Bericht

Es fährt ein Bus durchs ABC

05.12.2014

Kitakinder und Grundschulkinder begegnen gemeinsam der Schriftsprache




Titelseite der Broschüre
Titelseite der Broschüre
© LISUM Berlin-Brandenburg
Der Übergang von der Kita in die Grundschule ist ein bedeutsamer Prozess im Leben eines jeden Kindes. Damit dieser Prozess gelingt, müssen Erzieherinnen und Erzieher der Kitas und die Lehrkräfte der Grundschulen eng zusammenarbeiten. Ein zentrales Anliegen des Gemeinsamen Orientierungsrahmens für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule (GOrBiKs) ist es, den Übergang von der Kita zur Grundschule für die Kinder im Land Brandenburg aktiv zu gestalten. Kitas und Schulen sind aufgefordert, neue Praktiken der Zusammenarbeit zu erproben und erfolgreiche Übergangsszenarien zu implementieren. Die im Auftrag der Arbeitsstelle GOrBiKs-Transfer entwickelte und vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) herausgegebene Handreichung „Es fährt ein Bus durchs ABC – Kitakinder und Grundschulkinder begegnen gemeinsam der Schriftsprache“ bietet Anregungen zur gemeinsamen Bearbeitung des Themas Schriftsprache. Vorgestellt werden drei Szenarien für die Gestaltung von Kooperationsveranstaltungen von Kita und Grundschule, deren zentrales Anliegen die gemeinsame Auseinandersetzung aller beteiligten Kinder mit Zeichen und Schrift ist.
Die Handreichung steht auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Wir veröffentlichen als Leseprobe aus der Einführung der Handreichung die Abschnitte 1.2 „Bezug zu GOrBiKs: Gemeinsamer Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule“ und 1.4 „Kooperation von Kindern unterschiedlicher Literacy-Erfahrung“ sowie aus dem Kapitel 2 „Die Szenarien im Überblick“ den Abschnitt „Feste Bestandteile: Rahmengeschichte, Collage und Sprachspiel“.

Bezug zu GOrBiKs: Gemeinsamer Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule
Der im Land Brandenburg entstandene und 2009 festgeschriebene „Gemeinsame Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule“1 benennt sechs Qualitätsmerkmale, die zentral für die gemeinsame Bildungsverantwortung und die Kooperation von Kita und Schule beim Übergang sind:
  • Einen gelingenden Übergang aus der Kindertagesbetreuung in die Grundschule gemeinsam gestalten.
  • Ein gemeinsames Bild vom Kind entwickeln, das Eingang in die pädagogischen Konzeptionen/Schulprogramme findet.
  • Eine gemeinsame Vorstellung von einer neuen Lernkultur gewinnen.
  • Anschlussfähige Formen von Beobachtung, Dokumentation und Analyse praktizieren.
  • Professionalität im Bereich von Kita und Grundschule stärken.
  • Gemeinsame Erziehungs- und Bildungsverantwortung von Eltern, Kita und Grundschule wahrnehmen.2
Diese Qualitätsmerkmale in die Praxis umzusetzen, ist eine wichtige Aufgabe der Pädagoginnen und Pädagogen im Kita- und Schulbereich. Die drei vorliegenden Szenarien bieten insbesondere Material für die Umsetzung des ersten Qualitätsmerkmals, die gemeinsame Gestaltung des Übergangs von der Kita zur Grundschule. Sie eignen sich sowohl für den inhaltlichen Ausbau bestehender Kooperationen als auch für einen Auftakt zu einer beginnenden Zusammenarbeit. Die gemeinsamen Veranstaltungen zum Thema „Schriftsprache“ bieten einerseits einen konkreten inhaltlichen Baustein, wie der Übergang ausgestaltet werden kann. Anderseits spannen sie einen Horizont über den Übergang hinaus, der nicht nur alle Jahrgangsstufen, sondern auch die Erwachsenen betrifft: die Teilhabe an einer gemeinsamen Schrift- und Informationskultur.

Die Beschäftigung mit Schrift in den drei Szenarien ist aber auch ein Beispiel für die Umsetzung des dritten Qualitätsmerkmals, die Verständigung über eine gemeinsame Vorstellung von Lernkultur, sowie für die innerhalb von GOrBiKs geforderte „Anschlussfähigkeit von Bildungsprozessen“: „Für den Schriftspracherwerb bedeutet dies zum Beispiel, dass Kinder, wie in den Stufenmodellen des Schriftspracherwerbs abgebildet, von den ersten Kritzelversuchen in der frühen Kindheit bis zur entfalteten Schreibkompetenz in späteren Jahren ihre schriftsprachlichen Kompetenzen in herausfordernden Lernsituationen entwickeln. Mit einem solchen Verständnis kann Anschlussfähigkeit über die institutionellen Grenzen hinweg gesichert und können Ansatzpunkte für ein gemeinsames Handeln gefunden werden.“3

Hier genau setzen die vorliegenden Szenarien an. Die Angebote und Aufgaben der gemeinsamen Begegnungen bieten Kindern aller Alters- bzw. Entwicklungsstufen Möglichkeiten, sich gemäß ihrer individuellen Kompetenzen im Hinblick auf den Schriftspracherwerb einzubringen und an der dargebotenen Lern- und Schriftkultur teilzunehmen.

Kooperation von Kindern unterschiedlicher Literacy-Erfahrung
Im Jahr vor der Einschulung haben viele Kinder meist große Lust, Schreiben und Lesen zu lernen. Sie nehmen in der Regel die Bedeutungen von Zeichen zunehmend wahr und sind stolz darauf, eigene Zeichen-Nachrichten und Buchstaben-Spuren zu hinterlassen. Manche Schülerinnen und Schüler verlieren diese Neugier in den ersten Schuljahren. Im besten Fall lassen sie sich aber in der Begegnung mit den Kitakindern wieder neu anstecken. Dazu kann beitragen, dass die Kleinen sehr großes Interesse an dem Spezialistenwissen der Schulkinder haben. Für die Großen ist es ein positives Erlebnis, wenn ihr Können solche Begeisterung und Wertschätzung hervorbringt. So reagierte ein Drittklässler mit großen Schreibproblemen bei der Erprobung eines der Literacy-Szenarien zunächst verlegen und abwehrend, als ein Kitakind ihn darum bat, seinen Wunsch aufzuschreiben. Als er jedoch die Begeisterung des Fünfjährigen sah und dieser sich immer wieder vergewisserte, dass auf der Karte neben seinem Namen jetzt wirklich Schlittenfahren zu lesen war, entspannte sich der Schüler nicht nur, sondern nahm die gesamte Veranstaltung über sehr bereitwillig Schreibaufträge an.

Gleichzeitig ist es für die Älteren eine Gelegenheit – motiviert durch die Fragen und Erwartungen der jüngeren Kinder – ihr eigenes Wissen zu überprüfen (zum Beispiel in Vorlese- oder Schreibsituationen) und vor allem für sich noch einmal die Sinnfrage zu klären: Warum lerne ich lesen und schreiben? Welche Bedeutung hat die Schrift in meinem Leben, in meiner Gesellschaft? Inwieweit nehme ich an der Schrift- und Lesekultur teil? Was für Angebote macht sie mir? Wie kann ich sie für mich nutzen, wie in der Interaktion und Kommunikation mit anderen? ...

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Kinder auf dem Weg in die Schriftkultur spiegeln die tatsächliche Situation des Nebeneinanders verschiedener Formen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in unserer Gesellschaft wider. Diese alltägliche Konstellation gilt es auf die Kooperation zwischen Kitakindern und Schülerinnen und Schülern zu übertragen. Das besondere pädagogische Potenzial, das aus der Spannungssituation der Begegnung unterschiedlicher Altersgruppen erwächst, ist hier eine Chance.

Feste Bestandteile: Rahmengeschichte, Collage und Sprachspiel
Alle drei Szenarien werden mit einer Rahmengeschichte eröffnet. Ein Bilderbuch vermittelt eine fiktive Geschichte und signalisiert so einen Handlungsraum außerhalb des Alltags von Kita und Schule. Neben der Vermittlung der Geschichte wird im Plenum von Beginn an sprachspielerisch gearbeitet, sodass auch der „Spielraum Sprache“ eingeführt wird. Sehr wichtig ist vor allem für die Kitakinder die Anbindung des Geschehens an die eigene Person, was ganz leicht über Namenskarten gelingt, die sich inhaltlich auf die Geschichte beziehen (wie z.B. die Fahrkarten für die ABC-Busreise, siehe Material-Anhang).

Mit der Rahmengeschichte wird jeweils ein Thema aufgemacht, das einerseits spezifisch für die Altersstufe der Schülerinnen und Schüler ist, andererseits so universal ist, dass es auch auf das Interesse der Kitakinder stößt und jedem Kind einen eigenen Zugang anbietet.

Den Rahmen für die Gestaltung einer Collage in der Gruppenarbeit bildet eine thematisch orientierte Grafik (siehe Material-Anhang). Bei Szenario I ist das eine Landkarte, bei Szenario II ein Zauberwald und bei Szenario III eine Fabrikhalle mit verschiedenen Maschinen, die darauf warten, mit Wörtern befüllt zu werden.

Die Collage als DIN-A-2-Vorlage (zusammengeklebt aus zwei DIN-A-3-Kopien) hat starken Aufforderungscharakter: Sie bietet sowohl eine Form für die gemeinschaftliche Arbeit der Gruppe als auch ausreichend Gestaltungsfreiheit für jedes einzelne Kind, dort seine verschiedenen Ergebnisse (die gesammelten Zeichen, Buchstaben, Schriften und Bilder) zu präsentieren. In der Strukturierung und Neukombination verschiedener Bild- und Zeicheninformationen liegt nicht nur ein kreatives Potenzial, sondern auch ein wesentlicher Schlüssel für den souveränen Umgang mit Schrift. Darüber hinaus kann jedes Kind selbst entscheiden, auf welche Weise es sich weiter einbringen möchte. Das Spektrum reicht vom Ausmalen von Bildelementen, Notieren einzelner Wörter bis hin zum Illustrieren eines Gedichts.

Das Sprachspiel ist gleichzeitig Ausdruck und Methode für die Orientierung in der eigenen Sprache, für eine souveräne Haltung ihr gegenüber und deshalb für alle Altersstufen relevant. Darüber hinaus unterstützt es im Prozess des Spracherwerbs den Schriftspracherwerb. Wenn Kinder damit beginnen, Wörter bewusst in unzulässige semantische Kontexte zu bringen oder auch Komposita auseinanderzunehmen, um sie neu – oft auf witzige Weise – zu kombinieren, sind sie bereits in der Lage, sprachliche Regeln als Systeme wahrzunehmen. Und das ist eine wesentliche Voraussetzung für den Schriftspracherwerb.

„Indem Kinder in dieser Art und Weise verfahren, setzen sie sich aktiv mit ihrer Sprache und ihren bisherigen Spracherfahrungen auseinander und machen sich Sprache selbst zum Gegenstand gemeinsamen Handelns.“4

Diese Freude an der Regelbeherrschung durch den Regelbruch ist oft im Vorschulalter besonders ausgeprägt, setzt sich aber im besten Fall ein ganzes Leben lang fort. Es reicht von ersten Quatschwörtern der Kleinkinder bis hin zu Wortschöpfungen à la „Das große Lalula“ von Christian Morgenstern. Für die Arbeit in den altersgemischten Gruppen bietet das Sprachspiel insofern ein großes Potenzial. Es hat in seinen oftmals verschlüsselten und metaphorischen Formen einerseits den Reiz des Rätselhaften, anderseits bietet es immer auch einen emotionalen Zugang über den Klang der Wörter. Oder mit den Worten der Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger:

„Wer nie mit Sprache gespielt hat ..., der ist in seiner Muttersprache nicht wirklich daheim. (...) Kinder sind geradezu süchtig nach allem, was Versmaß hat oder gereimt daherkommt, und saugen es wie ein Schwamm auf, egal ob es ein Gedicht, ein Werbespruch oder blanker Unsinn ist. (...) Das macht nicht nur Spaß, das ist: Sprache probieren, ihrem Klang lauschen, merken, was sie übel nimmt und was sie gern mag, wo sie bockt und wo sie samtweich schnurrt. So entsteht das, was man Sprachgefühl nennt (...).“5

Vorgestellt werden die Szenarien:

I „Es fährt ein Bus durchs ABC“ – Kitakinder begegnen Schülerinnen und Schülern der ersten und zweiten Jahrgangsstufen

II „Der Zauber-Zahlen-Wald“ – Kitakinder begegnen Schülerinnen und Schülern der dritten und vierten Jahrgangsstufen

III „Die große Wörterfabrik“ – Kitakinder begegnen Schülerinnen und Schülern der fünften und sechsten Jahrgangsstufe

Quelle:
„Es fährt ein Bus durchs ABC“
Kitakinder und Grundschulkinder begegnen gemeinsam der Schriftsprache
Herausgeber: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), November 2014
Autorin: Katja Eder
Beratung: Susanne Scheib
Redaktion: Irene Hoppe
Grafiken: Anke Fischer
Fotos: Susanne Scheib
Gestaltung: Christa Penserot
ISBN 978-3-944541-15-0
Download unter: www.bildungsserver.berlin-brandenburg.de

Kontakt:
Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM)
14974 Ludwigsfelde-Struveshof
Tel.: (03378) 209-0
Internet: www.lisum.berlin-brandenburg.de
E-Mail: poststelle@lisum.berlin-brandenburg.de

Literatur:
1 Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (2009): Gemeinsamer Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule (GOrBiKs). Berlin

2 Orientierungsrahmen, 2009, vgl. S. 14

3 Orientierungsrahmen, 2009, S. 16

4 Lang, Barbara (2011): Was den Spracherwerb vorbereitet: Dekontextualisierung von Sprache und Entstehung von Sprachbewusstheit im Medium des Sprachspiels. In: Hüttis-Graff, Petra/Wieler, Petra (Hrsg.): Übergänge zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Vor- und Grundschulalter. Freiburg/Breisgau , S. 185f.

5Internationale Jugendbibliothek, 2013, Vorwort, o. S.
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de