Bericht

Guten Tag, lieber Feind! Bilderbücher für Frieden und Menschlichkeit

08.01.2015

Ausstellung der Internationalen Jugendbibliothek in München




Plakat zur Ausstellung
Plakat zur Ausstellung
© Internationale Jugendbibliothek
Die Nachrichten sind voll von Berichten über Krieg und Gewalt, über scheinbar nicht lösbare Konflikte, unüberwindbare Mauern und Grenzen und über Menschen, die aus solchen Kriegs- und Krisengebieten fliehen und bei uns ein neues Zuhause suchen. In ihrer neuen Jahresausstellung „Guten Tag, lieber Feind!“ begegnet die Internationale Jugendbibliothek diesen Eindrücken mit einer internationalen Auswahl von 60 eindrucksvollen und originellen Bilderbüchern für Frieden und Menschlichkeit. Auf literarischem und künstlerischem Weg gehen die Bücher der schwierigen Frage nach den Ursachen für die Entstehung von Krieg und Gewalt nach, geben Denkanstöße und bieten Raum für Diskussionen.
Vom Erdgeschoss bis in den Ausstellungsraum - die sogenannte „Schatzkammer“ - unter dem Dach begleiten Zitate berühmter Persönlichkeiten die Besucherinnen und Besucher.

Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt Krieg.
Erich Kästner

Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.
UNESCO

Der Krieg ist kein Abenteuer. Der Krieg ist eine Krankheit. Wie Typhus.
Antoine de Saint-Exupery

Es ist stets leichter, Menschen zum Streit zu reizen und ihre Leidenschaften zu erhitzen, als sie zu mäßigen und zum geduldigen Werk des Friedens anzuhalten.
André Gide

Ich weigere mich, die Ansicht zu übernehmen, die Menschheit sei so tragisch der sternenlosen Mitternacht des Rassismus und des Krieges verhaftet, dass der helle Tagesanbruch des Friedens und der Brüderlichkeit nie Wirklichkeit werden könne.
Martin Luther King

Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden.
Dietrich Bonhoeffer

Es gibt amüsantere Dinge, als Leute zu verhauen.
Muhammad Ali

Für die Präsentation der Buchauswahl wurde der Ausstellungsraum nach Ideen des Münchner Gestaltungsbüros alba mit groben, abweisenden Bretterzäunen ausgestattet, an denen Plakate hängen. In einigen Vitrinen werden Schlüsselszenen inszeniert. Unter den ausgewählten Büchern sind auch einige Kinderbuchklassiker zu finden, doch die Mehrzahl der Titel stammt aus den letzten 15 Jahren. Sie erzählen in oft leisen Tönen vom Alltag in Kriegsgebieten, von Unterdrückung, Flucht und Verfolgung, von abweisenden Grenzen, Bedrohungen und Verletzungen. Sie zeigen Hintergründe für Krieg und Gewalt auf, etwa Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile oder Machtmissbrauch. Gleichzeitig öffnen sie häufig am Ende eine Tür in eine bessere Zukunft, in der trennende Mauern fallen, Feindschaften überwunden und Kriege dem Frieden weichen. Machtkämpfe und eskalierende Konflikte werden gemeinsam beigelegt, und das Gespräch siegt über körperliche Gewalt. Offenheit, Neugier und Empathie – so die Botschaft vieler Bücher – sind wichtige Voraussetzungen für ein friedliches, menschliches Miteinander in der Welt.

Diese Fähigkeiten werden dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, sondern müssen – so die Auffassung der aktuellen Friedensforschung – erst erlernt werden. Auch in der Präambel der UNESCO-Verfassung heißt es: „Da Kriege im Geiste der Menschen entstehen, muss auch der Friede im Geiste der Menschen verankert werden”. In diesem Sinne hoffen die Ausstellungsmacher/-innen, dass die ausgewählten Bilderbücher, die in dieser außergewöhnlichen, raumgreifenden Präsentation vermittelt werden, einen Beitrag zu einer „Kultur des Friedens” leisten und in den Köpfen vieler Menschen, jung und alt, zum Nachdenken anregen werden.

Einführung in die Ausstellung
Krieg und Gewalt, unüberwindbare Mauern und Grenzen wird es geben, solange nationales Machtstreben, Ideologien und Fanatismus jeglicher Art das Zusammenleben der Menschen gefährden. Heute sind wir von einer „Kultur des Friedens“, wie sie die UNESCO seit Jahren fordert, weit entfernt. Bilder von Gewalt, Zerstörung, Armut, Elend und Sterben beherrschen die Nachrichten. Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten kommen zu uns, oft beladen mit traumatischen Erfahrungen und Erlebnissen. Sie werden zu Nachbarn jener, die in Wohlstand und Sicherheit aufwachsen. Kinder sind auf vielfache Weise mit Krieg, Feindseligkeit, Ausgrenzung und Flucht konfrontiert: die einen als Leidtragende, die anderen als nicht unmittelbar Betroffene aber Fragende.

Bilderbücher, die sich auf literarischem und künstlerischem Weg mit dieser Thematik beschäftigen, können nicht alle Fragen beantworten, aber Denkanstöße geben und Gesprächsanlässe sein. In dieser Ausstellung ist eine internationale Auswahl eindrucksvoller und origineller Bilderbücher dazu zu sehen. Darunter befinden sich einige Kinderbuchklassiker, doch die Mehrzahl der Titel stammt aus den letzten fünfzehn Jahren. Sie erzählen mit oft leisen Tönen vom Alltag in Kriegsgebieten, von Unterdrückung, Flucht und Verfolgung, von abweisenden Grenzen, Bedrohungen und Verletzungen. Sie zeigen Hintergründe für Krieg und Gewalt auf, etwa Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile oder Machtmissbrauch. Gleichzeitig öffnen sie häufig am Ende eine Tür in eine bessere Zukunft, in der trennende Mauern fallen, Feindschaften überwunden und Kriege dem Frieden weichen. Machtkämpfe und eskalierende Konflikte werden gemeinsam beigelegt, und das Gespräch siegt über körperliche Gewalt. Offenheit, Neugier und Empathie – so die Botschaft vieler Bücher – sind wichtige Voraussetzungen für ein friedliches, menschliches Miteinander der Kulturen und Völker.

Die durch einfache Geschichten und durch abstrahierende, witzige, comic-hafte, naive oder farbenfrohe Illustrationen geschaffene Distanz der Bilderbuchwirklichkeit zur realen Welt sorgt dafür, dass die Begegnung der Kinder mit existentiellen Nöten, Ängsten und Bedrohungen nicht zu einer verstörenden Erfahrung wird. Pathos wird ebenso vermieden wie schockierende Direktheit. Vielmehr wird in vielen Bilderbüchern mit dem literarischen Muster der Tierparabel gearbeitet oder charakteristische Stilmittel der Bilderbuchillustration wie Humor, Mimik, Gestik, Überzeichnung und Vereinfachung eingesetzt. So entsteht eine Balance zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas und der Zumutbarkeit für Kinder. Lediglich Bilderbücher, die sich an Jugendliche richten, enthalten komplexere Bildkonzepte. Einige davon sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Die Ausstellung ist eine Neuauflage der sehr erfolgreichen Wanderausstellung der Internationalen Jugendbibliothek, die seit 1996 durch die Welt reist, und wird großzügig vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert.

Von erlebten Kriegen, Zerstörung und Flucht
Ein Kind bringt sich rennend vor Bombeneinschlägen in Sicherheit. Ein junges Paar ergattert einen Platz auf einem überfüllten Flüchtlingsschiff. Eine Mutter lebt mit ihrer Tochter in einem Pappkarton in einem fremden Land. Eine Bibliothekarin rettet Bücher vor einem Bombenangriff. Zwei Mädchen freunden sich in einem Flüchtlingslager an. Ein Mädchen steht nachts am Fenster und sieht in die von einschlagenden Granaten erhellte Nacht. Dies sind nur einige Szenen aus den in dieser Gruppe ausgestellten Bilderbüchern, die sich mit dem Alltag in Krisengebieten und mit der Wirklichkeit von Krieg, Gewalt, Diktatur, Flucht, Heimatlosigkeit und Entwurzelung beschäftigen.

Anders als in Zeitungs- und Fernsehbildern werden die traumatisierenden Erlebnisse in der Regel nicht unmittelbar und direkt beschrieben und illustriert. Atmosphärische, bisweilen zarte und skizzenhafte, bisweilen naive Bilder fangen die Gewalt und existentiellen Erfahrungen in einer Weise ein, die weder verharmlost noch verstört. Die brutale Realität wird für junge Leserinnen und Leser abgemildert, wozu auch ein gutes Ende in vielen dieser Bilderbücher beiträgt.

Über die Entstehung und Eskalation von Gewalt und über Versöhnung
Kriege und Feindschaften entstehen nicht von ungefähr. Meistens gehen ihnen Meinungsverschiedenheiten, ein Kräftemessen und Wettrüsten, Machthunger, das Beharren auf dem eigenen Standpunkt oder negative Gefühle wie Neid, Missgunst und Hass voraus. Die Konflikte, die anfangs noch verbal ausgetragen wurden, schlagen regelmäßig in körperliche Gewalt um. Aus Freunden, Nachbarn und Brüdern werden Feinde, die sich bis aufs Messer und manchmal, wenn sie sich nicht rechtzeitig versöhnen, bis zur totalen Zerstörung bekriegen. Oft sind Tiere die Hauptfiguren dieser Bilderbücher, die parabelhaft und in einprägsamer, nicht selten witziger Weise zeigen, wie Konflikte eskalieren können und dann in Gewalt und Krieg umschlagen. Nicht immer, aber meistens enden die Geschichten versöhnlich.

Von Vorurteilen, Ausgrenzung und Feindbildern
Ein bärtiger Mann mit einem langen Mantel, der in einer Kleinstadt auftaucht; ein Schiffbrüchiger, der auf einer Insel strandet; ein Pandabär, der auf dem Dachboden zu ausrangierten Teddybären geschmissen wird; ein Biber, der plötzlich auf einem Bauernhof auftaucht: Die Protagonisten in den in dieser Gruppe zusammengestellten Bilderbüchern werden als Eindringlinge empfunden, die man nicht aufnehmen will, weil man sie für anders und fremd hält. Exemplarisch zeigen die Bilderbücher, wie Vorurteile und Fremdenhass zu Unfrieden führen und in Gewalt ausarten können und wie sie durch Unvoreingenommenheit und Menschlichkeit überwunden werden können. Die meisten Bilderbücher beschreiben den Prozess der Ausgrenzung aus der Sicht der Eingesessenen oder der anonymen Masse. Selten wird die Fremdheitserfahrung des Heimatlosen thematisiert.

Friedensutopien und Antikriegsbücher
In dieser Gruppe sind neben den Kinderbuchklassikern vor allem neuere Ansätze der Antikriegsliteratur für Kinder zu sehen: Der Held des ersten Antikriegsbuchs der modernen Kinderliteratur, Ferdinand der Stier, will nicht in der Arena kämpfen, weil er sich lieber am Geruch der Blumen erfreut. Auch der General entdeckt in dem gleichnamigen amerikanischen Bilderbuchklassiker, wie friedlich und beglückend eine Blumenwiese ist, und wandelt sich vom Kriegsherrn zum Pazifisten. Tiere aller Kontinente berufen eine Konferenz ein, weil sich die Menschen auf ihren Friedenskonferenzen nicht einig werden. Ein blauer Baron wirft Bücher aus seinem Jagdflieger in die Schützengräben. Die Soldaten lesen sich fest und vergessen darüber, Krieg zu führen. Ein Soldat auf der Suche nach seiner Kompanie begegnet den Verwüstungen des Krieges und legt seine Uniform ab. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erscheinen wunderbare Bilderbücher, die die Sinnlosigkeit des Krieges aufdecken und sich für Humanität und eine friedliche Welt einsetzen.

Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober 2015 in der Schatzkammer von Schloss Blutenburg zu sehen. Für Schulklassen und Gruppen gibt es ein Begleitprogramm.
Geöffnet ist Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr und samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr.

Kontakt:
Carola Gäde
Internationale Jugendbibliothek
Schloss Blutenburg
81247 München
Tel.: (089) 891211-30
E-Mail: presse@ijb.de
Internet: www.ijb.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de