruchsvoll.

Lesen durch Schreiben
Bei der Methode Lesen durch Schreiben erlernen Kinder das Lesen im Wesentlichen durch ihre eigenen Schreibaktivitäten. Dabei werden sie nur wenig durch die Lehrkraft oder Eltern angeleitet. Den Schülerinnen und Schülern werden verschiedene Lernmaterialien zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe sie individuell und selbstständig Wörter verschriften können. Das zentrale Hilfsmittel ist die Anlauttabelle, in dieser Methode als Buchstabentor bezeichnet (vgl. Reichen, 1982). In der Anlauttabelle werden Buchstaben zusammen mit Abbildungen aufgeführt. Dabei entspricht der Buchstabe dem Anlaut des Objektes, also z.B. entspricht das A dem Anlaut des Wortes Affe bzw. dem Bild eines Affen. Das Buchstabentor von Jürgen Reichen wurde 2002 in einer neuen Version veröffentlicht, die auch Diphthonge (z.B. „eu“) und Endlaute (z.B. „-ng“ für Ring) enthält. Neben den großen werden auch die kleinen Buchstaben aufgeführt.

Mittels der Anlauttabelle setzen sich die Kinder intensiv mit der Laut-Buchstaben-Beziehung auseinander und fokussieren damit den Kern der deutschen Schrift. Diese Strategie reicht jedoch nicht aus, um zu einem kompetenten Schreiber (und Leser) zu werden. Der Grund dafür liegt bei den Prinzipien der Schrift: Denn das phonologische Prinzip, also das Schreiben, so wie wir die Wörter hören oder uns vorsprechen, wird überformt durch weitere Prinzipien (z.B. silbische Strukturen). Das herauszufinden wird dem Kind überlassen. Schwächere Lernerinnen und Lerner scheitern an diesen hohen Anforderungen, weil man ihnen keine Hilfestellung an die Hand gibt, um die Strukturen zu erkennen und zu verstehen.

Auf der anderen Seite berichten viele Lehrkräfte davon, dass die Kinder sich bei der Methode Lesen durch Schreiben hoch motiviert fühlen, Texte zu produzieren. Dies ist allerdings nicht durch Studien belegt.


Machen die Bundesländer Vorgaben, welche Methoden eingesetzt werden sollten?
Die Lehrpläne, Richtlinien und Beschlüsse der Bundesländer geben die Wahl der Unterrichtsmethoden mehrheitlich nicht vor. Die Lehrkräfte sollen vielmehr durch ihre Ausbildung befähigt werden, die Unterrichtsmethoden situationsabhängig und den Lernertypen entsprechend flexibel auszuwählen. Die Entscheidung wird dadurch bewusst in die Schulpraxis verlegt, wo die Lehrkräfte in den entscheidenden Gremien der Schulen oder auch individuell über die zu verwendenden Unterrichtsmethoden urteilen. Nur zwei Bundesländer machen hinsichtlich der Methodenwahl konkrete Vorgaben: Im Saarland sollen Lehrkräfte mit der Methode Lesen durch Schreiben arbeiten, in Schleswig-Holstein empfiehlt das Kultusministerium die synthetisch-analytische Methode. Darüber, welche Methoden die Lehrkräfte tatsächlich für ihren Unterricht gebrauchen, gibt es keine Erhebungen und daher keine gesicherten Erkenntnisse.

Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, mit welcher Methode Kinder am Besten Lesen und Schreiben lernen?
Untersuchungen über die Wirkung einzelner Methoden sind sehr aufwändig, weil viele Faktoren die Leistungen der Schülerinnen und Schüler beeinflussen (Lehrkraft, sozialer Status etc.). Diese gilt es, in einer Untersuchung zu kontrollieren. Nur so lassen sich Aussagen darüber machen, ob ein Effekt auf eine bestimmte Methode zurückzuführen ist – oder auf andere Faktoren. Bisher vorliegende Untersuchungsergebnisse (vgl. z.B. Weinhold, 2009, 2010; Deimel & Schulte-Körne, 2006) lassen sich für die Schulpraxis wie folgt deuten:
  • Leistungsstärkere Kinder lernen Lesen und Schreiben weitgehend unabhängig von der Methode – schwächere Kinder benötigen eher einen strukturierten Unterricht (auch deutliche Instruktionen für die nächsten Arbeitsschritte) und zusätzliche Förderung.
  • Schwächere Kinder müssen zudem differenziert diagnostiziert werden, damit sie gezielt gefördert werden können.
  • Weiterhin verbessern sich die individuellen Lernergebnisse – besonders der schwächeren Kinder – deutlich, wenn die Lehrkräfte frühzeitig strukturierende Hilfen geben: Strukturvorgaben zu Lernprozess und Lerngegenstand geben Sicherheit.
Es gibt keine belastbaren Studien, die definitiv beweisen oder widerlegen, ob eine Methode grundsätzlich geeignet ist oder nicht. Daher ist es falsch, einzelne Methoden zu verbieten – oder vorzuschreiben. Die EINE Methode, bei der alle Schülerinnen und Schüler ohne Probleme Lesen und Schreiben lernen und die alle Lehrkräfte ohne Probleme anwenden können, gibt es nicht.

Wichtig ist vielmehr, dass Schülerinnen und Schüler verstehen, warum eine bestimmte Schreibregel greift. Werden allein Regeln vorgegeben, ohne die zugrundeliegenden Strukturen zu erklären, sind sie für die Lernerinnen und Lerner oft nicht nachvollziehbar. Günstiger ist es, Verfahren an die Hand zu geben, die unmittelbar verständlich sind, also z.B. ein Wort verlängern, um zu bestimmen, ob es am Ende mit D oder T geschrieben wird (HUND mit D, weil es heißt HUNDE, aber BUNT mit T, weil es heißt BUNTE). Entsprechende Verfahren sind auch für die Großschreibung (Kernwort nach links durch ein Adjektiv erweitern), die Doppelkonsonantschreibung (zweisilbige Form suchen) u.a.m. entwickelt worden.

Worauf sollten Lehrkräfte im Anfangsunterricht achten?
Interesse und Neugier am Lesen und Schreiben wecken und erhalten: Kinder lernen Rechtschreibung mit dem Ziel, fremde Texte zu lesen und eigene Texte zu verfassen, also um zu kommunizieren. Mit dieser Fähigkeit ist ein Zugang zu Bildung und Teilhabe verbunden. Lehrkräfte sollten diese Motivation am Lesen und Schreiben erhalten.

Lerntypen bestimmen: Es gibt unterschiedliche Lerntypen. Manche Kinder lernen besonders gut kognitiv-analytisch, d.h. ihnen muss man die Regeln vermitteln und gut begründen. Andere Kinder müssen die Wörter selbst lesen oder schreiben, um sie richtig zu schreiben. Lehrkräfte sollten daher den prominenten Kanal des lernenden Kindes ergründen.

Unterschiedliche Methoden nutzen. Womöglich muss eine Lehrkraft in ihrer Klasse nach mehr als einer Methode unterrichten, weil es unterschiedliche Lerntypen gibt.

Die Methode muss zur Lehrkraft passen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Lehrkraft sich bei der Anwendung der Methode sicher fühlt und sie zum persönlichen Unterrichtsstil passt. Aus der Metaanalyse von Hattie (2013) weiß man, dass eine der wichtigsten Komponenten für den Erfolg beim schulischen Lernen die Persönlichkeit der Lehrkraft ist.

Kontakt:
Simone Jambor-Fahlen
Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
Universität zu Köln / Triforum
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
Tel.: (0221) 470-7718
E-Mail: simone.jambor-fahlen@mercator.uni-koeln.de
www.mercator-institut-sprachfoerderung.de


Literatur

Becker-Mrotzek, M., Günther, H. & Jambor-Fahlen, S. (2015). Lesen und Schreiben lehren und lernen - Ein integratives Konzept für den Anfangsunterricht. Schulmanagement-Handbuch. Band 154. München: Oldenbourg.

Hattie, J. (2013). Visible learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. Routledge.

Hinnrichs, Jens (2007): Fara und Fu, Hannover: Schroedel.

Metze, Wilfried (2001): Tobi-Fibel: Ein Leselehrgang. Berlin: Cornelsen.

Michel, Hans-Joachim (Hrsg.) (2010): FRESCH. Freiburger Rechtschreibschule. Grundlagen, Diagnosemöglichkeiten, praktische Übungen zum Thema LRS. 11. Auflage. Buxtehude: AOL-Verlag.

Reichen, Jürgen (1982): Lesen durch Schreiben. Leselehrgang, Schülermaterial und Lehrerkommentar, Zürich: Sabe.

Röber-Siekmeyer, Christa (1998): Mut zum Abstrahieren. Das Angebot von orthografischen Strukturierungen beim Lesen- und Rechtschreibenlernen in der Grundschule und seine Annahme durch die Kinder. In: Oomen-Welke, Ingelore (Hrsg.): „… ich kann nix!“ – Mehr zutrauen im Deutschunterricht, Freiburg im Breisgau: Fillibach, S. 137–159.

Schulte-Körne, Gerd/Deimel, Wolfgang (2006): Modell Schriftsprach- Moderatoren (MSM). Abschlussbericht. Universität Marburg. (Zugriff am 15.06.2015 unter: www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/MSM_Abschlussbericht.pdf)

Sommer-Stumpenhorst, Norbert/Hötzel, Martina (2001): Richtig Schreiben lernen von Anfang an, Berlin: Cornelsen.

Weinhold, Swantje (2009): Effekte fachdidaktischer Ansätze auf den Schriftspracherwerb in der Grundschule. Lese- und Rechtschreibleistungen in den Jahrgangsstufen 1–4. In: Didaktik Deutsch, Heft 27, S. 53–73. Hohengehren: Schneider Verlag

Weinhold, Swantje (2010): Silben sind besser als Laute und Buchstaben. In: Grundschulmagazin, Heft 4, S. 11–15. Oldenbourg Verlag.

Redaktionskontakt: schuster@dipf.de