Bericht

Erstlesebücher - Türöffner oder Falltüren?

08.07.2015

Angebote für Leseeinsteiger und ihr Potenzial für das selbständige Lesen




Taylan blickt zuversichtlich durch sein Bücherfenster, © Beate Janzen
Taylan blickt zuversichtlich durch sein Bücherfenster, © Beate Janzen
Das Symposium des Arbeitskreises für Jugendliteratur auf der Leipziger Buchmesse 2015 beschäftigte sich mit Büchern für Erstleserinnen und Erstleser. In Vorträgen und bei der abschließenden Podiumsrunde wurde ausgelotet, wer sich hinter dem Begriff „Erstleser“ verbirgt, ob es „das“ gute Erstlesebuch gibt und woran man es erkennt und ob Erstlesebücher Kindern auf dem oft mühsamen und anstrengenden Weg des Lesenlernens Türen zum selbständigen Lesen öffnen oder ob sie Falltüren bergen, Leseinteresse und Leselust hemmen. Außerdem wurde der Frage nachgegangen, ob es möglich ist, den Erwerb von basalen Lesefertigkeiten zeitgleich mit Lesemotivation sowie mit der Vermittlung literarischer und literarästhetischer Bildung zu verknüpfen. Unter Leitung von Irene Hoppe, Referentin für die Schulanfangsphase am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, diskutierten Dr. Bettina Oeste, Eva Muszynski, Sarah Wildeisen und Dr. Ina Nefzer über Chancen und Potenziale von Angeboten für Leseeinsteigerinnen und -einsteiger. Die Vorträge können in der Zeitschrift des Arbeitskreises für Jugendliteratur, JuLit 2/2015, nachgelesen werden. Als Leseprobe veröffentlichen wir den einführenden Beitrag von Irene Hoppe.

Brücken in die Welt des Lesens
„Es ist harte Arbeit und dauert richtig viel Zeit, bis man gut lesen kann. Aber dann macht es sehr viel Spaß, denn Lesen ist etwas ganz Besonderes. Man kann einfach alles lesen: Bücher, Briefe, Zeitungen, Comics ... - einfach alles.“ Das sagt Abdul, er ist zehn Jahre alt. Die meisten Kinder erwarten mit Schuleintritt jedoch, rasch zu selbständigen und kompetenten Lesern zu werden. Und das gelingt einigen Kindern überraschend schnell. Doch für viele ist der Weg dorthin eher langwierig und mit manchen Stolperstellen verbunden. Auch die Neurowissenschaft betont die große Herausforderung, die das Lesen an unser Gehirn stellt. So zitiert der Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene in seinem Buch Lesen: Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert den Dichter Vladimir Nabokov: „Ich möchte, dass Sie sich wundern; nicht allein über das, was Sie lesen, sondern über das Wunder, dass man das lesen kann.“1

Mit diesem Zitat leitet Dehaene das Kapitel ein, das den Erwerb des Lesens beschreibt und macht deutlich, dass das menschliche Gehirn eigentlich nicht für das Lesen gemacht ist. Es hat sich aber, so gut es geht, darauf eingestellt und schafft neue, nicht vorgesehene Verbindungen. Dass die allermeisten jungen Leser dies – nach mehr oder weniger Übungszeit – schaffen, kann man vielleicht ein kleines Wunder nennen, auf jeden Fall ist es eine große Leistung.

Der sichere Erwerb basaler Lesefertigkeiten, auf dessen immense Bedeutung Lesedidaktiker2 in den letzten Jahren besonders aufmerksam gemacht haben, muss also ein Schwerpunkt am Beginn der Schulzeit sein und erfordert vom Kind große Anstrengungen: Es muss die Lautorientierung unserer Schrift verstehen und so bislang unbekannten Buchstaben Laute zuordnen und diese zu Wörtern verschmelzen lassen. Um zunehmend effizient zu lesen, muss es lernen, Wörter in überschaubare Teile zu gliedern und beim Lesen von Sätzen und kurzen Texten auf der Grundlage des Kontextes Vermutungen aufzustellen und diese wiederum auf der Basis des Sinnzusammenhangs zu überprüfen.

Diese Prozesse gilt es zunehmend zu automatisieren, damit das Kind nur noch wenig Aufmerksamkeit zum Erschließen der Wörter benötigt und ihm so genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen, um hierarchiehöhere Prozesse beim Lesen vollziehen, das Leseverständnis sichern und Lesegenuss entwickeln zu können.

In dieser mühevollen Leselernphase erleben viele Kinder so etwas wie eine erste „Krise der literarischen Sozialisation, denn die Selbstlesefähigkeiten bleiben noch lange hinter den gegebenenfalls schon weit entwickelten literarischen Verstehens- und Genussfähigkeiten zurück“3 - hinter ihren oft umfänglichen Medienerfahrungen sowieso. Dies verdeutlicht, dass die im Allgemeinen verwendete Bezeichnung „Erstleser“ eigentlich unzutreffend ist. Es handelt sich zumeist um keine wirklichen Leseeinsteiger. Viele von ihnen haben – oft schon von frühester Kindheit an, im besten Fall bereits auf dem Wickeltisch in der Familie und gewiss in der Kita - mehr oder weniger Erfahrungen mit verschiedenen Texten (Reime, Gedichte, Bilderbücher, Kinderbuchklassiker, Märchen usw.) in unterschiedlicher medialer Form machen können. Was sie nun in der Übergangsphase vom synthetisierenden Lesen zum zunehmend automatisierten flüssigen Lesen selbständig lesen können, birgt leider oft eine Enttäuschung.

Fatal wäre es deshalb, Lese-Unterrichtszeit fast ausschließlich für Übungen zum Training der basalen Lesefertigkeiten einzusetzen. Diese Übungen sind wichtig und unerlässlich, aber sie haben nicht speziell das Potenzial, Lesemotivation anzustoßen und aufrecht zu erhalten. Dazu werden andere Angebote benötigt - Angebote, die die Anstrengungsbereitschaft der literarisch eher erfahrenen wie auch der eher unerfahrenen Kinder erhalten. Deshalb ist es geradezu unerlässlich, dass das Erlernen des Lesens gleichzeitig mit der Ermöglichung bedeutsamer persönlicher Leseerfahrungen verbunden wird, die den Kindern immer wieder neue attraktive Lesewelten eröffnen.4

In dieser Phase brauchen Kinder regelmäßig Begegnung mit Texten, die ihren vorhandenen literarischen Verstehensfähigkeiten entsprechen und diese weiterentwickeln. Viele dieser Texte werden die Kinder nicht selbständig lesen können. Gerade deshalb ist das Vorlesen in Familie und Schule weiter von großer Bedeutung. Gleichzeitig müssen die Kinder aber die Erfahrung machen können, dass sie selbst schon – auf ihrem jeweiligen individuellen Lernstand - aktive und erfolgreiche Leser sind. Sie brauchen deshalb auch Texte, die ihre aktuellen Lesefähigkeiten berücksichtigen wie auch ihre Leseinteressen ansprechen und sie immer wieder neu herausfordern. An dieser Stelle spielen die so genannten Erstlesebücher, die sowohl Lesenkönnen als auch Lesefreude befördern wollen, als Türöffner zum selbständigen Lesen eine besondere Rolle.

„Klasse-Bücher“ in der Masse
Auf der Grundlage, dass viele Kinder tatsächlich Türöffner zum selbständigen Lesen benötigen, ist es durchaus positiv zu bewerten, dass es in Deutschland schon seit Jahrzehnten Bemühungen gibt, Angebote zu entwickeln, die für die jungen Leser Brücken sein wollen – übrigens auch zu Zeiten vor dem Mauerfall in Ost wie in West. Denn die ersten selbst gelesenen Bücher haben – wenn man Kinder und Erwachsene nach ihrer Lesebiografie fragt – einen großen Einfluss auf ihr Lese-Selbstkonzept.

Deshalb gilt es, das vorliegende umfangreiche Angebot an Erstlesebüchern, das sich aktuell in verschiedene Richtungen entwickelt, gründlich und kritisch zu betrachten. Denn die Qualität ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Und mangelt es an Qualität, können die Bücher die Kinder kurz- und langfristig nicht vom Sinn des Lesens überzeugen. So können aus Türöffnern Falltüren werden und schlimmstenfalls verlassen Kinder die Welt des Lesens, bevor sie richtig eingetreten sind.
Also ist es wichtig, Prüffragen zu stellen:
  • Sind es Bücher, bei denen sich die Kinder mit ihren Interessen und Empfindungen ernst genommen fühlen, mit deren Hilfe sie ihre Lebenserfahrungen und ihren Horizont erweitern können? Sind es Bücher, deren Erzählweise und Figuren- und Handlungskonstellationen zum Reflektieren und Identifizieren oder Abgrenzen anregen? Sind es Bücher, die Deutungsspielräume offen lassen und somit literarisches Lernen ermöglichen?
  • Sind es Texte in einer Sprache, die für die Kinder verstehbar ist, die die Situation der Erstleser berücksichtigt und dennoch ausdrucksstark, abwechslungsreich und kunstvoll ist?
  • Laden ansprechende und ästhetisch anspruchsvolle Illustrationen zum Betrachten ein, die nicht nur das im Text Gesagte darstellen, sondern auch zum Entdecken anregen, gewohnte Sichtweisen aufbrechen, über den Text hinausweisen und nicht hinter Bilderbucherfahrungen zurückfallen?
  • Wird bei der Textgestaltung (Schriftgröße, Zeilenabstand, Textgliederung, Typografie usw.) Rücksicht auf die Leselernenden genommen?

Es gibt diese „Klasse-Bücher“ in der Masse der Erstlesebücher. Es gilt, sie zu entdecken, um den Kindern geeignete Leseangebote machen zu können, sodass sie zunehmend eigenständig und selbstbestimmt – entsprechend ihrem Können und ihren Interessen – auswählen können. Dann entwickeln Kinder auf der Basis ihrer Fähigkeiten und Interessen eigene Maßstäbe und Ansprüche auf Qualität. Und diese sind meist nicht weit entfernt von denen der Leseexperten. Vielleicht entstehen so Bilder wie das von Taylan, der aus seinen vier liebsten Büchern, die er für besonders lesenswert hält, ein Bücherfenster gebaut hat, aus dem er als Leser erwartungsfroh herausblickt.

Autorin: Irene Hoppe

Irene Hoppe war langjährig als Grundschullehrerin, Lehrerfortbildnerin und Schulbuchautorin aktiv. Seit 2011 ist sie Referentin für die Schulanfangsphase am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Dieser Beitrag basiert auf ihrem Vortrag beim Symposium Erstlesebücher - Türöffner oder Falltüren?, das sie für den Arbeitskreis für Jugendliteratur im März 2015 auf der Leipziger Buchmesse leitete.


Inhaltsverzeichnis JuLit 2/2015

Erstlesebücher - Türöffner oder Falltüren?
Angebote für Leseeinsteiger und ihr Potenzial für das selbständige Lesen

FOKUS

Irene Hoppe: Brücken in die Welt des Lesens. Wer verbirgt sich hinter dem Begriff Erstleser?

Bettina Oeste: Mut zum Buch. Sein Stellenwert im literarischen Lernprozess

Eva Muszynski: Wenig Text, großer Aufwand. Über den Entstehungsprozess eines Erstlesebuches

Sarah Wildeisen: Kunst oder Krücke? Illustration in Erstlesebüchern

Ina Nefzer: Eine Gattung, viele Gesichter. Kriterien zur Auswahl von Erstlesebüchern


AUS DER WERKSTATT

Tina Kemnitz: Die Vielseitige. Zu Besuch bei Lena Schall

FORUM

Mariela Nagle: Neue Perspektiven. Wie man mit Büchern Toleranz vermittelt


FUNDSTÜCKE

Rezensionen zu: „Steckt“, „Mama & das schwarze Loch“, „Das Tier in meinem Bauch“, „Flügel aus Papier“, „Ben Fletchers total geniale Maschen“, „Doppeltot“, „Bäng! 60 gefährliche Dinge, die Mut machen“ und „Die Bibel für Ungläubige“


FACHLITERATUR

Bernhard Rank: Rezension: „Die Zeitreise. Ein Motiv in Literatur und Film für Kinder und Jugendliche“

Reinbert Tabbert: Rezension: „Reading for Learning. Cognitive approaches to children's literature“


BUCH AUF - FILM AB

Karin Hoff: Wozu das Einmaleins? „Ella und der Superstar“ im Kino


ARBEITSKREIS AKTUELL

Doris Breitmoser: „Das Lesepensum ist gewaltig“ - Interview mit Birgit Müller-Bardorff

Michael Schmitt: Distanz mittels Sprache. Laudatio zu den Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien


INTERNATIONALES

Svenja Blume: Die „Märchentante“, die keine war. Zum 75. Todestag von Selma Lagerlöf


BERICHTE & NACHRICHTEN

Roswitha Budeus-Budde: Ein ganzes Sofa für das Glück. Interview mit Mirjam Pressler



JuLit - die Zeitschrift des Arbeitskreises für Jugendliteratur
Viermal im Jahr wendet sich JuLit an alle, denen die Förderung und Vermittlung der Kinder- und Jugendliteratur ein besonderes Anliegen ist: an Einzelpersonen ebenso wie an Institutionen und Fachverbände. Jedes Heft widmet sich mit Artikeln, Interviews, Autorenporträts und Bibliografien einem Themenschwerpunkt. Im letzten Heft des Jahres steht der Deutsche Jugendliteraturpreis mit seinen Preisträgern und der Preisverleihung im Mittelpunkt.
In Werkstattberichten werden Nachwuchstalente aus dem Kinderbuchbereich vorgestellt; relevante Fachliteratur wird in ausführlichen Rezensionen erschlossen. Weitere Schwerpunkte liegen bei internationalen Entwicklungen und Ereignissen, bei den Aktivitäten des Arbeitskreises für Jugendliteratur und seiner Mitgliedsverbände. Berichte aus der praktischen Arbeit der Literaturvermittlung sowie aktuelle Meldungen und Nachrichten runden das Spektrum der Zeitschrift ab. Meinungsvielfalt ist für den Arbeitskreis für Jugendliteratur seit seiner Gründung 1955 prägend. Das Gleiche gilt auch für seine Zeitschrift: JuLit bietet Raum für unterschiedliche Positionen und Forschungsrichtungen, für eine kontroverse und konstruktive Debatte zur Kinder- und Jugendliteratur.
JuLit erscheint vierteljährlich und ist für 9,50 Euro zzgl. Versand erhältlich.

JuLit-Archivrecherche
Auf der Homepage des Arbeitskreises für Jugendliteratur kann anhand von Personennamen, Titeln, Schlagworten, Ausgaben oder Jahrgängen nach Artikeln in allen JuLit-Ausgaben seit 1991 gesucht werden:
www.jugendliteratur.org/julit___archivrecherche-23.html

Gefördert vom:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend www.bmfsfj.de

Kontakt:
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Metzstraße 14c
81667 München
Tel.: (089) 4580806
E-Mail: info@jugendliteratur.org
Internet: www.jugendliteratur.org

Anmerkungen:
1 Dehaene, Stanislas: Lesen: Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert. München:
Knaus 2010, S. 222.

2 Vgl. Rosebrock, Cornelia / Nix, Daniel: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2008.

3 Ebda., S. 26

4 Vgl. Kruse, Norbert: „Lesen und Vorlesen: Basale Lesefähigkeiten gezielt fördern – Lesegewohnheiten entwickeln – literarische Kompetenzen
fördern“. In: Grundschulunterricht Deutsch 1 / 2010, S. 4 ff.
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de